Freuds psychologischer Materialismus

Warum Sigmund Freud nicht Recht hat

Berlin, 6.Oktober 2019

Als ich über den Zweiten Bildungsweg das Abitur nachholte, konnte ich das Fach ‚Psychologie‘ belegen. Ich war und bin begeistert, denn viele psychologischen Erkenntnisse sind wichtig im Leben.

Projektion ist die Wahrnehmungsstörung, in welcher ich meine eigenen Schwächen bewusst nicht wahrhaben will, sondern sie besonders an anderen Menschen ‚sehe‘. Jesus sagte es ganz deutlich:

„Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken!“(Mt 7,4)

Viele wichtige Erkenntnisse hat uns die Tiefenpsychologie gelehrt, z.B. im so guten Buch von Fritz Riemann ‚Grundformen der Angst‘.

 

Nun habe ich den Aufsatz ‚Die Zukunft einer Illusion‘[1] gelesen und bin erschüttert über die Seichtheit des großen Wissenschaftlers Sigmund Freud.

 

  1. Freuds These: Religion als „Zwangsneurose“

Um die Katze aus dem Sack zulassen:

„Diese, die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit: das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche.“[2]

Freud schreibt:

„Alles Gute findet endlich seinen Lohn, alles Böse seine Strafe, wenn nicht schon in dieser Form des Lebens, so in den späteren Existenzen, die nach dem Tod beginnen.“[3]

Und der Spitzensatz Freuds lautet, obwohl er genau das Gegenteil aussagt, was er eigentlich will:

„Es stimmt dazu auch gut, daß der Frommgläubige in hohem Grade gegen die Gefahr gewisser neurotischer Erkrankungen geschützt ist; die Annahme der allgemeinen Neurose überhebt ihn der Aufgabe, eine persönliche Neurose auszubilden.“[4]

Frank und frei bekennt Freud: Gläubige sind „in hohem Grade“ gegen Neurosen geschützt – dann müsste ja eigentlich alles gut sein!

Statt nun zufrieden zu sein, kritisiert er die Religion als „Zwangsneurose“[5], weil sie „ein System von Wunschillusionen mit Verleugnung der Wirklichkeit“[6] seien.

Mit dem beißenden Spott des Materialisten höhnt er:

„Was soll ihm die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes auf dem Mond, von dessen Ertrag doch noch nie jemand etwas gesehen hat? Als ehrlicher Kleinbauer auf dieser Erde wird er seine Scholle zu bearbeiten wissen, so daß sie ihn nährt.“[7]

Anders gesehen könnte man sagen, dass es zwanghaft ist, sich auf so einem niedrigen Niveau mit Religionen zu beschäftigen, wie es der verdiente Sigmund Freud tut.

 

  1. Freuds Auseinandersetzung mit Altem und Neuen Testament: praktisch null

Schon in der Beschäftigung mit dem Nestor des atheistischen Materialismus, Ludwig Feuerbach[8], war auffallend, wie wenig er sowohl die Bibel als auch christliche Theologie kannte.

Offensichtlich ist für Freud sonnenklar, dass religiöse Äußerungen niemals im Zusammenhang mit einer beschreibbaren Wirklichkeit stehen.

Am Ende des Aufsatzes nennt er das lateinische Bonmot des credo quia absurdum[9], das sich selbst Martin Luther in seiner Verachtung der Philosophie nicht zu eigen machte, sondern von Paradoxien sprach.[10]

Zumindest in der größten Kirche der Welt, der katholischen, gibt es die ganz entgegengesetzte Vorstellung von der Harmonie von Vernunft und Glaube im bekannten credo ut intelligam.[11]

Die menschliche Vernunft muss allein schon durch die natürlichen Gottesbeweise zur Gotteserkenntnis führen, die sicher vertieft werden muss, aber unverzichtbar ist, wie es Paulus schon im Römerbrief lehrt.[12]

Dieses Nicht-zur-Kenntnis-nehmen wollen einer möglichen Synthese von Vernunft und Glaube, wie es im gesamten christlichen Mittelalter versucht wurde, ist wiederum eine Verdrängung aller ersten Ranges – durch den ‚Erfinder‘ der Verdrängung des Unbewussten, Sigmund Freud, selbst.

