Ist der Papst katholisch?

Ist der Heilige Vater Franziskus ein Protestant?

  1. Mein Verdacht als evangelisch Getaufter

Da bin ich glücklich vom Protestantismus in die una sancta catholica et apostolica ecclesia übergetreten: und nun schmeißt der Stellvertreter Christi auf Erden alles über Bord, was uns Katholiken heilig ist. Das geht schon mal gar nicht – ich werde katholisch und der Papst Protestant?

 

  1. Der Dammbruch in der Evangelischen Kirche

Vor zehn Jahren bin ich übergetreten, weil die evangelische Kirche zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, die offensichtliche Todsünde der Homosexualität gesegnet hat. Es war diese Kirche, die für den Zivilisationsbruch der Segnung homosexueller Partnerschaften, also gelebter Todsünde, eingetreten ist. Noch nie in der Kirchengeschichte wurde etwas, das contra naturam ist, für des Segnens würdig angesehen. Man muss nicht Christ oder Moslem oder Jude sein, um Homosexualität als Lebensstil abzulehnen. Es reicht, auf die eigenen Geschlechtsmerkmale zu schauen.

 

  1. Wie kann der Protestantismus verneinen, dass Homosexualität eine Sünde sei?

Vor gut zehn Jahren hatte die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) damit zu kämpfen, dass alle biblischen Zeugnisse Homosexualität ohne Wenn und Aber verwerfen.

Wenn man aber eine scheinbar neue ‚Fragestellung‘ aufwirft, dann kann die Tradition (Bibel und Bekenntnis) noch keine Antwort gegeben haben; durch diesen lächerlichen ‚Trick‘ stellte die EKD 1996 Folgendes fest: „Blickt man von hier aus auf die biblischen Aussagen zur Homosexualität, so muß man konstatieren, daß nach diesen Aussagen homosexuelle Praxis dem Willen Gottes widerspricht. Zugleich muß man feststellen, daß die Frage nach einer ethisch verantwortlichen Gestaltung einer homosexuellen Beziehung vom Liebesgebot her an keiner dieser Stellen thematisiert wird.“(Mit Spannungen leben, 21)

Der ‚Trick‘ ist der: Paulus und alle Apostel haben keine Ahnung, ja, sie können sie nicht haben, weil sie unsere heutige Fragestellung nicht kannten…

Diese Haltung ist zutiefst widersprüchlich: man steht auf der Bibel, die die Apostel aufschrieben – aber hat doch ein höheres Bewusstsein als die Apostel selbst, die man wiederum in Bausch und Bogen kritisiert.

Mit Logik hat das nichts zu tun, da muss es sich um ein höheres Bewusstsein handeln; Gnosis ist die alte kirchliche Häresie, die hier durchschimmert.

Was hat der neueste protestantische Schwenk in Richtung Leugnung von Sünde mit der katholischen Kirche zu tun? Nennen wir kurz die Grundlagen des Protestantismus.

 

 

  1. Die großen Unterschiede: die vier ‚Allein‘ im Protestantismus

Der Protestantismus ist eine deutlich abspeckte Gestalt der katholischen Lehre, da er viele Voraussetzungen nicht teilt.

Scheinbar radikal meint er, alles auf die göttliche Offenbarung zurückführen zu können: Christus allein erlöst mit seinem biblischen Evangelium (sola scriptura) allein aus Gnade durch den Glauben.

Gute und schlechte Werke sind damit klar ausgeschlossen wie auch jede menschliche Mitwirkung vor, mit und nach der Gnade.

Denn die Gnade ist unwiderstehlich (gratia irrestible), sie braucht uns gar nicht.

 

  1. Natur und Gnade in der katholischen Lehre

Wie ein Ertrinkender muss der Mensch im Meer der Sünde zu seinem Schöpfer und Erlöser ‚Ja‘ sagen. Die aufhelfenden und zuvorkommenden Gnaden in gedanklichen Eingebungen und Predigten (gratia adiuvans et praeveniens) helfen ihm dabei. Aber: er muss willentlich zustimmen, unter der Sünde verworfen zu sein, um von Gott gerettet zu werden.

Die menschliche Natur ist trotz tiefster Verdorbenheit in der Lage, die eigene Hilflosigkeit zu erkennen. Der freie Wille ist, beschwert mit allen Wassern des Ozeans menschlicher Abgründe, fähig, um Hilfe zu betteln.

 

  1. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Erst wenn wir Menschen unsere Sünde er- und Gottes ewige Gerechtigkeit anerkennen, kommt uns Gott letztgültig zu Hilfe und schenkt uns das neue Leben in Christus. Barmherzigkeit ist also ohne die Erkenntnis göttlicher Gerechtigkeit nicht möglich. Beides folgt aufeinander und nicht zugleich miteinander. Gute Werke sind vor der Bekehrung und der Anerkenntnis von Schuld nicht möglich.

Die heiligmachende Gnade (gratia sanctificans) wird uns in den Sakramenten geschenkt; erst sie befähigt uns zu guten Werken.

 

  1. Beichte ist das Schlüsselsakrament

Bekanntlich besteht das Sakrament der Versöhnung aus drei Teilen: der Zerknirschung des Herzens (contritio cordis), der Ohrenbeichte (confessio oris) und den genugtuenden Werken (satisfactio operum).

Weil wir als Menschen Ebenbilder Gottes sind, haben wir die einzigartige Würde der Selbsterkenntnis im Gewissen: wir erkennen, wer wir sind. Niemand kann uns manipulieren. Wir wissen es tief in unserem Inneren.

Unsere menschliche Natur ist durch die Sünde schwer in Mitleidenschaft gezogen, ja fast zerstört. Und doch: bis zuletzt haben wir die einzigartige Würde, Gott erkennen zu können.

