Tiergeschichten für Kinder

Harry und Gabi

 Gazelle und Hirsch

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Ihre Geschichten und  Abenteuer

Aufgeschrieben und gesammelt von Papa

Für meinen lieben Sohn

An den Geburtstagsfeiern Jesu 2007 und 2008

(Seit 2009 mit Tiernamen-Lexikon)

  1. Wie Harry sich in eine Gazelle namens Gabi verliebte. 4
  2. Die seltsame Geburtstagskerze. 8
  3. Als Pandy die goldene Riesenkrabbe aufspießte. 11
  4. Warum der Hummer schwarz wurde. 16
  5. Der große Schneesturm.. 22
  6. Harry und Gabi im Urwald. 29
  7. Weihnachten im Urwald. 48
  8. Der große Regen. 61
  9. Zero und die größte Überraschung der Welt 71
  10. Zurück in Hirschhausen. 87
  11. Kuno und der Algensalat 101
  12. Pandys neue Zahnspange. 123
  13. Harrys Kuckucksuhr 137
  14. Mike, die Mücke, und Franz-Xaver, der Frosch. 145
  15. Pankratz und Pauline. 158
  16. Picknick im Dschungel: Jan-Ullrich und Co. 167
  17. Harry und Fritz. 172
  18. Dragomir und Pankratz. 184
  19. Pankratz und Dragomir in Afrika. 191
  20. Namenslexikon aller Tiere, Menschen, Fabelwesen und Sonstigem (Zauberer etc.) 199

1.    Wie Harry sich in eine Gazelle namens Gabi verliebte

Es gibt Dinge, die gibt es jetzt nicht: Fische, die an Land Fahrrad fahren; Bäume, an denen Lutscher wachsen; und Füchse, die mit Mäusen zum Tanzen gehen.

Nun fragst du mich: Na klar, so etwas gibt es nicht, warum sagst du mir das?

Nein, du verstehst mich vielleicht nicht: Fische können ja nicht Fahrrad fahren, weil sie ja im Wasser schwimmen; und Bäume tragen Blätter und nicht Lutscher; auch fressen Füchse Mäuse für ihr Leben gerne und tanzen nicht mit ihnen.

Gott hat es einfach so jetzt vorgesehen, dass Fische nur schwimmen, aber nicht Rad fahren können und Füchse nun einmal Mäuse liebend gerne verspeisen.

Gott aber macht manchmal eine Ausnahme, in der Zukunft: Im Paradies werden Lutscher an den Bäumen wachsen und Füchse mit den Mäusen tanzen! Und ein großer Fisch namens ‚Jesus’ wird herrschen und vielleicht sogar Fahrrad fahren, im Himmel auf den Wolken.

Und davon spreche ich: Dass Gott manchmal eine Ausnahme macht, eine Ausnahme von der Regel, etwas, das anders ist als man so gemeinhin denkt.

Eine Ausnahme, die Gott schon jetzt schenkt, ist die Liebe! Liebe ist schon jetzt möglich, nicht erst später, Liebe ist die große Ausnahme Gottes schon jetzt, heute.

Nun, Gott schenkte es Harry, dem Hirschen, eben, sich in Gabi, seine Gazelle, zu verlieben. Und er schenkte es Gabi, sich in Harry zu verlieben. So einfach ist das. Basta.

Und das kam so: Harry war wieder einmal eines Sonntags bei seinem besten Freund, dem Drachen Dragomir, eingeladen, zum Nachmittagsgeysir, also zum etwas sehr heißen Gebräu aus Teer, Lava und Minze.

Es ist schon ein Wunder, dass Harry so eine Einladung überhaupt annahm. Ehrlich gesagt hat ihn das Herunterwürgen des Nachmittagsgeysirs immer schrecklich angeekelt: Regelmäßig verbrannte er sich die Zunge, der Teer klebte dann im Rachen und die Lava ließ sich erst nach dreistündigem Zermahlen im Magen nieder; dazu schmeckte es auch noch sehr höllisch schlecht – nach Minze. Harry hasste Pfefferminztee, denn der erinnerte ihn immer an seine Halsschmerzen als er noch ein kleiner Luftikus und rechter Spring-ins-Feld war. Mama hatte ihm den Tee immer unter größten Qualen verabreicht, was nur mit einer richtig guten Geschichte ging.

Naja, also wegen dem Teegeysir ging er nicht in den kleinen Vulkan von Dragomir, wenn der Minztee auch immer frisch gezapft aus den tiefsten Tiefen der Erde kam. Nein, es war eher die ganze Atmosphäre bei Dragomir.

Freundlich wurde man von dem Lieblingsdrachen am Eingang abgeholt: Dragomir war immer in allerbester Laune, wenn Harry kam. Dann ging es mit dem Aufzug zwei Stockwerke tiefer, am Salzsee vorbei. Dort konnte immer das farbenprächtigste Schauspiel überhaupt gesehen werden: Glühende Lava schimmerte durch Kristalle in Blau, Gelb und Grün, was ein fast noch schöneres Licht an die Felsendecke warf, als wenn die Sonne im Meeresgrün hindurchschimmerte. Dabei zischte es immer ganz stark. Die Luft war schwül und schön warm.

Harry, das müsst ihr wissen, war als Hirschlein eine Frühgeburt und musste gleich in den Hirschbrutkasten; dort war offensichtlich die Temperatur zu heiß eingestellt, so dass Harry seitdem Hitze geradezu liebte.

Wie auch immer: Gleich hinter dem Salzsee war eine gemütlich eingerichtete Drachenbar, in der man frisch gezapften Minztee wie auch Drachenblut – eine Mischung aus Rosen, Lavagestein und Teertropfen – und Rachenputzer trinken konnte; letzteres Gesöff bestand aus Teerextrakt, Lavamurmeln und Lakritze.

Ihr merkt: Die Drachenbar war sicher nicht sehr einfallsreich, und das hatte damit zu tun, dass Drachen einfältige Geschöpfe Gottes sind.

Waren sie in der Bar angekommen, pflegte Dragomir dann zu sagen: „Harry, schön, dass du da bist. Womit kann ich dir heute Freude bereiten?“ Harry traute sich dann nicht, die reine Wahrheit zu sagen, dass er sich lieber eine Flasche ‚Hirsch-Limo’ mitgebracht hätte, sondern sprach tapfer, um seinen Freund nicht zu betrüben: „Drago, einen frisch gezapften Minztee“ oder „Heut’ ist mir so nach Lakritze“ oder Ähnliches.

Jetzt denkt ihr sicher: Ja, wenn es so ein Qual ist, Geysirtee zu trinken, warum hat Harry es dann getan? Na, zum einen war er sich immer nicht ganz sicher, ob Dragomir mit Hirschragout viel anfangen konnte. Und zum anderen dachte Harry: „Es ist so wunderbar schön bei Drago, da will ich diese Kleinigkeiten eben mal herunterschlucken.“

Und so tat es Harry dann auch: Erst die Minze abschlecken, dann das heiße Wasser abschlürfen und – zum Schluss – den Rest irgendwie herunterwürgen. Das war nicht so einfach, denn Lavastücke und vor allem der schleimige Teer drückten nicht übel und verursachten Magenreißen. Und deshalb setzte er den Kübel – Drachen trinken nie aus Gläsern, sondern aus Bleikübeln, wegen der Wärme und überhaupt – erst ganz am Schluss an, wenn er gerade gehen wollte.

Hatte er nun alles heruntergewürgt, torkelte er dann sichtlich unsicher von dannen, nicht, weil man sich von Minztee betrinken könnte, sondern weil er einfach so einen großen dicken Magen bekam und die Felsstückchen in seinem Magen hin und her schlugen.

 

Nun nippte also Harry vorsichtig an seinem Bleikübel und lauschte der ohrenbetäubenden Drachenmusik. Harry war nämlich ein echter Musikliebhaber, und so legte Dragomir sein besten Platten auf – Drachen-Hipp-Hopp.

 

Dazu ist nicht viel zu sagen, sondern nur soviel: Es war die Musik, wenn Vulkane Feuer speien und Lava unendlich schnell aus den Tiefsten der Erde nach oben zischt. Es war einfach erhebend, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Bei dieser Musik waren die beiden Freunde nun ein Herz und eine Seele. Zwar war diese Ramba-Zamba-Musik eigentlich nichts für zart besaitete Hirschohren, aber Harry hatte – Gott sei dank – einen leichten Hörfehler. Immer dann, wenn die Drachenmusik ertönte, trank er vom Minztee und die Ohren konnten nicht mehr so gut hören.

 

Das Beste aber war, wenn er vom Minztee nippte und Dragomir ihn fragte: „Lieber Harry, wollen wir zur Feier des Tages nicht einfach mal in die Sauna gehen?“ Dann gingen sie in die Nähe des Geysirs, und Dragomir begann den Unterwasserfall zu heizen. Er legte einfach mittels eines Rohres den Geysir in den Wasserfall und – schwupp die wupp – war alles fantastisch warm. Nun konnte er schwimmen ohne Ende. Alles war herrlich warm – mal mehr, mal weniger, je nachdem, wie nahe er dem Geysir kam.

 

Harry musste nur aufpassen, dass er nicht in die Strudel in der Mitte des Wasserfalles geriet. Als Abfluss diente dann wirklich ein echter Unterwasserfluss, der mitten in der Erde verschwand und von dem niemand wusste, wo er wieder herauskommen würde.

 

Und genau das geschah: Harry wurde von dem Strudel hinfort gerissen und verschwand vor den Augen von Dragomir. Dragomir sah das und sprang hinterher, aber war zu beleibt, so dass er im Abfluss einfach feststeckte, während Harry in den Tiefsten der Tiefe verschwand. Dragomir hatte sich schon immer gefragt, was passieren würde, wenn Harry oder ein anderer seiner Freunde dort verschwinden würde, aber er wusste keine Antwort. Deswegen hatte er schon lange geplant, dort ein Gitter anzubringen. Leider hatte die Drachenfirma, die ihm das Gitter schmieden wollte, Lieferschwierigkeiten, so dass eben gar nichts geschah.

 

Nun war es also geschehen: Sein bester Freund war einfach weg. Wie vom Erdboden verschluckt, besser gesagt, vom Fluss weggerissen.

 

Um Harry herum war es lange Zeit stockfinster, so finster, dass Harry gar nicht wusste, ob es finster sei oder ob noch lebte. Nur angenehm warm war es die ganze Zeit, weil Dragomir vergaß, den Geysir wieder umzuleiten. Weil es warm war, musste Harry leben, so dachte er jedenfalls.

 

Und dann geschah es: Die Erde tat sich auf – und vor ihm stand sie, die Gazelle seines Lebens. Er war nun mitten in Afrika gelandete. Im Viktoriasee. Auch dort gibt es Unterwasserstrudel. Und durch einen solchen Strudel hindurch wurde Harry gespült, aus dem Unterwasserfluss hinauf.

 

Es war Liebe auf den ersten Blick, denn es war das Erste, was Harry sah. Sie eben. Auch Gabi, die Gazelle, war so verblüfft, dass sie sich in den völlig durchnässten Hirschen verliebte: Er sah so knuddelig aus, wie der Lieblingsteddy aus der Waschmaschine. ‚Ja’, dachte Gabi, ‚das muss er sein – mein Liebling.’

 

Damals noch dachte Gabi, ihr Harry sei gar kein Hirsch, sondern eine Gazelle wie sie, weil sie gar nicht wusste, dass es auch Hirsche gibt. Und auch Harry wusste nicht, was eine Gazelle ist. Nun, beide lernten sich kennen, allerdings mit vielen Hindernissen: Er konnte nur Deutsch, sie dafür Afrikanisch.

 

Wie es nun weiter geht und was sie sprachen, ohne sich zu verstehen, ist wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 


2.    Die seltsame Geburtstagskerze

 

Es war an einem schönen Samstagabend. Pandy hatte gerade seinen Geburtstag gefeiert; es war eine sehr schöne Feier gewesen: Er hatte mit seinen Gästen zusammen Fußball gespielt und fünf Tore geschossen; und am Abend gab es Pommes mit Frites, nur dass Mama kein Popcorn machte, aber es war auch schon spät und zu wenig Zeit für den gebrannten Mais.

 

Pandy war als zweitältester Sohn auch etwas später ins Bett gegangen und hatte sich noch einmal alle seine schönen Geschenke angeschaut: ‚Wow, das war so richtig schön’, dachte er sich, als er sein Lieblingsgeschenk im Bett betrachtete.

 

Da fiel ihm ein, dass Mama ihm ja immer zum Geburtstag so eine selbst dekorierte Kerze geschenkt hatte: ‚Brennt die etwa noch?’, fragte er sich. Er war sich nicht sicher. Nun müsst ihr wissen, dass Pandy ziemlich gut in der Schule ist und ein helles Köpfchen, wie man so sagt; er machte sich gerne viele Gedanken und las auch schon sehr gerne; gerade hatte er von Papa ein neues Mickey-Mouse-Heft bekommen und schon ein Kapitel darin gelesen.

 

‚Und die Kerze?’, Pandy war sich nicht sicher; sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf; nun stellte er sich vor, dass die ganze Küche von dieser Kerze Feuer fing, weil sie immer noch brannte, obwohl er sie hätte löschen sollen; nun aber wäre es zu spät gewesen, denn wenn erst einmal die Küche brennt, dann bald das ganze Haus: Oh Schreck, oh graus!

 

Ihr müsst nämlich wissen, dass Pandy sehr gewissenhaft war; über alles, was er tat, dachte er nach und auch danach dachte er nach, wie er darüber nachdachte, dass er nachdachte. Und die Kerze musste wohl noch in der Küche brennen: Oder nicht?

 

Nun stand er schon auf und zog sich an; wäre die Küche gleich bei ihm nebenan, dann hätte er sich natürlich nicht seine Kleidung anziehen brauchen, dann hätte auch sein Pyjama gereicht – mehr sein Py- als sein Jama: Py war das Oberteil, sehr lang und weit; und Jama sein Unterteil, etwas zu kurz und zu dünn. Denn Pandy wohnte ja bekanntlich mit seinem älteren Bruder Fritjoff im kleinen Gartenhaus, das keine Küche besaß, während seine Eltern und seine noch kleinere Schwester Alena – sowie neuerdings auch Tyll und Katharina – im Haupthaus wohnten; und dort gab es eine Küche.

 

Pandy musste sich also richtig dicke dolle anziehen, weil er ja durch den kalten und dunklen Garten musste; dabei hatten seine Eltern, Gabi und Harry, schon die Gartenbeleuchtung ausgeschaltet, so dass es recht dunkel war. ‚Huh’, dachte er sich, ‚ist das duster!’ Er lief langsam tastend los. ‚Wie gut, dass ich meine Taschenlampe dabei habe!’, sagte er sich, um sich zu beruhigen; dabei war das Licht der Lampe sehr dünn und nicht sehr durchdringend. Er bekam auf einmal Angst und wollte schon fast zurückgehen und seine Eltern über das Telefon anrufen, da geschah etwas ganz Merkwürdiges.

 

Pandy blieb stehen: Aus der Küche heraus leuchtete es taghell, aber nicht wie eine sehr helle und flackernde Kerze, sondern wie ein Regenbogenlicht – alle Farben wechselten sich ab, so, als würde der Regenbogen Gottes in ihrer Küche sein und hin und her tanzen! ‚Ein irres Licht!’, dachte sich Pandy und war wie verzaubert; denn so ein Licht hatte er noch nie auf der Welt gesehen.

Und das Licht wurde stärker; Pandy ging nun nicht mehr langsam und tastend, sondern lief los und stürzte zum Küchenfenster hin: „Das muss ich mit eigenen Augen genauer angucken!“, sagte er sich.

 

Und nun kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus: Seine Geburtstagskerze, die Mama immer so liebevoll gestaltet hatte, die brannte lichterloh, aber bei diesem hellen Schein hätte sie eigentlich längst verbrannt sein sollen – nein, je mehr sie brannte, umso größer und heller schien ihr Licht!

 

‚Eine Kerze, die immer heller brennt, ohne sich zu verzerren?’, fragte sich Pandy, ‚die ist aber seltsam!’ Er war von dem Licht so fasziniert, dass er gar nicht mehr wusste, wie lang er dort schon vor dem Fenster stand; es musste eine kleine Ewigkeit gewesen sein, denn auf einmal war er ganz kalt geworden und Mama stand neben ihm.

 

„Pandy“, sprach sie zu ihm und streichelte zart seinen Hinterkopf, „warum stehst du hier so in der Kälte, du musst doch schlafen!“, endete sie vorwurfsvoll. „Mama, schau mal – das Licht!“ Pandy starrte immer noch wie gebannt durch das Küchenfenster; als wäre es ganz natürlich, dass Mama neben ihm stand, erschreckte ihn ihre Stimme gar nicht, sondern freute ihn umso mehr, denn nun konnte er seiner Mama das Licht zeigen.

 

Und Mama schaute und sah das seltsame Licht von Pandys Geburtstagskerze; ja, die hat sie jedes Jahr neu für ihren Ältesten gebastelt; nur dieses Jahr hatte sie dabei geweint, denn es war ihr so richtig klar geworden, dass sie mehr für ihren Sohn tun müsste; sie war zu häufig abwesend und hatte außerhalb des Hauses gearbeitet, so dass ihr gewissenhafter Sohn oft allein war; obwohl er schon so alt war – acht Jahre –, brauchte er seine Mama doch so sehr, und das wurde ihr so richtig klar als sie die Kerze dekoriert hatte: Es wurde eine so richtig schöne liebevolle Kerze. Mama fing wieder an zu weinen, und diesmal aus lauter Freude. Sie wusste nun, dass die Kerze das schönste Geschenk war, das sie ihrem Sohn machen konnte: Es war ihr Herz und ihre Zeit – in den schönsten Farben des Regenbogens!

 

Als Pandy an seinem Geburtstag seine Geschenke im Wohnzimmer sah, beachtete er die Kerze gar nicht, ja er übersah sie; seine Mama hatte ihm ja doch jedes Jahr so eine Kerze gestaltet, und sie schien ihm nichts Besonderes zu sein. Nun aber sah er, dass sich seine Mama so richtig viel Mühe gegeben hatte: Das schöne und seltsame Regenbogenlicht war die Liebe, die immer größer und schöner wird, je mehr sie verschenkt wird – und das geht wie von selbst.

 

Das alles konnte Pandy damals noch nicht verstehen, aber er verstand, dass Mama ihn zart streichelte, ihn umarmte, einen warmen und feuchten Kuss auf die Wange gab und sagte: „Komm’, mein großer Schatz, wieder ins Haus zurück, du darfst noch ein bisschen bei Papa und mir sitzen bleiben; vielleicht erzählt dir Papa noch eine Geschichte!“ Und Pandy wurde ganz warm ums Herz und wollte schon mitgehen, da fiel ihm ein: „Und die Kerze? Mama, was ist mit der Kerze? Die brennt doch noch!“

 

Mama antwortete und sprach: „Las sie brennen! An ihrem Schein wollen sich auch all die anderen erfreuen!“ Pandy verstand nicht gleich, wen Mama meinen könnte, aber als sie ihn bei der Hand nahm, um ihn ins Haus mitzunehmen, da drehte er sich um und sah all die vielen Tiere des Waldes: Bruno den Bär, Walter den Waschbär, Amelie die Ameise, Sebastian den Specht, Freddie der Frosch, Karl der Kater und auch Egon das Eichhörnchen – sie alle schauten wie verzaubert in das Küchenfenster von Harry und Gabi.

 

Und es kamen noch viel mehr Tiere dazu: Bald stand der ganze Wald vor Harry und Gabis Küchenfenster und starrte fasziniert in das Regenbogenlicht der Kerze; und erst als ihnen die Sonne aufging, verließen die Tiere den Garten von Harry und Gabi wieder, nahmen sich bei der Hand und träumten von dem Licht und der Liebe einer einzigen Kerze.

 


3.    Als Pandy die goldene Riesenkrabbe aufspießte

 

Nachdem der kleine Tyll im zarten Alter von zwei Jahren – mit Pampers! – die Weltmeister­schaften im 100-, 200- und 400-Meter-Lauf gewonnen hatte, dachten sich Harry und Gabi etwas ganz Besonderes aus: Ein Wochenende auf Rügen.

 

So eine kleine Reise am Samstagmorgen sollte es sein und dann Sonntagabend wieder zu­rück. Gesagt, getan. Die Hirschfamilie war Tage vorher ganz aufgeregt. Weil Papa Harry gerade nicht soviel verdiente, war eine größere Reise nicht drin gewesen und auch die Schulferien verbrachten die Kinder alle zu Hause oder bei Verwandten im Wald. Da war die Reise an die Ostsee schon ganz großartig und genau das Richtige, bevor der Herbst einsetzte und mit ihm die großen Stürme am Meer.

 

Um vier Uhr morgens standen alle auf und nahmen nur das Nötigste mit. Tyll, eigentlich der Star des Ganzen schlechthin, schlief friedlich mit Schnuller im Kinderwagen, während die anderen Kinder – Pandy, Fritjoff und Alena – ihre Badelatschen herausholten und die Handtücher trugen.

 

Es sollte mit der Bahn nach Rügen gehen, zu dem Wochenendhaus des Drachens Dragomir. Dragomir hatte ja bekanntlich sechzig Ferienhäuser überall auf der Welt: Auf Feuerland und in New York, in Rom und Johannesburg, aber eben auch auf Rügen. Unmittelbar am Meer gelegen, gleich bei den berühmten Kreidefelsen, sehr abseits von allen Straßen und Wegen, denn nur so konnte der gewaltige Drache meerseitig landen, ohne Aufsehen zu erregen.

 

Zur Feier des Tages nahmen sie vom Bahnhof ein Taxi. Während Harry die ganzen Sachen auspackte, kochte Gabi derweil ein kleines Süppchen zum Mittag. Die Kinder schnappten sich den kleinen Tyll und kletterten den steilen Bergweg herunter. Es war ein herrlicher Tag am Meer, mit Sonnenschein und Möwengesang. Während sie am Strand entlang liefen und nach Bernstein suchten, musste Alena die Pampers von Tyll wechseln. Alena machte das immer am Besten, die anderen beiden Kinder drückten sich davor.

 

Da hatte Pandy einen goldenen Schimmer in einer Felsspalte entdeckt. Erst dachte er, es sei die Sonne, die sich im Meer spiegeln würde. Aber dann merkte er, dass er den Eingang zu einer Grotte gefunden hatte. Und was dort im Wasser golden leuchtete, war nicht die Sonne. Nein, es war nicht die Sonne.

 

Pandy war ganz aufgeregt, denn er hatte etwas ganz Besonderes entdeckt. Und dieses Etwas bewegte sich auch noch langsam auf ihn zu: Ganz mit Gold überzogen. Sofort rannte er aus der Grotte wieder heraus und rief atemlos: „Alena, Fritjoff, Tyll: Ich habe etwas Goldenes entdeckt! Kommt schnell zu mir und seht es Euch an.“

 

Natürlich kamen die Kinder ganz schnell angelaufen, sogar Tyll strengte sich an, mit der vollen Pampers sehr schnell zu sein – und natürlich kam er als Weltmeister im Schnelllauf auch als Erstes bei Pandy an, trotz der vollen Pampers.

 

Pandy hatte Mühe, den kleinen Kerl festzuhalten, denn Tyll wollte schon sogleich in die Grotte hineinspurten. „Nein, Tyll“, sagte Pandy, „noch nicht. Warte bitte auf die anderen, denn es könnte ganz gefährlich werden.“

 

Nun waren alle Geschwister beisammen. Pandy begann zu flüstern: „Seid vorsichtig! Es sah golden aus, aber es bewegte sich langsam. Erst dachte ich, es sei die Sonne, die sich im Wasser spiegelt. Aber die Sonne bewegt sich ja nicht so schnell.“

 

Fritjoff war ganz aufgeregt und nahm sein Taschenmesser in die Hand. Man konnte ja nie wissen. Alena sollte Tyll nehmen. Erst wollten Fritjoff und Pandy voraus gehen und schauen, was los ist. Tyll hatte seinen Schnuller vor lauter Aufregung verloren – auch hingen die Pampers inzwischen verdächtig tief. Aber das interessierte inzwischen niemanden mehr. Alena biss sich nervös auf die Fingernägel.

 

Langsam gingen Pandy und Fritjoff in die Grotte hinein, ganz nahe beieinander. Da, es leuchte deutlich golden in der hinteren Ecke der kleinen Höhle. Und es bewegte sich, so, wie es Pandy gesagt hatte. Es konnte also nicht die Sonne sein.

 

Das Etwas wurde größer und stieg offensichtlich aus dem Wasser heraus, denn es waren dunkle Fangarme zu sehen und eine riesige Schere: Es war eine vergoldete Krabbe. Eine Riesenkrabbe mit einem vergoldeten Brustpanzer. Also eine fast unbesiegbare Krabbe. Und sie kam auf die vier Kinder langsam zu und wurde vor ihnen größer und größer.

 

Die gewaltige Schere schnappte dabei beständig auf und nieder, immer wieder auf und nieder, und klang dabei schrecklich metallisch, so, als wenn zwei Hämmer aufeinander einschlügen. Gewiss würde die Krabbe sie alle im nächsten Augenblick zermalmen und dann auffressen.

 

Das Schweizer Taschenmesser von Fritjoff wirkte dabei natürlich wie ein lächerliches Kinderspielzeug: Wie eine Nadel gegenüber einem langen Speer.

 

Pandy wollte nicht sterben. Während die anderen vor Schreck vollkommen gelähmt waren, überlegte er blitzschnell. Er hatte in der Bibel von dem großen König David gelesen, der auch einen gewaltigen Feind einfach mit einer List besiegte. Schnell nahm er einen Stein und schleuderte ihn auf das eine von den zwei Stielaugen, die natürlich ungepanzert waren. Ja, er traf hurtig und genau. Er hatte es ja schon lange geübt, bei den Kinderspielen für Bibelfüchse im Internet.

 

Die Riesenkrabbe war irritiert und hielt einen kurzen Moment inne. Dann lief sie einfach weiter. Fast wäre es um die Kinder geschehen gewesen. Aber die Riesenkrabbe konnte jetzt nur noch schlecht sehen – nur mit einem Stielauge – und verhackte sich an der spitzen Felswand mit einem Bein. Das klemmte nun im Felsen und die Krabbe konnte nicht weiter.

 

So schnell sie konnten und mucksmäuschenstill rannten die Kindern nun wieder zurück zu ihren Eltern. Sie hatten kaum begriffen, was mit der Riesenkrabbe los war. Dass es aber um ihr Leben ging, wussten sie. Fritjoff als der Größte unter ihnen schnappte sich Tyll, der gar nicht wusste, wie ihm geschah. Alena wollte schon losweinen, aber Pandy überredete sie dazu, es erst bei Mama und Papa zu tun.

 

Atemlos rannten sie den Strand entlang, den steilen Berghang hinauf und schauten noch nicht einmal zurück. Schon waren sie in der Küche: Wie gut war es, von ihren lieben Eltern in die Arme genommen zu werden, die den panischen Schrecken in den Augen der Kinder sogleich entdeckten.

 

Harry fragte entsetzt: „Was ist denn los, meine Kinder? Was habt Ihr denn?“ Er konnte sich nicht vorstellen, dass am Ostseestrand, fast ganz nahe bei den berühmten Kreidefelsen, bei strahlendem Sonnenschein, eine Gefahr lauern würde.

 

Tyll fand als Erster die Sprache wieder: „Kabbe“, meinte er, weil er mit zwei Jahren das ‚R’ noch nicht richtig aussprechen konnte: „Kabbe“. Nun begann Alena hemmungslos zu weinen, und Gabi hatte alle Hände voll zu tun, mit ihrer liebsten, wenn auch derzeit noch einzigen – Nachwuchs war im Anmarsch –, Tochter, freundliche Worte zu sprechen.

 

Währendessen erzählten Fritjoff und Pandy ihrem Vater alles der Reihe nach. Harry war beeindruckt. Da reisten sie gerade einmal vier Stunden und waren in einem gewaltigen Abenteuer angekommen.

 

Das Wort ‚Gold’ lockte Harry dabei ganz eigenartig, denn er war blitzblank. Kein Geld auf dem Konto und Rechnungen ohne Ende. Ehrlich gesagt, wussten sie gar nicht, woher sie die Miete für den kommenden Monat hernehmen sollten. Deshalb leuchteten seine Augen sehr, als er von dem goldenen Panzer der Krabbe hörte. Gewiss ist allein das Gold eine Million Waldtaler wert. ‚Alle unsere Sorgen wären wir mit einem Schlag los’, dachte er. Und er wäre mit einem Schlag der berühmteste Hirsch von Deutschland. ‚Harry der Krabbentöter – Familienvater jagt seltene Krabbe’, so würden dann wohl die Zeitungsmeldungen lauten.

 

Dann wurde Harry über sich selbst traurig. Hatten doch soeben seine vier Kinder eine Beinahe-Katastrophe überlebt – und er dachte nur an das schnöde Geld. Und gewiss würde er nicht nur sich selbst in Lebensgefahr bringen, wenn er versuchen würde, die Krabbe zu erlegen. Sein Sohn Pandy hatte es ja schon vorgemacht, wie es gehen würde. Zudem hieß es ja auch in der Bibel ‚Du sollst nicht töten’. Zwar stellte die Riesenkrabbe eine Gefahr dar, aber nur für denjenigen, der in die Grotte ging.

 

Nun, der Traum vom Goldschatz zerrann. Und Harry wurde froh: Was hatte er doch für tapfere, wunderbare Kinder. Und wie wunderbar wurden sie von Gott bewahrt. Besonders auf Pandy war er sehr stolz: Auf die Stielaugen einer Riesenkrabbe zielgenau werfen – das konnte nur sein zweitjüngster Sohn so gut.

 

Da fiel ihm ein, dass er einen Fachmann in Sachen ‚Krabben’ aus dem Berliner Zoo kannte: Manfred den Mammutwärter. Und Manne rief er auch sogleich an, über sein Handy natürlich, aus echtem Hirschhorn. „Manne“, sprach Harry, „ich bin’s, Harry! Ich habe da ein Riesenproblem. Meine Kinder haben wohl eine Riesenkrabbe gefunden, mit einem goldenen Brustpanzer. Sage uns, was wir tun sollen.“

 

Harry hatte nun erwartet, dass Manne überrascht gewesen wäre, wegen der ungewöhnlichen, ja verrückten Geschichte. Aber Manne blieb gefasst und sagte ruhig: „Ja, schön, Dich zu hören, altes Haus! Gerade erst gestern habe ich davon gehört, dass Fischer in der Ostsee so etwas Goldschimmerndes mit großen Fangarmen gesehen haben. Ich muss sofort zu dir kommen. Was hältst du davon, wenn ich in zehn Minuten bei dir bin?“ Damit hatte Harry gar nicht gerechnet, dass es so schnell gehen könnte, und ihm blieb die Luft weg. „Harry, hörst du mich? Ich kann in zehn, nein, sogar in sieben Minuten bei dir sein. Wir haben doch vom Zoo her so einen superschnellen Turbo-Hubschrauber bekommen, kein Problem.“
Harry antwortete: „Wow, das es so etwas gibt. Na klar, komm so schnell du kannst. Vielleicht informierst du auch noch die Küstenwache, dass sie ein Boot vorbei schicken. Wir treffen uns links, vierhundert Meter vom berühmten Kreidefelsen am Strand.“ Manne bestätigte und sagte: „Super, ich komme sofort. Ich kann meine neue Assistentin leider nicht mitnehmen, die hatte heute Urlaub. Aber es wird schon werden.“

 

Die Ereignisse überschlugen sich. Harry hatte nun ein gutes Gefühl. Gewiss wäre er allein überfordert gewesen, und nun hatte er seinen guten alten Bekannten dafür gewonnen. Schnell rief er die Kinder herbei, sie packten Butterbrote ein und die warme Suppe wurde auch mitgenommen. Da hörten sie auch schon den neuen superschnellen Turbo-Hubschrauber des Berliner Zoos über sich.

 

Nun ging es herunter an den Strand, um mit Manne alles abzusprechen. Ein Boot der Küstenwache näherte sich langsam dem Strand. Harry segnete seine beiden großen Söhne, die mit ihm gekommen waren. Sie zeigten Manne nun den Eingang der Höhle. Nun war auch das Boot der Küstenwache mit zwei Beamten angekommen. Sie ließen ein Unterwasserboot herab und die Beamten erkundeten die Grotte.

 

Es war alles genauso, wie es die Kinder beschrieben hatten. Die Krabbe steckte mit einem Arm im Felsen fest, während ihr Hinterteil noch im Wasser war.

 

Manne hatte folgenden Plan: Ein großes Fischernetz sollte die Riesenkrabbe umhüllen und die Schere samt den Beinen und Fangarmen dingfest machen. Mit einer großen Seilwinde sollte das Netz mit einem dicken Tau aus der Grotte herausgezogen werden.

 

Pandy hatte eine bessere Idee und seine Augen leuchteten: „Vater, darf ich mit dem Unterseeboot der Krabbe in den Popo stechen?“ Er hatte gesehen, dass das Unterseeboot eine Art Spieß vor sich hatte, eigentlich die Richtantenne, um den Kontakt zur Kommandozentrale zu halten.

 

Harry hatte keine andere Wahl: Die beiden Beamten sollten das Netz über die Krabbe werfen, so dass niemand da wäre, das Unterseeboot zu fahren. Er selbst wollte den Beamten helfen, während Manne die Operation leitete. Es war offensichtlich einer der genialen Einfälle seines Sohnes Pandy, mit einem schmerzhaften Stich in den Allerwertesten für die nötige Ablenkung von dem Überraschungsangriff der Beamten mit dem Netz zu sorgen.

 

Pandy sollte also von unten im Meer der Riesenkrabbe in den Hintern stechen, während die Beamten sich oben in die Grotte hineinpirschten. Während die Krabbe nun durch den schmerzhaften Stich abgelenkt war, sollte das Netz über sie geworfen werfen. Einfach genial, genial einfach. Pandy eben.

 

Gesagt, getan. Pandy stieg in das U-Boot, verriegelte die Luke und fuhr los. Harry und die beiden Polizisten versteckten sich beim Eingang und spähten hinein. Fritjoff sollte die Seilwinde starten, wenn Manne das verabredete Zeichen gab.

 

Nun stach Pandy zu, und die Krabbe schnaufte wie wild um sich. Sie stieß fauchende Laute von sich, die noch nie zuvor gehört wurden. Schon wollte sie den Fangarm von ihrem ganzen Körper abreißen, als die Beamten und Harry das Fischernetz über sie warfen. Da, nun war sie losgerissen. Dass sie im Netz gefangen war, merkte sie nicht. Schon wollte sie zu Pandy und dem U-Boot hinterher tauchen. Da zerbarst der Spieß in dem Popo der Krabbe und Pandy war frei, wieder zurückzutauchen. Gleichzeitig verhedderte sich die Krabbe mehr und mehr in dem Netz.

 

Der Plan von Manne war aufgegangen. Nun gab er das verabredete Zeichen, und Fritjoff betätigte die Seilwinde. Die Riesenkrabbe spürte, dass sie gefangen war und gab auf. Nun war sie schon am Strand und umlagert von tausend Lachmöwen, die sich auf sie stürzten wollten, denn Möwen lieben Krabbenfleisch.

 

Nun hatten Manne, Harry und die zwei Beamten alle Mühe, die Möwen zu vertreiben. Die Riesenkrabbe Rudolf gab ein Zeichen, dass sie bereit sei, alles über sich ergehen zu lassen, denn sie hatte auch Angst, von den Möwen angeknabbert zu werden. Manne kannte sich dabei aus: Riesenkrabben waren nicht anders als andere Tiere auch und wussten genau, wenn sie aufgeben sollten. Er startete den Hubschrauber und hob mit Rudolf ab – in Richtung Zoo. Derweil wurde das Seehundbecken im Zoo evakuiert, damit die Riesenkrabbe für das Erste dort ausgesetzt werden könnte.

