Hölle

‘Kleiner Diskurs über die Hölle’ = großer Unsinn

Berlin, 10.Juli 2018

0. Vorbemerkung

Ich kannte den Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar bisher nur über seinen Johannes-Verlag und die vielen gelungenen Übersetzungen, z.B. des heiligen Thomas und der heiligen Therese von Lisieux, die er verlegte.

Ich hatte gehört, dass er zum Kardinal kreiert werden sollte – und kurz vorher verstarb.

Ich wusste von der Anschuldigung, er hoffe auf eine ‚leere‘ Hölle, weil eine ‚volle‘ Unterwelt der Absolutheit des Gnadenwillens Gottes widersprechen würde, wie er meinte. Und ich hoffte, die Beschuldigungen seien nicht wahr, bestenfalls weithergeholt, aus Bruchstücken geklebte Anwürfe.

Seit gut einer Woche ist oben genanntes Büchlein im meinem Besitz – und vorvorgestern las ich es.

 

  1. Wie ernst kann ein Theologe genommen werden, der nicht theologisch argumentiert?

Es fällt schon ziemlich schwer, Herrn von Balthasar überhaupt ernst zu nehmen. Wesentliche Begriffe wie Sünde, besonders der Gedanke der Todsünde, werden nicht erörtert, der Unterschied von Natur und Gnade gar nicht genannt.

Eine zweitausend Jahre währende Diskussion mit lehramtlichen Entscheiden noch und noch hat stattgefunden, aber ohne jeden Widerhall im Denken des Herrn von Balthasar.

Ohne die großen Grundentscheide zum Beispiel des heiligen Trienter Konzils zur Rechtfertigungs- und Gnadenlehre wahrzunehmen, bleiben die Sätze im ‚Diskurs‘ wie das übliche Geschwafel in Talkshows: am besten nicht ernstnehmen.

Weil aber die Lehre von der Apokatastasis derzeit hoch im Kurs steht, muss Herrn von Balthasar widersprochen werden.

 

  1. Freiheit und Würde des Menschen: die boshafte Begierde

Die Freiheit des menschlichen Willens ist Kern und Stern der Würde des Menschen. Da wir Menschen Abbild Gottes sind, ist das Vermögen, wählen zu können, unabdingbar.

Freilich gibt es die vom Schöpfer gewollte Wahlfreiheit zum Guten im Paradies, indem wir als Adam und Eva zwischen Gut und Besserem und den vielen Zwischenstufen wählen konnten – und die Freiheit, das Nichtige zu wählen nach dem Sündenfall.

Es ist ein unergründliches Geheimnis der gefallenen Natur, Lust zum Bösen zu haben – die Begierde nach dem Schlechten (concupiscentia).

Auch wenn es nicht vernünftig ist und nahezu unfassbar: das Böse lockt – und macht Spaß!

 

Schon hier stellt sich die Frage: ist die menschliche Perversion des Bösen im zwischenmenschlichen Gespräch, z.B. in der üblen Nachrede, die ja ein anderes Wort für Mord ist – Rufmord – nur einfach undurchdachte Dummheit oder reine Freude an den schlechten Wirkungen, die Schadenfreude?

Und ist der Hass nicht wirklich Freude am Schaden des Nächsten? Ist die Bereitwilligkeit zum Beispiel bei einem Lynchmord, auch nur Beifall zu klatschen und auf das Knacken des Genicks beim Hängen zu lauschen, nicht wirkliche Freude?

Ja, wir Menschen haben Freude, meist an alltäglichen Harmlosigkeiten. Und wir haben die böse Freude, die meistens auch unvernünftig ist.

Wenn wir also wirklich gefallene Menschen sind, müssen wir die böse Begierde in uns ernstnehmen, sie erkennen und wirksam bekämpfen.

Wir dürfen die böse Freude am Leid der Mitmenschen nicht einfach in uns zulassen, quasi als Gott gegeben. Wir müssen kämpfen: warum?

