Das Wort des lebendigen Gottes lebt!

Das Wort des lebendigen Gottes lebt

Berlin, 3.Juni 2018

Mein Beitrag für das neue kath.net-Buch ‚Das Wort des lebendigen Gottes‘; ob es genommen wird, ist noch nicht entschieden – und kann hier heruntergeladen werden: Das Wort des lebendigen Gottes 2 28.4.18

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0. Widmung

Das Wort Gottes braucht wesentlich Männer Gottes – wie das apostolische Amt der Priester ausschließlich dem männlichen Geschlecht vorbehalten ist (wie es Johannes Paul II 1994 endgültig erklärte).

Der einzige Mann Gottes meines bisherigen Lebens ist Reinhold George. Nein, kein Katholik, sondern emeritierter Superintendent eines Berliner Kirchenkreises und tot.

Er war ein echter knorriger Ostpreuße der so genannten Altpreußischen Union, also einem Zusammenschluss von Lutheranern, die allerdings das reformierte Bekenntnis (Calvin und Zwingli) duldeten.

Unvergessen ist mir ein Artikel zu Weihnachten, in welchem er einem Reporter einer großen Tageszeitung – George war damals die graue Eminenz der Konservativen und stadtbekannt für sein Versöhnungswerk als Vertriebener – doch glatt die ganze christliche Lehre zur Abtreibung erklärte. Maria sei, so meinte er, doch wohl ein klarer Fall für die Fristenlösung, weil sie ein Flüchtling, unverheiratet und bar jeden Unterhalts gewesen war, woraufhin der Reporter sprachlos auflegte. Was der Mann Gottes wiederum mit einem gewissen Wohlwollen vermerkte.

Nein, der Mann Gottes aus Berlin-Schöneberg hatte keinen Papst in Rom, der genau das dachte und aussprach; nein, der Mann Gottes hatte keinen ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘, wie alle Katholiken. Und der Mann Gottes hatte sonst niemanden.

Er wäre wohl für seinen christlichen Glauben ans Kreuz gegangen: einfach so, aus altmodischem Anstand. Er ist der einzige Mann, von dem ich annehme, dass er es täte. Nein, ich bin kein Prophet und weiß es nicht.

Ich weiß: es gibt bis zum heutigen Tage ein ganzes Dutzend tapferer Protestanten, die ich zum Teil persönlich kenne und die jeder Kirche respektive christlicher Gemeinschaft zur Ehre gereichen. Ja, und ich schäme mich als glücklicher Katholik, dass meine deutsche Ortskirche in dem Zustand ist, indem sie ist.

Nur ein Mann Gottes kann das Wort Gottes behalten und weitergeben – und sei es durch seinen Tod.

 

  1. Vorwort

Am Anfang meines Glaubens stand die Bibel. Nicht irgendeine. Nein, ich hatte Glück: die ganz dicke gebundene Luther-Bibel mit Konkordanz. Damals waren noch alle Zitate aus dem Alten Testament deutlich hervorgehoben und im Text selbst mit Namen und Stellennachweis markiert.

Ende Januar wurde ich vor siebenundzwanzig Jahren Christ. Und schon im Sommer verschlang ich Gottes Wort, wie es als echter Lutheraner hieß, auf dem Rasen im Garten meiner Eltern: Bibel, Sonne und heißer Tee – mein Himmelreich. Der schiere Wahnsinn: ich und Gott – sowie Gott und ich. Sicher ist es bei allen Neubekehrten dasselbe: du fühlst dich einfach nur gut und bist von Gott reich gepampert, weil dir alles dienen muss, wie dir scheint (und auch ist: welches Pauluswort war das noch – ach ja, Röm 8,28).

Seitdem lese ich die ganze Bibel so ungefähr einmal im Jahr. Als katholischer Christ natürlich die kirchlich genehmigte, sprich approbierte Einheitsübersetzung, leider, aber darüber ein andermal.

 

  1. Gottes Wort oder Wort Gottes: das Dilemma des Protestantismus

Ja, ich weiß: kein Evangelischer nennt sich Protestant, sondern evangelisch. Aber hier stimmt es, denn der Protestantismus ist nicht einheitlich, sondern vielgestaltig. Bei uns in Deutschland gibt es die Lutheraner, die zur Bibel ‚Gottes Wort‘ sagen und die Reformierten um Karl Barth, die von ‚Wort Gottes‘ sprechen.