 

Jetzt war alles in schönster Ordnung: Von Harrys Herzen fielen nicht nur Felsblöcke, sondern ganze Berge. So ein kleiner und harmloser Ausflug, und so viele Scherereien. Er dankte den Beamten und drückte seine Kinder ganz fest: Was hatte er doch für wunderbare Prachtexemplare der Gattung Hirsch.

 

Gabi, Alena und der kleine Tyll beobachteten das ganze Spektakel von der Steilküste aus. Auch hatten die Beamten inzwischen die Presse informiert und die Fotografen machten Fotos. Es gab dann doch noch ein weltweites Presseecho. Und weil Harry und seine ganze Hirschfamilie so tapfer waren, konnte er mit Exklusivinterviews doch noch eine Menge Geld scheffeln.

 

Die Riesenkrabbe Rudolf wurde im Zoo ein ganz zutrauliches Tier: Während der Eisbär Knut umso wilder war, je älter er wurde, so wurde Rudolf immer zahmer und lieber. Er wusste, dass er nun nicht mehr mit wilden Tieren und harten Kerlen wie Harry und seinen Kindern kämpfen musste. Nun hatte er es gut, bekam jeden Tag zwei Heringe und seine Scheren wurden auch einmal die Woche abgespült.

 

Warum aber Rudolf so einen goldenen Brustpanzer gehabt hatte, soll ein anderes Mal erzählt werden.


4.    Warum der Hummer schwarz wurde

 

‚Ostsee!’, wie eine gewaltige Verheißung aus Sonnenschein, Abenteuer und Lebenslust stand es vor der kleinen Hirschfamilie. Erst letztes Wochenende hatten sie die Riesenkrabbe besiegt. Schon am gleichen Tag bekam Papa Harry einen großen Vorschuss für ein Buch über die ganze Geschichte. Der Reporter S.G.B., er wollte ungenannt bleiben, sollte dafür Harry befragen und aus den einzelnen Interviews ein Buch herausgeben.

 

Vielleicht sollte sogar ein Fortsetzungsroman daraus entstehen, wer konnte es schon sagen. Denn eines war klar: Von einer Hirschfamilie, die solche Helden wie Fritjoff, Alena, Tyll und vor allem Pandy hervorbrachte, war für die Zukunft noch Einiges zu erwarten. Na, jedenfalls war die Hirschfamilie so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nach diesem gewaltigen Abenteuer nochmals Urlaub nötig hatten.

 

‚Ostsee!’, die Kinder waren begeistert. Dragomir wollte sein Wochenendhaus, das nun eine solche Berühmtheit erlangt hatte, wieder zur Verfügung stellen. Schon atmeten sie wieder die herrliche Ostseeluft ein – mit dem würzigen Geschmack des Herbstes noch dazu. Wie immer kümmerten sich die Eltern gemeinsam um den Haushalt, während die Kinder schon die Sachen für den Strand packten. Doch eines war anders als am letzten Wochenende: Sie sollten auf die Eltern warten, das wurde ihnen gesondert eingeschärft. Harry und Gabi waren vorsichtig geworden. Zu plötzlich tauchte die Riesenkrabbe letztes Wochenende auf: Wer weiß, was nun kommen würde?

 

Gemeinsam stiegen sie den steilen Felsweg, gleich links neben den berühmten Kreidefelsen, hinab. Freundlich lachten ihnen die Möwen entgegen, die Sonne nahm frohgemut ihren Lauf.

 

Es war um die Mittagszeit. Gabi hatte einen prallgefüllten Picknickkorb mitgenommen und eine Decke dazu. Diese breitete sie nun langsam aus. Alle sollten endlich gemeinsam darauf Platz finden. Tyll und Alena gingen gleich an den Strand, die beiden Großen, Fritjoff und Pandy, liefen geradewegs in die geheimnisvolle Grotte, dorthin also, wo sie die Riesenkrabbe zum ersten Mal sahen.

 

Harry blickte zuerst auf seine heiß geliebte Ehefrau, die sich munter und ein Lied summend zu schaffen machte; dann schaute er versunken auf das Meer. Alles passte. ‚Ach, ist das herrlich’, dachte er. ‚Sonne, Sand und Meer. Und die Familie lebt und ist zuversichtlich wie zuvor.’

 

Gerade wollte er seiner Gazelle den Nacken kraulen, mit dem rechten Ende seines Geweihes, seiner Lieblingsecke, die schon ganz blank poliert davon war, da sah er etwas höchst Ungewöhnliches. ‚Eine Wand’, blitzte es durch seinen harten Hirschschädel, ‚eine Wand im Meer?’ Er rieb sich die Augen. ‚Eine Wand im Meer?’ Das konnte es doch gar nicht geben, oder?

 

Leider war er etwas eitel, so dass er seine Brille wieder einmal zu Hause gelassen hatte. Sonst hätte er sogleich gesehen, in welcher Todesgefahr seine Familie wieder einmal zusteckte. Harry blinzelte nun noch mal seine Frau an, dann wieder auf das Meer hinaus. Er rieb sich nochmals die Augen. ‚Eine Wand im Meer?’ Die Wand schien immer näher zu kommen. Näher und näher. Nun zog sich auch noch das Meer zurück. Das bemerkten auch Alena und Tyll. Sie schauten erst sich an, dann ihre Eltern.

 

Harry erkannte nun die Todesgefahr und schrie: „Eine Monsterwelle! Lauft um Euer Leben!“ Gabi fiel in Ohnmacht, als sie das hörte. Harry spurtete sofort los, packte Tyll bei den Pampers und gab Alena das Zeichen, sie solle sofort den Felsweg hoch laufen. So laut er konnte, rief er Fritjoff und Pandy. Gabi rappelte sich wieder auf, aschfahl um die Nase.

 

Nun stürmten sie alle den steilen Felsweg gemeinsam hinan. Die Monsterwelle kam näher und näher und wurde größer und größer. Niemand sprach auch nur eine Silbe. Vollkommenes Schweigen. Die Möwen waren verschwunden, auch das Meer toste nicht mehr. Alles schien auf den geballten Aufprall der Monsterwoge zu warten.

 

Da, nun waren sie oben angelangt. Wie gut, dass Harry das Haus nicht ordentlich verschlossen hatte. Flugs waren sie in der Küche angelangt. Dann hörten sie das gewaltige Krachen der Monsterwelle an der Felswand. Das Meer schlug so hoch, dass das ganze Haus umspült wurde. Dann hörten sie einen lauten Schlag auf dem Dach, so, als wäre etwas ganz Großes aufgeschlagen.

 

Sie atmeten auf. Nichts war offensichtlich kaputt gegangen. Alle Glasscheiben waren ganz geblieben. Und: Sie lebten! Tyll machte sich zwar in die Hosen, aber er hatte ja die Pampers umgeschnallt. Harry umarmte seine lieblichste Gazelle der Welt. Schon glaubten sie, das Schrecklichste hinter sich zu haben.

 

Das Meerwasser lief immer noch langsam mit vielen Blasen an den Verandascheiben herunter. Dann krachte es erneut. Ein Teil des berühmten Rügener Kreidefelsens war heruntergefallen. Wer hätte das gedacht: Eine Riesen-Welle in der Ostsee!

 

Sie wollten gerade wieder an die frische Luft gehen, als sie das vierte Krachen innerhalb von 10 Minuten hörten. Etwas ganz Großes begann sich aufzurappeln. Da: Greifarme versuchten die Fensterscheiben der Veranda zu umtasten, die Füße eines ganz großen Hummers waren zu sehen, eines zunächst gelb-braunen noch dazu, die waren ganz besonders gefährlich.

 

Alle dachten sofort: ‚Oh nein, nicht schon wieder! Muss das jetzt schon wieder sein?’ Sie hatten ja erst eine Woche zuvor die Riesenkrabbe besiegt. Jetzt war es offensichtlich wieder ein Untier aus den tiefsten Tiefen des Meeres, das ihnen zusetzte. Harry blickte traurig seine Frau Gabi an, die wiederum schaute auf ihre Kinder. Jetzt war guter Rat sehr teuer.

 

Schnell ging Gabi in die Küche, holte alle Töpfe heraus – natürlich möglichst leise – und gab sie den Kindern. Für alle Fälle sollten sie bewaffnet sein und sich nicht kampflos dem Kommenden ergeben. Harry bewunderte ihren weiblichen Instinkt für das Naheliegende außerordentlich und gab seiner Angetrauten einen Kuss auf die Nasenspitze. Gabi errötete und sah damit noch süßer aus.

 

Das Dach des Wochenendhauses begann nach und nach einzusinken. Irgendwann würde das Untier sie erdrücken. Es krachte und krachte, mal stärker, mal weniger stark. Bald würde es endgültig einstürzen. Sie mussten etwas tun: Aber was?

 

„Papa?“, hörte Harry ein dünnes, fast tonloses Stimmchen sagen. „Ja, mein Schatz“, wendete sich Harry seiner Jüngsten zu. „Ich werde es machen!“ Harry rann der Schweiß herunter, ihm wurde zunehmend heiß. Da stand seine einzige Tochter, mit ihren süßen Zöpfen, ganz zart, ein allerliebstes kleines Rehkitz.

 

Der Reihe nach blickte er sich um. Alle schienen verzagt. Tyll war auf der Toilette, während Mama ihm die Pampers wechselte. Fritjoff schaute zu Boden. Pandy seufzte tief und war nicht ansprechbar, sondern den Tränen nahe. Es war zu viel für einen kleinen Hirsch: Zweimal den Helden spielen innerhalb von einer Woche, das war nicht drin. Alle waren mit ihren Gedanken bei dem schrecklichen Ungeheuer auf dem Dach: Was würde es als Nächstes tun?

 

Nun hatte es die erste Scheibe eingedrückt, einfach mit ungeheuerlicher Kraft mit zwei Greifarmen zerbröselt. Alena war wild entschlossen, geradezu todesmutig: „Ich werde es so machen wie Pandy mit der Riesenkrabbe – einfach einwickeln!“ Alena zeigte schon mit wenigen Monaten eine ungewöhnliche Begabung, ihre Rehkitz-Puppen anzuziehen und zu verzieren. Papa erwiderte: „Aber Kind, womit einwickeln? Wir haben doch kein Netz!“ Aber auch daran hatte Harrys kleine Tochter schon gedacht: „Mit Pandys Hochseeangel, Papa.“ Harry streifte kurz ein Glücksgefühl, das er für seine Alena noch nie gehabt hatte. An sich ein stilles und schüchternes Kind, immer hilfsbereit, auch für undankbare Arbeiten. Und nun eine wahrhafte Heldin. „Ja, richtig, mein Kind. Die Angelschnur ist aus reißfestem Nylon. Damit kannst du es bestimmt schaffen!“

 

Harry war nun beruhigt. Seine Tochter zeigte eine Seite ihres Charakters, die er noch nicht kannte. Sehr mutig war sie. Schon fast zu reif und entschlossen für eine Aufgabe, deren Tragweite sie noch gar nicht verstand. Aschfahl war sie, aber in ihren Augen blitzte wilde Entschlossenheit. Schon hatte sie die Angel von Pandy an sich genommen und ließ sich von ihm zeigen, wie sie zu handhaben sei.

 

Sie besprachen kurz den Plan: Eltern und Kinder sollten in der Küche mit den Töpfen Lärm schlagen, um das Untier abzulenken; währenddessen sollte Alena mit der Angel nach draußen stürmen. Dann sollte sie die Angel mit Bleilot und Angelhaken schwingen und um den Hals des Hummers schleudern. Sobald der Haken sich verfing, sollte sie eilends vielmals um das Haus herumlaufen und den Hummer einwickeln. Der Hummer sollte an dem Ferienhaus von Dragomir fest gezurrt werden wie ein Fischerboot am Landungssteg.

 

Papa gab Alena einen Kuss auf die Stirn und segnete sie. Ihr kleines Rehkitz-Herz schlug höher und höher. Alle schwiegen und beteten. Sie wussten: Nur Alena konnte es schaffen. Alena blickte sie alle der Reihe nach an. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie vielleicht ihre Familie gerade jetzt zum letzten Mal sah. Sie wollte schon losheulen, da streichelte Gabi sie, wie schon als Baby, ganz zart am Bauchfell. ‚Ah’, dachte sie, das tat gut, so gut.

 

Nun war keine Zeit zu verlieren. Die Kinder schwangen die Kochlöffel und dreschten ohrenbetäubend auf die Töpfe ein. Mama Gabi flocht noch schnell die beiden Zöpfe zu einem Haarkranz zusammen. Denn die Gefahr bestand, dass sich ihre niedlichen Zöpfe in der Angelschnur verfingen. Der Riesen-Hummer schien erst abzuwarten und blieb ganz ruhig. Dann krabbelte er auf das Dach der Küche und hüpfte auf und nieder. Offensichtlich wusste der Hummer bis dahin nicht, wo die Beute versteckt war. Nun wusste er es. Geradewegs wollte der Hummer das Dach durch sein Wippen zum Einsturz bringen.

 

Nun musste schnell gehandelt werden. Alena stürmte durch die Haustür, die Papa für sie leise geöffnet hatte. Harry hauchte noch schnell ein „Wir sind unendlich stolz auf Dich!“ hinterher, da stürmte sie schon schnell hinaus. Sie schaute kurz nach oben, um sich zu vergewissern, wo der Hummer sitzen würde. Dann schwang sie schon die Angel und wollte loslegen. Dabei fiel ihr ein, dass sie noch nie einen Angelhaken geworfen hatte. Da erinnerte sie sich an Tiger Woods, der Weltranglistenerste beim Golf: Auf die richtige Drehung kam es an, das hatte sie im Fernsehen gesehen.

 

Sie sah in Gedanken den weltbesten Golfer, wie er den Schläger schwang, sich dabei eigentümlich drehte und dann den Ball traf. Sie wusste alles über Tiger Woods. Alle seine Poster hatte sie in ihrem kleinen Kämmerchen zu Hause im Wald. Sie wurde ganz ruhig. Wer hätte gedachte, wozu die Schwärmerei eines kleinen Rehkitzes für den weltbesten Golfer gut war. So wie er, machte sie es auch: Sie schwang die Angel, drehte sich mit der Tiger-Woods-Drehung und ließ das Bleilot samt Haken los.

 

Das Bleilot schnurrte blitzschnell los und traf dabei den Kamin. Alena hatte getroffen, nur nicht den Hummer, sondern den Schornstein der Veranda. ‚Au weia’, schoss es Alena durch den Kopf. ‚Aber egal’, dachte sie, ‚getroffen ist getroffen.’ Nun rannte sie um das Haus herum und verknotete blitzschnell die Fangarme und Beine des Hummers. Runde um Runde hetzte sie um das Untier herum. Sie bemerkte dabei gar nicht, dass der Plan haargenau aufgegangen war. Voller Todesmut wollte sie ihrer Familie helfen und entwickelte dabei ungeahnte Energien. Sie war sogar noch schneller als der amtierende Weltmeister im Schelllauf, ihr kleiner Bruder Tyll.

 

Bald war die Angelschnur zu Ende. Nun verkeilte sie die Angel mit dem Schnurende im Kaminsims. Es stellte sich nun heraus, dass es noch viel besser war, den Kamin mit dem Angelhaken getroffen zu haben, als wenn sie den Hals des Hummers erwischt hätte. So konnte der Hummer nicht ausweichen.

 

Der Hummer bemerkte zuerst von dem Einwickel-Manöver gar nichts. Zu sehr war er damit beschäftigt, dass Dach zum Einsturz zu bringen. Und das unter lautem Stöhnen und Triumphgeheul. Der Hummer war sich seiner Sache ganz sicher, zu sicher. Alena wiederum verknotete die Arme und Beine des Hummers so sanft und leicht, wie es zarte Rehkitz-Hufe nur vermögen. Doch einmal musste die Stunde der Wahrheit schlagen: Der Hummer saß gefangen fest.

 

Heinz, der Hummer, war nun augenscheinlich verwirrt. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Ein kleines Rehkitz umschwirrte ihn so behände und flink, dass Heinz schwindelig wurde und gar nicht wusste, was los war. Dann packte ihn die kalte, eiskalte Wut. Mit aller Kraft versuchte er sich aufzubäumen. Er zerrte und riss an den Nylonschnüren, so dass diese sich noch tiefer in seinen Fangarmen und Beinen verfingen und diese tief einschnürten. Heinz war erschrocken: Er saß fest und war gefangen.

 

‚Sollte ich wirklich der erste Riesen-Hummer sein, der auf einem Wochenendhaus auf Rügen an Land festsitzt?’, fragte er sich. Heinz dachte an seine Verwandten draußen im Meer, weit vor Rügen. Wahrscheinlich würden sie ihm jetzt zusehen. Wenn sie davon hörten, würden sie seinen Namen aus ihrem ewigen Hummergedächtnis streichen. Schande hätte er seiner Familie gebrachte. Ein gewaltiger Riesenhummer, gefangen von einem kleinen Rehkitz, wer hatte schon einmal von so etwas gehört.

 

Nun packte ihn nicht mehr die kalte Wut, sondern der blanke Hass. Er wurde schwarz vor Hass und Todesverachtung. Sollte er sterben, sei es drum, aber diese Hirschfamilie mit ihm. Er wollte nicht ausgelacht werden und erst in das Meer zurück, wenn er seine Feinde verspeist hätte. Von der Schnur freikommen war nicht möglich, er musste den Kamin zum Einsturz bringen. Nun hopste er, so viel Spielraum hatte er, mit seinem dicken Panzer auf und nieder.

 

Schon bekam der Kamin Risse. Papa Harry schaute bewundernd auf seine einzige Tochter. Flink und mutig wickelte sie den nun Schwarzen Hummer ein. Schon glaubten sie, endlich freizukommen. Dann aber steigerte sich das unheimliche Hopsen des Schwarzen Hummers. Harry sah, wie der Kamin immer breitere Risse bekam. Nun musste er das Äußerste wagen. Er ließ aus allen Gashähnen das Gas heraus. Sein Plan war einfach, aber genial. Sie mussten das Haus als Bombe benutzen. Haus voll Gas, anzünden und – bumm! Wer aber dabei was tun sollte, wusste er noch nicht. Aber es musste ganz schnell gehandelt werden. Nun bewaffnete er seine Familie mit scharfen Messern, nicht für den Hummer, sondern für die Nylonschnüre. Alena hatte ja das ganze Haus eingeschnürt, auch die Haustür. Sie mussten also die Nylonschnüre durchtrennen, damit war der Hummer praktisch frei. Dann schnell hinter die nächste Felswand. Dann musste das Haus in Brand geschossen werden, damit das Gas explodierte. Nur: Wer sollte das Gas explodieren lassen?

 

Aber egal: Sie husteten schon wegen des Gases in der Luft. Nicht mehr viel und sie würden ersticken. Schon hatte er die erste Schnur durchtrennt. Aber es waren mindestens hundert. Seine Kinder halfen mit, aber verloren schnell die Kraft. Das Gas tat sein übles Werk. Der nun Schwarze Hummer tat sein Übriges, gleich war er bei ihnen. Nur noch wenige Zentimeter und das Dach würde sie zerdrücken. Da sah Harry die drei Partyfackeln. Schnell entzündete er sie alle drei. Damit verbrannte er die Nylonschnüre einfach. Schon waren sie frei und rannten zu Alena, nahmen sie mit hinter den nächsten großen Baum. Bis zum Felsen reichte es nicht.

 

Papa wollte nun die Fackeln in die offene Tür werfen und sich dann hinter die große Regentonne aus Granit werfen, ein altes Erbstück von Dragomirs Drachendynastie, eigentlich ein altes Drachen-Bier-Fass. ‚Würde sein Plan überhaupt aufgehen?’, fragte sich Harry. Das Gas musste inzwischen überall entweichen, nicht nur durch die offene Haustür. Harry rannte los. Niemand sah, was er tat, denn alle versteckten sich hinter dem großen Baum, einer alten Eiche. Nur Gabi blickte kurz auf und schickte ein Gebet gen Himmel.

 

Harry stolperte, fiel ganz hin, nur noch eine Fackel brannte. Mit letzter Kraft raffte er sich auf, warf mit Leibeskräften die Fackel zur Tür herein, sprang dann gleich hinter das Bier-Fass. Schon machte es ‚Kawumm’. Mehr wusste er dann auch nicht mehr, denn er verlor sein Gehör. Die Explosion war ohrenbetäubend und nichts für empfindsame Hirsche. Er blickte sich um, zu dem Baum. Der stand noch, aber war ganz verkohlt. Er hatte die Gasleitung zur Explosion gebrachte und die führte an dem Baum vorbei. Von Heinz, dem Schwarzen Hummer, war nichts mehr zu sehen. Nur ein Fangarm segelte schnurstracks auf die Wiese, die auch ganz verkohlt war. Der Hummerpanzer verfing sich in der alten, nun auch ganz schwarzen, weil verkohlten, Eiche.

 

Er hatte gewonnen und lebte. Aber auch seine Familie? „Gabi, Alena, Tyll, Pandy und Fritjoff – lebt Ihr noch?“, wisperte er sehr, sehr leise. Er glaubte ja, zu brüllen, weil er für einige Zeit das Gehör durch die Explosion verloren hatte. Er hörte keine Antwort. Er sah auch nichts mehr, vor Tränen, die nun kamen. Schon machte er sich große Vorwürfe: Sein Plan war gewiss genial, aber wäre es nicht besser gewesen, aufgefressen zu werden – wenigstens noch gemeinsam? Sein Leben schien nun keinen Sinn mehr zu machen.

 

Wie benommen vor Seelenschmerz robbte er langsam zu dem Baum hin. Überall stank es nach Asche und Verbranntem. Auch nach Fisch, besser gesagt nach Hummer. Da kam ihm seine einzige Tochter entgegengelaufen. Beide Zöpfe nun wieder frei von dem Haarkranz. Seine Augenweide kam ihm langsam entgegen und bewegte langsam ihre Schnauze und bekam ganz große Augen. Sie sprach augenscheinlich mit ihm, aber er konnte nichts verstehen. War es nur ein Traum? Harry versuchte aufzustehen, aber er konnte nicht. Nun merkte er, dass er gar nicht aufstehen konnte. Ein Huf war fast abgerissen, und er hatte viel Blut verloren. Jetzt konnte er die großen Augen seiner Jüngsten verstehen: Sie hatte zuerst gesehen, dass er schwer verletzt war.

 

Alle kamen so schnell wie möglich zu ihm, umringten ihn und streichelten ihn. Harry fühlte keine Schmerzen, sondern freute sich nur namenlos: Seine Familie lebte! Alle bewegten die Lippen, aber er hörte immer noch nichts. Gabi sah ihn entsetzt an. Alle waren gesund, nur Papa Harry war deutlich angeschlagen. Nun begann er wieder, langsam, ganz langsam zu hören. Zuerst hörte er den Hubschrauber, der auf der verkohlten Wiese landete. Dann seine Gabi, die ihm ins Ohr hauchte: „Ich liebe Dich!“ Dann streichelten ihn seine Kinder und schauten ihn mitleidig an.

 

Die Sanitäter gaben ihm zwei Spritzen, wickelten ihn in eine Decke und hoben ihn auf eine Bahre. Dann verlor Harry das Bewusstsein und wachte erst wieder auf, als er gut operiert war und schon fast wieder gehen konnte. Alena lächelte ihn an und sprach aus, was alle dachte: „Papa, du bist der Größte!“ Nun gab es kein Halten mehr. Alle weinten und umarmten den weißbandagierten Harry. Sogleich kam S.G.B. in das Zimmer und bot Harry einen neuen und noch viel besseren Vertrag für ein neues Buch an, den Harry auch sofort unterschrieb.

 


5.    Der große Schneesturm

 

Es war wieder einmal ein Samstagnachmittag. Harry und Gabi und alle Kinder – Fritjoff, Pandy, Alena, Tyll und natürlich auch die Jüngste, Katharina – saßen um den Küchentisch und aßen Kuchen.

 

Es war nicht irgendein Kuchen, den sie gerade essen wollten, sondern Pandys Lieblingskuchen: Rhabarber-Sahne-Krümmelchen-Torte. Das war eigentlich ein kleines Wunder, so eine eigenartige Torte Mitte November herzustellen. Woher sollte man denn eigentlich Rhabarber nehmen? Sahne war ja nicht so schwierig. Die dicke Berta von Kai und Konrad, den beiden Bullen, gab das ganze Jahr über Milch. Und daraus wird durch heftiges Schlagen dann Sahne. Es war die zarte Alena, die von allen am heftigsten Sahne schlagen konnte. Wenn sie Wut hatte, und selbst so ein zartes Persönchen wie Alena bekam welche, drosch sie einfach auf die Milch mit dem Schneebesen so lange ein, bis daraus Sahne wurde. Dann musste man sogar aufpassen, dass aus der Sahne nicht auch noch langsam Butter wurde, denn aus Sahne kann man auch Butter schlagen, wenn man lange genug den Schneebesen schwingt…

 

Na ja, Alena hatte heute Vormittag nicht so sehr viel Wut gehabt, genauer gesagt, war sie wie ein Lämmchen brav und folgsam gewesen, so dass Mama – obwohl sie sich natürlich sehr über das ausgeglichene Temperament ihrer ältesten Tochter freute – etwas Angst um die Sahne hatte. Wenn Alena nicht genug Kraft hatte, dann nützt es natürlich nichts, die arme Milch stundenlang zu schlagen, wenn es zu langsam geht. Also musste Mama ihre Älteste ein bisschen auf die Schippe nehmen und sprach: „Alenalein, wenn du so weiter machst, wird die Sahne nicht steif, sondern sauer!“ Aber Alena wurde darüber nicht wütend, sondern erst recht traurig. Sie kämpfte ja schon seit fünf Minuten mit der Materie und doch wurde es nichts. Dann aber fiel ihr wieder ein, wie Robert, der Rabauke aus ihrer Klasse, sie gestern an ihren Zöpfen zog, so dass sie ganz unordentlich wurden: Sofort war sie in Rage – und sofort war die Sahne steif.

 

So wundersam wie Rhabarber im November waren auch die Krümmelchen. Krümmelchen sind ganz zarte, handgetauchte kleine Mini-Kekse aus Sansibar. Sansibar liegt in Afrika. Und dort wohnt Tante Käte, die Krähe, eine Verwandte von Gabi. Wie nun eine Krähe mit einer Gazelle wie Gabi verwandt sein kann, ist wieder eine andere Geschichte. Jedenfalls schickte Käte ihrer Nichte Gabi immer Krümmelchen zu Weihnachten, die nie länger lebten als bis zum zweiten Weihnachtstag, so gut schmeckten sie. Diesmal hatte Käte eine Extraportion zugeschickt, mit Luftpost versteht sich, die am Freitag, also gestern, ankam. Sofort wollten sich alle Familienmitglieder darauf stürzen, aber Gabi verteidigte das kostbare Gut tapfer gegen alle Angriffe. „Nein“, sprach sie, „die ist für Pandys Torte!“ Sprach’s und legte sie vor Siegfried hin, dem deutschen Schäferhund. Mit dem war nicht gut Kirschenessen, aber er mochte Krümmelchen nicht und bewachte sie deshalb gut. Als Deutscher war er sehr diszipliniert, ordentlich und sittsam. Auch sprach er Deutsch. Das hatte Pandy als Erster entdeckt. Sagte man zu ihm „Siegfried, fass!“, so biss er auch gleich zu. Also musste er zumindest Deutsch verstehen. Und sagte man zu ihm: „Bello!“, so bellte er herum. Also sprach er auch Deutsch.

 

Jedenfalls saßen sie um den Küchentisch herum, sangen das Tischgebet – diesmal besonders inbrünstig in Erwartung der Leckerei –, da wurde es auf einmal zappenduster. Ist es dunkel, kann man die Hand vor den Augen sehen. Ist es duster, so kann man noch ein brennendes Streichholz vor den Augen erkennen. Ist es aber zappenduster, so ist kein Licht mehr zu erkennen, auch nicht vor den Augen.

 

Die Hirschfamilie bekam es mit der Angst zu tun. Papa Harry räusperte sich: „Kann mal jemand das Licht einschalten?“ Darauf Tyll: „Wie denn, Papa? Wir sehen doch nicht mal, wo der Schalter ist.“ Tyll hatte Recht. Nun rächte sich, dass Gabi ihm seit einer Woche die Windeln nicht umschnallte. Vor Angst machte er sich buchstäblich in die Hose. Auch Katharina, das allersüßeste und allerneueste Rehlein der ganzen Welt, wimmerte, weil sie nicht wusste, was geschehen war.

 

Ja, was war geschehen? Keiner wusste es genau. Es war wohl dunkel geworden, eben zappenduster. Mehr wussten die Hirsche samt Gazelle nicht. Auch Siegfried, der deutsche Schäferhund, wusste es nicht, nur, dass er plötzlich eingeschneit war. Ja, die Dunkelheit kam von einer gigantisch großen Schneewolke, die in sekundenschnelle alles samtig weiß bedeckte, eben auch alle Fenster der Waldbewohner. Und leider auch alle Strommasten, die dann ob der Last wie Streichhölzer einknickten.

 

Gabi fasste sich ein Herz. Als gute Hausfrau hatte sie immer alles in ihrer Schürze, auch Streichhölzer. Sie griff nun zu und erinnerte sich an die Kerze auf dem Tisch. Schnell entzündete sie das Licht und allen wurde warm ums Herz. Pandy sagte nur: „Mama, du bist die Beste!“, und wollte dann schnell von der Torte essen. Da sah er das ernste Gesicht seines Vaters, als er zu Gabi rüberschaute, und ließ die Kuchengabel sinken.

 

„Gabi, danke“, sagte Harry. ‚Gabi’ sagte er nur immer dann, wenn etwas Ernstes vorgefallen war oder ärgerlich über seine Angetraute war. „Gabi, wir müssen überall nachsehen, was geschehen ist. Ich habe eine schreckliche Ahnung.“ Nun heulte Katharina laut auf, auch der Geruch aus Tylls Hose war nicht mehr zu über riechen. Fritjoff eilte nach oben, zu den Kinderzimmern, Mama in die Küche und Pandy in den Keller. Papa Harry wollte zu Siegfried gehen, um nach dem Rechten zu schauen, aber er bekam die Tür nicht mehr auf. ‚Merkwürdig’, dachte Harry, ‚sehr merkwürdig.’

 

Alena fiel zuerst auf, dass der Kamin ausgegangen war. „Papa“, rief sie ganz laut, „der Kamin ist aus!“ Sofort kam Papa angespurtet, wie sonst selten, er war nicht der sportliche Typ. „Alena, mein Schatz, du hast Recht. Uhh, dann haben wir ein Problem!“ Allen wurde klar, dass sie nicht nur von der Aufregung her kalt wurden, sondern auch, weil seit gut einer halben Stunde der Kamin nicht mehr brannte. ‚Warum wohl?’, schoss es Pandy durch den Kopf. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „Mama, es kommt Schnee durch den Kamin“, rief Tyll, als ihm Mama gerade die neuen Pampers umschnallte. Tyll hatte Recht. Leise rieselte der Schnee auf die Stelle, wo vorher einmal ein Feuer brannte.

 

Nun wurde es um Papas Herz herum ganz flau. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte. Offensichtlich waren sie eingeschlossen – von einer Wand aus Schnee. Deshalb konnte er die Tür nicht mehr aufbekommen und deshalb rieselte der Schnee durch den Kamin – das ganze Haus war offenkundig eingeschneit. Da war nun guter Rat teuer. Sie konnten nicht nach draußen und konnten nicht mehr heizen. Auch bestand die Gefahr, dass die Schneemassen sie erdrückten. Was tun? Harry fasste sich ein Herz und dachte an Gott. Nun wurde ihm warm und er sprach: „Meine Lieben, lasst uns beten. Irgendetwas wird uns dann schon einfallen!“ Mama zündete eine zweite Kerze an, und sie fassten sich an den Händen. Gabi hatte vorher allen jeweils drei Pullover gegeben und zwei Decken sowie zwei Paar dicke Wollsocken. Wenn sie schon erfrieren sollten, dann wollten sie bis dahin möglichst lange leben.

 

Harry begann mit dem Gebet und bat jeden einzelnen, auch mit Gott zu sprechen. Alle legten ihre Anliegen vor Gott hin, wenn auch sehr verschieden. Harry und Gabi wollten nicht nur die Bewahrung für ihre Familie, sondern für den ganzen Wald, der sicher genauso von der Schneegewalt betroffen war, wie sie selbst. Alena dankte für die schöne Woche und wollte, dass Siegfried, der deutsche Schäferhund, gerettet wird. Tyll fiel ein, dass er an den Hallenmeisterschaften im Schnelllauf nur dann teilnehmen konnte, wenn der Schnee wieder weg wäre. Katharina konnte nicht viel sagen, weil sie noch zu klein war und stammelte: ‚Mama, Papa – lass gut sein, liebel Gott’. Fritjoff dachte an seinen besten Freund Gontolf, den wandernden Gottesanbeter. Pandy war es, der an den Drachen Dragomir dachte und sprach: „Lieber Vater im Himmel, hilf auch Dragomir, dass ihm nichts Schlimmes widerfahren ist.“

 

„Dragomir“, entfuhr es Papa, „das ist die Lösung!“ Alle Gesichter hellten sich auf. Ja, genau: Eben hatten sie sich zum Gebet hingesetzt, und nun hatte Gott durch den Mund von Pandy geantwortet. Dragomir, der starke und Feuer speiende Drache, konnte ihnen helfen. Aber wie sollten sie mit ihm sprechen, waren doch alle Wege tief verschneit? Alena hatte die zündende Idee: „Papa, ruf ihn doch einfach an!“ Gesagt, getan. Sofort griff er zum Telefon, aber die Leitung war tot. Die Überlandleitung war wohl von den Schneemassen erdrückt worden. Schon knarrte es im Gebälk, die Schneemassen auf dem Dach machten sich bemerkbar.

 

„Aber Harry, wer wird denn gleich aufgeben wollen?“, sagte Gabi zu ihrem Angetrauten. „Schau her, mein neues Satellitentelefon für alle Notfälle wird uns schon helfen.“ Während Gabi selbstbewusst Dragomirs Nummer eintippte, zog auf Harrys Gesicht eine Kummerfalte nach der anderen auf. ‚Was aber, wenn eine Verbindung weder zum Satelliten noch zu Dragomir hergestellt werden kann?’, dachte er sorgenvoll, aber biss sich auf die Lippen, um nur ja die Stimmung nicht wieder zu drücken. „Oh Harry, Dragomir ist nicht da oder aber die Verbindung kann nicht hergestellt werden.“ Nun war also der schlimmste aller Fälle, der so genannte Hirsch-Super-Gau, eingetreten, auch RieProkeiZeitundkeiPei-Fall genannt: Riesen-Problem, keine Zeit und keine Peilung.

 

„Papa“, piepste Alena, „Papa, höre mal kurz zu, ich habe eine Idee.“ Wieder war es sein liebstes und ältestes Töchterlein Alena, die sich sanft zu Wort meldete. „Schau mal: Wenn einer den Kamin hoch klettert und den Schnee wegkratzt, dann ist er auf dem höchsten Punkt des Hauses: dem Schornstein. Dann muss es doch gelingen, gell!“ Das ‚Gell’ hatte sie von ihrer besten Brieffreundin Brunhilde, denn die kam aus Bayern. Dort ist die Welt noch in Ordnung und dort sagt man ‚gell’, wenn ein Berliner sagen würde: ‚Verstehste, ay?’ „Ja, mein Schatz, das ist wohl unsere letzte Rettung“, entfuhr es Harry und sogleich war er entsetzt darüber, dass er mehr sagte, als er wollte.