 

  1. Abbild Gottes zu sein heißt Gott zu lieben

Ist Hans Urs von Balthasar vielleicht ein verkappter deistischer Protestant? Das will dem unvoreingenommenen Leser scheinen und würde mit Leichtigkeit erklären, warum er die gesamte katholische Lehre nicht erwähnt.

Der deistische Protestant will nur den Glauben an Gott schlechthin, nicht aber die Liebe zu ihm. Überspitzt formuliert: der deistische Protestant will die Gaben Gottes in Schöpfung und Kirche geschenkt bekommen, aber nicht den Geber aller Gaben selbst beschenken.

Deistische Protestanten glauben an den Schöpfer, aber lieben können sie ihn nicht: weil es nicht nottut.

Der große Unterschied der beiden christlichen Konfessionen ist die Liebe: Gott zu glauben, heißt seinen Willen nur zu erfüllen, sondern ihn liebend gerne zu erfüllen.

Das drückt sich besonders in der kreatürlichen Gabe der Vernunft aus: der Katholizismus lehrt die wichtige Einheit von Vernunft und Glaube, von Natur und Gnade.

Vor lauter Liebe zu Gott zerschmilzt nicht nur die katholische Mystik: jeder gute Katholik soll jeden Tag seine Liebe in Werken bekunden.

Will Herr von Balthasar den Willen Gottes lieben?

 

  1. Die Hölle auf Erden: Todsünde

Wer den Willen Gottes erfüllen will, muss Gott lieben. Ganz einfach. Wer seine eigene Lust befriedigen will, kommt früher oder später in einen Zwiespalt – was ist noch erlaubt und was ist Sünde?

Über weite Strecken seines Traktates über die Hölle kann sich der geneigte Leser nicht des Eindrucks erwehren: der Mensch soll seine Endlichkeit abstreifen dürfen – noch bevor er das himmlische Paradies erreicht.

Denn nichts anderes ist es, wenn wir einen Gott bräuchten, der uns unendlich gewähren lässt, weil er in seinem Gnadenwirken immer neue Möglichkeiten schafft, um uns vor der Hölle zu bewahren.

Herr von Balthasar hält gar nichts von der kirchlichen Sakramentenordnung, die nur ein anderes Wort für die Rechtfertigungs- und Gnadentheologie ist. Er ist der Auffassung, dass es „im Neuen Testament zwei Reihen von Schriftworten [gibt], die wir nicht zu einer überblickbaren Synthese verbinden können.“[1]

Das also, worauf die gesamte katholische Theologie fußt, die Einheit von Natur und Gnade und ihre harmonische Synthese zerfällt für Herrn von Balthasar – wie im Protestantismus – in „Reihen von Schriftworten“, also in These und Antithese.

Die ebenso kluge wie lebenswahre Unterscheidung von lässlicher Sünde, durch welche die Liebe zu Gott nicht gänzlich ausgelöscht ist, und Todsünde, die in schwerer Weise das übernatürliche Leben in uns zerstört, ist damit hinfällig.

Brauchen wir einen solchen Gott, der letztlich seine bisher offenbarte Gnadenordnung mittels der Sakramente, also der Kirche, ad acta legt?

 

  1. Judas und die Lügen des DBK-Katechismus

Die Worte des Herrn Hans Urs von Balthasar über Judas enthalten eine glatte Lüge. Er zitiert dabei aus dem ‚Katholischen Erwachsenen-Katechismus‘ von 1985: „Aussagen der Heiligen Schrift über die Ewigkeit der Hölle“ seien „Mahnreden“, denn es „wird weder in der Heiligen Schrift noch in der kirchlichen Glaubensüberlieferung von irgendeinem Menschen mit Bestimmtheit gesagt, er sei tatsächlich in der Hölle.“[2]

Das ist, gelinde gesagt, eine faustdicke Lüge. Jesus selbst spricht von Judas in der denkbar deutlichsten Art mit dem ‚Wehe‘-Ausdruck: „Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“[3]

‚Nie geboren zu sein‘ würde die ewige Qual in der Hölle quasi verhindern. Und so verstanden es auch die Apostel, als sie für Judas einen Ersatz wählten.[4]