Anderthalb Jahre nach meiner Bekehrung begegnete mir diese Unterscheidung im Studium der Evangelischen Theologie. Der Reformierte Karl Barth erfand die so genannte Wort-Gottes-Theologie: Gott spricht eigentlich gerade nicht durch Menschen, indem ER Worte als Audition mitteilt, sondern ER handelt durch das Menschenwort hindurch, dass vollkommen Menschenwort bleibt und nur im Glauben selbst zum ‚Wort Gottes‘ wird.

So wie wir uns in der reformierten Abendmahlslehre an die Heilstat Christi erinnern – und so vergegenwärtigen, was Gott für uns tat. Wein und Brot bleiben, was sie sind und wandeln sich nicht. Die Gotteserkenntnis eines Gläubigen bleibt letztlich individuell und von Gott dem Einzelnen zugedacht. Ein später Triumph des Nominalismus. Der Genitiv der Reformierten ist einer des Subjektiven, so könnte man sagen.

Martin Luthers Vorstellung von ‚Gottes Wort‘, also ein anderer Genitiv, ist dagegen sozusagen objektiv: Gott teilt sich ganz mit, wenn auch im Glauben. ‚Gottes Wort‘ ist immer sein eigenes, quasi je neu prophetisch in eine jeweilige Lebenslage gesprochen. Und so konnte sich der Wittenberger selbst als Prophet bezeichnen.

Im Abendmahlsverständnis der Lutheraner nennt man dies ‚Realpräsenz‘: Jesus selbst ist unter den Gestalten von Brot und Wein selbst vorhanden, allerdings nicht verwandelt, sondern nur im Glauben zugänglich.

Für mich war schnell klar: die romantische Vorstellung der Barthianer vom ‚Steil vom Himmel‘ her handelnden, aber letztlich unzugänglich bleibenden Gott teilte ich nicht.

Die scheinbar realistische Ansicht Luthers war eher meine Sache. Und doch blieben fragen: wenn Jesus die Kirche gegründet hat und es sein Befehl war, alle Völker zu missionieren, wie konnten seine Apostel Menschen für Jesus begeistern, wenn es angeblich gleich nach der Kirchengründung zum Abfall in die Amtskirche kam, die angeblich das reine Evangelium verraten hat?

Und wenn die Apostel zu Jesu Zeiten ein Konzil abhielten, um die Heidenmission, die es zuvor gar nicht gab, zu beschließen: warum konnte der Protestantismus niemals zu einer Einigkeit führen, um in einem einzigen Kongress wichtige Fragen auch nur anzudenken?

Denn die Uneinheitlichkeit derer, die eigentlich nur protestieren können, ist sprichwörtlich.

 

  1. Das berühmte katholische Streben nach Synthese: Et

Wo die Schreihälse des unendlichen Protestes nur falsche Alternativen sehen, setzen die Katholiken einfach ein ‚Und‘. Also, die erste These ist richtig – und die zweite auch.

So wie der heilige Thomas die Lehre des Heiden Aristoteles getauft hat, so sind wir Katholiken die geborenen Denker. Es reicht uns nicht ein ‚entweder-oder‘ oder ein ‚sowohl als auch‘, nein, wir wollen alle Inhalte zusammenfassen – synthetisieren gewissermaßen.

Denn katholisch zu sein heißt: alle, allumfassend, alles!

Und so sah es dann auch das größte Konzil in der Geschichte der Kirche: das Trienter Konzil. Die Heilige Überlieferung, also die Offenbarung Gottes durch Seinen Sohn Jesus Christus haben wir „in geschriebenen Büchern und ungeschriebenen Überlieferungen“(in libris scriptis et sine scripto traditionibus; DH 1501). „Et“. Punkt.

 

  1. Der menschliche Faktor im Wort des lebendigen Gottes

Den Protestanten, und hier wirklich den Protestlern außerhalb der katholischen Kirche, ist gemein, dass sie eine äußerst romantische Vorstellung von den Aposteln und damit der Kirche haben.