 

„Nur wer soll dort nach oben kraxeln?“ Auch Papa Harry hatte gewisse verwandtschaftliche Beziehungen nach Bayern – ein Onkel mütterlicherseits war Platzhirsch im Freilassing, nun ausgestopft im Münchener Hofbräuhaus. Dort sagt man statt ‚klettern’ ‚kraxeln’, wobei das ‚A’ von ‚kraxeln’ lang gedehnt wird – wie so Vieles in dem Freistaat, in dem die Welt noch in Ordnung ist. „Ja, Papa, ich dachte mir, dass es Tyll ist“, dem darauf hin prompt ein Pups in seine frisch umgeschnallten Pampers entfuhr. „Ich?“, fragte Tyll entgeistert. „Ja, du“, meinte tapfer Alena. „Katharina ist noch zu klein, aber du bist genau richtig. Gell, brauchst nur den Schnee wegkratzen und Dragomirs Nummer drücken.“ Auch das ‚brauchst nur’ ist typisch bayrisch: Weil die Welt dort in Ordnung ist, braucht man nicht einfach gut Deutsch sprechen, wie im restlichen Deutschland, aber lassen wir diese Betrachtungen der bayrischen Eigenheiten und wenden wir uns Wichtigerem zu.

 

Aller Augen schauten nun auf Tyll, der nicht wusste, ob er darauf stolz sein sollte oder lieber anfangen sollte, zu heulen. Er entschied sich für ersteres und behielt die Tränen in seinem Knopfloch. Mama Gabi gab ihm einen dicken Schmatzer auf beide Wangen, so dass es nur so knallte, und einen großen Löffel für das Eiskratzen in die Hand. Währenddessen machte sich Harry schon mit der Kaminschaufel im Kaminschacht zu schaffen, um seinem jüngsten Sohn den Weg nach oben zu erleichtern. Harry wusste genau, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Luft im Haus verbraucht war, weshalb sie keine Zeit zu verlieren hatten. In der Aufregung der vergangenen halben Stunde – mehr Zeit war nicht seit der plötzlichen Dunkelheit vergangen – vergaß die ganze Hirschfamilie zwar nicht das Atmen, aber die Kälte. Die selbst gestrickten Pullover aus Biberwolle verfehlten ihre Wirkung nicht.

 

Tyll legte schweigend los und kratzte wie ein Weltmeister. So schnell er zu Fuß war, so schnell war er auch schon am Dach angelangt. Und jetzt war er endlich oben und atmete frische Waldluft, jedenfalls war es Luft, wenn auch der Wald nicht zu sehen war, bis auf wenige Baumwipfel. Schon griff er das Handy und drückte die Nummer von Dragomir: D-R-A-G-O-M-I-R. Keine Antwort. Er versuchte es ein zweites Mal. Wieder keine Antwort. Nur das Rauschen des eiskalten Nordpolarwindes über ihm. Nun gab es kein Halten mehr: Er fing an zu weinen. Nun erst fiel der Groschen. Er hatte vergessen, die PIN-Nummer einzugeben. Das Handy war also gar nicht eingeschaltet. Eine Verbindung zu Dragomir konnte also gar nicht hergestellt werden. Er versuchte es ein drittes Mal. Und er hörte einen müden Drachen.

 

„Bist du es Tyll, der mich mitten in der Nacht stört?“ Dragomir war also gerade erst aufgewacht und hatte wohl von den Schneemassen gar nichts mitbekommen. „Ja, Dragomir, ich wollte Dich nicht wecken. Wir brauchen Deine Hilfe, wir sind total eingeschneit. Wenn du uns nicht hilfst, müssen wir sterben!“ Dragomir wurde bei den letzten Worten von Tyll hellwach. „Sterben, mein Kleiner, müssen wir alle, aber jetzt doch noch nicht. Ich komme sofort zu Euch.“ Sprach’s  und wollte schon losfliegen, als Tyll laut und energisch wurde. „Dragomir, halt, warte. Kannst du überhaupt zu uns kommen? Wahrscheinlich bist auch du eingeschneit. Sage mir, ob du durch den Bergwerkseingang überhaupt kommst.“ „Tyll, du hast Recht“, sprach Dragomir, „bleib’ dran, ich will schauen.“ Im Hintergrund hörte man, wie der Drache versuchte das Bergwerkstor zu öffnen. Es gelang ihm nicht. Nun hörte Tyll, wie der Drache laut und vernehmlich fluchte. „Tyll, mein kleiner Kerl, hast du gehört, was ich gerade gesagt habe?“ „Ja, leider Dragomir“, sagte Tyll. „Tut mir leid, kleiner Kerl, entschuldige bitte“, meinte Dragomir, „das ist mir so rausgerutscht“. „Ist nicht so schlimm“, antwortete Tyll, „das passiert mir auch.“

 

„Ich werde über den Schlot zu dir kommen, kleiner Kerl: Wie hoch liegt denn bei Euch der Schnee?“ Tyll erwiderte: „Bis zu den Baumwipfeln.“ „Dann müsste es ja gut klappen. Aber ich kann das Handy nicht mitnehmen, weil es im Schlot zu eng und zu heiß ist. Ich bin ja gleich bei dir.“ „Gut“, sagte Tyll, „dann schalte ich das Handy jetzt aus. Der Akku ist ohnehin gleich eingefroren.“ ‚Wie auch mein Huf’, dachte Tyll. Von ferne sah er, wie ein Feuerschweif aus dem Bergwerk, der ein erloschener Vulkan war, schoss. Er freute sich riesig und wollte schon Mama und Papa anrufen, da stand auch schon Dragomir vor ihm. Nun krachte und knackte es aber gar sehr: Dragomir war einfach zu schwer für das Dach und das auch noch mit den Schneemassen zusammen. Deshalb stieg er sofort wieder in die Luft und flatterte vor Tyll. „Hey, Tyll“, rief Dragomir bestens gelaunt Harrys Jüngstem zu. „Hey, Drago“, erwiderte Tyll, während er verzweifelt gegen den gewaltigen Luftsog von Dragomirs Flügeln kämpfte. „Könntest du bitte etwas höher fliegen und mir sagen, wie es weitergehen soll: Bitte!“ Der alte Kämpe namens Dragomir antwortete: „Na klar, entschuldige bitte, dass ich Dich fast umgeweht habe. Was hältst du davon, wenn ich den Schnee um das Haus einfach wegblase?“ Tyll dachte kurz nach und meinte zu Dragomir: „Na ja, dann werden die Schneemassen auf die anderen Tiere im Wald verteilt und denen geht es dann nicht besser. Willst du nicht lieber den Schnee nach oben wirbeln und ihn dann mit Deinem gewaltigen Feueratem schmelzen? Sofort würde der Schnee angesaugt werden und schmelzen und in der Polarkälte zu einem großen Eisturm gefrieren. Statt in die Weite würde der Schnee in die Höhe gebracht werden.“

 

„Mensch, du kleiner Kerl: Das ist genial“ Dragomir war so begeistert, dass er den kleinsten Hirschen von Harry zu einem Menschen werden ließ, auch Drachen sind ja nur Menschen, ich meine Tiere. Sogleich tat er, wie ihm geheißen. Dragomir hatte gesehen, wie Tyll schon fast blau gefroren war. In seiner Begeisterung schuf er den schönsten Eisturm der Welt, mit Aussichtsplattform. Tyll war wie von Sinnen. So einen schönen Turm, ganz allein für ihn. Silbern schimmerte der Turm im Mondlicht, denn der Mond war nun aufgegangen und die Sterne am Himmel glänzten hell.

 

Harry machte sich Sorgen. Er hatte schon mitbekommen, dass etwas auf dem Dach seines Hauses landete. Aber er konnte nicht wissen, was es gewesen war. Nun versuchte er, mit einem anderen Handy, dem von Alena, seinen Jüngsten zu erreichen. Das Satellitentelefon in Tylls Hand vibrierte, woraufhin dieser sich so erschreckte, dass er es glatt fallen ließ. Tyll bekam einen Riesenschreck. Es kullerte auf dem Dach hin und her, das nun vollkommen trocken und frei von Schnee war. Das Handy stoppte bei einem roten Stück Fell. „Dragomir, du hast Erich, das Eichhörnchen, mit eingefroren!“ „Oh“, gab Dragomir zu, „das wollte ich nicht, entschuldige bitte.“ Der geneigte Leser wird sogleich bemerkt haben, dass Dragomir nicht nur stark war, sondern auch sehr höflich und etwas schüchtern. Seine gute Kinderstube verdankte er Herrn Dietmar und Frau Dietlinde Drache, seinen Eltern. Seine Schüchternheit dagegen stammte von Dagobert, dem Einsiedler, einem Onkel mütterlicherseits.

 

Sofort hauchte er die Stelle warm an, in der Erich eingeschlossen war. Erich war zwar noch etwas blau hinter den Ohren, aber dennoch sofort klar im Kopf. „Danke, Dragomir, altes Häuslein, das war total piesematokelhaft“, was in der Sprache der Waldbewohner des Staatswaldes Nr.1 so ungefähr besagen sollte: ‚Alles echt knorke’, was in der Sprache der neunziger Jahre so viel heißt wie heute: ‚Echt alles roger, man.’ In der DDR-Sprache heißt dies übersetzt: ‚Echt schau, du.’

 

Das Handy vibrierte immer noch, denn Harry ließ nicht locker und wollte wissen, was mit seinem Jüngsten los sei. Tyll griff sich das Handy erneut und drückte die grüne Taste – und siehe, es war die richtige. „Tyll, mein Süßer, alles in Ordnung?“, wollte Harry wissen. „Na klar, Papa, alles piesematokelhaft“. Harry fiel ein Stein vom Herzen, ach was, zehn Felsen. Am strahlenden Gesicht von Harry konnte die gesamte Hirschfamilie sehen, dass alles offenbar bestens lief da draußen. Plötzlich hörten sie ein lautes Heulen, wie von einem verzweifelten Köter.

 

Richtig, es war Siegfried, der deutsche Schäferhund. Im Eifer des Gefechtes sog Dragomir auch Siegfried an und hatte keine bessere Verwendung für ihn als die oberste Spitze seines Turmes. Erst wusste Siegfried nicht, wie ihm geschah, dann sah er herunter und gewahr, dass er doch recht hoch hinaus geführte wurde. Es fiel ihm nun nichts Besseres ein, als sein bestes Deutsch loszuwerden und bellte jaulend laut auf.

 

Dragomir hörte das Jaulen natürlich sofort und schuf Abhilfe. Schnell flog er zu seinem gewaltigen Turm hinauf und befreite Siegfried von der Aussichtsplattform. Dieser schleckte ihn dafür dankbar ab, Dragomirs lange Ohren zuerst, so dass sie vom Geifer ganz steif froren in der Polarkälte. Schon landete er vor Harry, der die Haustür vorsichtig öffnete. Nun gab es kein Halten mehr. Die ganze Hirschfamilie stürzte sich auf Dragomir und herzte und küsste ihn überglücklich. Drago war der Held des Tages – und sollte der Held des ganzen Waldes werden.

 

Denn Tyll brachte es auf den Punkt. „Drago, was ist mit dem ganzen Rest?“ Tyll meinte, dass der ganze Wald ja vom Schnee bis zu den Baumwipfeln hoch bedeckt war. Zweifellos waren alle Waldbewohnter in Todesgefahr. „Du hast recht, Tyll“, erwiderte Dragomir, „Manometer, das wird aber schwierig.“ „Gar nicht schwierig“, meldete sich wieder einmal Alena zu Wort. Sie hatte wieder eine zündende Idee: „Was wäre, wenn du alle zehn Drachen der ganzen Welt zusammenrufen würdest. Die ersten fünf wirbeln den Schnee einfach in die Luft und die anderen fünf Drachen speien Feuer, so dass der Schnee als Regen in Afrika hernieder fällt?“ Alena war heute so gut drauf, dass alle nicht wenig erstaunt waren.

 

„Alena, mein Schatz, das ist der beste Einfall, den du je gehabt hast, wunderbar. Wenn Onkel Drago mitmacht, werden ihm alle Tiere des Waldes unendlich dankbar sein. Und in Afrika haben sie endlich Regen. Was meinst du, Drago?“ Dragomir war etwas zurückhaltender als Harry, denn er musste ja alle Drachen der Welt zusammenrufen, und das würde nicht so einfach sein. Nach einigem Zögern bat er Gabi und flötete: „Gabi, gibst du mir mal kurz Dein Satellitentelefon?“ Natürlich half Gabi dem Dragomir gerne aus. Schon in einer halben Stunde waren alle Drachen versammelt. Dragomir war ja schon da. Hinzu kamen noch – nach Alter geordnet – Dagobert, Dieter der Erste, Dieter der Zweite, Dussel, Dietmar (Dragomirs Vater), Dangalf, Dungalf, Dingalf und Dongalf.

 

Nun hatte Dragomir seine Verwandtschaft beisammen. Alle sprachen wirr durcheinander, bis Drago sie zur Ordnung rief: „Liebe Freunde, äh, liebe Anverwandte, ich habe Euch über das Telefonometer, äh, über den Telefonapparat von Frau Gabi gerufen, weil der Wald auf das Schröcklichste, äh, Schrecklichste von Schnee bedroht ist – wie Ihr ja sehen könnt. Alena, die junge Dame hier an meiner rechten, äh, linken Seite hatte einen blendenden Einfall: Fünf Drachen sollen mit ihren gewaltigen Schwingen den Schnee aufwirbeln und fünf sollen den aufgewirbelten Schnee mit ihrem Feuerrachen in Regen verwandeln und nach Afrika blasen. Verstanden?“ Dragomir, der Drache, war augenscheinlich sehr nervös und versprach sich ständig. Er war eben sehr schüchtern, wie schon gesagt.

 

Dragomir hätte besser nicht fragen sollen, ob die Drachen seine Rede verstanden hätten; denn nun setzte ein Drauflos-Brabbeln ein, dass es selbst in Bayern, wo ja bekanntlich die Welt noch in Ordnung ist, nicht gegeben hat. Dietmar aus Bayern, sein Vater, meinte auch sogleich: „Söhnlein, wooas, host’ gesgt? Bloasn soll iih?“ Drago schwante Übles und erwiderte: „Vater, wir müssen erst noch entscheiden, wer Feuer blasen soll und wer seine Flügel schwingen soll.“ Die Vierlinge Dangalf, Dungalf, Dingalf und Dongalf erwiderten: „Ah geh, komm’ schon her, Didi. Koanst mit uns bloasn.“ Auch diese Vierlinge kamen aus Bayern, wo die Welt ja bekanntlich in Ordnung ist: Dietmar, Dragos Vater, aus Hintertupfingen, die Vierlinge aus Vordertupfingen.

 

Gesagt, getan. Die Hirschfamilie ging in ihr Haus. Erich, das Eichhörnchen, und Siegfried, der deutsche Schäferhund, gingen gleich mit, um nicht weggeblasen zu werden. Damit nicht die vielen Waldtiere gleich mit in dem Feuersturm der Drachen verbrannt würden, hatten sich die Drachen überlegt, dass sie erst in den oberen Schichten der Wolken den Feuersturm blasen würden, wohin die schweren Tiere – alle Tiere sind ja schwerer als Schneeflocken – nicht folgen konnten.

 

Und nun gaben die Drachen ihr Bestes: die einen erzeugten einen gewaltigen Aufwind mit den Flügeln, so dass der gesamte Schnee wieder in die Luft wirbelte; die anderen bliesen mit Feueratem den Schnee als Regen nach Afrika, wo sich die Menschen gar sehr über das viele Wasser vom Himmel freuten. Auch sah der Wald danach so besenrein gekehrt aus, wie sonst nie wieder, denn auch alle Laubblätter flogen in die Luft. Viele Waldtiere, fast alle Vögel, wurden mit nach oben geblasen, aber konnten sich sehr schnell in Sicherheit bringen. Auch waren sie sehr froh, dass der Schnee weg war, denn für viele wurde es nicht nur sehr kalt, sondern sie bekamen auch keine Luft mehr. So fand alles ein gutes Ende.

 

Nachdem sie so wunderbar gewirkt hatten, kamen die zehn Drachen wieder zu Harry und Gabi, um sich zu verabschieden. Und das war ein Halali und Hallo. Alle Tiere des Waldes wollten sich bedanken, was den Drachen gar nicht recht war, denn dann konnten sie ja nicht Feuer speien oder mit den Flügeln schlagen, sonst würden die Federn der Waldvögel ja durch den Feuerqualm versengt und die anderen durch die Luft gewirbelt werden. So fiel ihnen das Bravsein gar schwer und sie trollten sich ganz schnell wieder. Jeder Drache bekam aber ein Stück der Rhabarber-Sahne-Krümmelchen-Torte und einen Kuss der ganzen Hirschfamilie. Und Dragomir durfte die Nacht über weiter feiern.

 


6.    Harry und Gabi im Urwald

 

Es war an dem Sonntag, als Harry feststellte, dass alle Mitglieder der Hirschfamilie so ziemlich erschlagen waren von dem schrecklichen Schneesturm in der Woche davor. Harry sagte: „Ich verstehe, dass wir alle noch gefesselt von der schrecklichen Geschichte von vor einer Woche sind. Was haltet Ihr davon, wenn wir alle zusammen in den Urwald fahren zu Tante Elsbeth, der alten Elefantendame? Die freut sich sicher riesig auf uns und außerdem hat sie so schöne Negerküsse, die schmecken lecker.“

 

Pandy war der erste, der antwortete: „Au fein, Paps, das klingt total voll super. Aber wenn ich dir das sagen darf: Es heißt heutzutage nicht mehr  ‚Negerkuss‘, sondern ‚Schokoladenkuss‘.“ Papa war gar nicht böse, sondern stolz auf seinen Jungen, der genau wusste, wo es lang ging. „Na klar, Pandy, ich weiß doch auch, dass man nicht mehr ‚Negerkuss‘ sagt, weil ja die Menschen schwarzer Hautfarbe nichts dafür können, dass Schaumküsse mit Schokoladenüberzug so gut schmecken und nach ihnen benannt werden. Aber du warst eben auch noch nie bei Tante Elsbeth – die macht wirklich Schaumküsse, die aussehen wie Menschen schwarzer Hautfarbe.“

 

Pandy wusste genau, wann er seinem Vater nicht widersprechen sollte. Und dies war so ein Augenblick, denn sein Vater war besonders dann nicht sehr zugänglich, wenn er sich eine solche Mühe gab, etwas genauestens zu erklären. Pandy schwieg also ziemlich laut vor sich hin und stellte sich den Schaumkuss von Tante Elsbeth vor: Ein dicker schwarzer Bauch und innen drinnen herrlich leckerer Schaum der Milch von Ziegen und Schafen, also ein bisschen würziger als seine tägliche Milch von Berta, der dicken Kuh.

 

Auch alle anderen Familienmitglieder hingen so ihren Gedanken nach. Gabi überlegte sich, was sie im Urwald anziehen sollte. Fritjoff dachte an das Krokodil Kolja, von dem er schon viele Fotos gesehen hatte; dessen Milchzahn trug er ja die ganze Zeit um den Hals. Katharina träumte von Windeln aus Kokosblättern, die so ganz samt weich sein sollten, weil sie vorher stundenlang von Elsbeth getreten worden waren. Tyll wiederum wollte mit Willy, dem schnellsten Leoparden der Savanne, um die Wette laufen und überlegte schon, wie er trainieren könnte.

 

Nur Harry war es, dessen Mienenspiel echte Sorgen verriet. Vor einer Woche erst hatten sie die große Schneekatastrophe überlebt. Und nun wollten sie, durch ihn angeregt, in den Urwald: War das nicht ein noch viel größeres Abenteuer? Zwei Erwachsene, eine Gazelle und ein Hirsch, und fünf zum Teil ganz kleine Rehkitze und Hirschlein – konnte das gut gehen? Und wie sollten sie nach Afrika kommen – ihre monetären Reserven waren aufgebraucht, sie mussten also die günstigste Variante wählen: den Drachenflug.

 

Ja, Dragomir, der Drache, musste wohl wieder einmal einspringen und für den Flug sorgen. Dazu musste ein tragbarer und um Drago festschnallbarer Behälter gefunden werden, in den sieben Huftiere passten und jede Menge Kleidung, sieben Fallschirme und das Geschenk für Tante Elsbeth. Ach ja, Elsbeth. Die wusste ja noch gar nichts von ihrem Glück. Vielleicht war sie gerade im Urlaub oder unpässlich, bei so alten Leuten wusste man ja nie…

 

Harry geriet fast schon in Panik. Gabi kannte ihren Gaten wie eine Gazelle jeden Grashalm am Lieblingswasserloch in der Savanne. Natürlich sah sie ihm an der leuchtenden Nasenspitze sofort an, was los war: Ja, Harrys Nasenspitze leuchtete wie bei Rudi, dem Renntier. „Harry, mein Schatz, was hast du denn?“, fragte Gabi ihn etwas scheinheilig. Harry wusste als ebenso gelernter Gatte, dass sie ihn augenblicklich durchschaut hatte und es keine Ausflüchte gab. „Ja, äh, meine Liebe, äh, …“ Weiter kam Harry gar nicht, denn Gabi unterbrach ihn. „Schatz, du machst dir sicher Sorgen wegen Tante Elsbeth. Das brauchst du doch gar nicht. Weißt du, ich habe doch schon mit ihr gesprochen. Sie ist da und freut sich schon riesig auf uns. Auch konnte sie mir gleich die nächste Drachenverbindung nennen.  Dangalf ist gerade auf dem Durchflug von Alaska über Schottland nach Afrika und kann natürlich auch einen Abstecher zu uns nach Deutschland machen. Mach‘ dir also keine Sorgen, alles ist okay!“

 

Gabi, die Gute, hatte wieder einmal ihr geradezu sprichwörtliches Organisationstalent bewiesen. Einfach klasse, seine Gattin. Nur ihr Orientierungsvermögen war schrecklich. Gewiss würde sie sich schon gleich bei der ersten Palme verlaufen. Na ja, jeder hat halt seine Schwächen. Harry war nun richtig erleichtert und sagte: „Mein Liebste, danke für deine Hilfe! Das hast du ja wieder super geregelt. Vielleicht sollte ich Dangalf über dein Satellitentelefon erreichen?“ „Nimm lieber den Drachenfunk, Schatz, darüber ist er immer leicht erreichbar.“ „Stimmt, Gabi, der Drachenfunk.“

 

Harry hasste den Drachenfunk. Der war so schrecklich altertümlich, so, wie bei den ganz alten Kurbeltelefonen halt. Er nahm das Drachentelefon in seine beiden Hufen und kurbelte erst einmal zehn Minuten wie wild, ehe er eine Verbindung bekam. Wahlweise musste er kurbeln, um sich danach sofort den Hörer an die Ohren zu halten, denn nur so konnte er hören, ob schon eine Verbindung hergestellt war.

 

„Hallo, hier die Vermittlungsstelle. Bitte, mit wem spreche ich?“, fragte ihn eine Stimme aus der Hörmuschel. „Ja, äh, hier ist Harry, äh“, sprach Harry. Vor lauter Verlegenheit machte er viele Fehler und versprach sich. „Habe ich Sie richtig verstanden: Ich spreche mit Herrn Harry Äh?“, flötete die Elster am anderen Ende der Leitung. „Nein, äh, Fräulein vom Amt, sie sprechen mit Harry Hirsch aus Deutschland. Ich möchte gerne mit dem Drachen Dangalf verbunden werden. Können Sie das bitte für mich regeln?“ Harry hatte nun seine Fassung wieder gewonnen und seine Stimme war klar und deutlich, wenn auch mit einem leichten Lispeln, das seine unterschwellige Nervosität verriet.

 

Edwine, die Elster, konnte das natürlich regeln, denn dafür war sie ja angestellt. „Ja, Herr Hirsch, natürlich kann ich das für Sie regeln! Wenn ich es Ihnen sage, drücke Sie bitte auf die Taste ‚1‘ ihres Drachentelefons und dann sind Sie verbunden, ja?“, fragte Edwine freundlich. „Ja natürlich, Fräulein“, antwortete Harry erleichtert. Gespannt wartete er auf das verabredete Zeichen. Das aber ließ auf sich warten. So fing Harry an, mit Gabi zu sprechen. Da plötzlich hörte er das Wort ‚Eins‘, aber es war nicht Edwine, sondern Pandy, der seine Gattin fragte, ob er einen Pullover oder lieber zwei mitnehmen sollte. Nun war es um Harry geschehen. Er drückte die Taste ‚Eins‘ und die Verbindung war gestört.

 

Harry ärgerte sich schwarz. Nun musste er von neuem beginnen und die junge Dame vom Amt musste ihn für einen alten Narren halten, der noch nicht einmal bis eins zählen konnte, geschweige denn eine Taste bedienen. Harry wurde rot. Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er kurbelte wie verrückt, so dass beinahe dieselbe abgebrochen wäre. „Ja, hallo, hier die Vermittlungsstelle. Bitte, mit wem spreche ich?“ „Mit Harry, natürlich, dem Hirschen. Entschuldigen Sie, aber mein Sohn sprach im Hintergrund und da griff ich zu“, wollte Harry sich rechtfertigen. „Wie meinen Sie das, mein Herr: Haben Sie ihm etwas getan?“ Edwine war außer sich. War sie etwa Zeugin eines gewalttätigen Übergriffes geworden? „Nein, mein Fräulein, ich griff doch nur die Taste zur falschen Zeit.“ „Na, dann sagen Sie es doch gleich. Dann ist es ja gut, Herr Hirsch, dann ist ja gut. Versuchen wir es ein zweites Mal, ja?“

 

Harry war das Ganze vollkommen oberpeinlich, und er wäre gerne in den Boden versunken, aber leider stand Gabi neben ihm. Und das wäre ihm noch peinlicher vor ihr gewesen, wenn er im Boden feststeckte und nur noch sein Geweih schaute heraus…  Also musste er sich zusammenreißen und die Zähne zusammenbeißen, was ihm gut gelang, denn er hatte noch die zehnten (Anmerkung: Hirsche können bis zu zehn Mal Zähne bekommen, so dass Karies praktisch keine Rolle für sie spielt, anders als bei kleinen Kindern). Locker bleiben, sagte sich Harry, ganz locker bleiben. „Ja, natürlich. Versuchen wir es nun ein zweites Mal“, versuchte Harry möglichst ruhig und nüchtern anzumerken.

 

„Dann möchte ich Sie bitten, nur auf mein Kommando hin bei ‚Eins‘ auf die Taste ‚Eins‘ zu drücken“, klang es hoheitsvoll aus dem Hörer. „Ja natürlich, junge Dame. Nicht dann wenn mein Sohn ‚eins‘ sagt, sondern dann wenn Sie es sagen.“ Harry hörte im Hintergrund, wie das Fräulein von der Telefonzentrale mehrmals versuchte, Dangalf zu erreichen. Immer wieder schien es, als hätte sie ihn dran, dann aber blieb es nur bei den Hintergrundgeräuschen des Tastendrückens und Kurbelns der jungen Dame. Das alles dauerte endlose lange Minuten, die Harry vorkamen wie Ewigkeiten. Er war gespannt wie ein Flitzebogen, denn er wäre wirklich in den Boden versunken, wenn er wieder einen Fehler gemacht hätte.

 

Dann aber war es so weit: „Ja, hallo, wer ist denn da? Bist du es, Drago?“ „Nein, ich bin es, Harry.“ „Ach du bist es, Harry. Ich kann dich so schlecht verstehen, ich fliege gerade über Grönland in einem Schneesturm. Was kann ich für dich tun?“ Dangalf beherrschte die Kunst, in einem Schneesturm zu fliegen und gleichzeitig ein Handytelefonat zu führen, was eigentlich verboten ist. Aber er konnte es tun, weil er sein Handy an seinem Bauch festgeschnallt hat und über eine Freisprechanlage verfügte. „Na, Dangalf, was hältst du davon, bei uns heute Abend einzukehren, bei einem Glas Drachenbier und Pfannkuchen mit Drachenblut?“ Harry versuchte, Dangalf langsam und schonend darauf vorzubereiten, dass er die ganze Hirschfamilie nach Afrika fliegen sollte.

 

Dann war die Verbindung unterbrochen. Harry hörte nur noch ein Tuten, dann gar nichts mehr. Das Fräulein vom Amt räusperte sich und fragte: „Ist wieder etwas dazwischen gekommen?“ Harry war immer noch ganz irritiert. „Nein, junge Dame, diesmal habe ich nichts getan, was falsch gewesen wäre. Er war nur ganz plötzlich weg.“ Mitleidig erwiderte Edwine: „Na, Herr Hirsch, wird schon werden. Kann ja jedem mal passieren.“ „Nein, mein Fräulein, dafür kann ich diesmal wirklich nichts.“ „Macht doch gar nichts, Herr Hirsch.“ Offensichtlich dachte das Fräulein vom Amt, das Harry ein Trottel war und wollte ihn einfach ein bisschen trösten. Darüber war Harry wiederum untröstlich und wusste nicht, was er sagen sollte.

 

Da unterbrach Edwine ihn in seinen trübseligen Gedanken: „Herr Hirsch, ich habe mit meinem GPS-Ortungssystem nachgeforscht. Dangalf ist etwas vom Weg abgekommen, wohl durch den Schneesturm. Die Verbindung war wohl zu schlecht. Keine Sorge, ich kann ihn weiterhin versuchen, anzurufen, und Sie dann später benachrichtigen.“ „Das wäre klasse. Ich habe heute den Drachenfunk zum ersten Mal benutzt und hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend ist.“ „Ja, Herr Hirsch, das ist nicht so einfach. Der Drachenfunk gewährleistet aber auch fast immer eine Verbindung hoch in den Himmel – fast so gut wie ein Gebet.“ „Ja, Fräulein, da haben Sie recht – fast so gut wie ein Gebet, nur dass die Gebete niemals unterbrochen werden und man auch nicht durch das Kurbeln ins Schwitzen gerät, hahaha.“ Harry wollte seine Unsicherheit etwas überspielen und versuchte, herzhaft zu lachen, was ihm aber nicht so gut gelang. Edwine meinte aber gutmütig: „Ja, Herr Hirsch, ganz der Alte, nun haben Sie wieder gut lachen. Ich werde mein Bestes versuchen.“ Harry bedankte sich artig: „Ja, super, vielen herzlichen Dank. Dann erstmal noch einen schönen Abend, Fräulein.“ „Nennen Sie mich doch nicht immer ‚Fräulein‘. Ich heiße Edwine Krähenfuß!“ „Oh, angenehm. Dann noch einen schönen Abend, Fräulein Krähenfuß.“

 

Nun war wieder einmal guter Rat teuer. Was sollte er tun? Genaueres wusste er nicht und konnte also somit auch nicht planen. Wie so häufig stand ihm seine liebe Gattin zur Seite, die ihn aufmuntern wollte. „Ach Harry, mach‘ dir keine Gedanken. Irgendwie kommen wir schon nach Afrika. Dieses oder nächstes oder übernächstes Wochenende, das spielt doch keine Rolle. Hauptsache, wir haben uns lieb und allen geht es gut.“ Harry gab seiner besseren Hälfte, wie man so sagt, recht und sprach: „Ja, mein Gabilein, es wird schon werden.“ Sie versammelten sich inzwischen am Abendbrottisch, als plötzlich das Telefon klingelte – einmal kurz, zweimal lang, das verabredete Zeichen für den Drachenfunk.

 

Harry spurtete sofort los und wäre beinahe hingefallen.  „Hier Frau Krähenfuß von der Drachenfunk-Zentrale. Spreche ich mit Herrn Harry Hirsch?“ „Ja, natürlich, Frau Krähenfuß“, freute sich Harry und passte nun ganz besonders auf, dass er nichts falsch machte. „Herr Hirsch, ich verbinde“, wurde Edwine nun amtlich: „Bitte tun Sie nun gar nichts, sondern warten bitte nur ab, ja?“ Harry konnte den zweifelnden Unterton von Edwine nicht überhören und bestätigte mit einem lauten ‚Jawohl’. Schon war er mit Dangalf verbunden. „Harry, altes Haus, tut mir Leid vorhin. Wir hatten einen schlimmen Schneesturm und da ging wirklich gar nichts mehr. Jetzt bin ich gerade über Hamburg und in zehn Minuten bei dir. Stell‘ doch schon mal das Drachenbier kalt, ja?“ Harry war natürlich über die unerhörte schöne Wendung überglücklich und antwortete sogleich: „Super, Dangalf, natürlich bist du herzlich willkommen. Und wir wollten ohnehin gerade zum Abendbrot essen. Es gibt auch dein Lieblingsessen: Geröstete Kartoffeln mit Peperoni in Käse-Sahne-Soße.“ Nun kannte Dangalfs Vorfreude keine Grenzen mehr. „Käse-Sahne-Soße, sagst du? Na dann bin ich schon in fünf Minuten bei dir.“ Sprach’s und setzte zum Landeanflug an.

 

Derweil teilte Harry den unerwarteten Besuch von Dangalf mit, was allgemeinen Jubel auslöste, bei Gabi allerdings auch leichte Bestürzung. „Harry, bist du verrückt? Die gerösteten Kartoffeln isst er doch ganz allein zur Vorspeise. So viele Kartoffeln haben wir doch gar nicht!“, zischte sie ihm leise zu, damit es die Kinder nicht hören sollten. Gabi war ob der plötzlichen Gastfreundlichkeit ihres Gatten richtig empört. Harry aber meinte nur: „Aber meine Liebe, wer will denn gleich so böse werden? Dangalf ist weit gereist und soll uns doch nach Afrika fliegen. Da ist es doch nur normal, wenn wir ihm wenigstens ein Abendbrot spendieren, oder?“ „Da hast du natürlich Recht, aber wenn er nichts zu essen bekommt, wird er ärgerlich auf uns werden.“ „Lass mich nur machen“, beschwichtigte Harry seine Frau, „ich werde das schon regeln.“

 

Sprach’s und öffnete die Haustür, um den Landeanflug seines späten Gastes zu beobachten. Pandy hatte gerade das Räucherfass für diese Fälle angezündet, das sie immer bereithielten, denn sie hatten häufig Drachen zu Gast. Dangalf kam ihm Sturzflug über das Dach geflogen, etwas zu tief, wie es Harry schien. Ja, drei Ziegel nahm er mit, die schallend zu Boden krachten und Kasimir, den Kater, von der Mäusejagd aufschreckten. Mit lautem Quietschen kam Dangalf zum Stillstand. Nicht umsonst hieß Dangalf mit Spitzname ‚Bruchpilot‘.

 

Dangalf rappelte sich schnell wieder auf, nur der Schaden, den seine Bruchlandung verursachte, dürfte nicht so einfach zu beheben sein. Eine richtige Einflugschneise in den Wald hatte er hinterlassen. Da und dort qualmte es sogar, weil er mit den Pfoten versucht hatte zu bremsen. Deshalb rochen die Seinigen auch so richtig schön streng nach verbranntem Drachenhorn. Auch ein Flügel schien etwas in Mitleidenschaft gezogen zu sein. Dafür war Dangalf guter Dinge und freute sich auf das Festmahl bei Harry und Gabi.

 

Harry war der erste, der sich fasste und räuspernd drückte er das Willkommen seiner Hirschfamilie aus: „Dangalf, altes Häuschen, wie geht’s und steht’s denn so?“ „Na sehr gut, Harry. Tut mir leid das mit den umgeknickten Tannen, Fichten und Birken. Aber du weißt ja, das mit den Landungen ist nicht so meine Sache“, sagte Dangalf reumütig und blickte alle lächelnd an. Alle hatten Verständnis, selbst Alena, die die Baumschonung mühevoll bepflanzt und bewässert hatte. Auch ihr alter Teddy lag dort begraben. „Hi, Dangalf, hast du mir etwas mitgebracht?“, fragte sie lauthals und alle Kinder umringten ihn sofort. Dangalf hatte immer etwas ganz Ausgefallenes für die Kinder mitgebracht, deshalb, aber nicht nur deshalb, war er so beliebt bei ihnen. Diesmal hatte er ihnen allen kandierte Schneeflocken mitgebracht, eine grönländische Spezialität, die er im Vorbeifliegen mitgenommen hatte.