Die ganze Kirche betet in der lateinischen Messe bis heute jeden Gründonnerstag: „O Gott, von dem Judas die Strafe für seine Schuld und der Schächer den Lohn für sein Bekenntnis empfing.“[5]

So kann unser Weltkatechismus seit 1992 zu Recht feststellen: „Die Lehre der Kirche sagt, dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert.“[6]

Sollten die Worte Jesu nur Schall und Rauch sein: „‘Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer!‘(Mt 25,41)“?[7]

 

 

  1. Hitler in der Bekehrungs-Endlosschleife: ist das keine Folter?

 

Nach dem Gesetz Gottes, wie es sich im Vaterunser ausdrückt, bekommen wir als Sünder nur so viel Vergebung von Gott zugesprochen, wie wir selbst bereit sind, unseren Schuldnern zu vergeben.

Und umgekehrt gilt auch: nur wenn ich meine Sünde als Sünde bekenne, kann ich Vergebung erlangen.

Ein unbekehrter Hitler hat im Himmel buchstäblich nichts zu suchen, denn er weigerte sich ja, Gottes Gesetz anzuerkennen und seine Nächsten zu lieben: sechs Millionen unschuldiger Juden auf dem Gewissen zu haben, ist schon mal eine gewisse Hausmarke.

Nun, wir brauchen uns nicht vorstellen, dass Gott dem Führer des tausendjährigen Reiches auf dem Weg in das Paradies jeden toten Juden visuell zeigt, aber insgesamt muss sich Hitler von seinem Judenhass bekehren: wie sollte er aber, wenn er doch mit seinen Taten ebenso deutlich seine Entschiedenheit bekundet hat?

Herr von Balthasar meint nun eben dieses, wenn er schreibt, „hoffen zu dürfen, daß das Licht der göttlichen Liebe schließlich jede menschliche Finsternis und Weigerung zu durchdringen vermag.“[8]

Ist die Endlosschleife, mit denen ein unendlicher Gott jeden Unbußfertigen unendlich zur Bekehrung traktiert nicht ebenfalls eine Art von Folter, die man auf Erden Gehirnwäsche nennt?

 

  1. Willensfreiheit Gottes und menschliche Wahlfreiheit wird nicht ernstgenommen

Mit einem Wort: die kruden Ansichten des Herrn von Balthasar sind weder in sich stimmig noch katholisch.

Herr von Balthasar stellt die läppische Frage, „wie den Seligen zumute ist, wenn sie welche von ihren Brüdern und Schwestern in der Hölle braten sehen?“[9]

Übte er sich nicht ständig in seinem maßlosen Stolz und seiner grenzenlosen Verachtung für das Wort Gottes, hätte er sich die Antwort selbst geben können. Jesus selbst erzählt vom reichen Lazarus in der Hölle: „In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß.“[10]

Mit einem Wort: nicht die Seligen sehen die Hölle, sondern die Verdammten sehen die Seligen und ihre himmlischen Freuden.

Und eine weitere Antwort ergibt sich daraus: wer in diesem Leben die Hölle erfahren hat – und an Gott in Liebe festhält –, der wird ewige Freude im Himmel erfahren, denn Tod und Leid und Schmerzen gibt es dort oben im Himmel nicht, also auch nicht die quälend verzweifelte Erinnerung an erlittene Qualen. Jesus klärt uns auf: „Mein Kind“, spricht Abraham zu Lazarus, „denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden.“[11]

 

Lieber Jesus, bitte segne Hans Urs von Balthasar für all das Gute, das er tat – und vergib ihm seine Dummheiten – wie auch uns allen! Amen.

[1] Diskurs, 24.

[2] 423. Herr von Balthasar zitiert es auf S.10 seines Büchleins.

[3] Mt 26,24.

[4] Act 1,15-26.

[5] Schott, 360.

[6] KKK 1035.

[7] Zitiert nach KKK 1034.

[8] Diskurs, 25.

[9] Diskurs, 47.

[10] Lk 1623.

[11] Lk 16,25.