Die Supermarktkassierin

Vor allen Augen – und doch ganz allein

Bekannt ist von dem Heer der Kassiererinnen vor allen Dingen eine geworden: Barbara Emme. Es ging um die Frage, ob 1,30 Euro nicht an Bargeld, sondern in Gestalt eines Pfandbons, also eines Gutscheins, von ihr rechtmäßig in Empfang genommen wurde oder nicht.

Wer an der Kasse den Letztkontakt in der Einkaufskette mit dem Endkunden pflegen darf, muss auf einiges gefasst sein: Wohlwollen und Freundlichkeit schlagen dem Mitarbeiter am Kassenautomaten selten entgegen. Eher sind es Argusaugen von Geiz und Krankheit, die den armen Menschen am Schalter wie ein Nacktscanner abtasten – wie mag sie heute ‚drauf‘ sein?

Meine persönliche Heldin ist eine Dame gewesen, die wohl vom Arbeitsamt als 1-Euro-Job für ein paar Monate aushelfen durfte; mein ‚Nahkauf‘ wird von einem Vietnamesen geführt, der besser ist, als viele Deutsche es sind: nett und familiär. Und doch: selbst hier im Steglitzer Bezirk unterhalb des Kreisels wird die Klientel nicht besser, sondern jeden Tag ärmer.

Und diese Heldin sollte einen lächerlichen Betrag von 1,49 Euro kassieren. Bargeld hatte die Kundin natürlich nicht. Nein, die Bankkarte sollte es sein. Und meine Heldin durfte es einmal versuchen – Fehlanzeige. Sie durfte es ein zweites Mal versuchen – wieder Fehlanzeige.

Dann meinte die Kundin allen Ernstes:

Oh, dann habe ich wohl kein Geld auf dem Konto.

Ja, die ‚Kundin‘ war eine viertelbekannte Alkoholikerin. Und die arme Kassiererin war der Crashtest-Dummy für die lebenswichtige Frage: sind ein Euro und neunundvierzig Cent auf dem Konto?

Da dieser Sozialfall direkt vor mir war, bezahlte ich schließlich für sie; ich war mir nicht sicher, ob dieser wahre Psychoterror nicht unausgesprochen gewollt war. Wissen tue ich es nicht.

Wahrhaftig imponiert hat mir die Seelenruhe der Kassiererin. Ob sie heilig war, weiß ich nicht. Sie hatte die Geduld der Heiligen.

Und sie ist mir bis heute Ansporn, wenn ich am Telefon verkaufen muss und mit Menschen umgehe, die ich nicht mehr verstehen will.

Durch die Zerstörung der Familien hat Gaganess Hochkonjunktur – und Geduld ist selbst am späten Abend nach Feierabend an einer Supermarktkasse mehr als gefragt.

Diese lieben Frauen an der Kasse sind ihr Geld mehr als wert – und natürlich bekam sie von mir Trinkgeld. Einfach super, die Damen: auch wenn sie ausgerastet wäre!