 

Gabi gab dann das entscheidende Stichwort: „Lieber Dangalf, sei herzlich willkommen bei uns. Komm‘ nur herein!“ Dabei schaute sie erwartungsvoll auf Harry, denn der hatte ja versprochen, für das leibliche Wohl von Dangalf zu sorgen. Harry tat so, als hätte er den Blick seiner Gattin nicht gesehen. Harry nämlich hatte sich überlegt, mitten im November ein großes Lagerfeuer aufzuschichten und dort viele hundert Kartoffeln, mit Alufolie beschichtet, unterzubringen.  Ein Sack allerbester Frühkartoffeln sollte wohl den allerstärksten Drachen zufrieden stellen. Ja, Dangalf gehörte zu den Drachen der Kategorie ‚***‘, also drei Sterne für Kraft, Stärke und Power, also für das Gleiche. Auch Dragomir gehörte dieser Kategorie an, wobei Drago noch stärker war, auch weil er besser fliegen konnte.

 

Während nun Dangalf mit Gabi, Alena, Katharina und Tyll in die Küche ging, um sich zu stärken, baute Harry mit seinen beiden ältesten Söhnen Fritjoff und Pandy das Lagerfeuer auf. Das war nicht schwierig. Beide Kinder liebten es, im Wald Unmengen an Reisig und totem Holz zu sammeln. Und weil sie einen riesigen Garten hatten, war es auch ganz einfach, das viele Holz aufzuschichten und zu stapeln. Schon dutzende Male hatten die drei Lagerfeuer errichtet, allein in diesem Jahr war es sechs. So waren sie also geübt und kamen schnell voran. Harry holte den Sack Kartoffeln, während die Kinder die letzte Hand an das Holz legten.

Schon begann das Feuer zu brennen. Die Flammen schlugen hell in die sternenklare Nacht. Funken wirbelten in die Luft. Pandy und Fritjoff hatten die Aufgabe, den Funkenflug genauestens zu beobachten, damit nichts schief gehen konnte. Harry holte Dangalf und die anderen Familienmitglieder aus dem Haus. Dangalf war bester Dinge. Nun sollte er nach fast vierundzwanzig Stunden endlich etwas hinter die Kiemen bekommen: Röstkartoffeln, seine Lieblingsspeise.

 

Drinnen machte sich Gabi zu schaffen und richtete den Abendbrottisch festlich her. Dangalf hatte bis dahin noch nicht erfahren, dass er die Harry-Hirsch-Familie nach Afrika fliegen sollte. Er würde sicher auch nichts dagegen haben. Aber sie wollte ihn auch nicht überfallen, sondern ihm Gastfreundschaft erzeigen. Derweil brannte das Lagerfeuer lichterloh. Papa, Pandy und Fritjoff hatten, wie nicht anders zu erwarten war, ganze Arbeit geleistet. Katharina und Tyll staunten nicht übel, als sie das bisher größte Feuer ihres noch jungen Lebens sahen. Und Alena war so gut aufgelegt, dass sie anfing zu tanzen. So einen richtigen Feuertanz, ganz ausgelassen und anmutig, wie es eben nur ein kleines Rehkitz von gerade einmal acht Jahren konnte. (Anmerkung: Natürlich ist ein Rehkitz von acht Jahren nicht mehr jung und knusprig, sondern in Wirklichkeit schon steinalt, aber die Harry-Hirsch-Familie ist ja auch eine ganz besondere.)

 

Dangalf war bester Dinge. Er ahnte schon, dass etwas ganz Besonderes in der Luft lag und wartete darauf, bis Harry mit ihm darüber sprechen würde. Ja Harry war ein echter ‚Knuff‘, wie man in Drachenkreisen sagen würde, also einer, der andere nicht ausnutzte, sondern auf fast altmodische Art behutsam vorging. Deswegen klappte auch das meiste, was er tat. Wahrscheinlich lief es wohl auf eine abermalige Reise nach Afrika hinaus – wie schon in der Vergangenheit nicht selten. Mit der Harry-Hirsch-Familie zu reisen war meistens recht lustig und immer sehr angenehm. Sicher, manchmal gab es auch Streit, aber nur um Kleinigkeiten. Natürlich wollte jeder der kleinen Hirsche hinter seinem linken Ohr sitzen und mit ihm über dieses und jenes auf der Fahrt sprechen. Auch begehrt war das Platz gleich hinter der Nackenspitze: Von dort hatte man immer die beste Aussicht.

 

Nachdem sich Dangalf nun von Herzen gelabt hatte und so richtig pappsatt war, ging es wieder nach drinnen. Nun aßen auch die anderen alle, und es wurde einander freundlich zu geprostet. Das Drachenbier mundete Dangalf köstlich, und Gabi befürchtete, bald gar nichts mehr davon zu haben. Aber Harry hatte beizeiten schon für reichlich Nachschub gesorgt. Nun konnte Dangalfs Laune nichts mehr trüben. Die beste Zeit also, von ihrem Vorhaben zu berichten. Es war die kleine zarte Alena, die vor Neugier schier zerplatzte und nicht mehr an sich halten konnte. Sie prustete los: „Onkel Dangalf, wir wollen nach Afrika, nimmst du uns mit?“ Aller Augen warteten auf dem riesigen Drachen, der sich in der Küche pudelwohl fühlte, wenn er sich auch wie eine Zieharmonika zusammengefaltet hatte. „Na klar, meine liebe Alena, ich muss ja sowieso dorthin. Es macht mir doch immer eine große Freude, mit solchen netten Leuten wie euch zusammen zu sein.“ Harry war die Erleichterung anzusehen. Zwar wusste er auch, dass dieser Freundesdienst schon zu erwarten war, aber gerade deshalb wollte er es nicht als selbstverständlich ansehen.

 

„Ja, meine Kinder und du, liebe Frau, da wollen wir ihm zusammen schon mal alle ‚Danke‘ sagen.“ „Danke“, erscholl es aus sieben Kehlen, von ganzem Herzen. Nun ging es um die Einzelheiten des Fluges. Sie wollten im Morgengrauen um vier Uhr starten, dann nämlich, wenn die Winde oberhalb der Wolkendecke am stärksten waren. Dangalf war zu groß, um im Haus zu übernachten, deshalb wurde er im Garten mit alten Decken und Kartoffelsäcken überhäuft. Das reichte aber nur aus, um seine Schwanzspitze zu bedecken. Der Rest trotzte der Polarnacht, denn es war immer noch so kalt, wie am Wochenende zuvor, als der Staatswald Nr.1 mit Schnee vollkommen bedeckt war. Dangalf machte das alles gar nichts aus. Seine Drachenhaut war allein 20 Zentimeter dick, dahinter kam eine 10 Zentimeter dicke Fettschicht. Schon allein die Schuppen seines Panzers waren bestens geeignet, ihn vor Kälte und Hitze und allem anderen zu schützen. Ein Wunder war es nur, wie er sich mit diesem gewaltigen Gewicht, das jeden Bullen schier platt drücken würde, würde Dangalf sich auf ihn legen, in die Lüfte erheben konnte. Dafür sorgten seine beiden großen Flügel aus Drachenhaut, die, ganz modern, mit Neopren überspannt war.

 

Dangalf war hundemüde und schlief sofort ein. Er schnarchte so laut, dass Siegfried, der deutsche Schäferhund, die Ohren einzog und anfing, ganz erbärmlich zu jaulen. Harry holte ihn schließlich ins Haus hinein und führte ihn in den Keller, wo es ganz leise war. Normalerweise schlief Siegfried immer mit Ohrstöpseln ein, weil er so geräuschempfindlich war. Aber Dangalfs Schnarchen war so laut, dass sie auch nicht halfen. Er war halt sensibel, der Siegfried, was man diesem bärenstarken, wenn auch etwas empfindlichen Schäferhund nicht zutraute. Ja, Siegfried war ein rechtes Sensibelchen: ein falsches Wort – und er war den Tränen nahe.

Harry und Gabi packten derweil die Sachen für den kurzen Trip in die Wildnis, während die Kinder den Schlaf der kleinen Reh- und Hirschlein schliefen. Es war ja nur für die Zeit von Montag bis Mittwoch, dem Nationalfeiertag der Waldtiere, der immer ganz festlich begangen wurde. Noch gar nicht so lange her war es, da grenzte an den Staatswald Nr.1 ein anderer Wald namens ‚die Zone‘. Das wäre ja gar nicht schlimm gewesen, denn es geschah sicher des Öfteren, dass ein Wald an den anderen grenzte. Schlimm war nur, dass beide Wälder, der Staatswald Nr.1 und die Zone, ein breiter Graben trennten, den niemand überqueren durfte. Na ja, aber das ist wiederum eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Wichtig ist doch nur, dass dieser schreckliche Graben gar nicht mehr vorhanden ist: Man hat einfach Unmengen von Wasser hinein gefüllt, so dass ein kleiner Fluss mit zahlreichen Tümpeln, Weihern und sogar Seen entstanden ist.

 

Es war kurz vor Morgengrauen, als Harry und seine Gemahlin fertig mit dem Packen waren. Schon wollten sie sich hinlegen, als Henry, der Hahn, krähte. Normalerweise krähen die Hähne nicht um vier Uhr morgens, noch vor Sonnenaufgang. Aber Henry war ein ganz gemütlicher Haus- und Hofhahn, der auch dann krähte, wenn man ihn darum bat. Weil Gott es aber nicht vorsah, dass ein Hahn vor Sonnenaufgang krähte, mussten Harry und Gabi ihm einen Wecker schenken – und natürlich stellen, denn mit seinem Schnabel konnte er den Wecker ja nicht einschalten. Und auch das Ausschalten war beschwerlich. Der Wecker schepperte oft 10 Minuten vor sich hin, bevor sich jemand über Henry erbarmte und ihn vor den ohrenbetäubenden Misstönen des Weckers rettete. Ein Wecker, der 10 Minuten lang klingelt, hat die äußerste Lautstärke erreicht und weckt auch Lebensmüde auf.

 

Diesmal war es Dangalf, der den Wecker mit seiner Schwanzspitze ausstellte. Fröhlich sprach er zu Henry: „Morjjn, Henry, du altes Haus!“ Und Henry erwiderte: „Morjjn, Dangölfschen“, denn er stammte aus Frankreich und dort spricht man so. Nun setzte Henry zu seinem schönsten Kikeriki an, besser gesagt, er wollte ansetzen, denn seine Stimme versagte. Das wäre ja alles nicht so schlimm gewesen, wenn nicht auch das Anti-Husten-Mittel Henrys versagte. Auch ein Schluck Wasser half nicht, konnte es auch nicht, denn das Wasser war durch die Polarkälte eiskalt gefroren. Nun war es Dangalf, der aushalf (das reimt sich sogar!).

 

Auf Drachisch ahmte er den Schrei von Henry nach, was ungefähr so klang: „Kökörikü“. Dangalf wusste um seine schwache Kikeriki-Leistung und wollte sich verbessern: „Kükürikä!“ Besonders das Ausrufezeichen hatte es ihm angetan, denn das trötete er besonders laut hervor, so dass nicht nur die ganze Harry-Hirsch-Familie wach wurde, sondern auch der ganze Wald, ja sogar Außenbezirke von Berlin, und das will schon etwas heißen. Besorgte Berliner riefen bei Polizei und Feuerwehr an, die aber nichts Auffälliges feststellen konnten als eben einen etwas verzerrten und deutlich zu lauten Hahnenschrei, der so klang, als wäre er unter großen körperlichen Qualen hervorgebracht worden.

 

Augenblicklich waren alle Hirsche samt Gazelle wach, nahmen die schon gepackten sieben Sachen und stürmten heraus zu Dangalf. Es war verabredet, das Frühstück in südlicheren Gefilden, und auch wärmeren, einzunehmen. Fritjoff und Pandy mussten immer wieder einen Blick auf ihre Eltern richten, wobei Gabi noch während des Gehens laut aufschnarchte, immer wenn sie einen Huf vor den anderen setzte, so müde waren sie. Harry erging es nicht besser: Er träumte die ganze Zeit von Palmen und wilden Tigern. Am besten war es, die beiden völlig unter Schlafmangel leidenden Eltern auf Dangalf festzuschnallen.

 

Alena bekam den besten Platz ganz vorne auf Dangalfs Nasenspitze. Tyll und Katharina wurden vorsichtshalber unter den beiden Ohren festgeschnallt. Dort war es fast windstill, wobei die beiden dennoch alles genauestens nach hinten sehen konnten – eine herrliche Aussicht auf die Erde unter ihnen hatten sie. Fritjoff und Pandy teilten sich jeweils eine Bauchfalte von Dangalf, denn Dangalf war nicht nur steinalt, sondern auch schon etwas beleibt, so dass sein Gewicht beträchtlich war. Das machte aber, komischerweise, einen Flug mit ihm auch sehr angenehm, trotzte er doch so den vielfältigen Winden, die ihm aufgrund seiner Masse kaum etwas anhaben konnten. Das Gepäck wurde mit Tauen befestigt – nun konnte es losgehen.

 

Doch einen hatten sie vergessen: Siegfried, den deutschen Schäferhund. Es war Pandy, dem es als erstem auffiel. „Siggi, komm‘ zu mir“, lockte er Siegfried. Aber Siegfried wollte nicht. „Tu doch nicht so verbissen, Siggi, nun komm’ schon“, versuchte es Pandy erneut. Es war nichts zu machen. Siegfried war deutsch und blieb es auch. Nur wenn seine unmittelbaren Vorgesetzten, also Harry und Gabi, sich bei ihm melden würden, würde er seinen derzeitigen Posten, seine Hundehütte nämlich, verlassen. Harry und Gabi aber waren fast in Trance gefallen, also weder ansprechbar noch transportfähig, geschweige denn zu einem Befehl in der Lage. Nun war guter Rat teuer. Würden sie Siegfried, den deutschen Schäferhund, alleine zu Hause lassen, würde er glatt verhungern, selbst wenn Pandy ihm sein Futter hingestellt hätte, denn er nahm nur Futter aus den Händen von seinen Vorgesetzten, Harry und Gabi eben.

 

Pandy ging in die dritte Klasse der Gemeindeschule und kannte schon eine Menge Tricks. In der Schule gingen sie einmal in einen Zirkus und dort war ein Stimmenimitator aufgetreten. Pandy versuchte immer wieder, die Stimmen seiner Mitmenschen nachzuahmen, was ihm verblüffend gut gelang. Also versuchte er es auch mit der Stimme von Gabi. Leider ohne Erfolg. Bei Harrys tiefer Bassstimme ging es schon besser. Sofort sprang Siegfried, der deutsche Schäferhund, auf und rannte schnurstracks zu Harry hin, dessen Hand Pandy hielt und der ihm nun das Hundehalsband um den Arm wickelte. Siegfried war ja nicht dumm und durchschaute sofort, den listigen Trick Pandys, konnte aber nichts mehr machen, denn er konnte sich ja nicht von dem Arm losreißen, das hätte ihm als Ungehorsam ausgelegt werden können.

 

Nun war alles geklärt. Dangalf konnte starten. Er schaltete die Beleuchtung ein, die aus Tausenden von Leuchtkäfern bestand, denen er immer Cola aus Angola zu trinken gab, so dass sie besonders hell leuchteten. Auf Kommando von Lisa, der Ober-Leuchtkäferin, begannen ihre Schwestern und Brüder entweder grün, blau, rot oder orange zu leuchten, je nachdem, was gerade von Dangalf gewünscht wurde. Besonders Tyll fürchtete sich vor dem wechselnden Farbenspiel der Leuchtkäfer, aber Katharina nickte ihm gut zu, und so war alles in Ordnung. Nur das Schnarchen von Gabi irritierte die Kinder gar sehr, aber da ließ sich nichts machen.

Mit einem schnellen Spurt, zu dem Dangalf alle Kräfte benötigte, setzte die Reisegesellschaft hurtig an. Leider ging dabei die Hundehütte von Siegfried, dem deutschen Schäferhund zu Bruch, was diesem gar keine preußischen Gedanken entlockte. Weil es aber unter den Augen der Vorgesetzten geschah, die zwar schliefen, gab er keinen Mucks von sich. Schon waren sie hoch über den Baumwipfeln steil gen Himmel gestartet, alles schien bestens. In gut einer Stunde würden sie in Afrika bei Elsbeth sein. Sie würden also kurz vor Sonnenaufgang Afrika erreichen und mit Elsbeth frühstücken. Sorgen bereitete Dangalf nur eines: er musste mal für kleine Tigerenten respektive Tigerbabys. Er hatte seine volle Blase ganz vergessen in all der Aufregung. Was sollte er machen?

 

Unter sich sah er nur eine ewig lange Wasserwüste. Hier und dort ein paar winzig kleine Schifflein, ganz possierlich anzusehen. Da – er sah von ferne seine Rettung: ein Flugzeugträger. Schon öfter hatte er davon geträumt auf so einem gewaltigen Schiff zu landen, aber er traute sich nicht, er war eben doch zu schüchtern. Nun konnte er nicht mehr an sich halten. Es musste sein, tot oder lebendig. Aber was würden die Matrosen auf dem langen und stabilen Schiff dazu sagen? Wahrscheinlich gar nichts. Im ersten Augenblick würde ihnen die Spucke auf der Zunge stecken bleiben, dann würden sie schießen. Ja, die Menschen konnten gut schießen. Was also sollte er machen? Er schickte eine Unterhändlerin voraus, seine beste Freundin. Theodora, die Taube, war seine ständige Begleiterin. Sie waren beide fast gleich alt und konnten fliegen. Mehr verband sie nicht, aber das reichte schon aus. Und: Theodora konnte die Sprache der Menschen sprechen. Welches Tier konnte das sonst noch?

 

„Theodora“, sprach Dangalf möglichst leise, um Harry und Gabi nicht zu wecken. „Theodora, mein allerliebstes Täubchen, kann ich dich kurz stören?“ Natürlich ließ sich Theodora liebend gerne von Dangalf stören. Nicht nur Freundschaft verband sie mit ihm, wenn er auch alles darüber hinausgehende verschmähte – eine Liebe zwischen Drache und Taube, wer hätte je davon gehört. „Natürlich darfst du mich stören, Dangalf, das weißt du doch“, erwiderte Theodora fast ärgerlich. Nach jenem Vorfall im Sommer versuchte Dangalf ihr aus dem Weg zu gehen, was ihm nicht recht gelingen konnte, schließlich bewohnte Theodora eines seiner Löcher, von denen Dangalf übersät war. Das waren Hinterlassenschaften all der Bäume, die er streifte, und all der Vögel, mit denen er zusammen stieß. Ja, im Popo steckte immer noch ein Storchenschnabel, den er vergessen hatte, zu entfernen.

 

„Theodora“, versuchte es Dangalf erneut, „mein Täubchen.“ Dangalf stockte der Atem und wurde ganz rot. Er hatte zu viel gesagt und sein Herz verraten. Aber egal: Jetzt war keine Zeit für irgendeine Liebelei, mit wem auch immer. „Ich habe einen sehr gefährlichen Auftrag für dich. Bitte fliege zu dem Flugzeugträger da unten hin und sprich mit dem Kommandanten. Ich muss landen, um Lolo zu machen.“ „Dangalf, mein Schatz: Was meinst du mit ‚Lolo‘?“ Nun wurde auch Theodora puterrot, jedenfalls unter ihrem Gefieder. „Mädchen, du machst es mir aber schwer. Ich muss einfach mal für kleine Tigerentchen oder, wie man auch sagt, für kleine Tigerbabys.“ „Ach so, sag‘ das doch gleich. Kann ich ja nicht wissen, dass du mit ‚Lolo‘ eigentlich nur ‚Soso‘ meinst, wie wir Tauben das so sagen.“ Dangalf war sichtlich genervt: „Theodora, mein kleines Täubchen: Gibst du mir nun eine Antwort oder nicht?“ Theodora antwortete so wie eine langjährig verheiratete Ehefrau langsam und würdevoll: „Also erst mal bin ich nicht dein ‚Mädchen‘ und dann kann ich ja nichts dafür, dass du ‚Lolo‘ oder ‚Soso‘ musst, nicht wahr?“ Theodora genoss es sichtlich, Dangalf etwas warten zu lassen. Natürlich war klar, dass sie ihm helfen würde, aber sie wollte ihn zappeln lassen. Und deshalb machte ihr ihre Zickerei ein wenig Freude.

 

Dangalf stöhnte auf: „Theodora, bitte. Ich kann nicht mehr. Sofort tust du, um was ich dich bitte, oder ich muss eine Notlandung versuchen.“ Nun war höchste Eile geboten. Dangalf war schon fast gelb geworden, weil der Harn ihn so drängte. Sogleich schoss Theodora in Richtung Kommandobrücke des Flugzeugträgers und pochte vorsichtig mit dem Schnabel an das Glas. Neugierig öffnete ein Leichtmatrose die Tür zur Brücke. Und meldete die Taube dem Kapitän: „Chef, da ist eine Taube, die mit dir sprechen will. Theodora heißt sie wohl.“ „Waaas, eine Taube namens Theodora, die mit mir sprechen will?“, erwiderte der Kapitän ungläubig: „Ja, hast du sie denn noch alle? Bist du besoffen, oder was?“ Leichtmatrose Lothar verbat sich energisch solche Verdächtigungen und meinte: „Die Taube sagt, dass ein Drache im Anflug sei, der nur landen will, um sich mal eben zu erleichtern. Darf er oder nicht?“ Kunibert, der Kapitän, war sprachlos. Was sollte er sagen? Eine sprechende Taube und ein im Landeanflug begriffener Drache, das haut den stärksten Seebär um. „Theodora meint, dass der Drache in jedem Fall landen muss, weil er nicht mehr kann. Also, Chef: Ja oder nein?“ Kunibert war gespannt, was kommen würde. So richtig glauben konnte er das Ganze nicht. Aber andererseits konnte er auch nicht eine angeblich sprechende Taube verhaften oder den Leichtmatrosen, der meinte, sie könne es. Auch konnte er nicht auf einen möglicherweise anfliegenden Drachen schießen lassen: Seine Offiziere hätten ihn für ‚Plemplem‘ gehalten, was soviel heißt wie ‚Meschugge‘, was wiederum auf Bayrisch heißt: ‚Hoast noach oalle Toasn im Schrank?‘

 

Dangalf sah nur noch, wie Theodora das verabredete Zeichen gab: Heftiges Flattern mit den Flügeln, mal links, mal rechts. Dann stürzte er auch schon im allergefährlichsten Sturzflug hinab, so übel, dass sogar Gabi aufwachte, aber sofort wieder einschlief, als Dangalf mit lautem Quietschen der Hinterpfoten, mit denen er bremste, auf dem Deck des Flugzeugträgers aufschlug. Sofort stolperte er in Richtung Reeling und schon kam es: Alles hinab auf Willibald, den Wal. Denn Willibald, der Wal, schwamm, wie so oft, neben dem Flugzeugträger her. Es war sein Lieblingsflugzeugträger. Er hieß ‚Nullachtfünfzig‘, von seinen Freunden ‚Fifi‘ genannt. Die Matrosen waren nett und winkten ihm zu. Ab und zu warfen sie ihm auch etwas zu essen herunter; besonders Hamburger liebte er.

 

Nun traf es ihn auf das Haupt: Der warme Strahl von Dangalf. Der wollte gar nicht mehr aufhören und konnte es auch einige Zeit nicht. Denn seine Blase war gewaltig und prall gefüllt. Seit Alaska, als er mit Dragomir dort einige Bierchen zischte, hatte er sich schon nicht mehr erleichtert. Jetzt ergoss sich eine warme Dusche auf Willibald, den Wal. Den störte es zunächst nicht, dachte er doch, es wäre nur ein warmes Abwasser des Flugzeugträgers. Dummerweise bekam er einen Spritzer auf seine Zunge ab. „Ihh, pfuibäh, das schmeckt ja grässlich. Bist du es, mein Freund Dangalf?“ Das warme Lolo schmeckte und roch nach dem Drachen-Pilsner No.8, dem besonders herben Gesöff des Hauses ‚Rachenputzer Haha‘.

 

„Ja, maii“, ließ sich Dangalf vernehmen, „bist du es, mein Lieblingswal Willibald, altes Häuschen? Du musst schon verzeihen, aber ich konnte nicht anders und wusste nicht, dass du neben dem Flugzeugträger nebenher schwimmst.“ „Ja, geh‘, du alter Drachenschwanz. Ist schon in Ordnung, wenn es in höchster Not geschah. Schön, dass wir uns wieder sehen bzw. jetzt gerade wieder riechen und schmecken.“ Dangalf war es durchaus peinlich, dass er vor Willibald, der Harry-Hirsch-Familie, aber auch vor Hunderten von Soldaten seine Notdurft in flüssiger Gestalt verrichtete. Alle staunten: Über den riesigen Drachen, über den gewaltigen Strahl und den Frieden, der von allem ausging. So, als ob das alles gar nicht anders sein konnte, als dass ein großer Drache auf einem Flugzeugträger landete und mit einem Wal auf Deutsch sprach, den er eigentlich voll traf, mit seinem Strahl.

 

„Hey, Sie da, ja Sie meine ich, Herr Drache“, hörte man Kunibert, den Kommandanten. Er war immer noch perplex und wusste nicht, was er sagen sollte. So etwas war ihm noch nie geschehen. Das stand nicht in seinen Dienstanweisungen drin. Er wusste folglich nicht, was er noch großartig sagen sollte. „’Dangalf’, ‚Dangalf’ heiße ich, Herr Oberkommandierender“, erwiderte Dangalf brav und artig. Die Amtsbezeichnung ‚Oberkommandierender‘ schmeichelte Kunibert, denn er war ja nur der Kapitän des Schiffes, wenn auch eines großen Schiffes. „Ähem“, räusperte sich Kunibert, „ich bin nicht Oberkommandierender, sondern nur Kommandant, immerhin. Olaf ist der Oberkommandierende der ganzen Flotte. Was wollen Sie auf meinem Kahn, äh Schiff.“ Weil Kunibert nervös war, versprach er sich. Er war wirklich auf einem Kahn gefahren, einem Segelschiff, bevor er zur Kriegsmarine ging.

 

„Na, Herr Kommandant, das kann man doch sehen, was ich tue: Pinkeln! Und das ist übrigens nicht verboten. Das Meer ist groß und verdünnt alles vortrefflich. Das steht auch in Ihrem Offiziershandbuch, nicht wahr?“ Kunibert war noch mehr perplex: Ein sprechender Drache, der sich sogar in militärischen Dingen auskannte. „Ja, natürlich ist das freie Urinieren ins Meer an Bord eines Schiffes nicht verboten, wenn auch unüblich. Freilich können Sie bei uns ja nicht auf die Toilette gehen, so dass das in Ordnung geht.“ Und an die Mannschaft gewandt sagte er: „Alle Mann wegtreten, nun habt ihr genug gesehen.“

 

Dangalf begriff nun langsam, dass er sich von dannen schleichen musste. Ein Drache auf einem Flugzeugträger – wer hatte so etwas schon einmal gesehen? Kunibert, der Kommandant, wusste offensichtlich auch schon nicht mehr, was er seiner Mannschaft sagen sollte. Deshalb fragte Dangalf knapp: „Lieber Herr Kommandant, erbitte die Erlaubnis, starten zu dürfen.“ Kunibert war ganz begeistert über so viel Höflichkeit und preußischer Korrektheit. Er ahnte, dass Dangalfs Blut preußischer Abstammung war. Peter, der preußische Drache, ist der Vater von Dangalf. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

„Starterlaubnis erteilt, Herr Drache: Guten Flug!“ Kunibert war stolz darauf, einen so prächtigen Drachen als Gast gehabt zu haben, aber auch froh, dass er die Mannschaft nicht mehr zurückhalten musste, wenn Dangalf endlich abfliegen würde. Dangalf bereitete sich nun schnellstens auf den Abflug vor. Das Wetter begann zu drehen, eine neue Sturmflut drängte heran. Schnell machte er Theodora, seiner Taube, ein Zeichen, dass sie nun kommen sollte. Dann nahm er einen gewaltigen Anlauf.

 

Natürlich ging alles schief. Dangalf stolperte an der Reeling, stürzte dann kopfüber in die Tiefe, nur seine gewaltigen Schwingen retteten ihn. Aber mit ihnen berührte er unsanft Detlef, den Delfin, der neben Willibald nebenher schwamm – und sorgte mit seinen Flügeln für so einen gewaltigen Wasserauftrieb, dass Dagobert wie auf einer Fontäne nach oben schoss, um dann gleich wieder in die Tiefe herabzufallen. Aber Dagobert kannte das schon und fand es auch irgendwo ganz lustig – schließlich ging es ja nur um Wasser: Wasser, das nach oben spritzte, Wasser, das wieder nach unten fiel.

 

Nun legte Dangalf einen Zahn zu. Er wollte unbedingt der Gewitterfront entkommen und möglichst bald bei Tante Elsbeth in Afrika sein. Nur leider hatte er keine Afrikakarten mitgenommen. Auch Theodora, seine Lieblingstaube, wusste nur ungefähr, wo Elsbeth wohnte. Irgendwo am Kilimandscharo, dort eben, wo Harry seine Gabi kennen gelernt hatte. Da – der Riesenberg mit der weißen Spitze musste es sein. Weiß war der Kilimandscharo von dem  ewigen Gletschereis ganz oben, das er auch im Sommer nicht verlor. Schon war Dangalf dem gewaltigen Felsen ganz nahe gekommen, so nahe, dass Pandy sich ein Stück Eis gegriffen hatte. Auch kitzelten die Eisspitzen Dangalf so stark, dass er herzhaft lachen musste. Beinahe hätten sie Theodora und Tyll, den kleinen tapferen Jungen, verloren.

 

Vor ihnen lag also Afrika, die Heimat von Gabi. Obwohl beide Elternteile noch den gerechten Schlaf hart arbeitender Menschen schliefen, wachten sie doch auf: Harry, weil er von Pandy mit einem Schneeball getroffen wurde, und Gabi, weil sie die gute afrikanische Savannenluft roch. Denn unterhalb des Kilimandscharos gab es Flüsse und Seen und viele Wiesen und kleinere Wälder, die Savanne eben.  Nun sahen sie die Einflugschneise, beleuchtet von acht weißen Elefanten – mit Fackeln in ihren Rüsseln und Kriegsbemalung, also licht reflektierender gelber Farbe. Aber Dangalf kam zu hoch herein und drehte lieber nochmals ab.

 

Beim zweiten Versuch klappte es dann doch.  Nur das mit den Elefanten nicht so sehr. Dangalf kam diesmal zu flach herein. Er setzte im See auf statt an Land, dort wo die Elefanten brav und geduldig standen. Zwar war es keine Bruch-, aber immerhin eine Bauchlandung. Dangalf spritzte sie alle voll, so dass Elmar und seine sieben Gefährten richtig böse wurden. Nicht nur gingen die Fackeln aus, sondern auch ihre Kriegsbemalung verschmierte so als ob sie in einen Malkasten gefallen wären. Nun waren sie beleidigt und trotteten laut trötend von dannen. Dangalf wollte schon hinter her, aber er musste an seine Passagiere denken. Das war ihm natürlich peinlich, irgendwie. ‚Naja‘, dachte er sich: ‚wird schon nicht so schlimm sein. Hauptsache, heil gelandet‘. Und das waren sie. Alle waren wohlauf, wenn auch pitschnass. Das war natürlich etwas unangenehm. Weil das Wetter aber so überaus mild war, machte das gar nichts.

 

Es war kurz vor sechs Uhr morgens. Nach einem beispiellos aufregenden Flug waren sie nun am Ziel angelangt. Und Elsbeth stand schon bereit, hob ihren Hut und wollte sie gerade begrüßen…da erhob sich majestätisch die Sonne über ihnen. Gleich hinter dem Kilimandscharo stieg sie als gewaltiger Feuerball hinauf – so herrlich anzusehen, dass alle für einen kurzen Augenblick vergaßen, die Luft zu atmen. Deshalb husteten alle dann einen kleinen Moment. Und Elsbeth sprach: „Willkommen in Afrika! Willkommen in der Sonne! Geht es euch gut, mein lieber Harry und meine liebe Gabi?“ Die beiden Eheleute sahen sich kurz an: Beide waren von dem frühmorgendlichen Flug ganz zerzaust und besonders das kleine Geweih von Gabi sah nicht mehr feierlich aus, aber was sollte es: Sie hatten erreicht, was sie wollten.

 

„Ja, uns geht es gut“, sprachen die beiden Gatten dann wie aus einem Munde. „Herrlich hast du es hier, liebe Tante Elsbeth“, sagte Gabi, „und so schön warm.“ „Ja, du hast Recht, meine Liebste. Schön warm haben wir es hier fast immer – ganz anders als im eiskalten Deutschland, nicht wahr? Nun kommt, der Frühstückstisch ist schon gedeckt.“ Jetzt erst sahen sie ein schönes weißes Rundhaus, mit einer riesigen Platane davor. Unter ihr ein großer länglicher Tisch, wie eine Festtafel gedeckt. Rundherum schwebten die drei Geier – Günter ohne H, Günther mit H und Gottfried mit D –, die sich wie drei Kellner kleideten und auch gebärdeten. Alle staunten über den Reichtum von Elsbeth und ihr Organisationstalent.

 

Nun ging das Frühstück los. Die drei Geier taten, was sie konnten. Besonders Günter ohne H gab sein Allerbestes – und das war viel. Im Sturzflug umkreiste er sie alle und pickte ihnen die knusprigen Croissants auf die Teller, warf ihnen die Butter zu und schenkte immer neuen Kaffee und Tee nach. Derweil war die Sonne schon fast über dem Kilimandscharo ganz aufgegangen. Es begann wärmer zu werden. Es traten die acht eifrigen Elefanten auf den Plan, wenn auch im Hintergrund. Sie stellten sich in Reih und Glied auf, ganz so, wie es auch Blasorchester tun – und so, wie sie es schon beim Landeanflug von Dangalf taten, nur dass sie von diesem so ganz durcheinander geblasen wurden. Dezent bliesen sie allen den Marsch. Es war echt bayrische Blasmusik: Humba-humba-täterä. Solange die Musik nur dezent erschallte, war alles in Ordnung. Aber die acht Elefanten bliesen sich regelrecht warm, was angesichts der steigenden Temperaturen nicht sehr erstaunlich war.

 

Harry fand das gar nicht so schön. Als echter Fan barocker Musik stand er mehr auf Ludwig Güttler und Konsorten. Echt bayrische Blasmusik war nicht sein Fall. Das sah auch Tante Elsbeth, die nicht nur fast alles wusste, sondern auch alles sah, ja sogar Gedanken lesen konnte. Sie gab Gottfried mit D ein Zeichen, und dieser flog ab zu Elmar, dem Dirigenten. Der war erst sehr pikiert, weil er sein Allerbestes gab. Dann aber spielten sie die ‚Vier Jahreszeiten’ von Antonio Vivaldi, besser gesagt, nur den ‚Sommer‘, die restlichen drei fielen unter den Tisch. War ja eh nur Sommer dort in Afrika. Außer der Regenzeit. Aber dazu hatte ja Vivaldi nichts komponiert.

 

Als Elmar den ‚Sommer‘ zum zehnten Mal hintereinander spielen ließ, riss Harry der Geduldsfaden. Ohnehin war das Frühstück zu Ende gegangen. Es war 9 Uhr morgens und Zeit für eine erste Kontaktaufnahme mit Afrika. Aber was war das? Alle Kinder hingen in den Seilen und wussten nicht mehr, wie sie die Augen aufhalten sollen. Sie hatten während des Fluges mit Dangalf alle Augen offen gehalten, um nichts von den spannenden Abenteuern zu verpassen. Am besten gefiel ihnen natürlich, wie Dangalf seinen Strahl auf Willibald, den Wal, los ließ. Nun waren sie fix und fertig. Tyll und Katharina hatten schöne runde Schlafbäckchen, Alena, Pandy und Fritjoff dunkle Augenränder.