 

  1. Religionskritik im Alten Testament

Nun, Sigmund Freud war ein gebürtiger Jude, der immerhin das Alte Testament kennen müsste. Die Alttestamentliche Kritik der Propheten an den anderen nicht-jüdischen Religionen, wie z.B. dem Baalskult, ist Legion.

Mindestens die so einprägsamen Erzählungen um den Propheten Elia müssten ihm bekannt sein. Der eine Gott ist lebendig, denn er zeigt sich an seinen Machttaten. Die stummen Baals-Götzen der gottlosen Heiden, der Gojim, sind tatsächlich Illusionen.

Der Prophet Elia forderte die heidnischen Baalspriester heraus und stellte auf dem Berge Karmel fest:

„Der Gott, der mit Feuer antwortet, ist der wahre Gott.“[13]

Wenn also schon im fünften Buch Mose[14] festgestellt wird, dass die guten Propheten daran zu erkennen sind, dass sie nicht Lügen, sondern wahrhaft die Zukunft kennen, dann ist der Grundsatz klar: nicht blinder Kadavergehorsam ist gefordert, sondern gerade Augen und Ohren zu spitzen – und den Verstand zu gebrauchen: „Wenn ein Prophet im Namen des HERRN verkündet und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann ist es ein Wort, das nicht der HERR gesprochen hat.“[15]

Freuds Diktum lautet so: Es sei

„überhaupt verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung aufzuwerfen.“[16]

Gelinde gesagt ist genau dies eine Verdrehung von Tatsachen aller ersten Ranges: jeder Glaubende hat Wünsche, von denen er gerne möchte, dass sie Wirklichkeit werden. Also will er begierig prüfen, ob seine Gebete Erfolg hatten. Ist sein Gebet nicht erhört worden, erfolgt natürlich eine Enttäuschung, also ein Ende der Illusion von Erhörung.

Und wenn auf dem Berge Karmel ein einzelner unbewaffneter Prophet dem König Ahab mit seinen vielen Hundert Baalspriester im Angesicht widersteht, dann geht es nicht nur um die Wahrheitsfrage, sondern wohl auch um das nackte Leben Elias selbst.

 

 

  1. Jesu Publikumsbeschimpfung: „Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut“

Nun, von Religion hält Sigmund Freud nicht viel. Und der Sohn Gottes manchmal nicht viel von seinen Zuhörern.

Als einige Pharisäer und Schriftgelehrten[17] zu ihm kamen, erfüllte er gerade nicht ihre irdischen und religiösen Wünsche, wie es die atheistischen Materialisten erwarten, sondern er erteilt ihnen eine Lektion und stellt sie unter die kalte Dusche.

Das ist gar nicht nett – und liegt vollkommen auf der biblischen Linie Alten und Neuen Testaments.

Paulus schreibt an die Römer:

„Alle sind abtrünnig geworden, alle miteinander taugen nichts. Es gibt keinen, der Gutes tut, auch nicht einen Einzigen.“ (Röm 3,12)

Das ist nicht ein Bonmot des heiligen Völkerapostels, sondern ein Zitat des Alten Testaments.

König David klagt in Psalm 14:

„Sie alle sind abgewichen, alle zusammen sind verdorben, da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht ein Einziger.“ (Vers 3)

Das entspricht genau dem einzigen Grund, warum die Frohe Botschaft gepredigt werden muss.

Denn die Menschen haben sich in ihrer Sündhaftigkeit von Gott abgewandt – und Gott sie ihrer „entehrenden Leidenschaften“ überlassen, wie Paulus in Römer 1,26 betont.

Gott handelt mit den gottlosen Heiden und Juden in der Verborgenheit – eben gerade nicht durch die Erfüllung der eigensüchtigen Wünsche.

Paulus schreibt an die Korinther:

„Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit“ (I Kor 1,22f).