Was habe ich alles für furchtbare Predigten über die armen Apostel gehört, übrigens nicht selten auch von katholischer Seite: sie seien Versager, weil sie bei der Kreuzigung davonliefen; und sie seien irre Trottel, weil sie Jesu Worte nicht verstanden.

Der ganze Ernst der Nachfolge wird auf die Beschimpfung wehrloser, weil toter Apostel reduziert. Aber, mal ehrlich, wer waren sie wirklich?

Alle Apostel starben dem Martertod für ihren Meister; nur Johannes nicht, weil er auf Patmos im Exil weilte. Und wie lange liefen sie davon? Bestenfalls drei Tage: von Gründonnerstag bis Ostermorgen.

Mit seinem Blut eine Lehre bezeugen, kann nur, wer von ihr durchdrungen ist. Das Wort des lebendigen Gottes lebt also in seinen Zeugen, den Aposteln.

Sie haben zutiefst verinnerlicht, was Jesus zu Lebzeiten unmittelbar zu ihnen sprach: „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“(Mt 10,16b). Und: „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“(Mt 10,32f)

Die lieben Apostel, auf deren Glanztaten wir ruhen dürfen, weil wir auf ihnen stehen (buchstäblich stehen, wie der Petersdom auf den Gebeinen Petri), haben das Wort des lebendigen Gottes verinnerlicht – und so gelebt.

Und ganz genau das ist es, was die lieben Väter des Tridentinums meinten: die Heilige Überlieferung haben wir zuerst in den Menschen, die die Worte Jesu bewahrten – weil sie sie lebten.

Das Wort des lebendigen Gottes kommt also auf uns: gar nicht steil vom Himmel, sondern durch lebendige Menschen, in denen das Wort des lebendigen Gottes buchstäblich lebt, weil sie es mit ihrem eigenen Leben leben.

Die Lex Orandi ist die Lex Credendi: wer mit Jesus um den Willen Gottes betet, der will genau diesen Glauben auch bezeugen – und umgekehrt.

 

  1. Das Wort des lebendigen Gottes braucht die Beratung

Der wirklich gigantische Unterschied zwischen dem katholischen Kirchenverständnis und dem Protestantismus ist genau dies: wir können Gott verstehen, weil wir seine Worte verstehen können. Und wir Katholiken können seine Worte verstehen, weil wir sie leben.

Was ist damit gemeint? ‚Gottes Wort‘ und ‚Wort Gottes‘ sind letztlich Vorstellungen von Menschen, deren Protest gegen die so genannte Amtskirche das einzige ist, was sie vermögen.

Weil: sowohl für Lutheraner als auch für Reformierte ist das Wort des lebendigen Gottes letztlich nicht zu leben, denn der ferne Gott bleibt im Himmel und handelt im Verborgenen. Der protestantische Mensch muss immer der je Einzelne sein, weil er unmittelbar zu Gott ist. Beide protestantische Auffassungen brauchen keine Bekehrung des Menschen, denn beide rechnen gerade nicht mit dem Menschen.

Das katholische Prinzip ist ganz anders: das Wort des lebendigen Gottes schließt die Reihen, denn Jesus selbst ist mitten in der Kirche. Um das Wort des lebendigen Gottes zu leben, müssen die Gläubigen miteinander reden.

Denn wenn Jesus jetzt lebt, weil ER jetzt die Kirche führt, dann ist eine Verständigung darüber innerhalb der Kirche möglich und lebenswichtig.

Und so kommt es zu den Konzilen: das Wort des lebendigen Gottes will weitergetragen werden. Jesus selbst sagte von seiner Sendung: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels gesandt.“(Mt 15,24).

Was aber ist mit den Heiden, die doch teilweise mitten im Heiligen Land lebten? Dürfen sie auch teilhaben am Heil des Hauses Israel?

Ja, sie dürfen, befand das erste Konzil der Kirchengeschichte in Jerusalem. Ja, sie dürfen, weil die Apostel es für richtig befunden haben. Natürlich konnten sie sich dafür auch auf Worte Jesu stützen – und auf die der Propheten im Alten Bund.

Aber sie mussten reden. Sie mussten forschen. Und sie mussten sich ganz menschlich miteinander austauschen.