 

‚Nun, macht nichts’, dachte sich Harry, ‚dann gehen wir eben alleine los’. Gabi gab ihren Kindern noch schnell einen ‚Gute-Nacht-Kuss‘ – und sie fielen wie in Trance in einen wohlbehüteten Schlaf. Elsbeth musste schmunzeln. So schnell waren die Kinder noch nie eingeschlafen. Harry und Gabi besuchten ihre Tante immer im Winter um diese Zeit, aber obwohl die Kinder alle älter geworden waren, war die Reise für sie immer sehr anstrengend. Da fiel Elsbeth ein, dass der örtliche Radio-Sender erst gestern eine Warnung herausgab – vor Pia, der Riesen-Python. „Harry, Gabi: Ich beschwöre euch. Erst gestern hörte ich von einer ernsten Gefahr. Pia ist unterwegs, die riesige Riesen-Schlange. Ihr braucht jemanden, der euch führt. Ich werde euch Arthur, den Affen, mitschicken. Der kann zwar kein Deutsch, aber kennt den Urwald wie seine Westentasche, äh, wie sein linksseitiges Fell.“

 

Harry und Gabi willigten schnell ein. Diesmal hatten sie darauf verzichtet, Waffen mit zu nehmen. Normalerweise hatte Harry immer seine Flinte mitgenommen, die ihm sein Großvater vererbt hatte: Es war Hubertus, der bayrische Oberhirsch, der dem damaligen Revierförster Franz einen so gewaltigen Schrecken einflößte, dass dieser sofort die Flucht ergriff und niemals mehr im Staatswald Nr.51 gesehen wurde. Na jedenfalls gaben sie Arthur beide ihre Vorderhufe und sagten brav auf Afrikanisch: „Guten Tag“. Arthur war ein aufgewecktes Kerlchen, so groß wie ein Rauhaardackel, klein, aber Oho. Leider aber nicht gerade mit Verstand gesegnet. Immerhin kannte er die meisten Pfade im Dschungel.

 

„Harry, lass uns gehen!“, sprach Gabi fordernd. Die Sonne begann richtig heiß zu werden. Es war nur sinnvoll, sich langsam in Richtung Dschungeleingang zu begeben. Gleich hinter dem Rundhaus von Tante Elsbeth, der guten alten Elefantendame, begann er: Groß, dunkel und feucht. Einen eigentlichen Eingang gab es dort nicht. Nur viele Palmen, Lianen, Büsche und Sträucher. Aber immerhin konnten sie im Schatten laufen, weil die Sonne nur wenig bis zum Boden durchdrang. Harry ging gemächlich hinter dem Affen her, der sich immer wieder kurz umschaute, ob die beiden Huftiere auch folgen würden. Er hatte alle Zeit der Welt und wollte nur ein bisschen ausruhen. Da hörten sie plötzlich ein Rauschen. Es war Dangalf, der wieder einmal Startschwierigkeiten hatte, zu spät abhob und dabei die Palmenwipfel striff. Aber das war nicht schlimm, denn Dangalfs Bauch war ja gepanzert.

 

Nein, schlimm war etwas Anderes. Sie sahen Arthur nicht mehr. Es schien, als hätte der Urwald den lieben Arthur einfach verschluckt. Harry und Gabi blieben stehen und sahen sich an. „Gabi, weißt du eigentlich, wie hübsch du aussiehst?“, sagte Harry voller Andacht seiner Gemahlin. „Aber Harry“, Gabi errötete, „nicht doch. Wir müssen wissen, was mit Arthur los ist.“ „Natürlich, meine Liebe, natürlich“, brummte Harry in seinen nicht vorhandenen Bart hinein. Er liebte es, wenn es ihm immer wieder gelang, seine liebe Frau zum Erröten zu bringen. Das zeigte, dass er ihr Gefühl traf und sie ihn liebte.

 

Offensichtlich waren sie in größeren Schwierigkeiten, als sie ahnten. Arthur blieb wie vom Erdboden verschluckt unauffindbar. Dafür sahen sie vor sich ein gelb-schwarz gestreiftes Etwas, das sich zu schlängeln schien. „Harry sieh mal: Die Schlange, von der Tante Elsbeth erzählte“, Gabi war außer sich. Am liebsten hätte sie sich hinter Harry versteckt, ja sich unter ihn geworfen. Gut, dass sie es nicht tat. Auch Harry hätte das am liebsten bei ihr getan, nur durfte er nicht: Er war ihr Gatte. Aber er durfte ihr einen guten Vorschlag machen, und der war denkbar einfach. „Lass uns flüchten“, sprach Harry schnell. „Aber wenn sie uns hinterher kommt?“ erwiderte Gabi. „Aber, Schatz, wir sind Huftiere und viel schneller als jede Schlange“, sprach’s und setzte zum Laufen, besser zum schnellsten Galopp seines Lebens an. Beinahe hätte er vergessen, dass er verheiratet war.

 

Gabi kam nicht so schnell hinterher. Sie hatte als junges Mädchen eine schwere Operation hinter sich und hinkte ein bisschen. „Harry“, rief sie kleinlaut, „nicht so schnell.“ „Ja, mein Schatz, du hast Recht. Es tut mir sehr leid, ich habe wirklich Angst, aber zusammen schaffen wir das schon.“ „Meinst du wirklich?“, meinte Gabi. „Na klar: Wir sind schneller und stärker“, beschwichtigte er seine Gemahlin, aber auch sich selbst. Immerhin war er es, der schon ganz in Schweißausbrüche geraten war. Gleich waren sie bei Tante Elsbeth, sie stoppten und holten Atem. Was würde Elsbeth sagen? Sie hatten Arthur ja im Urwald zurückgelassen, ohne zu wissen, was mit ihm ist.

 

„Elsbeth, uns ist etwas Schreckliches geschehen“, rief Gabi ganz verschreckt und sehr laut: „Arthur ist weg. Und wir haben die Schlange gesehen.“ Elsbeth versuchte, Ruhe zu bewahren. „Na, meine Kinder, nur alles mit der Ruhe. Was ist geschehen?“ Harry begann kurz zu schildern, was sie gesehen hatten: Ein gelb-schwarzes Etwas, das sich zu bewegen schien und Arthur, der fehlte. Während Harry erzählte bewegte Elsbeth den Kopf, ja, sie schien ihn sogar zu schütteln. „Merkwürdig, Harry, ganz merkwürdig. Pythons sind blau-weiß gestreift und nicht gelb-schwarz. Und Pythons verstehen sich mit lieben, wenn auch frechen Affen wie Arthur sehr gut, übrigens auch mit weniger lieben. Seid ihr sicher, dass ihr eine Schlange gesehen habt?“ Gabi erwiderte: „Na, eine gelb-schwarze Strumpfhose wohl nicht, Elsbeth!“ Gabi konnte nicht verstehen, wie Elsbeth alles bagatellisierte. So sehr aufgeregt hatte sie sich schon lange nicht mehr. Da war der Flug mit Dangalf geradezu ein Ausruhen im Schoße Abrahams.

 

„Gabilein, ich glaube schon, dass ihr nicht vor einem Kleidungsstück ausgerissen seid. Ich denke nur laut nach und sage, was ich weiß. Ich schlage vor, dass ihr erst einmal einen Aperitif (ein aufmunterndes Getränk, denn in der Sonne soll man viel trinken) zu euch nehmt. Und das Mittagessen wird auch gleich fertig sein. Es wird uns sicher noch etwas Kluges einfallen.“ Dabei sah sie verstohlen zu Elmar hin, der das kurze Gespräch interessiert verfolgt hatte. Harry und Gabi genehmigten sich nun einen kleinen Drink und setzten sich unter die große Palme vor dem Haus von Tante Elsbeth.

 

Derweil wurde das Essen aufgetragen. Weil es sehr heiß war, gab es nur leichte Speisen: Eine Spinatsuppe, gekochte Palmenblätter, getrocknete Feigen und als Nachspeise Joghurt mit einem Hauch von Minze. Die Harry-Hirsch-Familie verschmähte natürlich die getrockneten Feigen, die waren auch für die acht Elefanten gedacht, die sich dazu setzten. Das war gar nicht so leicht, weil sie so schwer waren. Sie saßen auf alten Lastwagen-Reifen, die mit Kautschuk aufgemöbelt worden waren. Alle aßen schweigsam. Alle wussten, dass etwas Ungewöhnliches vorgefallen war und waren voller Erwartung des Kommenden. Spannende Abenteuer lagen vor ihnen. Dabei waren sie ja Abenteuer am laufenden Meter gewohnt: sei es die Riesen-Krabbe, sei es der Riesen-Hummer und noch vieles andere mehr.

 

Elmar, der Kommandant der Elefanten, ergriff das Wort: „Liebe Harry-Hirsch-Familie: In Anbetracht der derzeitigen Lage haben Elsbeth und ich uns überlegt, ob wir – meine sieben Elefanten und ich – euch nicht in den gefährlichen Dschungel begleiten sollten. Pia, die Python, wird uns dabei nicht aufhalten. Auch wird es langsam Zeit, Arthur zu suchen, sonst ist er längst verdaut worden. Was meint ihr?“ Harry hatte schon gesehen, wie sich Elsbeth mit Elmar unterhalten hatte, nachdem sie den Vorfall geschildert hatten. Natürlich war es schön, wenn sie im Urwald eine starke Eskorte hätten. Dann bliebe es spannend, aber fast gar nicht mehr gefährlich. Die Kinder waren sofort begeistert. Pandy und Fritjoff riefen: „Stark! Auf Elefanten reiten. Mensch, das wäre ja richtig klasse!“ Aller Augen waren nun auf die Eltern gerichtet. Harry und Gabi stand der Schweiß im Gesicht. Am liebsten hätten sie alles abgeblasen. Warum sich überhaupt in Gefahr begeben? In all den Geschichten vorher kam die Gefahr plötzlich und unverhofft, nun würden sie sich mit offenen Augen in Gefahr begeben. Das war etwas ganz Anderes.

 

Fragend schauten sie auf Elsbeth: „Tante Elsbeth, was meinst du?“ Elsbeth sah richtig heiter aus. Sie kannte ihre Hirsch-Familie und wussten von all ihren Abenteuern, die sie schon bestanden hatten. „Lieber Harry, liebe Gabi: Mal ehrlich – war nicht allein der Flug mit dem Drachen Dangalf viel gefährlicher als es so ein Ritt auf acht Elefanten je sein könnte?“ Elmar nickte. Zweifellos würden sie nicht nur allen Gefahren trotzen, sondern sie buchstäblich platt machen. An ihnen kam keiner vorbei. Auch war es inzwischen so brüllend heiß, dass auch nur das kleinste Nicken mit dem Kopf zu Schweißausbrüchen führte. Deswegen sprach Gabi: „Liebe Tante. Ja, du kennst uns und hast sicher Recht. Nur sind wir hier, um uns zu erholen, gerade von den Geschichten vorher. Verstehst du?“ Harry und Gabi sahen sorgenvoll aus. Eigentlich wollten sie nur ein bisschen baden gehen, in der Sonne bräunen und dabei ein bisschen Tee trinken, mehr eben nicht.

 

Tante Elsbeth hatte den richtigen Einfall: „Was haltet ihr davon, wenn wir zu Gott beten und ihn um seinen Schutz bitten. Einer muss schließlich nach Arthur schauen.“ Das leuchtete allen ein. Immerhin hatten sie Arthur, den Affen, ja in diese Bedrängnis gebracht. Und wer weiß, ob er überhaupt noch lebte. Harry seufzte: „Liebe Tante, du hast recht. Lasst uns beten: Für Arthur und unser aller Bewahrung.“ Alle falteten die Hände, äh, die Hufen, Klauen und Krallen. Harry sprach: „Lieber Vater im Himmel: Behüte Arthur und auch uns. Führe alles zu einem guten Ende.“ Alle sprachen danach laut ihr ‚Amen‘, um diese Gebetsbitte zu bekräftigen. Elmar und seine sieben Kerle schnallten schnell die Sitze um. Er würde sie führen, während die siebenköpfige Familie auf den anderen Platz nahm. „Wenn die Sonne untergeht, kommt ihr sofort zurück. Auch schicke ich euch die drei Geier Günter ohne H, Günther mit H und Gottfried hinterher, die mir immer berichten sollen.“

 

Schon waren sie fast im Dschungel. Die Hitze machte jede einzelne Bewegung schwer. Elmar und Kohorte taten ihr Bestes und trampelten einfach darauf los. Dabei stimmten sie ihr lautetest ‚Trörö‘ an, damit auch wirklich jedes Tier im Wald wusste, dass die ‚Fabelhaften Acht‘, so nannte sich das Oktett, durch den Wald schritten, äh, stampften. Sogleich kamen sie am Eingang des Dschungels zum gelb-schwarz gestreiften Etwas. Plötzlich blieb Elmar so unvermittelt stehen, dass alle anderen beinahe über ihnen purzelten: Ein Haufen Elefanten übereinander, das muss man sich mal vorstellen. Fast hätten die Dickhäuter die Hirsch-Familie unter sich begraben. Aber ihre Sänften auf dem Rücken waren mit Airbags gesichert, so dass für die Sicherheit ausreichend gesorgt war. Harry räusperte sich: „Herr Elmar, könnten sie bitte ihren Schwanz von meinem Geweih nehmen? Im Übrigen liegen wir alle geradezu auf dem gelb-schwarzen Etwas. Es sieht ganz aus wie eine Strumpfhose.“

 

Alle waren verblüfft. Eine Strumpfhose, mitten im Urwald, was hatte das wohl zu besagen? Waren sie also vor einer Strumpfhose schnurstracks nach Hause geflohen? Elmar meinte nur lapidar: „Ja, das ist wohl eine Strumpfhose. Wohl von einem großen Tier, das fliegen kann. Denn die Strumpfhose sieht nicht sehr benutzt aus.“ „Dandalf, das Dandalf das“, war Katharinas piepsiges Stimmchen zu vernehmen, die ein ‚G’ nicht von einem ‚D’ unterscheiden konnte. „Richtig, mein kleines Schätzchen, das ist von Dangalf. Warum sind wir nicht gleich darauf gekommen? Er muss es beim Abflug aus Afrika verloren haben. Er war ja auch recht nahe über unsere Köpfe geflogen, nicht wahr, Liebes?“

 

Harry sagte immer ‚Liebes‘ zu seiner Frau, wenn ihm etwas peinlich war. Er war also offensichtlich vor einer Strumpfhose ausgerissen und hätte beinahe seine Frau im Stich gelassen – vor lauter Angst. Aber Gabi hatte ihm schon vergeben. „Ja, mein Dickerchen, alles halb so wild.“ ‚Dickerchen‘ wiederum sagte Gabi immer dann, wenn sie ihm vergeben hatte, aber noch daran zu knabbern hatte, denn zu vergeben, ist nicht immer ganz leicht.

 

„Na dann ist es ja gut“, hörte Harry sich sagen, „dann können wir wieder nach Hause umkehren.“ „Aber Papa, was ist mit Arthur, dem Affen?“, war Pandy zu vernehmen. „Richtig, mein Großer, wir haben ja noch gar nicht Arthur gefunden. Dann werden wir wohl weiter suchen müssen.“ Gottfried war gerade zu ihnen herunter geschwebt und landete auf der Strumpfhose von Dangalf. Er konnte sich eines Grinsens nicht enthalten. Das sollte also Pia, die gefährliche Python, gewesen sein? Er nahm die Strumpfhose in seinen Schnabel und flog zurück zu Elsbeth.

 

„Lasst uns weiter dem Trampelpfad folgen. Wir werden Arthur schon finden“, sagte Elmar zuversichtlich. Noch war die Sonne nicht untergegangen, und das ganze Unternehmen war gefährlicher denn je. Sie folgten langsam und bedächtig dem schmalen Pfad. Die Aufregung um den Strumpf hatte Nerven gekostet. Nun galt es, wachsam zu sein. Alle riefen abwechselnd: „Arthur, Arthur, Arthuuuurrrrr.“ Aber der Urwald schien undurchdringlicher denn je. Affen sind wie kleine Kinder, dachte Gabi, sie spielen eben gerne, nur wo? Da, hinter der großen Palme hinten links ragte ein gelb-schwarzer Schwanz hervor, aber war es ein Affenschwanz und zwar der von Arthur? Oder wieder ein verlorenes Kleidungsstück?

 

Nein, es war der Schwanz von Lothar, dem Löwen. Er war schlechter Laune. Und deswegen legte er seinen Schwanz mitten auf den Trampelpfad, damit die Dschungeltiere sich erschreckten. „Hey, Loddar, wie geht’s, wie steht’s altes Haus?“ Es war Elmar, der Lothar als Erstes erkannte. „Na, Elmar, wie du siehst habe ich Langeweile. Und wie geht’s euch?“ Elmar, der Elefant, freute sich Lothar zu sehen. Von einem gelangweilten Löwen ging keine Gefahr aus, vorerst jedenfalls nicht. „Wir suchen gerade Arthur, den Affen: Hast du ihn vielleicht gesehen?“ Lothar wusste im Allgemeinen vollkommen Bescheid, er war schließlich der König des Urwaldes. „Na klar, Elmar, immer geradeaus, er wird derweil von Pia, der Riesen-Python, verspeist. Sie wollte mir etwas abgeben, aber ich bin im Augenblick Vegetarier. Magenverstimmung“, ließ sich Lothar vernehmen, durchaus immer noch recht gelangweilt, aber inzwischen auch neugierig, wie die kleine Elefantenherde reagieren würde.

 

„Lothar, bist du von Sinnen: Warum soll denn unser armer Arthur gegessen werden?“, sprach der erschreckte Elmar schnell. „Ach, Elmar, der ist doch einfach rotzfrech und hat Pia nicht nur am Schwanz gezogen, sondern ihn auch noch an der großen Palme dahinten verknoten wollen.“ Elmar war nun hellwach. Schnell kombinierte er: Elmar musste dahinten, hinter der großen Palme, sein. Elmar rief laut: „Liebe Pia, bitte Arthur nicht aufessen – bbbiiiiiitte nicht!“ Arthur war schon fast nicht mehr zu sehen, nur noch sein Schwanz ragte aus Pia heraus, der sah nun blau-grün aus, wie sein Mageninhalt.  Pia wollte gerade auch den letzten Rest verschlucken, da sah sie auf.

 

„Elmar, du hast mir gerade noch gefehlt. Ich will doch nur mein Mittagessen verdrücken. Und Arthur hat doch nun wirklich eine Abreibung verdient. Meinst du nicht auch?“, setzte Pia, die Riesen-Python, hinzu. Auch Elmar war der langjährigen Überzeugung, dass Arthur einen Denkzettel brauchte. Eigentlich war Arthur schon als einziges Nervenbündel geboren worden. Es gab kein Tier in der Savanne und im Urwald, dem er nicht schon einen üblen Streich gespielt hatte. Einzig Tante Elsbeth vertraute er, aber auch nur, als sie ihn aus einem Suppentopf rettete, den er ausschlecken wollte.

 

Aber sollte man ihn deshalb gleich aufessen? Elmar, der Elefant, rief: „Arthur, Aaaarrrthuuuuuurrrrrr: Hörst du mich?“ Undeutlich hörte er daraufhin ein Gebrabbel: „Hm, hm, mmmmmh, ooauaurrrr!!!!“ Immerhin: Arthur lebte noch. Pia hatte ihn ja nur verschlungen, aber nicht zerbissen, denn so etwas tun Pythons normalerweise nicht. Eine Pythonschlange schluckt ihr Fressen herunter und verdaut es dann ganz langsam, manchmal tagelang. Noch also konnte Arthur gerettet werden. Nun musste sich Elmar, der Elefant, etwas ganz Besonderes ausdenken, um Arthur zu befreien. Ohne Arthur konnte er Tante Elsbeth, die immerhin seine Patenttante war, äh, Patentante, nicht unter die Augen kommen. Aber was sollte er Pia sagen? Sollte er ihr Bananen bieten? Es stimmte schon, dass Arthur eine echte Nervensäge war.

 

„Liebe Elsbeth“, begann Elmar zögernd, „äh, liebe Pia: Du hast Hunger und Recht, denn Arthur ist eine echte Nervensäge. Aber musst du ihn gleich aufessen? Was hältst du von einem Kompromiss?“ Elmar wusste, dass Pia, die Riesen-Pythonschlange, Kompromisse liebte – die klangen immer so vernünftig. Und Pia wollte vernünftig sein, immerhin trug sie eine Brille und konnte lesen. „Ach Elmar, du weißt ja, ich liebe Kompromisse. Was also schlägst du vor, sonst bekomme ich von Arthur noch Blähungen, auch scheint sein Schwanz unverdaulich.“ „Oh liebste Pia“, hob Elmar feierlich an, „du edelste unter den wunderbaren Pythons: Arthur soll dir ein halbes Jahr lang dienen und dir jeden Morgen den Rücken massieren und mindestens eine Banane zum Frühstück pflücken. Außerdem soll er dir für den nahen Winter eine Strumpfhose stricken. Na, was hältst du davon?“ Pia war eine gebildete Schlange, eine echte Brillenschlange. Ihre Brille war der letzte Schrei der Mode-Messe von Shanghai, äh, Schlanghai, mit Brillianten besetzt.

 

„Och, Älmaor, du olter Schlawiner“, erwiderte Pia in breitestem Sächsisch, „nu hoast du mich aber erwischt. Wie kann ich da Nein sagen. No kloar, es sei. Und was meinst du, mein kleiner Affe?“ Man vernahm ein „Oahaoh, jaoaaojaoajao!“ Und Pia drückte und schüttelte sich und presste und zuckelte. Nach und nach kam der ganze Arthur zum Vorschein: Erst der Schwanz, der nun nicht mehr blau-grün, sondern nur noch Pythonmagen-gelblich war, dann die Hinterpfoten, sodann der kleine, aber nicht zu verachtende Bauch, die von der Magensäure angefressenen Vorderpfoten und der kleine freche Kopf. Gleich wollte Arthur, der Acht-vor-Zwölfte – die Stunde seiner Geburt –, wie er mit Nachnamen hieß, protestieren, wie es seine unrühmliche Art war. Da fuhr ihm auch schon Elmar mit einem lauten Trörö über den Mund: „Was unterstehst du dich, kleiner Rotzlöffel? Alle ärgerst du bis zur Weißglut und willst noch den Mund aufreißen. Wenn du noch einen falschen Ton sagst, kommst du zurück in den Magen von Pia!“ Das wirkte. Schlagartig wurde Arthur aschfahl und gab keinen Mucks mehr von sich.

 

Was soll ich euch nun sagen: Das ist das Ende der Geschichte. Die Elefanten trotteten mit der Harry-Hirsch-Familie zurück zu Tante Elsbeth und flogen dann am nächsten Morgen mit Dangalf wieder zurück, dem sie seine Strumpfhose mitbrachten. Na und Pia und Arthur wurden die dicksten Freunde, ach was, es war Liebe auf den zweiten Blick, denn beide kamen sich bei den täglichen Massagen näher und näher…

 


7.    Weihnachten im Urwald

 

Harry und Gabi samt allen Kindern waren wieder wohlbehalten nach Hause gekommen. Dangalf hatte sie gut und sanft über dem Wald per Fallschirm abgeworfen, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Es war gerade zwei Wochen vor Weihnachten. Überall eine graue Feuchte, Dunkelheit allenthalben. Eine rechte weihnachtliche Vorfreude wollte sich nicht einstellen bei ihnen. Irgendetwas fehlte: War es der Schnee? Oder waren es eher die Abenteuer? In Afrika hatten sie ja sehr viel erlebt. Und davon zehrten sie nun – kurz vor Weihnachten.

 

Pandy war der erste, der sagte, was alle dachten: „Mami, wie geht es Tante Elsbeth? Und Arthur und Pia? Und dem Elefanten-Oktett?“ Ja, aller Gedanken kreisten um Afrika, besonders um die sonnenverwöhnte Landschaft um den Kilimandscharo herum. Sie waren wie in einem Traum gefangen: Ein Traum aus Sonne, Wärme, grünlich glitzerndem Wasser, schneebedecktem Berggipfel, einem gewaltigen Urwald und vielen verrückten Tieren. Gabi antwortete: „Ach, mein Kind, gut geht es ihr. Erst heute Morgen haben wir miteinander telefoniert. Ich soll euch alle herzlich grüßen. Auch soll ich fragen, wann wir sie wieder besuchen würden!“ Gabi schaute alle der Reihe nach an. Sie sah in erwartungsfrohe und glänzende Gesichter.

 

Eigentlich hatten sie ja keinen Urlaub mit Erholung und Entspannung dort verbracht, sondern einen einzigen Abenteuerstress gehabt. Und was für einen: Kein Hirschkind der Welt hat schon einmal auf einem Elefanten gesessen. Und gar schon niemand hat einmal einen Affen aus einer Python befreit, die nun schon seit zwei Wochen miteinander Händchen, äh, Pfote und Schwanz halten.

 

Ohne ein Wort zu sagen, war allen klar: Weihnachten musste in Afrika verbracht werden. Das bot sich geradezu an. Papa Harry hatte gerade genug Geld von seinem Verleger bekommen. Sein neuestes Buch kam gut an beim lesenden Waldvolk. Siegfried, der deutsche Schäferhund, war schon fest seiner Brieffreundin Sieglinde versprochen: Sie wollten in Bayern zusammen mit einem befreundeten Förster auf die Pirsch gehen. Auch Dragomir, der Haus- und Hof-Drache der Harry-Hirsch-Familie, wollte zusammen mit ihnen das heilige Fest der Geburt des Heilandes feiern. Es schien soweit alles klar zu sein.

 

„Na dann, Gabi, ruf‘ mal Tante Elsbeth an, dass sie für sieben Gäste Quartier machen soll.“ Der Jubel kannte keine Grenzen. Alle fielen sich um den Hals und stürzten sich auf Papa, der sich nur mit Mühe und Not auf den Hufen hielt. Das Jubelgeschrei wurde jäh unterbrochen, als Siegfried durch die Tür hereinstürzte, weil er nicht wusste, was geschehen war, und deshalb laut knurrte. „Brav, Siggi, brav. Alles palletti, null problemo“, beschwichtigte Alena den aufgeregten Köter. Dieser drehte auch gleich ab, als er erfuhr, dass die Harry-Hirsch-Familie Weihnachten in der Wärme des Südens verbringen wollte. Davor aber schleckte er Harry und Gabi noch besonders ab, zum Zeichen dafür, dass er sich für sie freute. Siegfried gab sich immer besondere Mühe, möglichst viel Sabber auf diejenigen zu verteilen, die er abschleckte: Er meinte, sein Sabber hätte eine besondere heilende Wirkung, echter Heilschleim eben.

 

Eltern wie Kinder ließen das ganze Gesabber über sich ergehen. Er war eben ein echter Preuße: treu, ergeben und dienstbereit – wie sie eben so sind die Preußen. Nun war noch genügend Zeit, um Pläne zu schmieden und die ersten Sachen zu packen. Es sollte nicht wieder so stürmisch zu gehen wie vor zwei Wochen. Gut gelaunt saßen sie alle um den Küchentisch. Jeder brabbelte drauflos, was das Zeug hielt. Es war Sonntagmittag und – wie gewöhnlich – sprachen sie über das, was sie während des Gottesdienstes gehört und mitbekommen hatten: die Erwachsenen über die Predigt, die Kinder über den Kindergottesdienst und Siegfried sprach mit Mike, der Mücke, über den Wald-und-Wiesen-Gottesdienst am Rande der Dorfkirche. Es war so richtig gemütlich, ein versonnener und ruhiger Sonntagnachmittag lag vor ihnen. Der Zwiebelkuchen schmorte schon im Backofen, während Gabi gerade die Suppe zubereitete.

 

Gabi unterbrach die geschäftige Gemütlichkeit und rief ihre Zweitjüngste: „Alenalein, holst du mir bitte mein Satellitentelefon. Tante Elsbeth dürfte gerade jetzt ihre Morgenandacht hinter sich haben. Ich kann sie gewiss jetzt gut erreichen.“ Alena, brav wie immer, tat wie ihr geheißen und brachte das Telefon ihrer Mutter. Die drückte auch sogleich auf die Speichertaste und erwartete die freudige Überraschung von Elsbeth, die sie sicher gerne willkommen hieß. Diesmal dauerte es etwas länger, bevor jemand den Hörer in Afrika abnahm. Sehr viel länger. Das war ungewöhnlich. Gabi wollte schon auflegen, da meldete sich eine sorgenvolle und offensichtlich gehetzte Person: „Jaaah, bitte“, krächzte es in das Telefon, „wer ist da?“ „Wer soll es schon sein, Elsbeth“, erwiderte Gabi, „ich, deine Nichte Gabi.“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung stockte: „’Gabi’, ich kenne keine ‚Gabi’. Warten Sie bitte, ich werde Tante Elsbeth holen.“ In Hintergrund hörte man ein schnelles Schlurfen, wie von einem Krokodil, das sich verletzt hatte. „Elsbeth, Eeeellsssbeeeeth“, hörte Gabi dieselbe Stimme langatmig rufen, mit einem leichten Lispeln. Das musste Konradin, das Krokodil mit dem Sprechfehler, sein. Immer wieder hatte sie Elsbeth von ihrem Schwager mütterlicherseits erzählen hören. Aber wie kam Konradin zu Elsbeth? Konradin war doch ein altes Nil-Krokodil und der Kilimandscharo war etliche tausend Kilometer vom Nil entfernt. Das war wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

Bleich geworden schaute Gabi in die Runde. Alle waren totenstill geworden. Irgendetwas ganz Schlimmes musste vorgefallen sein. „Mama“, war Katharina zu vernehmen, „Mama, is‘ was?“ Katharina hatte sich sprachlich schon sehr entwickelt. Sie konnte nicht mehr nur ‚Mama‘, ‚Papa‘ und ‚gut‘ sagen, sondern auch ‚is‘ was‘. Aber Gabi war gar nicht zum Loben zu Mute. Ihr war ganz elend. Verständnisvoll sagte ihr Gemahl: „Schatz, setze dich doch.“ Auch Harry war leicht käsig geworden. Während seine Nasenspitze sonst purpurrot leuchtete, war nun ein aschfahles Grau zu sehen, mit einem leichten Grünton, wie Schimmelkäse.

 

Die Kinder hatten nun hautnah mitbekommen, dass etwas schief gelaufen sein musste. Katharina und Tyll fingen auch sogleich an zu weinen. Harry nahm seine Liebste in den Arm. „Schatz, sag‘ uns, was los ist.“ Gabi setzte sich und ließ sich von ihrem Gemahl am Hals kraulen, aber nicht an ihrer Lieblingsstelle, denn ihr war jetzt nicht nach Zärtlichkeit, sondern nur nach Mitgefühl zumute. „Meine Lieben, ich weiß es leider auch nicht. Irgendetwas Schlimmes muss vorgefallen sein. Es war Konradin, das alte Nil-Krokodil, an der anderen Seite der Leitung, gar nicht Tante Elsbeth. Offensichtlich ist sie gerade nicht im Hause, sonst würde ich nicht so lange auf sie warten müssen.“ Plötzlich hörte sie ein lautes Krächzen: Es war Tante Elsbeth, aber wie um Jahre gealtert. „Gabi, Gabi, Gaaabbiii, bist du es?“, eine sorgenvolle und tränenerstickte alte Elefantendame meldete sich. „Ja, liebe Else, ich bin es, deine Gabi“, flötete Gabi sanft und so zart wie es nur sie selbst vermochte. „Ach Gabilein, wenn du wüsstest, was hier passiert ist. Grauenvoll, einfach nur grauenvoll. Wir wissen gar nicht mehr, was wir tun sollen. Überall Feuer und Gestank, Rauch und Qualm. Schrecklich. Gestern ist Gottfried, der Geier, über den Urwald geflogen, um Pia, die Python, und Arthur, den Affen, zu besuchen. Die sind gerade dabei, sich eine kleine Hütte zu zimmern – für den Nachwuchs. Stell‘ dir vor, sie bekommen Nachwuchs.“

 

Elsbeth war ganz außer Atem. Sie war eine liebenswerte ältere Dame, die sehr besorgt um alle war; deshalb war sie so liebenswert. Nur war sie dazu auch etwas langatmig. Gabi half ihr dabei ein bisschen: „Ja, Elsbeth, und was ist mit dem Feuer?“ Tante Elsbeth fasste sich ein Herz: „Gottfried hat gleich am Dschungelausgang, auf der anderen Seite des Urwaldes, seine Brille verloren. Er war ganz durcheinander und wusste nicht mehr, wo er sie verloren hatte. Pia hat ihm dann ihre Lesebrille geliehen, damit er überhaupt zurückfliegen konnte. Sonst hätte er laufen müssen.  Das wäre natürlich schön peinlich gewesen: Ein stolpernder Geier, die Lachnummer des ganzen Urwalds.“

 

Tante Elsbeth kam wieder nicht auf den Punkt. Die Harry-Hirsch-Familie hatte nun ganz viele Klatschgeschichten aus dem Urwald erfahren, denn Gabi hatte das Handy auf Zimmerlautstärke gestellt. Aber niemand wusste, woher das Feuer kam. „Elsilein“, Gabi platzte der Geduldsfaden, „du spannst uns ja ganz schön auf die Folter: Woher kommt das Feuer?“ „Entschuldige bitte, Gabi, natürlich das Feuer. Die Brillengläser von Gottfried, dem Geier, setzten das dürre Gras der Savanne in Brand. Das wäre auch nicht so schlimm, aber auch der Urwald hat nun angefangen zu brennen. Nun steht alles lichterloh in Flammen. Schrecklich und niemand hilft uns.“

 

Das war wirklich schrecklich. All die Tiere mussten fliehen. Aber wohin? Die meisten wollten auf den schneebedeckten Kilimandscharo, aber konnten nicht klettern. Andere wollten schon in die Fluten des riesigen Viktoria-Sees springen, aber konnten nicht schwimmen. Blieb also nur noch das Haus von Tante Elsbeth. Und wirklich: Tausende Tiere lagerten um ihr Haus herum. Was aber, wenn es hart auf hart kommen würde? Dann wäre das Haus ja doch viel zu klein. Auch der Keller übrigens, der so groß wie das Haus war. Nur hundert Tiere könnten überleben. Einige Tiere gruben ganz schnell einen Kanal, um ein weiteres Stück Land vor den Flammen zu sichern. Aber ob auch das bei einer tosend heißen Feuerwand, die immer näher kam, helfen würde?

 

Die Lage bei Elsbeths Urwald war verzweifelt, soviel war klar. Auch verabschiedete sich gerade das Satellitentelefon von Elsbeth. Es gab keinen Strom mehr, um die Akkus des Telefons aufzuladen. Schnell verabredeten sie, sich am Nachmittag zu melden. Das war der Schocker des Tages – und davon gab es ausnahmsweise ziemlich viele an diesem Sonntag. Erst hatte Katharina das erste Zähnchen gleich am Morgen, auf dem Weg in die Kirche, bekommen. Dann bemerkte Pandy, dass er aus Versehen Rudi, die Ratte, in seiner Manteltasche vergessen hatte, was zu einem lauten Quick während der Predigt führte, als er sich an seine Mama anschmiegen wollte. Dann brach die Kanzel mitten im Kanzelsegen entzwei – sie war einfach etwas altersschwach. Das war für einen normalen Sonntagvormittag eigentlich schon etwas zu viel des Schlechten. Nun aber diese Feuersbrunst mitten in Afrika. Tante Elsbeth schien dem Tode geweiht.