So wie die Sünde unsere eigene ist, so ist es auch die Gnade Gottes in uns: nur wir selbst können sie uns nehmen lassen.

 

  1. Todsünde als obex gratiae

Die Reformatoren haben folgerichtig den Gedanken der Todsünde, wonach wir Menschen einen Vorbehalt, einen Riegel (obex), vor Gottes Gnadenwirkung schieben könnten, verworfen.

Für den Protestantismus ist die Gnade unwiderstehlich (gratia irresistible), womit die Unterscheidung in lässliche und Todsünde wegfällt.

 

  1. 2+2=5: analogia entis oder ratio fidei?

Wer seine eigene Sünde nicht mehr zutiefst erkennen kann, weil ihm das Gewissensurteil fehlt, dem ist auch die Hoffnung auf Rettung in Gott verschlossen: die Ähnlichkeit von Gott und seinem Ebenbild in der analogia entis greift nicht mehr. Die Logik des Schließens von Wirkung auf die Ursache, also von 2+2=4, ist dem Menschen nicht mehr möglich.

Wer aber keine eigene Erkenntnis von sich selbst tief im Herzen hat, dem muss mit Bewusstseinserweiterung geholfen werden. Eine eigene Logik des Glaubens kommt so steil vom Himmel als quasi Offenbarung zu uns herab: 2+2=5 in der ratio fidei (z.B. der protestantische Theologe Karl Barth), wie sie als doppelte Wahrheit (duplex veritatis) die Reformatoren lehren.

Die Sündenpredigt wird so zur Gehirnwäsche: der Manipulation der Gewissen wird so Tür und Tor geöffnet.

Der Zusammenhang von Vernunft (ratio ) und Glauben (Gnade in Christus) ist unaufhebbar und berührt auch die menschliche Würde: kann ich mir selbst buchstäblich nicht mehr trauen und mich nach Gott fragend auf mein Gewissen und meinen Verstand stützen – bin ich dann nicht eine lächerliche Marionette?

Und: kann ich nicht mit meinem Verstand auch gute Vernunftgründe finden, warum es für jede Gesellschaft klug ist, die Zehn Gebote zu halten?

Und gibt es nicht auch die nur zu berechtigte Frage nach Gott, wenn ich mir die Schönheit des gestirnten Himmels vor Augen halte: wer ist die erste Ursache der Welt?

Wir Katholiken betonen die unaufhebbare Einheit von Natur (Ähnlichkeit von Gott und seinem Ebenbild: analogia entis) und Gnade, also der Reparatur und Steigerung des natürlichen im übernatürlichen Leben.

 

  1. Die Vernunft führt zum Glauben

Das heilige Zweite Vatikanische Konzil hat die Einheit von Natur und Gnade im Gewissen betont; es ist ja doch so, dass grundlegende Fragen der Moral in allen Völkern und Religionen eine Rolle spielen, weil sie von Gott her abgeleitet sind. Wir nennen das ‚natürliche Gotteserkenntnis‘. Die Apostolische Konstitution ‚Gaudium et Spes‘ lehrt: „Das Gewissen ist der geheimste Kern und das Heiligtum des Menschen, in dem er mit Gott allein ist, dessen Stimme in seinem Innern erklingt.“(1.Kapitel, Abschnitt 16)

Diese Worte gelten für alle Menschen auf allen Kontinenten.

 

  1. Was tut Papst Franziskus mit dem 8.Kapitel von Amoris Laetitae?

Er zerreißt den unaufhebbaren Zusammenhang von Natur und Gnade und damit von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Denn er nimmt den schweren Sündern, die durch den Ehebruch belastet sind, das Ringen um die Sünde. Er nimmt ihnen buchstäblich den eigenen Gewissensentscheid. Er wird zum lächerlichen Drogenhändler von falschem Bewusstsein.

Warum sollten sich die Sünder ihrer Ebenbildlichkeit berauben und sich das Wichtigste zerstören lassen, was jeder Mensch hat: das Gewissen?

 

  1. Was haben wir gewonnen, wenn wir Sünde leugnen?

Die Kirche ist ein Grundpfeiler der Welt: ist sie zerstört, bricht die Welt zusammen.

Wer seine Sünde leugnet, der braucht auch keinen Heiland. Die übelste Dialektik der Verniedlichung von Sünde ist die Verächtlichmachung unseres Heilandes Jesus selbst. Denn nur die Sünder brauchen ihren Heiland, nicht die Gerechten.

 

  1. Die Klugheit der fünf dubia

Was ich bisher beschrieb, waren die Folgerungen, die sich aus dem 8.Kapitel ergeben. Es scheint nahe zu liegen, den Heiligen Vater Franziskus für einen Protestanten zu halten; sicher ist es nicht.

Sicher ist aber das, was die dubia darstellen: wie ein Fischernetz grenzen sie einen bestimmten Sachverhalt ein. Die dubia fragen nicht spekulativ nach den Ursachen in der Seele des heiligen Vaters, sie fragen nach den gesicherten Inhalten der bisherigen Tradition: wie steht Amoris laetitae zur Lehrtradition der Kirche – ist 2+2=4?

Wer Verstand hat und ein Gewissen, muss anerkennen, dass Kapitel 8 in grundlegendem Widerspruch zur katholischen Lehre steht, wie sie der heilige Vater Johannes Paul II in Familiaris Consortio formuliert hat:

„Die Kirche bekräftigt jedoch ihre auf die Heilige Schrift gestützte Praxis, wiederverheiratete Geschiedene nicht zum eucharistischen Mahl zuzulassen. Sie können nicht zugelassen werden; denn ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse stehe in objektivem Widerspruch zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht.“(FC 84)

 

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