Jesus Christus, der eine Sohn des lebendigen Gottes, erlitt den denkbar schmählichsten Tod und zeigte seine ganze irdische Schwäche am Kreuz.

Wer also von Jesus Christus etwas will, muss zuerst seine irdischen Wünsche aufgeben, um sich dann zu bekehren, um von Neuem geboren zu werden.

Und dazu ist die Gnade Gottes notwendig, ohne die es nicht geht:

„Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ (Mt 19,24)

 

  1. Im Vaterunser beten wir um unsere Bekehrung: „Dein Wille geschehe!“

Nur wenn der Mensch erkennt, dass seine Wünsche böse sind, weil er nicht will, was Gott will, kann er den Weg zu Gott finden.

Die Vaterunser-Bitte ‚Dein Wille geschehe‘ heißt: mein eigener Wille geschehe eben nicht. Das Ziel des Glaubens ist die Einheit dieser beiden Willen: meines und Gottes.

Ich muss also zuerst alle meine Wünsche bei Gott abgeben, gerade auch die so genannten infantilen Wünsche. Es geht um die Reinigung meiner Seele, die im Prozess der Bekehrung stattfindet.

Freud kann also nicht Recht haben, jedenfalls dann nicht, wenn er die christliche Lehre ernst nimmt.

 

  1. Fazit: die Freudianische Kritik trifft die Götzen, nicht das Evangelium

Nehmen wir nochmals die Hauptkritik nach dem angeblichen Eiapopeia der Religion auf:

„Alles Gute findet endlich seinen Lohn, alles Böse seine Strafe, wenn nicht schon in dieser Form des Lebens, so in den späteren Existenzen, die nach dem Tod beginnen.“[18]

Dieser Satz ist wahr und sagt im Kern aus, um was es mindestens dem Christentum geht.

Nur geht er vollkommen in die falsche Richtung, wenn es um den Einzelnen geht – und um den Willen Gottes.

Böse sind alle Menschen, wie „bei jenem Menschentier der Urzeit“[19], um ein Wort Freuds zu gebrauchen, vollkommen ohne Einschränkung.

Und zu Guten werden wir durch die Gnade Gottes – eben nicht durch unsere heidnische Weisheit.
Insofern trifft das Gericht Gottes zwar die Bösen und belohnt die Guten, aber zu welcher Partei gehören wir?

Nach katholischer Auffassung kann die göttliche Gnade immer verloren gehen, wenn wir tödlich sündigen. In jedem Fall also ist das Wuchern damit, wiedergeboren zu sein, nicht möglich.

Und zudem ist das Tun des Willens Gottes zwiespältig – wenn wir unsere eigenen Interessen nicht überwinden können; wer sich nämlich zu Christus hält, der muss sein Kreuz tragen; und in vielen Weltgegenden endet dies mit dem Martyrium.

Mit einem Wort: Sigmund Freud hätte vielleicht einmal mit einem guten Christen seine vermeintlichen Einsichten über Religion diskutieren sollen – Recht kann er in jeder Hinsicht nicht haben!

[1] Freud, Sigmund, Die Zukunft einer Illusion, in: Massenpsychologie und Ich-Analyse / Die Zukunft einer Illusion, , Frankfurt/M., 10.Aufl. 2015, 109-158; zitiert als Illusion.

[2] Illusion, 133.

[3] Illusion, 123.

[4] Illusion, 146.

[5] Illusion, 146.

[6] Illusion, 146.

[7] Illusion, 152.

[8] https://stephangroene.blog/2019/01/06/warum-der-materialismus-doppelt-falsch-ist-eine-erwiderung-auf-feuerbach/

[9] Illusion, 131.

[10] So z.B. in der Heidelberger Disputation 1518.

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Credo_ut_intelligam

[12] Z.B. in Röm 1,19f.

[13] I Kön 18,24b.

[14] Deuteronimum.

[15] Dtn 18,22.

[16] Illusion, 129.

[17] Die Pharisäerrede findet sich beim Evangelisten Matthäus, im 23.Kapitel.

[18] Illusion, 123.

[19] Illusion, 145.

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