 

„Essen ist fertig“, versuchte die Mutter ihre Kinder so unschuldig wie möglich aufzumuntern. Aber alle kümmerten sich nicht darum. Jeder machte sich seine Gedanken, wie es nun wohl weiter gehen würde. „Essen fassen“, meinte nun auch Papa Harry und gab Anweisungen, wer was zu holen hatte. Schnell war der Tisch gedeckt. So richtig schmecken tat es ihnen allen nicht. Aber das war auch nicht so schlimm. Schlimm war die Lage in Afrika. Pandy schaltete das Radio ein. „Eine gewaltige Feuersbrunst bedroht den Urwald rund um den Kilimandscharo“, hörten sie die Schreckensmeldungen. Gebannt verfolgten sie alles, während sie schweigend die Mahlzeit zu sich nahmen. Jeder schluckte für sich das Essen herunter. So wenig hatten sie noch nie gegessen. Nur einmal, beim Angriff des Riesen-Hummers, aßen sie gar nichts.

 

Es war Fritjoff, der das Wort ergriff: „Liebe Eltern, liebe Geschwister: Wir helfen den Tieren in Afrika auch nicht, wenn wir nichts essen. Vielleicht kommt uns ja die beste Idee der Welt, wenn wir essen. Also haut rein!“ Das leuchtete allen ein. Es war in letzter Zeit nicht selten, dass Fritjoff so gute Ideen hatte – er hatte ein Quantensprung an Reife und Einsicht gewonnen, seitdem er mit Dörte Dachs ein zartes, aber inniges, Verhältnis entwickelt hatte – das aber ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

 

Nun hauten sie alle der Reihe nach hinein und aßen mehr als sonst. Ja, sie stärkten sich und stellten sich dabei vor, wie sie gegen die Feuersbrunst kämpfen würden. Nur: Wie? Diesmal hatte Tyll den besten Einfall: „Liebe Familie“, begann er seine kurze Rede, „wir müssen Tante Elsbeth helfen. Vielleicht kann Dragomir, der Drache, uns helfen?“ Immer wieder, wenn alles schief zugehen drohte, erscholl der Ruf nach Dragomir. Aber bei einer Feuersbrunst? „Liebes Schatzl, du bist süß“, freute sich Gabi über ihren Jüngsten. „ Dragomir ist stark und kann fliegen, das ist sicher. Wie aber soll er uns helfen?“

 

Alle überlegten fieberhaft. Ja, die Drachenstärke eines Dragomir war von Vorteil. Bei derzeit zehn lebenden Drachen weltweit machte dies zehn Drachenstärken. Eine gewaltige Kraft. Aber wie soll man eine solche große Kraft einsetzen? Dazu braucht man Köpfchen. Die Harry-Hirsch-Familie war also gefragt. Alle strengten sich an. Überall sah man rauchende Schädel. Je mehr sie sich anstrengten, um so weniger kam dabei heraus. Jetzt ging es um alles oder nichts. Tante Elsbeth brauchte dringend Hilfe, aber welche? Es war Pandy, der etwas sagen wollte: „Vater, was hältst du davon, wenn wir miteinander beten und während eines Waldspaziergangs unsere Seele etwas lockern? Es sind zwar nur noch 20 Minuten bis zum nächsten Anruf bei Tante Elsbeth, aber es wird schon werden – mit Gottes Hilfe.“

 

Pandy traf wieder einmal den Nagel auf den Kopf. Alle rückten um den Küchentisch zusammen und steckten die Kopfe zueinander. Pandy begann diesmal: „Lieber Vater im Himmel! Danke, dass wir dich kennen dürfen. Du wirst uns sicher gerne dabei helfen, dieses böse Feuer in Afrika zu bekämpfen. Lass uns nicht im Stich.“ Und alle sagten laut und deutlich ‚Amen‘ dazu – wie in der Kirche. Nun standen sie voller Erwartung auf: Etwas würde ihnen einfallen.

 

Es war Katharina, der etwas auffiel: „Lolo, Kathalina, lolo.“ In der Aufregung der letzten Stunden hatten sie ganz vergessen, auf die Ausscheidungen von Katharina zu achten. Es kümmerte sich einfach niemand um sie. Fritjoff, der Älteste, nahm sie zärtlich in den Arm und trug sie in das Bad hinein. Mama kam hinterher und gab ihr schnell einen Kuss. Auch als Katharina vorhin geweint hatte, wurde sie ja gar nicht entsprechend gewürdigt. Tyll war der Zweite, der versorgt werden musste. Auch ihm gab Gabi einen dicken Schmatzer auf die Backen, die schon ganz rot waren. Ganz klar: Beide Kleinsten mussten dringend ihren Mittagsschlaf halten. Sanft legte sie ihre Kleinsten ins Bett – nebeneinander, weil sie beide in einem schönen Hochbett gemeinsam beieinander schliefen.

 

Harry ging derweil mit seinen ältesten Kindern in den Wald. Dabei sahen sie, wie Bob, der Biber, eine alte Birke flachlegte, also fällte. Das war immer interessant zu sehen. Er nagte einfach drauf los, aber achtete auf die Richtung, so dass er den Baumstamm dann am leichtesten abtransportieren konnte. Harry kam ein Einfall und sprach versonnen vor sich hin: „Bäume brennen. Und die Erde um die Bäume brennt nicht. Eigentlich ganz einfach.“

 

Alena hörte mit. Sie lief immer gerne mit ihrem Papsl mit und hielt gerne seine Hufe in ihren kleinen und zarten. „Papa, kläre mich auf: Bist du übergeschnappt?“ Papa Harry war immer noch ganz versonnen und in seinen Gedanken versunken: „Bäume brennen, nur die Erde nicht.“ „Paapppaaa, hörst du mir überhaupt zu?“ „Alena, ich habe genau zugehört. Während in meinem Hirn gerade ein genialer Gedanke den anderen jagt, erklärst du mich für Plemplem und nicht ganz dicht. Na, sei es drum, wir haben nicht mehr viel Zeit zu verlieren. Lasst uns umkehren und die Einfälle zusammentragen.“

 

Nun traten sie ins Wohnzimmer. Gabi hatte schon alles hergerichtet für den engeren Kreis der Familie: Eltern plus Kinder, als da wären Alena, Pandy, Fritjoff, Harry und Gabi – nach Alter geordnet. Harry ist dreizehn Tage jünger als Gabi, Fritjoff zehn, Pandy fast neun und Alena acht Jahre alt. Papa fing an: „Bäume brennen und Erde eben nicht!“ Stolz ob seiner Entdeckung sah er sich um, aber alle sahen ihn nur entgeistert an. Auch Gabi verdrehte die Augen, wie ein Frosch, wenn es blitzt. „Paapaa, fängt du schon wieder so komisch an zu reden?“, Alena war voller Unverständnis, wie alle anderen auch.

 

Aber Harry gab nicht auf, sondern fing auch noch an zu lächeln. Er schaute jeden einzelnen seiner Hirsch-Familie an und sagte mit Nachdruck: „Wir müssen nur die Bäume fällen, die brennen können und dazwischen einen Graben schaufeln, weil Erde nicht brennt.“ Pandy fiel seinem Papa ins Wort, was er sonst nie tat: „Aber Papsl – Bäume fällen im Urwald, da kannst du ja den ganzen Urwald fällen. Das macht doch gar keinen Sinn.“ Alle nickten – außer Papa. Der lächelte wieder ganz versonnen. Er sagte dann langsam und betont: „Lieber Zweitältester: Du hast vollkommen recht. Es geht ja nicht um den Urwald, sondern um die Erde um Tante Elsbeths Haus herum. Der Urwald ist verloren, meine ich, aber alle Tiere im Rundhaus von Elsbeth können wir retten. Wir müssen nur einen Wall hoch aufwerfen und um diesen herum einen Kanal mit Wasser füllen. Dann haben die Tiere eine Chance.“

 

„Klingt einleuchtend, Schatz“, meinte Gabi anerkennend und nickte in die Runde, „aber wer soll den Wall aufwerfen und den Kanal graben? Und wer soll die Bäume fällen?“ Wieder herrschte schweigen. Nur noch fünf Minuten hatten sie Zeit, dann wollten sie sich wieder bei Tante Elsbeth melden. „Also, mein Plan sieht folgendermaßen aus: Alle zehn Drachen sollen graben, was das Zeug hält und den Kanal für das Wasser aus dem Viktoria-See fertig stellen. Alle anderen Tiere sollen die Bäume um das Rundhaus herum fällen, damit das Feuer keine Nahrung bekommt. Ich weiß nicht, ob das reichen wird, aber es ist die einzige Möglichkeit.“ Harry sah sehr ernst aus. Es klang nicht perfekt, was er sagte, aber es war wohl die einzige Chance. Sie hatten auch keine Zeit mehr. Tante Elsbeth in Afrika wartete.

 

„Elsilein, wir haben eine Idee“, war Gabi gleich am Satellitentelefon zu hören. Die Verbindung nach Afrika war noch schlechter als vorher. Weil die Stromleitung unterbrochen war wegen des Feuers, konnte der Akku ihres Telefons nicht richtig aufgeladen werden. So stellte Tante Elsbeth das Telefon einfach in die heiße Sonne. Das reichte auch, um den Akku für ein paar Minuten aufzuladen. Tante Elsbeth erwiderte: „Ich habe auch eine Idee – ihr müsst mit euren Drachen auf dem Kilimandscharo landen und eine Schneelawine losbrechen, ganz, ganz, ggggaaanzzz schnell.“ Das war die Lösung und genial einfach. Wenn alle zehn Drachen auf dem schneebedeckten Berg gleichzeitig landen würden, würde sich von ganz alleine eine Lawine lösen, ach was, die Schneespitze würde gleich ganz abbrechen. Und durch die dadurch ausgelöste Riesen-Schneekugel würde im Urwald eine Schneise von umgestürzten Bäumen entstehen. Und dadurch würde die Feuerwalze schnell und effektiv aufgehalten werden – wenn es alles klappt und zwar schnell. Weil nämlich das Feuer keine Nahrung bekommt, da die Bäume ja gefällt sind, musste es von selbst zum Stillstand kommen.

 

„Elsilein, das klingt genial. Wir müssen jetzt nur noch möglichst viele Drachen anrufen. Am besten ich fange jetzt an“, rief Gabi noch schnell, bevor der Akku von Tante Elsbeth den Geist aufgab. Sofort fing sie fieberhaft an zu telefonieren – die weltweite Drachenliste, rauf und runter. Schrecklicherweise musste sie einen Anruf mit Drachentelefon tätigen – über die langwierige Vermittlung des Fräuleins vom Amt. Aber es war nur Dangalf, den sie darüber erreichen musste und überließ das gerne ihrem Gatten, der mit dem Fräulein vom Amt seine Erfahrungen hatte, noch von der letzten Geschichte her…

 

Irgendwo mussten sich die Drachen aber sammeln, damit sie sich absprechen konnten, wie sie auf dem Kilimandscharo landen sollten. Harry und Gabi hatten eine gute Idee: Weil die Verständigung über Handy und Drachenfunk nicht so einwandfrei war, überlegten sie, ob sie nicht einfach von Drache zu Drache hinüber springen sollten. Während die Drachen schon auf dem Anflug zum Kilimandscharo waren, konnte einer von ihnen parallel zum anderen fliegen und ein kleiner Hirsch würde herüber springen, um dem jeweiligen Drachen letzte Anweisungen zu geben.

 

Der Vorschlag der Eltern war bestechend einfach und geradezu atemberaubend: Über den Wolken von Drache zu Drache zu springen und ihm die wichtigen Mitteilungen ins Ohr zu flüstern – das klang einleuchtend. Aber wer sollte sein Leben wagen? Und: Sollten es gleich mehrere sein? Die Drachenhaut war glatt und die Winde über den Wolken eiskalt und kräftig. Wer wollte es wagen und wie sollte er abzusichern sein? Harry, der Hirsch, war zu groß und sein kleiner Bauch zu dick, obwohl er nicht wirklich dick war; auch war sein Geweih zu groß, so dass der Luftwiderstand beim Springen nicht kalkulierbar war.

 

Tyll und Katharina waren zu jung, und Gabi musste auf sie aufpassen. Blieben also nur die drei ältesten Kinder übrig: Fritjoff, Pandy und Alena. Durften sie es wagen? Harry und Gabi waren sich unschlüssig. Was hatte Afrika mit ihnen zu tun? Und wenn sie alle drei wegen Tante Elsbeth verlieren würden? Fallschirme waren für so kleine Hirschlein und Rehkitze wirklich nicht gedacht –und wer wusste schon, wo sie dann herunterkommen würden? Wer konnte sie also retten und bewahren? Heute Morgen gab es in der Predigt eine Passage, die von den Schutzengeln handelte, die jedes Kind hat. Sollten die Schutzengel eingreifen? Harry und Gabi hatten noch nie etwas mit ihnen zu tun und wussten sie nicht so recht einzuordnen. „Gabi“, raunte ihr Harry zaghaft in ihr Lieblingsohr, „Gabi: Sollen wir sie ihren Schutzengeln anbefehlen?“ Gabi erwiderte: „Ja, mein Schatz, ich habe auch schon darüber nachgedacht, aber bin zu keinem Schluss gekommen. Bisher habe ich mich um die dienstbaren Geister noch nie gekümmert. Sollen wir es versuchen?“

 

Harry nickte und sagte: „Liebe Kinder, wir müssen uns für einen Augenblick in die Küche zum Beten zurückziehen. Lasst uns bitte dafür ein bisschen Zeit, ja?“ Beide Eltern gingen nun in die Küche, während die Kinder sich reihum warm anzogen und sich Gedanken darüber machten, wer für welche Drachen zuständig sein würde – ein Hirschkind für jeweils drei Drachen. Harry hatte Dangalf schon über den Drachenfunk benachrichtigt. Harry und Gabi setzten sich. Gabi fragte: „Schatz, ich habe mich noch nie mit den Schutzengeln meiner Kinder befasst. Du etwa?“ „Nein“, meinte Harry trocken, „auch nicht mit meinem eigenen, obwohl Jesus meint, wir hätten alle welche. Aber wenn uns einer helfen kann, dann nur einer aus dem Himmel, ein himmlisches Wesen, ein Engel.“ Sie beteten gemeinsam: „Lieber Jesus, du hast uns zugesagt, dass du bei uns bleiben willst bis ans Ende aller Tage. So behüte und beschütze uns und besonders unsere Kinder mit deinen heiligen Schutzengeln. Du weißt, was für eine edle Aufgabe vor ihnen liegt. Der schreckliche Waldbrand muss bekämpft werden. Erhalte das Leben von uns allen – unseren Kindern und den vielen Tieren im Urwald und in der Savanne.“ Nach dem Gebet saßen sie noch eine kleine Weile zusammen, Hufe haltend.

 

Dann gingen sie tapfer, ihre Angst herunterschluckend, zu ihren Kindern und segneten sie, jeden Einzelnen langsam und bedächtig und gaben ihnen einen letzten zärtlichen Kuss. Denn wer konnte schon wissen, wie es alles ausgehen würde. Die Hirschkinder waren nun ganz warm angezogen und hatten sich Seile und Gürtel umgeschnallt, für alle Fälle. Auch trugen sie alle Lederfäustlinge an den Hufen. Der Plan von Harry war: Ein Drache flog so nahe an den anderen heran, dass eines der Hirschkinder herüber springen konnte. Erleichtern sollte ihnen dies ein Gürtel oder ein Seil. Hatten sie sich an dem Drachen festhalten können, sollte der Drache wieder abdrehen. Das Ganze war das reinste Himmelfahrtskommando, also etwas, das sehr wahrscheinlich nicht gelingen konnte. Jeder Drache war mit einer glatten schwarzen Haut voller Schuppenpanzer umgeben – so glatt wie Schmierseife. Und jeder Drache hatte eine Flügelspannweite von 20 Metern. Damit die Hirschkinder nah genug an den jeweils anderen Drachen herankamen, mussten diese quasi im Gleichschritt fliegen. Der eine Drache musste also seinen Flügelschlag mit dem anderen genauestens abstimmen; eine regelrechte Qual für diese ausgeprägten Individualisten, die lange in den Tag hinein schliefen und auch sonst höchst eigen waren.

 

Würden sie ihren Flügelschlag nicht vereinheitlichen, dann würde der eine Drache den anderen mit den Flügeln fast erschlagen, denn die Kraft in den Flügelmuskeln war gewaltig. Sie entsprach, pro Flügel, der Kraft von zehn Bulldozern bzw. zehn Panzern. Es bestand also auch eine sehr große Gefahr für alle Drachen. Mal abgesehen davon, dass niemand wusste, was geschehen würde, wenn die Bergspitze des Kilimandscharo plötzlich abbricht – immerhin würden die Drachen samt Hirschkindern auf ihr zum Stehen kommen, um dann von dort aus die Lawine herunter rollen zu lassen.

 

Auch wusste niemand, wie zehn schwere Drachen so eine Lawine zum Rollen bringen würden. Immerhin müssten sie auch hier wieder gemeinsam und vollkommen einheitlich handeln – für ausgeprägte Individualisten eine schwere Folter. Die Sorgenfalten der Eltern wurden immer größer und größer. Man glaubte fast, ihr Gesicht wäre eine einzige tiefe Furche. Da ging ihnen buchstäblich ein Licht auf und beide hörten zugleich eine Stimme, die zu ihnen sprach: „Fürchtet euch nicht, wir kümmern uns um sie.“ Wer ist ‚wir‘, schoss es beiden zugleich durch den Kopf. Beide Hirscheltern schauten sich fragend an und gingen kurz in die Küche hinaus. „Harry, hast du auch diese komische Stimme gehört?“, begann Gabi das Gespräch. Harry hatte keine Gelegenheit zu antworten, denn die Stimme widersprach Gabi sofort: „Welche ‚komische‘ Stimme? Meinst du etwa unsere? Wir sind doch die drei Schutzengel für eure drei Kinder. Und wir haben nur gesagt, dass wir eure Kinder schützen wollen.“

 

Harry fing an zu stottern: „Schschschuuutztztzeeennngggeeellllll?“ Gabi schaute tadelnd ihren Gatten an: „Na klar, Mensch, äh, Hirsch, wir hatten doch Jesus um Hilfe gebeten – um die Schutzengel für unsere Kinder. Wie heißt ihr drei?“ Drei himmlisch ausgeruhte und wolkensanfte Stimmen sprachen nacheinander. Eine etwas tiefere Stimme sagte: „Also ich bin der Engelbert aus Bayern und der Älteste. Ich bin für Fritjoff eingeteilt.“ Eine hellere Stimme sprach: „Und ich der Engelhard für Pandy.“ Eine Piepsstimme sang fast fröhlich: „Und ich heiße Emily. Ich bin der Lehrling und muss noch viel lernen. Ich bin für die liebe Alena da.“

Harry und Gabi schauten sich mit immer größeren Augen an. Eigentlich glaubten sich ja an Gott und hatten auch schon viel von ihm erfahren. Aber dass es echte Schutzengel gab und auch noch mit Namen – das war zu viel für sie. Sie mussten sich erstmal setzten. „Vertraut uns, es bleibt euch eh nichts anderes mehr übrig“, meinte Engelbert in seinem besten Hochdeutsch – bis auf das ‚eh‘. Engelbert hatte Recht. Die Lage war hoch gefährlich, wie noch nie in ihrem Leben. Und sie konnten leider nicht mitkommen, sondern mussten anderen vertrauen – Gott zuerst und eben auch den himmlischen Wesen. „Gut“, meinte Harry trocken, „also los, uns rennt die Zeit davon. Passt gut auf unsere Kleinen auf, besonders auf Alena.“ Gabi meinte noch schnell, bevor sie alle fünf aufbrachen: „Ich werde Alenas Zöpfe zusammenbinden, so dass sie ihr nicht so ins Gesicht baumeln.“

 

Sie gingen nach draußen in den Flur, wo die zwei kleinen Hirschlein und das Rehkitz warteten. Sie hatten sich alle drei mit wetterfester Regenkleidung angezogen. Harry und Gabi drückten ihre Kinder ein letztes Mal und gaben ihnen Schmatzer ohne Ende bis Pandy meinte: „Paps, Mamps: Engelbert, Engelhard und Emily warten schon auf uns. Dragomir ist schon längst startklar. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Harry fing schon wieder an zu stottern: „Wwwaaasss mmmeeeiiinnnsssttt du, mein Sssooohhhnnn? Ddduuu kkkeeennnsssttt die drei Eeennngggeeelll schon?“ „Na klar, Papsl, jeder von uns kennt doch seinen persönlichen Schutzengel.“ „ Sie sehen schön aus, sehr schön“, meinte Alena ganz stolz:  „Habt ihr sie noch nicht gesehen?“

 

Verdattert schauten sich Harry und Gabi an. So etwas: Die Kinder wussten diesmal mehr als sie selbst – normalerweise war es umgekehrt. „Nein“, flüsterten Harry und Gabi etwas kleinlaut, „nein, haben wir nicht. Seit wann wisst ihr drei denn von den anderen dreien?“, wollte Gabi neugierig wissen. „Na, seitdem ihr dafür gebetet habt. Da haben wir die drei um uns herum schweben sehen. Wir waren erst erschreckt und wollten schon zu euch gelaufen kommen. Dann aber sprachen sie mit uns und stellten sich vor.“ Harry und Gabi dankten in ihrem Herzen Gott und lobten ihn dafür, dass er so treu ist und ihre Gebete auch sofort erhört hatte. Sogleich sahen sie die drei Schutzengel ganz sanft und licht über ihnen schweben. Engelbert und Engelhard stießen geradewegs durch das Dach hindurch, während sich Emily an ihren Windeln zu schaffen machte, die gerade verrutscht waren.

 

„Nun aber los“, trieb Harry seine Liebsten an: „Dragomir wartet schon die ganze Zeit draußen und läuft sich warm, um sofort starten zu können. Siegfried, der deutsche Schäferhund, wird schon ganz unruhig von dem ganzen Geflatter der Drachenflügel. Auch hebt Drago dadurch ständig seine Hundehütte hoch, so dass sie ihm auf den Schwanz fällt. Als alter Preuße verbeißt er sich das Gejaule. Helfen wir ihm.“ Jedem seiner drei Kinder gab er einen Kuss,  drückte sie ganz herzlich und machte über ihnen das Kreuzzeichen. Gabi tat dasselbe. Nun war es an der Zeit, loszulassen und Abschied zu nehmen. „Mama“, rief Alena mit tränenerstickter Stimme, „Mama, wir sehen uns bald wieder – entweder jetzt hier unten oder dort oben im Himmel.“ Dabei musste sie laut aufschreien – und Mama Gabi fiel in Ohnmacht.

 

Sogleich hob Dragomir, der gute alte Hausdrache der Harry-Hirsch-Familie, in die Lüfte ab. Ohne ein Wort zu sagen nickte er Harry zu, der sich um Gabi kümmerte und den Kindern zuwinkte. Die drei Schutzengel begleiteten Drago und kraulten ihn aufmunternd an den beiden Ohren, wobei Emily allen voran flog. Sie war die leichteste, trotz voller Windeln. Je älter die Engel sind, umso schwerer sind sie und umso langsamer können sie fliegen, da die Engelflugkraft bei allen Engeln die gleiche ist.

 

Schon bald waren sie in die Nähe all der anderen Drachen gekommen, die sich über dem Mittelmeer bei der Insel Mallorca sammelten. Das war sehr komisch anzusehen, wie da neun Drachen über der Insel kreisten und einen so gewaltigen Wirbelsturm verursachten, den die Insel noch nie gesehen hatte. Endlich gelangten sie nach 20 Minuten zu den anderen Drachen.

 

Nun sahen die Hirschkinder etwas, was sie bisher noch nicht wussten: Auch Drachen haben Schutzengel, nur dass diese die Farbe Blau hatten. Bläue steht für Adel und Fabelwesen, weiß für Menschen und Tiere. Aufgrund der Gefährlichkeit ihrer Mission wimmelte es nur so vor blauen Schutzengeln, denn die Schutzengel hatten die anderen Fabelwesen kurzzeitig verlassen. Sie halfen mit, den gewaltigen Auftrieb durch die Drachenflügel zu mildern. Dragomir rief: „Hallo, ihr alten Häuser, schön euch zu sehen.“ Aus neun Kehlen erschall die Antwort: „Hey, Drago, wie geht’s?“ „Den Umständen entsprechend“, gab dieser trocken zur Antwort.

 

Alle schauten sich der Reihe nach ernst an. Was sie wagen wollten, war riskant, wenn nicht geradezu halsbrecherisch. Auch war ein möglicher Erfolg mehr als fraglich. Der Plan bestand kurz gefasst darin, auf dem Kilimandscharo zu landen und entweder schon durch die Landung oder kurz danach eine Lawine in Bewegung zu setzen. Diese Lawine sollte auf den Urwald zu rasen, den gewaltigen Berg hinunter. Im Urwald sollte sie zum einen das Feuer regelrecht platt walzen und zum anderen durch eine Schneise die Bäume umnieten. Schnee und Eis der Lawine sollten ein Übriges tun, um das Großfeuer zu ersticken. Ob nun die Lawine überhaupt dort herunter ging, wo sie es wollten, und ob die Lawine nicht schon zu spät kam, konnte niemand wissen. Denkbar war es auch, dass die Lawine eine andere Richtung nahm und vielleicht sogar Tante Elsbeths Rundhaus einebnete. Erfahrungen diesbezüglich waren nicht vorhanden.

 

Schon sahen sie den riesigen Berg von weitem. Sie flogen vom Nil heran, also über Ägypten, weil der Nil gut zu sehen war. Pandy hatte einen Plan. Er hatte im Naturkundeunterricht gehört, dass Lawinen große Schneebälle sind, die sich in affenartiger Geschwindigkeit dem Tal näherten. Schlimm wäre es, wenn sie bloß einen Erdrutsch verursachten und keine Lawine. Ein Erdrutsch würde zwar auch viel Schnee und Eis nach unten bringen, aber eben nicht als Kugel rollend. Es gab zwei Möglichkeiten für eine Schneekugel: Die Spitze zum Abbruch bringen und in die richtige Richtung herunter rollen lassen. Oder: Alle zehn Drachen bilden eine Drachenkugel und rollen als lebendige Kugel herunter, um die dann weiterer Schnee anhaftet. Das wäre natürlich Einsatz in höchster Lebensgefahr. Wenn die Kugel zu früh zerstört würde, z.B. durch ein Hindernis wie einen Felsen, wäre alles zunichte gemacht und die Drachen vielleicht tot.

 

Der Kilimandscharo rückte immer näher. Die drei Schutzengel taten ihr Bestes und transportierten die drei Kinder hin und her, um Pandys Plan den Drachen näher zu bringen. Den meisten raubte es den Atem, nur einer stimmte zu: Dragomir, der alte Haudegen. In fünf Sekunden setzten sie alle gemeinsam auf dem Hochplateau neben der Spitze des Kilimandscharo auf: „Kkkkaaaaeeewwwwwwuummmm!“, machte es, da war die Spitze leider abgebrochen – durch Dingalf, den Seppl der ganzen Meute. Eigentlich wollten sie erst landen, um sodann die Bergspitze zum Abbruch zu bringen. Aber Dingalf hatte sich vorher zu viel Mut angetrunken, mit ‚Drachenrachen‘, dem köstlichen Bier der Drachen. Er torkelte zu sehr bei der Landung und sein gewaltiger Schwanz prallte dabei an die Spitze des Berges. Eine gigantische Lawine ging nun ab, nur leider in die falsche Richtung. Die Lawine war so groß, dass sie sogar – als klitzekleine Schneekugel – den Nil erreichte…

 

Nun war guter Rat so teuer wie ein Drachenleben. Dragomir, der alte Kämpe, fand als Erster seine Sprache wieder: „Meine lieben Mitdrachen, liebe Männer: Lasst es uns wagen und auf den Vorschlag von Pandy eingehen. Wir alle sind gut gepolstert, denkt nur an unsere Bäuche. Wenn erst einmal genügend Schnee und Eis um uns herum ist, kann uns nichts geschehen. Wer macht mit?“ Alle schauten betreten zu Boden, nur Dangalf sah zu Dragomir auf und sprach laut und deutlich: „Ich werde dir helfen, mein Bruder. Gott sei uns gnädig!“ Dragomir schaute Dangalf tief in die Augen. Sie umarmten sich schließlich und drückten sich fest aneinander. Dann rollten sie sich hin und her, um die richtige Stellung zu finden. Sodann standen sie auf, um die richtige Richtung zu suchen. Alle anderen Drachen schauten betreten zur Seite. Es war ihnen peinlich, dass sie nicht den Mut hatten, aber sie wagten es einfach nicht.

 

Nacheinander traten Dragomir und Dangalf auf ihre alten Freunde zu und gaben jedem die Hand. Wer wusste schon, ob sie sich jemals wieder sehen würden. Die alten Freunde wagten es fast nicht, die beiden Helden anzusehen; verstohlen blickten sie auf ihre Schwänze. Es war Dingalf, der ausrief: „Zur Hölle mit unserer Feigheit – einer für alle, alle für einen. Lasst es uns doch wagen, meine Freunde!“ Dragomir und Dingalf schauten freudestrahlend auf – nun waren sie drei, nein, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun und zehn Drachen, die das Unmögliche wagen wollten. Sie reichten sich alle die Hände und sangen das alte Drachenlied: ‚Gott, wie bist du groß und wunderbar‘.

 

Jetzt wurde es ernst. Sie hatten so etwas ja noch nie getan. Es dauerte eine Weile, ehe sie wussten, wie sie ein Drachenkugel werden konnten. Viel Zeit war nun nicht mehr. Sie sahen von der Spitze des Kilimandscharo in der dunklen Nacht die drohende Feuerglut, die sich immer weiter vorwärts fraß. Das Feuer konnte ihnen nichts anhaben, immerhin waren sie ja Drachen. Sie aber mussten schnell handeln. Dungalf meinte: „Wahrscheinlich sind wir zu viele. Wir könnten zu schwer sein, so dass wir Schnee und Eis einfach zu schnell beim Kugeln wieder verlieren.“ Dungalf hatte Recht. Beherzt meinte nun Dieter der Erste: „Teilen wir uns einfach auf. Die vier Galfen machen die Kugel mit Drago, ich, Dragos Vater und der Rest helfen anderswie. Wir werden das Rundhaus von Tante Elsbeth beschützen.“

 

Gesagt, getan. Schon kugelten Dragomir und seine Mannen los, was das Zeug hielt. Im Nu waren sie eine große Schneekugel, dann sogleich eine große Lawine. Mit brüllendem Getöse schossen sie zu Tal. Mit viel Glück rollten sie an dem großen See links vorbei, mit noch mehr Glück an dem alten Felsen rechts. Sie hinterließen eine tiefe Schneise im Schnee. Bis auf den Erdgrund war der Schnee durch sie entfernt worden. Wie eine große Schneefräse stieben Fontänen  von Schnee und Eis vor ihnen zur Seite. Schon waren sie am Rande des Urwaldes. Mit einem Affenzahn rollten sie und rollten sie. Alle Palmen und Sträucher verwandelten sie zu Kleinholz. Aber sie verloren nun zusehends an Fahrt. Der Widerstand war sehr groß. Am Anfang der Schneise im Urwald sah man noch viel Schnee, zunehmend nicht mehr. Bald würde sie gar kein Schnee mehr umhüllen.

 

Nun war es soweit. Schnee und Eis waren von der Kugel fort. Fünf Drachen kullerten auf ihren bloßen Bäuchen, die sehr mitgenommen wurden. Nicht mehr lange und die Drachenkugel würde auseinander brechen. Jetzt stoppte die Kugel und jeder einzelne Drache übergab sich dort, wo er gerade landete. Es war einfach zu viel für sie. Was raus musste, musste raus. Auch konnten sie nicht mehr so gut sehen, was eigentlich geschah, weil sich ihre Sinne immer noch drehten. Es würde lange dauern, ehe sie wieder flugfähig sein würden. Es war ein Höllenritt und eine Heldentat, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte.

 

Sie hatten das Feuer stark vermindert. Dummerweise aber waren sie mitten in der Feuersbrunst gelandet. Nun musste Hilfe schnell kommen, denn sie konnten sich einfach nicht mehr selbst helfen. Taumelnd versuchten sie aufzustehen, aber sie sahen nur noch Sterne – wie Betrunkene. Mit Ferngläsern,  drachenscharf und punktgenau, sahen Dieter der Erste und die anderen vier, was geschehen war. Sofort flogen sie los, ließen aber die drei Hirschkinder auf dem Kilimandscharo zurück. Das machte auch nichts. Die drei Schutzengel flogen sie einfach schnurstracks zu Tante Elsbeth, die mit den anderen Tieren in ihrem Rundhaus ausharrte.

 

Tante Elsbeth und das Elmarsche Oktett sahen nur, wie zwei kleine Hirsche und ein Rehkitz durch die Luft schwebten und auf sie zukamen. Sprachlos sahen sie die drei, fast blieb ihnen auch noch die Luft weg. „Wenn das nicht Fritjoff, Pandy und Alena sind – potzblitz“, rief Tante Elsbeth freudig aus, „wo kommt ihr denn her?“ Pandy entgegnete ebenso erfreut: „Na vom Kilimandscharo her, ist doch klaro, oder Tante Elsbeth?“ „Vom Kilimandscharo her? Wenn mich da nicht der Donner rührt: Dann wart ihr drei es, die diese kolossale Lawine losgetreten habt?“

 

Pandy lag es schon auf der Zunge, diese Frage zu bejahen, aber dann hätte er faustdick gelogen. Er dachte dabei an Mama und Papa und auch an Gott – nein, lügen wollte er nicht. „Nein, liebe Tante, das waren die zehn Drachen. Denen haben wir aber tüchtig geholfen.“ Die drei Hirschkinder stiegen langsam von den Schutzengeln herunter. Alle Tiere des Urwaldes, neunhundertachtundneunzig an der Zahl – ohne Ragnar, den Regenwurm, und Lieselotte, die Laus, denn die waren verreist –, waren andächtig um Tante Elsbeth versammelt. Viele Tiere sperrten verwirrt ihre Mäuler auf. Ein unangenehmer Mundgeruch verbreitete sich. Elmar fand als erster die Sprache wieder: „Jungs und Mädels, bitte die Kiemen wieder schließen, das ist ja ekelhaft. Die Kinders hier werden uns sicher gleich erzählen, wie sie so durch die Lüfte schweben konnten.“

 

Und das taten sie auch sofort: „Na, ihr seid ja welche – seht ihr unsere Schutzengel denn nicht?“ Alena war ganz erstaunt ob der Frage. „Schutzengel? Es gibt Schutzengel?“, meinte Lubomir, der Luchs, ganz erschreckt: „Du meinst die Teile mit Flügeln und vom Himmel her und so?“ Pandy verteidigte tapfer seine himmlische Hilfe: „Ja, genau die Teile mit Flügeln und so.“ Die drei Engel baten Gott, und der öffnete den Tieren die Augen. Alle gingen in die Knie und beteten Gott an. Schweigend verharrten die Tiere und hörten in der Ferne das Flügelschlagen der Drachen. Nach fünf Minuten taten allen die Knie und der Rücken langsam weh, so dass sich eine Unruhe breit machte.

 

Fritjoff sprach in die andächtige Stille: „Liebe Mittiere: Das Beste wisst ihr noch gar nicht. Ihr seid gerettet. Das Feuer ist fast erstickt. Fünf der Drachen haben eine Lawine gebildet und damit eine Schneise mitten durch den Urwald geschlagen. Die anderen fünf retten diese fünf Helden gerade vor den restlichen Flammen. Alle werden bald hier bei uns sein.“ Ein Raunen ging durch die Menge.

 

Tante Elsbeth hatte offensichtlich Beziehungen, allerhöchste Beziehungen, sogar bis in den Himmel. Rufe wurden laut: „Die drei Hirschkinder sollen hochleben – und die Engel und auch die zehn tapferen Drachen. Und Gott!“ Alle Tiere fielen sich in die Arme, äh, Hufe und freuten sich sehr. Sie tanzten den typischen afrikanischen Rundtanz rund um das Rundhaus von Tante Elsbeth – eigens komponiert für Tante Elsbeth. Und dann kamen sie: die zehn mega-starken und todesmutigen Super-Drachen. Fünf von ihnen sahen etwas schwarz aus, sie hatten sich wohl verkohlt. Die anderen fünf schimmerten rot, sie hatten sich ganz offenbar sehr angestrengt, um die anderen zu retten. Gemächlich trotteten sie – Klauen haltend – in Reih und Glied zu den anderen Tieren. Nun war alles geschafft.