Auch hier zeigt sich die ungemeine Stärke des katholische ‚Et‘. Das Wort des lebendigen Gottes lebt: in den geschriebenen Büchern des Alten und Neuen Bundes – und in den „ungeschriebenen Überlieferungen“.

 

  1. Das Wort des lebendigen Gottes: Wasserträger Gottes

Um Missverständnisse zu vermeiden, kann das Gesagte vielleicht im folgenden Vergleich am besten dargestellt werden.

Das Wort des lebendigen Gottes ist wie eine Wasserquelle. Jesus sagt uns: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,14)

Wenn wir also im Wort des lebendigen Gottes lesen und dieses Wort aufnehmen, wird es sozusagen Fleisch in uns. Und wir werden selbst zur Quelle des lebendigen Wassers.

Wer also mit Gott zu tun hat, der wird immer reicher und reicher und reicher. Kein Wunder also, dass sich die Apostel haben kreuzigen, vierteilen und köpfen lassen.

Die Heiligen in der Nachfolge der Apostel waren also im allerbesten Sinne Wasserträger Gottes: sie schöpften das lebendige Wasser und gaben es weiter.

Und es wurde nicht weniger, sondern mehr, weil das Wort des lebendigen Gottes dieses Wasser ist.

Und wir? Wollen wir nicht kommen und schöpfen und schöpfen? Und die verdorrte Einöde der deutschen Kirchenlandschaft mit neuen Leben erfüllen?

Wie ist es mit Wasser für unsere Nachbarn, Bekannten, Freunde und Verwandte? Doch viel nützlicher und schöner als Wasser für die Bienen, Vögel und Bäume – weil mit Ewigkeitswert behaftet, nicht wahr?

  1. Das Wort des lebendigen Gottes: ein unauslotbarer Schatz

 

In dem sehenswerten Epos ‚Kleiner Hobbit‘ gibt es im zweiten Teil Smaugs Einöde: einen sagenhaft gigantisch schönen Schatz in einem tiefen Berg – viele Hektatomben Gold, Milliarden von Diamanten und Juwelen (und wie auch immer das ganze Zeug heißen mag…).

Unser katholischer Glauben nun ist genau dieser Schatz, den wir in einem gewissen Sinn besitzen, weil wir seinen Ort kennen. Der Schatz ist einmal gegeben und wird niemals größer. Und dennoch: auf der anderen Seite ist er unerschöpflich groß. Niemand wird je ganz ausloten können, was er alles beinhaltet.

Also: selbst wenn wir genau das Gewicht kennen würden und den Wert jedes einzelnen Edelsteines – wir wüssten nicht, was der Schimmer auch nur eines einzelnen Smaragdes für einen einzelnen Christen bedeutet.

 

  1. Lieblingsworte aus der Bibel: Fasten als gelebte Tradition

Als Protestant war mein Lieblingswort das des Propheten Jeremia, buchstäblich schmissig: ist nicht mein Wort „wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert“ (Jer 23,29b)?

Darin drückt sich schon der Wunsch aus, der Deus absconditus (verborgener Gott) der Lutheraner möge sich doch mal kraftvoll zeigen, sozusagen Steil vom Himmel herab, nach Christi Geburt zum zweiten Mal wunderbar.

So sehr ich gerade die Propheten weiterhin schätze, besonders Jeremia (nicht nur durch den wunderbaren Biographie-Roman von Franz Werfel), so sehr mag ich ein anderes Wort Jesu aus meiner Lieblingsgeschichte.

Die meisten Ausleger, Exegeten genannt, meinen, die Versuchungsgeschichte hätte nicht stattgefunden. Die Liebhaber des Wortes des lebendigen Gottes lassen sich davon jedes Jahr erneut vierzig harte Tage lang nicht beirren, denn sie Fasten was das Zeug hält.

Jesus widerspricht dem Teufel und sagt: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“(Mt 4,4)

 

Um mit dem katholischen ‚Et‘ diese Stelle auszulegen: wir leben im Wort des lebendigen Gottes, weil Gott uns das Brot schenkt, das uns befähigt, in IHM allein unser Leben zu sehen. Amen.

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