 

Ihre Ankunft gestaltete sich wie ein Triumphzug. Sie wurden mit Johlen und Hochrufen gefeiert und minutenlang beklatscht. Noch aber waren sie von dem Eis-Feuer-Abenteuer so benommen, dass ihnen gar nichts mehr einfiel. Schweigend nickten sie den Tieren zu. Diese legten ihnen die letzten Blumen des Urwaldes als Kränze um die Hälse. Nun würde alles gut werden. Weihnachten in Afrika war gerettet.

 

  1. Der große Regen

 

Als die zehn Helden nun langsam wieder in der Wirklichkeit angekommen waren, besonders, nachdem sie zwei Tage ununterbrochen geschlafen hatten, konnte das Weihnachtsfest starten. Tante Elsbeth war bester Dinge. Nur noch das vierte Adventswochenende trennte alle Welt von Weihnachten – also noch drei Tage. Auch für Harry und Gabi sowie die zwei Kinder – Katharina und Tyll – war gesorgt. Sie wurden einfach mit dem Schutzengelexpress nach Afrika zu Tante Elsbeth geleitet, so eben, wie die drei Schutzengel auch die drei ältesten Kinder – Alena, Fritjoff und Pandy – nach Afrika brachten.

Alle waren sehr aufgeregt. Besonders natürlich Tante Elsbeth. Denn so ein großes Fest hatte sie noch nie feiern dürfen: Zehn mega-prächtige Drachen, im besten Alter und allerbestem Appetit, galt es zu versorgen; und dazu noch die siebenköpfige Harry-Hirsch-Familie; und – nicht zuletzt – auch die vielen Schutzengel, die im Wesentlichsten von der Lust und von der Liebe lebten, aber nichts gegen ein bisschen Zuckerwatte einzuwenden hatten. Das bedeutete: Hektoliter an Drachenbier und Tonnen von Bratkartoffeln; viel Heu und Salat für die Hirsche, Rehkitze und Gazelle; und kiloweise Zucker und die dazugehörigen Stäbchen.

Na ja, Tante Elsbeth rödelte und rödelte und rödelte, aber sie tat es gerne. Es geschah ja nicht alle Tage. Und wenn selbst der Heiland sechstausend Menschen auf einmal speisen konnte, dann sagte sie sich: „Mensch, äh, Tier Elsilein, wenn Jesus das schaffte, dann werden wir die paar Tierlein auch versorgen können, gell?“ ‚Gell‘ sagte sie immer dann, wenn sie in freudiger Erwartung war. Tante Elsbeth kam auch aus Bayern, deswegen sprach sie gerne ‚Gell‘. Als Elefantendame wurde sie im Münchener Zoo geboren. Später wurde sie dann nach Nairobi ausgeliehen, für eine Herde von Zuchtelefanten, die in der Wildnis, der afrikanischen Savanne, frei leben sollten. Irgendwann fand sie dann den Weg zum Viktoria-See. Wie ihr Leben gemeinsam mit dem Elefanten-Oktett dort aussah, ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

Am Sonntag, dem vierten Advent, versammelten sich alle anwesenden Tiere und Schutzengel um die große Platane, hielten sich bei den Hufen bzw. Klauen bzw. Flügeln und sangen aus vollen Kehlen Adventslieder. Besonders den Schutzengeln kamen dabei die Tränen, denn sie sahen den Himmel offen und konnten Jesus unmittelbar schauen. Aber auch den zehn wackeren Helden, den Drachen, kamen Tränen, denn sie hatten viel riskiert und beinahe ihr Leben verloren; darüber dachten sie nach und waren froh über die Bewahrung durch Gott. Vor allen Dingen den sieben Huftieren aus Deutschland kamen Tränen, denn sie waren es nicht gewohnt, ohne Weihnachtsbaum und Schnee Weihnachten zu feiern; das fehlte ihnen, es war ihre Sehnsucht nach dem Bekannten.

Die anderen Tiere waren einfach ausgelassen und tanzten frohgemut in der Sonne. Advent in Afrika – das hatte auch etwas mit der kommenden Regenzeit zu tun. Advent, also Ankunft, bedeutet für sie nicht nur, dass Gott zu ihnen kommt, sondern auch der lebensnotwendige Regen, den Gott sendet. Erwartungsvoll sahen die Tiere des Urwaldes und der Savanne, wie sich die Wolken verdüsterten. Das bedeutete Leben, blühendes Leben, neue Früchte und viel, viel Wasser. Wolke um Wolke zog herauf. Sie wollten kein Ende nehmen.

Zuerst kamen kleine Schafwölkchen aus dem Osten herauf. Dann zogen sie sich zu einer großen Wolkenbank zusammen. Nun wurde der Himmel grau. Die Sonne verschwand unauffällig, so, als ob sie nie geschienen hätte. Dabei stiegen die Temperaturen unter der Wolkendecke unaufhörlich. Es wurde stickig wie in einem Treibhaus. Allen troff der Schweiß vom Körper. Der Himmel verfinsterte sich. Von Osten zogen dicke, dunkle, ja schwarze Wolken auf. Dann war er schwarz, der Himmel, den die Schutzengel noch vor zehn Minuten offen gesehen hatten.

Plötzlich sah man Blitze von ferne aufscheinen. Kleine zarte Schimmer, die man gar nicht hörte. Sie zuckten am Firmament, dort, wo der Himmel sein musste. Dann kam ein Grollen näher und näher. Ein Wind zog auf, der immer stärker und stärker wurde. Nun brauste ein Sturm. Der Donner wurde kräftiger und kräftiger. Die Blitzeinschläge ließen die Erde erbeben. Alle Tiere flohen in das Haus von Tante Elsbeth. So schnell und heftig setzen die Regenfälle sonst nie ein. Alle waren überrascht worden. Wer genügend Kraft hatte, floh so schnell er konnte. So purzelten die großen Tiere, die viel schneller waren, über die kleinen, die viel langsamer waren. Schrecklich. Alle hatten große Angst. Panik brach aus – alle wollten ihr kleines Leben retten.

Dass es zu so einem plötzlichen Unglück kommen würde, damit hatte niemand gerechnet. Niemand verstand auch, wieso es ausgerechnet am vierten Advent hereinbrach, der große Wolkenbruch: Wollte Gott sie strafen? Aber warum? Viele Tiere wurden von ihren eigenen Nachbarn überrannt. Eheleute versuchten nicht mehr gemeinsam zu fliehen, sondern sich gegenseitig zu übervorteilen. Man denke nur an die Hast, mit der damals Harry floh und seine Frau beinahe im Stich ließ, als sie dachten, sie sähen Pia, die Schlange, und doch war es nur eine bunte Strumpfhose.

Ja, das Schrecklichste an diesem großen Unglück war, dass die allerschlechtesten Eigenschaften der Tiere zu Tage befördert wurden. Jeder dachte nur an sich selbst, niemand wollte dem anderen helfen. Aber das Helfen war auch schwierig. Bei all dem Durcheinander war an Ordnung nicht zu denken. Nur die zehn Drachen boten Schutz und Orientierung. Auch der schrecklichste Blitz konnte ihnen nichts anhaben. Auch der übelste Sturm sie nicht bedrängen. Stoisch, ja, und wieder heldenhaft trotzten sie allem. Nur Dingalf jammerte ein bisschen. Ein Kugelblitz hatte ihm seine Schwanzspitze versengt. Er roch nun ganz übel nach verbranntem Fisch. Drachen haben ja auch eine Verbindung zu den Fischen, durch ihren Schuppenpanzer.

Der Sturm wurde schrecklicher und schrecklicher. Der Wind erreichte Orkanstärke und peitschte die sintflutartigen Regenschauer so hart auf, dass die Tiere umfielen. Die kleinen Tiere drohten zu ertrinken, denn der Boden der Savanne war ausgedörrt und dadurch steinhart geworden. Die Wassermassen konnten also nicht versickern, sondern liefen als Sturzbäche zusammen oder in den Viktoria-See oder zu großen und tiefen Pfützen. Die zehn Helden rackerten wie wild, um das viele Wasser mittels Kanälen in den Viktoria-See umzuleiten. Das war nicht so einfach. Weil alle Tiere von der wahren Sintflut überrascht waren, wusste man nicht, ob man nicht auf ein einzelnes kleines Tier trat oder es wegbaggerte oder unter den Erdmassen begrub.

Meinhard, der alte Maulwurf, half auch mit, wo er nur konnte. Er grub sich schnell zu Dragomir durch. Er flüsterte ihm die alten Maulwurfgänge ins Ohr, so dass Dragomir diese blitzschnell freilegte: So konnte wenigstens ein bisschen Wasser abfließen. Ein Tropfen in dem heißen Savannensand, sozusagen. Wenn nur alle so denken würden. Aber so wurden einige Tiere vor dem Ertrinken gerettet, für andere schien jede Hilfe zu spät zu kommen. Viele Tiere wurden mit den Sturzbächen in den Viktoria-See gespült. Der See war sonst grünlich, aber klar. Nun hatte er die Farbe einer braunen Soße angenommen.

Ja, der See war nicht mehr der alte, der er mal war. Auf der braunen Soße schwammen Baumstämme, Sträucher und Palmen. Alte und neue Nester dümpelten dahin. Stöcke hielten den Unrat der Savanne und des Urwaldes empor. Gerade auf ihnen hielten sich die zahlreichen Kleintiere der Savanne am Leben. Und dort war alles in wunderbarster Ordnung. Die Schlange Snakeria aalte sich neben dem Moorhuhn Henning, der Leopardenjunge Lutz bei dem Wüstenhasen Winfried. Ein Bild des Friedens bot sich dem Betrachter dar. Wäre da nicht der sintflutartige Regen. Noch war der Kampf nicht gewonnen. Würde der Sturm nicht in den nächsten Stunden zu Ende kommen, dann würden die Hölzer zu nass sein und untergehen. Alle Tiere auf dem Wasser hofften und hofften. Viele Tiere beteten zum ersten Mal. So einen Gottesdienst kurz vor Weihnachten zu besuchen, ist das eine, aber fromm zu sein und zu beten das andere.

Der Regen wurde nun eisig kalt. Noch vor einer halben Stunde war er angenehm warm gewesen. Die Tiere frierten, besonders natürlich die kleinen auf dem Wasser. Dann geschah das ungewöhnlichste überhaupt: Auf dem See bildeten sich immer mehr kleine Blasen. Erst blubberte es bei Lutz, dem Leopardenjungen. Der freute sich darüber sehr, denn die Luft in den Blasen war ganz warm. Das war wie eine Unterwasser-Popo-Heizung. Lutz hielt nämlich seinen süßen behaarten Popo in das kalte Wasser des Viktoria-Sees. Es waren auch erst die kleinen Tiere, die die vielen Blasen bemerkten. Die großen Tiere achteten nicht darauf, sie waren einfach zu groß für die kleinen Blasen. Besonders in der Mitte des Sees blubberte es. „Woher kommt das Blubbern, Mama?“, fragte Lutz seine Leoparden-Mama Leopoldine. Die zuckte mit den Schultern. Woher auch sollte sie wissen, dass die sehr warme Luft genau aus der Unterwasserströmung kam, mit der damals Harry in den Viktoria-See gespült worden war?

Ungewöhnlich war diesmal, dass die Wärme der Unterwasserströmung zu nahm. Sie war also anders als die Unterwasserströmung, mit der Harry damals mitgerissen wurde. Die Tiere konnten nicht wissen, dass die Hitze von dem Kilimandscharo kam. Die vielen Blitze in den Boden hinein hatten auch den Berg erschüttert. Es bildeten sich im Untergrund des Berges Risse im Gestein. Dadurch hatte es der gewaltige Druck im Innern des Berges leichter, sich Raum zu verschaffen. Der Kilimandscharo war nämlich ein alter Vulkan, der erkaltet war. Nach außen war er kalt und hatte sogar einen schneebedeckten Gipfel, nach innen aber, ganz tief unten, lebte er. Die Blasen wurden wärmer und wärmer, weil sie angeheizt wurden von der Lava des Kilimandscharo, die langsam nach oben stieg.

Langsam wurden die Blasen siedend heiß. Nun begann die Oberfläche des Viktoria-Sees zu dampfen. Die ersten Fische verbrannten sich den Hintern, äh, Schwanz. Besonders Ferdinand, die Flunder, war schon fast gekocht worden, weil er in eine Wolke von Blasen geriet, die nacheinander platzten, als er sie mit seinen Flossen berührte. All das war nur ein Vorgeschmack auf Kommendes. Die Blasen kamen nun heftiger – und sie wurden größer. Der ganze See brodelte. Wie würde es nur alles enden?

Offensichtlich war der Vulkan tief unter dem Kilimandscharo, neben dem Viktoria-See, wieder aktiv geworden. Etwas Ungewöhnliches würde geschehen. Und es geschah. Plötzlich tat sich die Erde auf, die Erde unter dem Viktoria-See. Ein Riss in dem Gesteinsboden hatte das bewirkt. Es war der gleiche Riss, durch den der gute Harry mit dem Unterwasserfluss aus Deutschland zu Gabi, seiner Gazelle, gespült worden war. Nun also das Umgekehrte: Statt nach oben gespült zu werden, wurde der See einfach abgelassen – wie bei einer Klospülung. Nur dass nicht nur Wasser abgelassen wurde, sondern viele tausend lebendige Tiere, die in dem See schwammen oder auf ihm umher trieben.

Nun war das Unglück vollkommen. Erst der Regen, dann der Sturm, dann die Sturzbäche und nun ein See, der einfach verschwand. Es klaffte dort, wo einmal der Viktoria-See gewesen war, ein tiefes Loch. Nur kleinere Rinnsale von Regenwasser strömten noch in ihn hinein. Interessant war das, was man sah. In dem gähnend tiefen Loch Berge von Müll, alte Schiffsreste und drei große Skelette von Riesentieren, die einmal am Rande des Sees wohnten. Und es blinkte. Alte Schätze taten sich auf: Gold strahlte und Edelsteine leuchteten. Und ganz tief unten rauschte es gewaltig. Der Unterwasserstrom stand wohl gewaltig unter Druck. Würde er das, was er mit sich riss, wieder nach oben spülen?

Alle Tiere des Urwaldes und der Savanne traten nun langsam hervor und schauten in den gähnenden Abgrund des tiefen Kraters. Alle staunten wie tief das Loch, das einmal ‚Viktoria-See’ genannt wurde, in Wirklichkeit war. Nach und nach kamen auch die Tiere aus dem Haus von Tante Elsbeth hervor. Langsam und bedächtig gingen sie Schritt für Schritt vorwärts. Der Regen hatte gerade aufgehört. Alles war noch sehr schlammig und voller Pfützen.

Das Elefanten-Oktett trippelte vorsichtig hinter Elmar macht. Es macht ‚Platsch, Platsch’, wenn die Elefanten ihre gewaltige Masse in Gang setzen, auch wenn sie versuchten, dabei so zart wie möglich zu laufen. Plötzlich glitt Elmar aus und purzelte hin. Weil sich alle Elefanten hinter Elmar her bewegten und sich am Schwanz festhielten, riss ihm der ihm nachfolgende Elefant fast den Schwanz ab. „Autsch, musst du mir den Schwanz zerreißen?“, rief Elmar vor Schmerz laut auf. Es war der kleinste Elefant, der ihm auf dem Fuß, äh, Ballen folgte: Ehrenfried, ein rechtes Träumerle von einem Elefanten. Weil nun Elmar ausglitt, war es auch für Ehrenfried nicht einfach, Schritt zu halten. Auch er fiel hin. Und dann Erich der Erste, Erich der Zweite, Engelbert der Dreizehnte, Engelbert der Vierzehnte sowie Egbert und Egmont, die beiden Lehrlinge des Elefanten-Oktetts.

All das wäre gar nicht so schlimm gewesen. Dumm war nur, dass der Boden so glitschig war. Weil der eine hinfiel, wurden die anderen sieben gleich mitgezogen. Wobei der eine den anderen gleich ein Stückchen weiter stieß – ein Elefantenschwanz-Stückchen. Beinahe wäre Elmar mitsamt den anderen sieben Gefährten in den Abgrund des Viktoria-Sees gestoßen worden. Einer nach dem anderen landete neben Elmar und gab ihm noch einen Stoß, Egmont den letzten. Nun war es um alle geschehen. Elmar rutschte mit seinem Bauch zuerst den Abgrund herunter. Das ging erst ganz gut. Weil der ganze Schmodder, der Schlamm und Dreck von der Savanne, um den Rand des Kraters verteilt war, glitten alle wie auf einer Schlittenfahrt in den Abgrund hinunter. Schneller und schneller ging die Fahrt. Am Ende warte der geheimnisvolle Riss im Boden des Sees. Gewiss würden sie am Boden des Sees zerschmettert, so schnell waren sie.

Schon startete Dragomir mit einem Affenzahn, um die acht bedrängten Elefanten vor dem Zerschmettern zu retten. Die wurden immer schneller. Was sollte Drago machen? Er flog die steilste Kurve seines bisherigen, nicht gerade ereignisarmen, Lebens und warf sich unmittelbar vor Elmar hin. Würde Elmar auf Drago aufprallen, dann wären beide Fleischmatsch und nicht mehr auseinander zubekommen. Denn Elmar war inzwischen schneller als die Polizei erlaubt ins Rutschen gekommen: So schnell wie ein Formel Eins Rennwagen, also vierhundert Kilometer pro Sekunde. Dragomir nahm Elmar einfach den Schwung weg, indem er seine Flügel öffnete und ihn darin fing – und weiter schleuderte, den Kilimandscharo hinauf. Clever wie Drago war, wusste er noch von der Geschichte vorher – die mit den Schutzengeln –, wo der höchste Schneehaufen aufgeschichtet auf Elmar wartete. Und was er mit Elmar tat, gelang auch mit allen anderen sieben Elefanten, die wie Granaten in den Schnee einschlugen.

Natürlich war diese Rettung unsanft, aber doch effektiv. Besser konnte es in allerhöchster Todesnot gar nicht sein. Hätte Drago nicht eingegriffen, dann wären die acht Elefanten auf dem tiefsten Punkt des Viktoria-Sees aufgeschlagen. Elmar wäre, weil er als erster rutschte, dort wohl gleich gestorben. Alle anderen wären auf ihren Vordermann und dann wohl auch auf Elmar aufgeprallt. Ein einziger Haufen von blutigem Elefantenfleisch wäre die Folge gewesen. So lebten sie alle und mussten nur aus dem Schnee des Kilimandscharo wieder ausgebuddelt werden. Das wollte Dragomir auch sogleich besorgen und startete gen Kilimandscharo.

Alle anderen Tiere schauten besorgt, aber auch gespannt, dem Überlebenskrimi im Abgrund des Viktoria-Sees zu. Gerade waren sie selbst dem Tod nur knapp entronnen. Nun galt es, mit den Folgen fertig zu werden. Auch zwölf Hirsch- bzw. Rehkitzaugen schauten gespannt in das gähnende Grauen hinunter. Ja, richtig nur zwölf Hirsch- bzw. Rehkitzaugen waren es. Ein Paar Augen fehlten. „Mama, Maaaammmaaaa“, rief Katharina entsetzt, „wo bist du?“ Es war Katharina, die zuerst entdeckte, dass eine fehlte: ihre Mutter. Alle Hirsche schauten sich an. Ohne große Aufregung fanden sie sich alle im Haus von Tante Elsbeth wieder. Dangalf, Dingalf, Dungalf und Dongalf hatten sie sicher dorthin geleitet. Eben noch war ihre Mutter bei ihnen. Jetzt fehlte sie. Gabi war nicht zu sehen.

Harry wurde aschfahl, nicht nur um die Nasenspitze herum, sondern auch am Schwanz. Er konnte kaum noch stehen. Schon drohte er umzukippen. Aber er war der Vater: ‚Nein’, sagte er sich, ‚nein, du bist der Vater, du trägst die Verantwortung. Das darf nicht sein.’ Und schickte das schnellste Stoßgebet der Welt gen Himmel. Das half fast nicht. Dangalf musste ihn stützen. Alle Hirschaugen schauten nun auf ihn: Wo war Mama Gabi? Er traute sich nicht, seine Kinder anzuschauen. Deswegen schaute er auf ihre kleinen zarten Hufe. Eben noch war sie bei ihnen, die geliebte Mama. Wo nur war sie?

Vielleicht war sie mit hinunter in den Abgrund gespült worden. Alle Mitglieder der Harry-Hirsch-Familie schauten angestrengt in die Tiefe. Katharina fing an zu weinen. So sehr hatte sie noch nie geweint: „Mama“, rief sie wimmernd, „Maaammmaaaa, wo bist du?“ Dann begann Tyll ebenfalls Tränen zu vergießen, danach Alena und schließlich alle. Auch Papa Harry standen die Tränen in den Augen. Noch eben waren sie alle froh, der Sintflut entronnen zu sein. Nun die größte Katastrophe schlechthin: Mama weg. Harry versuchte sich zu fassen, es gelang ihm nicht. Unfassbar war, dass seine geliebte kleine zarte Gazelle einfach weggespült worden war.

Erst nach und nach merkten sie, dass sie nicht alleine waren. Auch viele andere Tiere waren hinfort gespült worden. Am Rand standen unzählig viele Tiere, die ihre Anverwandten, Freunde und Bekannten beweinten. Würden sie alle wiederkommen? Harry traute seinen Augen nicht – wie alle anderen Tiere auch nicht. Plötzlich kam eine gewaltige Fontäne nach oben geschossen. Eine Fontäne voll warmen Wassers und voller Tiere, die nun an Land gespült wurden. Der Sog des Wassers durch die Risse des Vulkans war sehr stark gewesen, so dass das gesamte Wasser des Viktoria-Sees samt Tieren eingesogen wurde. Nun legte der Vulkan gleichsam den Rückwärtsgang ein und spülte alle Tiere zurück.

Der Grund dafür war ganz einfach: Dragomir hatte die acht tonnenschweren Elefanten allesamt auf die Spitze des Kilimandscharos geworfen. Durch den mächtigen Aufprall der acht tierischen Geschosse sackte der Berg ein klein wenig zusammen, genug, damit der mächtige Sog des Unterwasserstromes rückgängig gemacht werden konnte. Ohne es zu wissen, hatte Dragomir genau das Richtige getan. Eine Tierfamilie nach der anderen lag sich freudig in den Armen. Nicht nur hatte der Viktoria-See all sein Wasser wieder, sondern auch die Tiere hatten ihre weg gesaugten Angehörigen wieder. Diese mussten sich erst einmal von dem Seewasser trocknen lassen. Eine fehlte: Gabi.

Die Harry-Hirsch-Familie wartete und wartete. Alle anderen Tiere krochen in ihre Behausungen, flogen in ihre Nester oder bauten sich einen Unterstand. Nur die Harry-Hirsch-Familie schaute auf die endlose Weite des schönsten Sees der Welt. Die Sonne war längst dabei, unterzugehen. Alle hatten Hunger, aber sie trauten sich nicht, ohne ihre Mutter nach Hause zu gehen. Was würde das Leben ohne Gabi sein? Dragomir, der Drache, legte seine Pranke sanft auf Harrys Schultern. Harry war so erschüttert, dass er die Berührung persönlich nahm und einfach umkippte.

Harry konnte schon als kleines Kind kein Blut sehen und sank regelmäßig in Ohnmacht, wenn man ihm Blut abzapfte. Das hier aber war viel schlimmer und ging über seine Kräfte. Mit allen Kindern ganz alleine, ohne seine heiß geliebte Frau. Wo sollte das nur enden?

Die Kinder samt Papa guckten sich die Augen aus dem Leib. Und sie suchten. Überall. Unter jeden Stein schauten sie zweimal. Jeden Grashalm drehten sie dreimal um. Wer schwimmen konnte, tauchte möglichst tief. Alles war nur eine Frage der Kraft. Und die hatten sie fast nicht mehr. Es war Tante Elsbeth, die das alles nicht mehr mit ansehen konnte: „Kinders, wird schon werden. Wir finden schon eure Mutti. Kommt erst einmal zu mir nach Hause – Abendbrot ist fertig!“ Das war das lang ersehnte Zeichen. Einer, der an sie dachte in diesem schrecklichen Durcheinander. Alle folgten brav und ohne einen Mucks dem Aufruf von Tante Elsbeth.

Es gab nur einen Auflauf von Palmenblättern. Mehr war ihnen ja nicht nach dem gewaltigen Unwetter geblieben. Aber immerhin. Ihnen kam er vor wie die köstlichste Mahlzeit, die sie je gegessen hatten. Alle schauten still einander an und mit dankbaren Blicken auch zu Tante Elsbeth hinüber, die sie reihum ermahnte, doch bitte noch mehr zu essen. Und das taten sie auch. Und dann labten sie sich an dem Lieblingsgetränk des Urwaldes, dem Met für Tierkinder: das ist der Saft der Jasminblüte, die in diesem Sommer besonders intensiv geduftet hatte. Und schließlich fielen sie wie tot ins Bett. Auch Harry. Er versuchte den letzten Rest an Haltung zu bewahren, wurde dadurch nur noch käsiger um die Nase. Und fiel laut schnarchend um.

Eigentlich war das Schnarchen immer ein Markenzeichen seiner Frau gewesen. Aber er schlief so tief und fest, dass er darüber natürlich nicht mehr nachdenken konnte. So merkte er auch nicht, dass er sich gar nicht ausgezogen hatte, sondern gleich angezogen ins Bett fiel. Er träumte in einem schweren Schlaf natürlich von all den traurigen Ereignissen der letzten zwölf Stunden. Dabei erschien ihm seine Frau immer wieder ganz in Weiß. War sie zu einem Engel geworden? Oder träumte er nur von der schönen Hochzeit mit ihr, von ihrem schönen weißen Kleid? Nun sah er seine Frau mit anderen weißen Gestalten zusammen – paarweise, in Gruppen und in einer großen Versammlung. Dann sah er seine Kinder – wie sie wuchsen und größer wurden.

Offensichtlich hatte Harry einen Blick in den Himmel getan, wusste aber davon noch nichts. Im Augenblick hielt er alles für einen schönen Traum. Endlich hatte er seine heiß geliebte Frau wieder gesehen und wusste, dass seine Kinder wachsen würden. Das war ja auch zu erwarten. Harry und seine Kinder schliefen und schliefen. Erst am Heiligabend, kurz vor der Bescherung wachten sie auf. Alle anderen Tiere waren um ein großes Lagerfeuer versammelt. Es dunkelte schon. Elmar und seine sieben Musikanten taten, was sie konnten, um die Stimmung aufzuheitern. Doch der Schock des plötzlichen Unwetters war zu groß. Besorgt schauten nicht nur die kleinen, sondern auch alle großen Tiere gen Himmel. Man konnte ja nie wissen, ob da nicht wieder ein Wolkengeschwader im Anflug sein würde.

Auch waren die Tiere viel zu sehr mit Aufräumarbeiten beschäftigt, um an Feierlichkeit zu denken. Im Übrigen waren alle Geschenke ohnehin von den sintflutartigen Regenfällen hinfort gespült worden. Der eine und vor allem der andere hatte eine Träne im Knopfloch. Und doch war über allem auch eine tiefe Freude zu erkennen. Die Freude nämlich, entronnen zu sein und leben zu dürfen. Die Freude, die Liebsten wieder in Händen zu halten. Und die große Freude, Weihnachten feiern zu dürfen. Vielleicht war dieses Weihnachtsfest deshalb so besonders schön, weil die ganze Geschenkerei ausgefallen war. Nun hatten die Tiere viel, viel Zeit.

Nachdem Elmar seinen Schlussakkord zu Ende getrötete hatte, stimmten die Tiere ihre schönsten Weihnachtslieder an. Es waren die alten afrikanischen Weisen der Hoffnung und des Friedens. Ja, die Stimmung wurde immer festlicher. Deshalb, weil die Atmosphäre immer sehnsüchtiger wurde – nach Frieden. Ja, sie hatten wieder Frieden gefunden. Bis zum nächsten Mal. Bald, ja bald würde es Frieden für immer geben. Jesus hatte es gesagt. Und Jesus glaubten die Tiere. Tante Elsbeth leitete den festlichen Gesang. Jedes Tier durfte nach vorne gehen und Tante Elsbeth einen Vorschlag machen. Sie entschied dann nacheinander, welches Lied angestimmt werden sollte.

Die Tiere teilten nicht nur einträchtig ihre Zeit am großen Lagerfeuer. Sie teilten miteinander alles, was sie hatten. Das Essen, das Trinken, die warmen Decken. Es war nicht mehr viel übrig geblieben. Weder von der Savanne noch vom Urwald noch von ihren Habseligkeiten. Aber es reichte. Es war genug für alle da. Auch teilten sie einander das Leid. Zwar fehlte nur ein einziges Tier – es war Gabi –, aber viele Tiere hatten sich verletzt oder eine Verrenkung erlitten oder eine Schürfwunde oder Kopfschmerzen. Vor allem die Angst teilten sie.

Nur in einer Familie herrschte keine rechte Weihnachtsfreude, natürlich bei den Kindern von Harry. Tief traurig saßen sie da. Die Köpfe eingeknickt. Wimmernd und am Daumen lutschend kauerten sie aneinander. Harry streichelte sie alle reihum, ununterbrochen, so sehr, dass er einen Muskelkater in seinem rechten Huf bekam. Es nützte nichts. Auch ihn übermannte die Traurigkeit. Dann kam Tante Elsbeth. Sie holte alle sechs Restmitglieder der Harry-Hirsch-Familie zu sich in die Mitte zum Lagerfeuer heran.

Alle Tiere standen dabei auf. Wie in einer feierlichen Prozession gingen die kleinen Hirschlein und Rehkitze mit ihrem Papa zu Tante Elsbeth in die Mitte, gleich neben dem warmen Lagerfeuer. Dort gab Tante Elsbeth ein jedem Kind von der letzten kulinarischen Kostbarkeit des Urwaldes, der Mangrovenkartoffel, die im Feuer gebraten war. Dankbar nahmen es die Kinder an und wollten schon hinein beißen, als Tante Elsbeth mit ihrer Rede anfing.

Tante Elsbeth sprach: „Liebe Kinder, lieber Harry! Heute ist Weihnachten. Wir feiern die Geburt unseres Heilands und singen die schönsten Weihnachtslieder zusammen. Sicher denkt ihr sechs an Vieles, aber nicht an Weihnachten. Ja, eure liebe Mama ist nicht mehr unter uns – jedenfalls können wir sie gerade nicht sehen.“ Bei dem Wort ‚nicht sehen’ schluchzte Katharina laut auf und konnte sich nicht mehr halten. Auch die anderen vier Kinder fingen nun an, lauthals aufzuheulen. Das brach auch Harry das Herz. Der Jammer über die verlorene Mutter und Gattin war einfach zu groß. Und auch bei den umstehenden Tieren zeigten sich erste Tränen. Sie erinnerten sich all der Gefahren und des großen Unglücks, verlassen zu sein, das sie hätte treffen können.

Tante Elfriede, die Schwester von Tante Elsbeth, ging deshalb schnurstracks nach vorne und legte ihren Schal um Katharina. Es war kalt geworden. Auch Leopoldine, die tapfere Leopardenmutter, ging schnell nach vorne, um Alena ihre Wolldecke zu schenken. Nun gingen auch Jasper, das Nilschaf, und Rasputin, der Rabe, nach vorne, um Pandy und Fritjoff ihre Fellmützen aufzusetzen. Als Letzte schritt Gerda, die Gazelle – eine entfernte Verwandte von Gabi –, nach vorne, um Harry und Tyll ihr Kissen zu schenken. Nun waren sie so beschenkt wie nie: Die Tiere weinten vor lauter Anteilnahme und schenkten das, was sie selbst gerade bei der Kälte so sehr benötigten.

Deshalb weinte die Harry-Hirsch-Familie noch viel mehr. Nun aus lauter Freude. Es war überwältigend, so sehr beschenkt zu werden und dabei zu wissen, dass man nicht allein ist. Harry stand auf und wollte sich bedanken. Aber Tante Elsbeth war mit ihrer Rede noch nicht zu Ende: „Ja, eure Mama. Wie lieb war sie zu euch und wie gut war sie zu uns. Es war immer schön mit ihr. Sie war so fröhlich und so voller guter Gedanken. Dabei war sie sehr tapfer. Alle Abenteuer hat sie mit uns mitgemacht. Und deshalb könnt ihr mir eines glauben: Dort, wo sie jetzt ist, möchte sie sicher gerne, dass wir hier unten den lieben Heiland ehren und uns von Herzen an ihm freuen. Gewiss wäre es ihr letzter Wunsch, wenn wir heute hier Gott loben und ehren.“

Alle nickten. Gabi war eine fromme Gazelle. Nie versäumte sie den Gottesdienst. Und abends hielt sie immer gerne für die kleinen und großen Kinder eine Andacht. Diese Überzeugung teilte sie von ganzem Herzen mit ihrem Mann. Harry stand nun auf – mit feuchten Augen. „Tante Elsbeth“, fing er langsam an, „ja, du hast Recht. Meine Frau liebte Jesus über alles. Nichts mehr wünscht sie sich, als dass wir Weihnachten so feiern wie wir es immer taten.“ Dabei rannen ihm Tränen aus den Augen. „Ja, wir sollen Weihnachten so feiern, als wäre sie mitten unter uns“, bei diesen Worten wollte er sich stützen, wusste aber nicht worauf. Dragomir bot sich ihm sofort an, denn er hatte Angst, dass Harry zusammenbrechen könnte.

„Mama hat sich immer gewünscht, das Adventslied ‚Es kommt ein Schiff geladen’ zu singen – so, wie wir es immer taten“, Harry begann nun leise loszusummen. Alle Tiere stimmten ein. Der Boden unter ihren Füßen wurde langsam nass, denn allen Tieren trat Wasser in die Augen. Es war nun die richtige Weihnachtsstimmung – wie vorher noch nie in ihrem Leben. Sie erinnerten sich an ihren Ursprung in Gott. Und wurden unendlich dankbar für alles. Dafür, dass sie überhaupt lebten. Dafür, dass sich Gott ihnen zeigten. Dafür, dass ihnen Gott so viele Male geholfen hatte. Und auch die Kinder samt Harry ließen sich von dieser Stimmung tragen. Dankbar erinnerten sie sich an die Liebe ihrer Mutter: Wie sie ihnen half. Und vor allem wie sie war.

Ja, und dann war sie einfach mitten unter ihnen. „Mama, bist du es?“, entfuhr es Alena hoch erstaunt. „Ja, mein Schatz, ich bin es. Schön, euch alle hier so vereint und frohgemut wieder zusehen.“ Alena war ganz baff und ihr stockte nicht nur der Atem, sondern auch die Wortwahl: „Maammaa, wie du meinen jetzt?“ Mama Gabi schaute sie freundlich an und streichelte ihr krauses Köpfchen: „Alenalein, ich bin jetzt im Himmel bei Gott, kann euch aber gerne besuchen kommen. Schön, nicht?“ „Du bist bei Gott, warum das denn?“ „Na, der Unterwassersog hat mich bis hoch zu Dragomirs Drachensauna gezogen, so dass ich fast bei uns zu Hause war. Nur leider hatte Drago ein Gitter dort eingebaut, durch das ich nicht hindurch konnte. So fragte mich Gott, ob ich gleich bei ihm sein wollte oder erst nach schweren Verletzungen. Ich wollte gleich bei ihm sein. Es ist so licht und so wunderbar warm im Himmel. Dir wird es sicher auch gut gefallen, Alenalein?“ Alena begann zu stottern: „Dddduuu bbbiiiisssstttt im Hhhhiiiimmmmmelllll? Wwwwwiee die Schschschuuuttttzeeengeeellll?“ „So ähnlich. Die Schutzengel sind leichter und dadurch schneller als ich. Ansonsten ist alles genau gleich. Morgens singen wir Hosianna und fliegen dann hin und her. Wir helfen einander und auch hier auf der Erde, je nachdem.“

„Mama, das ist ja stark. Dann kannst du auch durch Wände gehen und so?“ Alena hatte sich wieder gefangen und fand Gefallen an dem Gedanken, eine Mutter zu haben, die ihnen vom Himmel aus beistehen würde. „Ja, mein Kind, die ganze Zeit war ich schon bei euch und habe euch in den Schlaf geküsst. Kommst du mit zu deinem Vater?“ „Ja, natürlich, liebe Mama. Oh Mama, das ist ja schön, dass wir dich wiederhaben.“ Gemeinsam gingen und schwebten sie zu Harry, der sich vor Rührung kaum noch halten konnte. Er hatte beobachtete, wie seine älteste Tochter Alena mit jemandem sprach, den er nicht sehen konnte.

„Schatz, hast du einen Moment Zeit für mich?“, wisperte Gabi in süßestem afrikanischen Dialekt, noch besser als das feinste Sächsisch. Nun war es Harry zuviel. Er kippte um, aber Dragomir fing ihn noch rechtzeitig auf, zwei Millimeter vor dem Erdboden. Er sah nur noch, wie ein weißes Wesen ihn sanft mit den Lippen berührte.

Nun bekam wiederum Gabi einen riesigen Schrecken. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie dachte nämlich, dass sich ihr glaubensstarker Mann freuen würde, sie als himmlisches Wesen zu sehen. Dass ihr irdischer Tod ihn so sehr treffen würde und dass ihn ihr himmlisches Leben gar nicht erfreute, konnte sie erst nicht fassen. Weil sie ihn aber sehr liebte, sprach sie zu Jesus: „Lieber Jesus, ich wäre viel lieber weiter im Himmel bei dir. Du siehst aber, dass mein Mann so erschüttert durch meinen Tod ist, dass es wohl besser wäre, wenn ich wieder unten auf Erden weilte. Kannst du mir helfen? Ich weiß, du kannst.“ Sprach’s und lag Harry in den Armen – als die alte Gazelle, wie ehedem.

Aber Harry war erst einmal nicht weiter ansprechbar. Das plötzliche Wiedersehen mit seiner geliebten Angetrauten war einfach zu viel. Alles konnte er verkraften, irgendwie. Nun aber tauchten vor seinem geistigen Auge all die Erinnerungen auf an all das Gute, das sie gemeinsam erlebten – und das war viel. Es war sozusagen ein Rausch des Guten und Schönen, der wie ein Traum an ihm vorbeizog: ein gewaltiger Unterschied zu dem trostlosen Dasein ohne seine Frau. Dieser Kontrast war nicht zu ertragen. Nun träumte er süß von seiner lieben Frau und wollte gar nicht mehr aufwachen. Die Schwierigkeit war nur: Die Festversammlung sah das alles live – wie im Fernsehen. Und es sah so aus, als wäre Harry nicht nur in Ohnmacht gefallen, sondern läge sogar im Sterben. Nun war guter Rat gefragt und zwar schnell.

Pierre, der Wald-und-Wiesen-Frosch, trat zu Gabi: „Hey, Jaabi, icke bin aus Balin, also een Baliner und kann so schief quaken, dass sogar Scheintote aufwachen. Lässte mir ran anne Buletten?“ Gabi war bezaubernd schön geworden und noch sanftmütiger als vorher schon: „Na klar, mein lieber Pierre. Denn mal ran!“ Und Pierre begann sein schiefstes Quaken, unmittelbar an dem rechten Ohr von Harry, dem Ohr, mit dem er gut hören konnte. Nichts geschah. Nur sämtliche Tiere um Pierre hielten sich die Ohren zu – voller Verzweiflung.

Nun schlängelte sich Ottilie, die Savannen-Otter, an Gabi heran: „Ooch, meene Jabi, ich kitzele für mein Leben gerne und habe noch jeden zum Lachkrampf gebracht.“ Gabi nickte traurig, denn Harry verlor langsam jede Farbe aus dem Gesicht. Ottilie legte los und kitzelte Harry erst an der Stirn, dann an seinem Bauchfell und schließlich an den Hufen. Er regte sich ein bisschen und warf den Kopf von der einen auf die andere Seite – das war es auch schon.

Als letztes Tier trat Sybille, die Sumpf-Grille, an Gabi heran: „Mensch, liebe Gabi, nicht den Mut verlieren, wird schon werden. Ich zirpe dir so schön in die Ohren, dass du alles vergisst und du den besten Einfall des Lebens hast.“ Gabi hauchte sanft: „Noah kloar, mach bitte schnell.“ Und Sybille legte los. Es war die Violinsonate No.5 von Georg Friedrich Händel, Gabis Lieblingskomponisten, die sie immer zu Tränen rührte. So sehr berührte sie die Musik der Engel, dass sie Rotz und Wasser weinte. Und eine Träne fiel auf die aschfahle Nasenspitze von Harry und die andere auf seine Lippe.

Das Wunder geschah. Im Traum schmeckte er das Salz von Gabis Träne und roch sie mit der Nase. Das kam ihm komisch vor: Woher sollte der Geruch und der Geschmack kommen – Träume sind zwar voller Farben, aber riechen nicht und sind geschmacklos, also ohne Geschmack. Harry dachte also während des Traumes nach und kräuselte dabei seine Stirn. Er merkte, dass es einfacher wäre, für das Nachdenken aufzuwachen. Demzufolge wachte er auf – und sah sie, seine geliebte Gabi. Schon wollte er wieder in das Reich der Träume zurücksinken, da gab sie ihm einen Kuss. Nun wurde alles gut.

Er war vollkommen von den Socken und sehr verwundert. Ein himmlisches Wesen küsst so gut wie seine Gabi und schmeckt so gut wie seine Gabi und riecht so gut wie seine Gabi – wenn das nicht Gabi ist. Na ja, sie war es, dachte er sich. Dann nahm er sie in den Arm und drückte sie und herzte sie wie noch nie in seinem Leben und danach auch nie wieder.

Ihre Kinder sahen das. Und waren vollkommen verzückt. So hatten sich ihre Eltern noch nie umarmt, so innig, so herzlich, so zärtlich. Alle umarmten sich. Die Eltern die Kinder und die Kinder die Eltern. Alle anderen Tieren taten das Gleiche und jubelten ohne Ende: „Harry hat seine Gabi wieder. Sie leben hoch!“ Und dann fiel ihnen auch gleich ein: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens!“ Besser konnte es nicht sein. Alles war froh und freute sich. Der Weihnachtsmorgen graute. Jesus ward geboren – in den Herzen der Tiere. Besser konnte es nicht sein.

Nur einer konnte sich nicht freuen: Zero, der Zauberer. Er wurde durch das gewaltige Getöse des Wolkenbruchs geweckt und war für den Abfluss des Viktoria-Sees verantwortlich. Er hasste die Tiere. Besonders ihre Freude mochte er nicht. Er konnte sich nämlich selbst gar nicht freuen. Er meinte, das läge an seiner Kindheit. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

 


9.    Zero und die größte Überraschung der Welt

 

Harry, Gabi und die Kinder feierten und feierten und feierten. Sie kamen gar nicht mehr heraus aus der Fröhlichkeit. Und das war sehr anstrengend. Sie schliefen bald mehr, als dass sie feiern konnten. Dann sagte Harry seiner Liebsten: „Mensch, Gabi, das ist aber anstrengend, das Freuen. Wollen wir uns nicht lieber etwas weniger freuen, häh?“ Das war durchaus sehr ernst gemeint. Er hatte schon einen richtigen Muskelkater vom Kuscheln und Kusseln und Liebhaben. Dazu sollte er den Kindern ständig Geschichten erzählen, z.B. von ‚Harry und Gabi’ – seine Kinder waren eben sehr anspruchsvoll…

 

Und seine Frau wollte auch mit ihm der Liebe pflegen. Auch das ist nicht ohne Anstrengung. Dazu musste er vorher seine Leibesübungen verrichten. Und das war mit den vielen Muskelkatern, -käterchen und –kätzchen kaum möglich. Und so wurde es mit dem ‚der Liebe pflegen’ nur sehr sporadisch etwas. Immerhin entstand daraus ein neues Mitglied der Familie – Zacharias Emanuel –, aber der kam auch erst im Herbst zur Welt. Na jedenfalls war das ganze Feiern so anstrengend, dass die ganze Harry-Hirsch-Familie beschlossen hatte, etwas Nützliches zu tun. Es gab ja nach den Regenfällen jede Menge zu tun: Aufräumarbeiten, Umräumarbeiten, Dachdecken, Umgraben, Aufgraben, Graben allgemein, Sägen, Holzhauen. Besonders waren viele nützliche Ideen gefragt: Wie kann man etwas bauen, ohne etwas zum Bauen zu haben – außer Müll? Und: Wie kann man den Tieren helfen, die von dem großen Sturm immer noch verletzt danieder lagen?

 

Gabi und die kleinen Rehkitze kümmerten sich liebevoll um all die Verletzten, Kranken und Siechen, Harry und seine Junghirsche dagegen bauten und hämmerten und sägten, was das Zeug hielt. Aber auch die anderen Tiere gaben ihr Bestes. Allen voran die zehn Drachen. Als Erstes wurden die alten Maulwurfsgänge von Manfred, dem Maulwurf, von dem Schlamm und Sickerwasser des Sturms gereinigt. Bestens dazu geeignet waren dafür die langen Elefantenrüssel. Vorsichtig bewegten acht der zehn Drachen die Rüssel der acht Elefanten von Elmars Oktett, während die anderen zwei Drachen nach neuen Aufgaben suchten und die anderen Elefanten an ihren Einsatzort hinführten. Sie waren sozusagen die Dirigenten.

 

Alles lief bestens. Nur klagten die Elefanten von Zeit zu Zeit darüber, dass der Schlamm grässlich schmeckte und spieen das Sickerwasser in hohem Bogen aus, trafen damit von Zeit zu Zeit aber den Falschen. Einmal blies Egmont einen Strahl so heftig und weit, dass er Tante Elsbeths Hut vom Kopf fegte. Der Hut war aber etwas ganz Besonderes. Es wohnte eine Kolonie von Waldameisen vom Typus ‚Rot-alpha-Strich-13’ in dem Hut. Es war nur eine klitzekleine Kolonie von tausenddreihundertzehn Ameisen, aber diese gerieten vollends durcheinander, weil der Hut nicht nur auf den Boden purzelte, sondern sich auch noch überschlug. Na, und alle Ameisen gerieten durcheinander. Die Arbeiterinnen so sehr wie die Aufseher. Es dauerte dann einen Tag lang, ehe sich der ganze Staat wieder geordnet hatte. Mit Protestdemonstrationen wandten sich die höher gestellten Ameisen an Tante Elsbeth. Die entschuldigte sich dann auch vielmals, konnte aber nichts dafür. Es musste halt alles seine Ordnung haben, damit es dann wieder geordnet und gesittet im Ameisenstaat weiter ging. Dazu stellten sich die tausenddreihundertneun Ameisen in Reih und Glied auf und wurden von ihrem Chef, Anton, durchgezählt. Leider hatte Anton, die Ober-Ameise, einen leichten Schluckauf, so dass er sich ständig verzählte. Immer wenn er ‚dreihundertdreiunddreißig’ sagen wollte, kam der Schluckauf. Und er konnte sich dann auch nicht mehr daran erinnern, bis wann er gezählt hatte – Ameisen haben ein nur sehr kleines Gehirn. So fing er immer wieder von Neuem an. Wie Anton von seinem Schluckauf geheilt wurde, so dass der Ameisenstaat wieder geordnet bei Tante Elsbeth wohnen konnte, ist wieder eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

 

Nachdem sie den ersten Tag den anderen Tieren so fleißig geholfen hatten, waren sie am Abend hundemüde und schliefen allesamt tief und fest. Obwohl Harry das laute Schnarchen seiner geliebten Gabi sonst rasend machte und ihn enervierte, konnte er doch so gut schlafen wie sonst nie. Das viele Graben, Sägen und Bauen hatte sie alle viel Kraft gekostet. Aber sie taten es gerne. Es waren ja die anderen Tiere, die ihnen auch im großen Leid um Gabi halfen und sie trösteten. Nun wollten sie zeigen, was in ihnen steckte. Und das war eine ganze Menge.

 

Am nächsten Morgen standen sie ganz früh auf, noch vor Sonnenaufgang. Sie wollten die herrliche Ruhe über dem Viktoria-See genießen, wenn alles noch in tiefstes Dunkel gehalten war. Dann brauchten sie auch all die Zerstörungen durch den schweren Sturm nicht sehen. Ganz langsam wurde es hinter dem Kilimandscharo heller und heller. Erst leuchtete der Gipfel des schneebedeckten Berges gülden, dann sah man die ersten Strahlen der Sonne kurz hervor blitzen. Alles war noch ganz jung, frisch und unschuldig. Harry und seine Familie liebten diese Zeit. Auch in Deutschland standen sie manchmal ganz früh auf und sahen die Sonne aufsteigen, z.B. von Dragomirs Vulkan aus.

 

Auch die zehn Drachen saßen heute Morgen mit ihnen am Ufer des Viktoria-Sees. Und Elmar, der Elefant, kam hinzu. Sie hatten sich verabredet, um Pläne zu schmieden, wie sie die Zerstörungen schneller beseitigen konnten. Elmar kam etwas verspätet, sein Wecker läutete nicht zur verabredeten Zeit. Dabei hatte er gar keinen mechanischen Wecker aus Metall, sondern ein Tier, das ihn wecken sollte. Es war Raoul, der Hahn, der ihn wecken sollte. Aber Raoul hatte seit dem schweren Sturm jede Menge zu tun, um seine Hennen zufrieden zu stellen und die Kücken zu versorgen. So konnte Raoul kaum zu seiner Aufgabe finden, andere Tiere zu wecken. Das machte natürlich auch nichts. Andere Tiere waren darüber froh, nicht um vier Uhr morgens geweckt zu werden.

 

Dabei war Raoul ein ganz furchtbar ordentlicher und höflicher Zeitgenosse. Immer fragte er die Tiere, ob sie auch wirklich von ihm geweckt werden wollten. Dann fragte er sie, zu welcher Zeit sie es wollten. Und dann fragte er sie, mit welchen Tönen: Eher tiefen oder eher hohen. Und zum Schluss fragte er sie nach ihrer Lieblingsmelodie. Das war eigentlich furchtbar nett. Nur dass Raoul, der fliegende Wecker, alle Tiere jeden Tag fragte und zwar jede Frage einzeln. Und dazu zückte er dann seinen Fragebogen und trug – für jeden einzelnen Tag – die entsprechenden Antworten ein. So hatte Raoul schon ein ganzes Archiv von Fragebögen angelegt, Fragebogen für Fragebogen, nach Tierarten sortiert. Weil er so höflich war, stolzierte er um jedes einzelne Tier mehrmals herum, um dann freundlich zu fragen: „Kikeriki, Mister haben Sie ein bisschen Zeit für mich?“ Oder er sprach: „Madame, darf ich es wagen, Sie zu fragen?“ Das war furchtbar umständlich, wenn auch sehr höflich.

 

Na ja, was soll ich euch sagen: Raoul, der fliegende Wecker, machte sich dadurch furchtbar unbeliebt. Jeden Tag das immer Gleiche gefragt zu werden ist langweilig. Zwar gab sich Raoul, der Hahn, große Mühe, die Tiere nicht unnötig zu nerven und war höflich ohne Ende. Aber wenn am Ende doch eh immer das Gleiche dabei herauskam, machten seine guten Manieren auch keinen großen Unterschied. Und das missfiel Raoul sehr. Liebend gerne weckte er die anderen Tiere. Dabei benutzte er selbst einen Wecker, was natürlich niemand wusste. Es war Mike, die Mücke. Die zirpte frühmorgens so zart in seinem Ohr, dass es sonst niemand hören konnte. So leise allerdings auch, dass es auch Raoul manchmal nicht hörte. Deshalb musste Mike dann eben auch herzhaft mit dem Stachel zu stechen und Raouls Blut anzapfen, damit er dann wenigstens durch den kleinen Stich aufwachte. Dabei war dies für Mike wiederum geradezu todesmutig, denn es gab dann die Gefahr für ihn, von Raoul durch eine Bewegung seiner Flügel weggewischt oder zerdrückt zu werden, denn instinktiv wollte er den Stechenden verscheuchen.

 

So hatte jeder mit seinen Schwierigkeiten zu kämpfen. Raoul hatte nur noch einen kleinen Kreis von Tieren mit Klingeltönen zu versorgen, weshalb er auch nicht mehr alle Tiere fragen musste. Diesmal wollte er bei Sonnenaufgang mit dabei sein. Leise flüsterte er zu Mike: „Hey, Mikelein, kommst du mit? Wir wollen die großartige Sonne bestaunen.“ Aber Mike war ganz mit sich selbst beschäftigt. Raoul hatte am Abend vorher etwas Wein getrunken. Der war nun im Blut. Und davon hatte wiederum Mike genippt – und war folglich besoffen und lallte: „Och, Raoulilein, iissch kann jetzt gaonit. Sschschpppäääter vielleischt…“ Und dann schlief der gute Mike einfach in Raouls Ohr ein, nicht ohne noch einmal herzhaft gegähnt zu haben.

 

Nun zog Raoul alleine zu den anderen Tieren an das Ufer des Viktoria-Sees. Die bestaunten gerade den majestätischen Sonnenaufgang hinter dem Kilimandscharo. Die Sonne hatte schon fast den Gipfel erreicht. Unbeschreiblich schön leuchtete sie die Tiere an. Sie zeigte etwas von der Herrlichkeit Gottes: Reinheit, Wärme, Kraft. Und schon wurde es den Tieren angenehm warm. Die Morgennebel lösten sich langsam auf. Die Tiere um Tante Elsbeths Haus begannen sich noch einmal im Schlaf umzudrehen. Nun wurde es auch hohe Zeit, Pläne für den Tag zu schmieden. Höher und höher stieg die Sonne, bis sie um die Mittagszeit sehr heiß scheinen würde.

 

Die Drachen hatten Harry den Vorschlag gemacht, einen Kanal um Tante Elsbeths Haus zu bauen. Es war ja nicht auszuschließen, dass wieder so ein schrecklicher Sturm Unheil anrichten würde. Dann würde das Wasser der Regenfluten wenigstens ihr Haus in Ruhe lassen. Zudem wollten sie mit dem Kanal weitere Gräben und Rinnen verbinden, um einen Garten zu schaffen. Durch das neue System von Kanälen, Gräben und kleineren Rinnen war es möglich, die fruchtbare Erde der Savanne kinderleicht zu bewässern. Dadurch würden die Tiere auch nicht mehr so abhängig vom Urwald sein, der ohnehin stark gelitten hatte: Durch den Drachen-Sondereinsatz des Plattwalzens der Palmen, das Großfeuer sowie die starken Regenfälle.

 

Jetzt ging es im Wesentlichen nur noch um die Einzelheiten: Wie tief die Kanäle, Gräben und Rinnen gebaut werden sollten, an welchen Orten und wer mithelfen sollte. Auch ein kleiner Hafen sowie ein Fischteich sollten entstehen. Der Fischteich sollte den Fischen dazu dienen, sich nach all den Strapazen zu entspannen. Immerhin waren sie ja auch – wie die vielen anderen Tiere – von der unterirdischen Strömung angezogen und wieder nach oben gespült worden. Kunibert und Konrad, die beide Karpfen, sowie Franziska, Friedemann und Franka, die drei Forellen, waren immer noch ganz durcheinander von dem schnellen Ab- und Ansaugen. Sie waren leicht lethargisch geworden, um nicht zu sagen depressiv. Dadurch bekam Thoralf, ihr Therapeut, jede Menge Arbeit, um ihnen gut zuzureden und sie zu beruhigen: „Ja, meine lieben Fischlein, ja, es wird schon alles wieder werden, werdet’s schon sehen“, sprach Thoralf, ihr Therapeut, der ein alt gedienter Tiger war, besonders tief mit seinem Bassbariton. Natürlich hätte er die leckeren Fische im besten Alter gerne gegessen, aber das wäre gegen seine Standesehre – man ist ja schließlich etwas als Therapeut und kann nicht einfach die lieben Patienten verspeisen.

 

Der Fischteich wäre genau das richtige für die verängsteten Tiere gewesen: nicht so tief, nicht so groß und vor allem ohne Unterwasserströmung. Die anderen Tiere hätten ihnen dann immer nett zu gewunken, während sie ihre Kunststückchen aufführten. Die fünf Fische waren nämlich etwas ganz Besonderes. Natürlich ist jedes Tier etwas ganz Besonderes, ein Einzelstück Gottes. Aber wer hat schon einmal ein Fisch-Quintett gesehen, das all das konnte, was man normalerweise nur im Zirkus bei den Löwen sehen konnte? Zwar konnten die Fische nicht durch einen brennenden Reifen springen und laut mit ihren Zähnen fletschen – sie haben ja gar keine; auch andere Kleinigkeiten wie Brüllen und Tatzevorzeigen ging nicht. Nein, es waren keine Löwen in Fischgestalt, sondern nur Lebewesen mit Schwanz und Flossen und viel Schuppen drum herum.

 

Wer aber einmal die berühmte ‚Fang-den-Floh’-Nummer gesehen hatte, war begeistert. Der Leiter des Quintetts, Kunibert, warf dann einen Wasserfloh, meistens Fulbert, den Lieblingsfloh der ‚Fabelhaften Fünf’, wie sie sich nannten, so in die Höhe, dass er vor den Augen des Publikums nicht mehr zu sehen war – was nicht weiter schwer ist, weil Flöhe ohnehin schwer zu sehen sind –, damit dann einer der anderen vier in atemberaubenden Tempo empor sprang, um ihn mit den Kiemen sanft zu fangen. Fulbert, der Wasserfloh, war nämlich ein alter Freund des Quintetts und mit allen Mitgliedern des Ensembles per Du, äh, per Kieme. Besonders mit Franka, der Forelle, gab es auch die einen oder anderen erotischen Zwischentöne, wenn nämlich Franka sich besonders viel Zeit ließ, Fulbert aus ihrem Maul wieder heraus zu lassen, während diese ihn mit ihrer Zunge kitzelte.

 

Besonders gewagt, ja waghalsig war aber der Sprung ins Publikum. Dazu wurde einigen starken Gästen im Publikum ein Sprungtuch gegeben, das diese halten sollten. Dann sprang ein Karpfen oder eine Forelle in das Tuch und, mit äußerster Kraftanstrengung, wieder zurück. Während der Fisch in dem Tuch verharrte, konnte man ihn bestaunen und streicheln. Das war natürlich besonders für die Tierkinder sehr schön. Ältere Tiere dagegen, wie Hans-Rudolf, die Hyäne, und Siegbert, der Seeadler, konnten nur mit Mühe davon abgehalten werden, sich am Fischfleisch gütlich zu tun. Eine echte Versuchung für sie. Auch anderen Tieren, wie Bob, dem Biber, zuckte verdächtig das Maul, aber vielleicht war es auch nur ein Zufall. Man kann ja nie wissen.

 

Am besten kam immer die letzte Nummer des Quintetts an: Die sagenhafte Fontäne. Die kleinste von allen Fischen war Franziska, eine Jungforelle. Die schwamm dann in die Mitte des Teiches, während die anderen vier sie ganz nah umringten. Dann saugten die vier so viel Wasser in sich, wie nur irgend möglich. Auf ein Zeichen – meist ließ Kunibert einen Pups, äh, eine Blase los – stießen sie dann das Wasser so kräftig von sich, dass sich Franziska erhob. Je mehr Wasser sie in sich aufnahmen und je kräftiger sie das Wasser dann ausspuckten, umso höher stieg Franziska. Das Publikum johlte, wenn Fulbert unmittelbar unter sie schwamm, um von unten nachzuhelfen. Das war ein eigentlich nicht ganz statthafter Trick, der sozusagen die fehlende Puste der anderen ausgleichen sollte. Aber es sah immer süß aus, wenn Franziska von ihrem Kollegen plötzlich überrascht wurde und ‚Uuppss’ sagte. Das sagte sie so hinreißend versonnen und gänzlich uneitel, dass das Publikum ihr quasi zu Füßen lag, sprichwörtlich natürlich. Dann klimperte sie mit den Wimpern, und alles war in bester Ordnung.

 

Die Aussicht auf einen eigenen Fischteich wirkte geradezu elektrisierend auf die fünf Künstler. Sie konnten es kaum erwarten. Schon löcherten sie Dingalf, ihren Lieblingsdrachen, alle paar Minuten. Sie fragten etwas scheinheilig: „Onkel Dingalf, wann dürfen wir mithelfen?“, oder: „Dürfen wir dich jetzt hinter den Ohren kraulen?“ Die Fünf wussten genau, dass Dingalf eine Unterwassermassage am linken Ohr für sein Leben gerne hatte. Dazu schwammen die Fünf ganz nah an ihn heran und saugten aus Leibeskräften viel Wasser an, um für ihn ein Unterwasserwhirlpool zu sein. Auch das Zirpen an seinem Ringelschwänzchen liebte er sehr. Wenn Franziska sein Wohlbehagen steigern wollte, brauchte sie nur mit den Kiemen an seinen Schwanzhaaren zu ziehen – das war ungefähr so schön, wie eine Rückenmassage bei Menschen.

 

Und Dingalf verstand. Es verging keine Stunde, in der er nicht zu Dragomir sagte: „Drago, altes Häuslein, wollen wir nicht mit dem Teichbau beginnen?“, oder: „Dragolein, findest du nicht auch, dass heute ein guter Tag für einen zünftigen Teichbau ist?“ Dragomir, der Haus- und Hofdrache der Harry-Hirsch-Familie, war davon schon regelrecht genervt. Deshalb sagte er schon bald: „Diiiinnnngaallllffff“, betont dehnte er den Namen seines Vetters zehnten Grades, „Diiinnnnnggggaaaaalffff, du hoast schoa Rächt, wioa moachens dess ah schon boald a moal. Willst’ schon oanfangn?“ Und Dingalf war Feuer und Flamme. Sofort grub er los, hatten ihm die fünf Fische doch versprochen, ihn lebenslänglich mindestens zehn Minuten am Tag zu whirlen, wenn er sich ihres Projektes annehmen würde.

 

Weil aber Dingalf nicht der allerhellste der Drachen war, verzögerte sich die Graberei sehr. Mal grub er an der falschen Stelle einen ganzen Tag lang. Mal grub er an der richtigen Stelle, aber ohne Schaufel. Mal hatte er eine Schaufel, aber keine Lust. Und mal wollte er lieber mit den Fischen schwimmen gehen und sich whirlen lassen. Weil der Teich für die fünf Fische nicht so sehr wichtig war, wie die anderen Projekte der Kanäle, Gräben und Rinnen, kam die Arbeit am Teich nicht so recht vorwärts. Doch da geschah eines Morgens etwas nicht Vorgesehenes.

 

Dingalf bohrte versonnen vor sich hin, so wie er es all die Tage schon getan hatte. Die Sonne stand hoch am Himmel. Jede falsche Bewegung war schweißtreibend. So ein bisschen im Sand zu bohren, war noch gut erträglich. Da stieß sein Zeigefinger auf etwas Hartes. ‚Eine verbuddelte Kokosnuss’, dachte der einfältige Dingalf. Nur gab es weit und breit keine Kokospalme. ‚Na, dann werden die Affen die Kokosnuss hierher geworfen haben, als sie zuletzt ‚Schlag die Kokosnuss’ gespielt haben.’ Aber die Affen spielten nie in der Nähe des Viktoria-Sees ‚Schlag die Kokosnuss’, denn Affen sind wasserscheu und würden niemals wegen einer ins Wasser gefallenen Kokosnuss in den See hinterher springen.

 

Rätsel über Rätsel. Langsam wurde es spannend. Dingalf vergaß die drückende Hitze um ihn herum. Auch die stechende Sonne hatte er nicht im Sinn. Ihn interessierte nur eines: Was war das harte Etwas im Sand? Hatte ein Tier seinen Regenschirm vergessen? Aber Tiere tragen ja keinen Regenschirm mit sich herum. Oder stieß er gerade auf eine Kloschüssel? Tiere machen ‚Aa’ und ‚Lolo’ aber nicht in eine Kloschüssel, sondern lieben die Natur pur im Plumpsklosett um die Ecke – notfalls bei der nächsten Palme. Es musste sich um einen sehr wertvollen Gegenstand handeln, denn er glitzerte schon in der Sonne, obwohl nur wenig zu sehen war. Nun gab sich Dingalf richtig Mühe. Bisher grub er sehr grob mit seinen Krallen. Nun aber nahm er seine Schwanzspitze in die Krallen und scharrte ganz vorsichtig. Ab und zu hauchte er an dem glitzernden Etwas, das dadurch nur noch mehr anfing, zu strahlen – in allen Farben des Regenbogens.

 

Dingalf bekam ein merkwürdiges Glitzern in den Augen: Was, wenn er eine Königskrone gefunden hatte und nun reich würde? Was, wenn er ein goldenes Diadem gefunden hatte, mit lauter Juwelen? Nun hauchte er den Boden mehr und mehr an, weil er Angst hatte, etwas an dem Gegenstand zu zerstören. Dabei geriet er ganz außer Atem. Die Konturen des Gegenstandes zeigten sich mehr und mehr. Er war rundlich und ziemlich groß. Nun nahm Dingalf seinen Spaten und entfernte die Erde um den Gegenstand herum. Verblüfft stellte er fest, dass der Gegenstand kugelrund war – wie ein Apfel oder ein Reichsapfel eines Kaisers. In allen Farben funkelte die Kugel, mal grün, mal blau, mal rot. Die Farben gingen ineinander über. Eine strahlte mehr als die andere – je  nachdem, wie die Sonne gerade auf die Kugel schien.

 

Ja, der Gegenstand war kugelrund und lag vor ihm. Was mochte er sein? Dingalf hatte nichts mitgenommen, um die Kugel in ein Versteck zu schleppen. Auch schien die Kugel zu kostbar zu sein, um sie wieder zu vergraben. Offensichtlich war, dass sie nicht vergraben worden war, sondern wohl in den Sand fiel und durch den großen Sturm vom Sand verschüttet worden war. Wer sonst hätte eine solch schöne Kugel vergraben? Nein, sie musste verloren gegangen sein. Aber von wem? Während er noch so nachsann, kam ihm ein Einfall. Er knickte einfach ein paar Äste von der nächsten Palme um und bedeckte die Kugel damit. Wohin aber mit der Kugel? Dingalf lief orientierungslos umher, wie einer, der den Weg vergessen hatte. „Dingalf“, rief verstört Franziska, die Jungforelle, als er sich dem Strand näherte, „was ist mit dir? Und warum gräbst du nicht?“ Dingalf schaute nur kurz zu Franziska hin und starrte dann weiter vor sich hin. Eigentlich war sein Verhalten grob unhöflich und widersprach der Drachen-Moral. Ein Drachen sollte gemeinhin immer nett, freundlich und höflich sein. Dazu gehörte natürlich auch, einen Gruß zu erwidern und Antwort zu geben. Wieder glitzerten seine Augen ganz merkwürdig.

 

Es gab für Dingalf im Augenblick nur einen einzigen Gedanken: ‚Wie kann ich diese Kugel vor allen anderen Tieren verbergen?’ Das ließ ihm keine Ruhe. Und darum war er so herzlos und unhöflich zur lieben Franziska, so dass sie ganz traurig wurde. Er merkte gar nicht, wie sehr er Franziska verletzt hatte und ging einfach weiter. Unterwegs traf er seine Brüder Dungalf, Dangalf und Dongalf. Sie grüßten ihn freundlich. Er nickte ihnen nur kurz entgegen. Das kam ihnen spanisch, äh, merkwürdig vor. Normalerweise redete er wie ein Wasserfall, wenn er seine Brüder auch nur von weitem sah. Dongalf fragte ihn deshalb: „Hey, Alter, was ist los? Alles klar oder wo drückt dich der Schuh?“ Dingalf drehte sich um und erwiderte nur kurz: „Na klar ist alles gut, was soll schon sein?“ Dann ging er schnell weiter. Dabei stolperte er über Ottmar, den Otter, der sich in der warmen Frühlingssonne räkelte. Gerade hatte er sein Fell im Viktoria-See gesäubert, war mehrmals untergetaucht und fühlte sich pudelwohl. Nun spürte er den Krallenabdruck von Dingalf auf seinem Körper. Dingalf war so schwer, dass Ottmar, dem Otter, fast die Puste wegblieb. „Hey, Dingalf, bist du von Sinnen? Du raubst mir den Atem, außerdem bin ich wieder schmutzig von oben bis unten!“ Ottmar hatte ein leicht poetisches Temperament und schrieb Gedichte, weshalb er den Ausdruck ‚Bist du von Sinnen’ gebrauchte. Dingalf kümmerte sich nicht darum und ging weiter.

 

Er hinterließ eine Spur der Verwüstung: Reihenweise Tiere, die er vor den Kopf stieß und anderswie bedrängte, ohne dass es ihn berührte. Das alles nur wegen dieser merkwürdigen Kugel, von der er meinte, sie sei sehr kostbar für ihn. Dabei wusste er es gar nicht, sondern dachte es sich nur. Würde er weiter so vor sich hin stapfen ohne jede Rücksicht, dann hätte er sämtliche Tiere um Tante Elsbeths Haus gegen sich aufgebracht. Aber es kam ihm ein zündender Einfall: Warum etwas verstecken, wenn er nicht wusste wohin – er kann die Kugel doch gleich für sich beanspruchen, als Finderlohn. Schnurstracks rannte er gleichsam zurück. Diesmal gab er sich Mühe, auf kein Tier zu treten und alle freundlich zu grüßen.

 

Schnell nahm er die Palmzweige aus der Kuhle, in die er die Kugel gelegt hatte. Sie war weg. Dingalf bekam einen riesigen Schrecken und wurde aschfahl. Wer hatte seine Kugel gestohlen? Er blickte sich um. Überall arbeiteten die anderen Tiere emsig vor sich hin. Sie waren mit dem Bauen der Kanäle, Gräben und Rinnen voll beschäftigt. Niemand kümmerte sich um seinen grimmigen Blick. Wer also sollte es gewesen sein? Er wurde ärgerlicher und ärgerlicher. Erst auf sich selbst, dann auf seine Mitwelt. Nun hatte er das Kostbarste gefunden, das er je besessen hatte. Da war es auch schon wieder weg. Den gemeinen Dieb würde er schon zur Rechenschaft ziehen, das schwor er sich. Finster schaute er nun drein. Offen blickte er um sich. Würde ihn jemand beobachten? Dann konnte es wohl nur der Räuber seiner Kugel sein

 

Dann sah er das Erstaunliche: Die Kugel flog vor ihm her und leuchtete so licht und hell, wie das gleißende Licht der Halogenmasten eines Fußballfeldes. Die Kugel konnte also fliegen. Er hatte sich bitter geirrt. Er hatte gedacht, alle Welt wäre böse, nur aus Neid und Raffgier. Weil er die Kugel mit niemandem teilen wollte. Jetzt flog sie in Höhe der Palmen geradewegs vor ihm hin. Das war für einen Drachen natürlich keine Schwierigkeit. Sofort erhob er sich und setzte zum Sprung an, um schnell los fliegen zu können. Die seltsam leuchtende Kugel war schneller. Je schneller er wurde, umso rasanter flog sie davon. So blieb die Entfernung zwischen den beiden immer die gleiche. Dingalf gab sein Bestes. Er war ein junger Drache und stark wie ein Bär, wäre er nicht ein Drache. Nichtsdestotrotz hatte er einen kleinen Bauch, ja fast schon eine regelrechte Wampe. Er geriet außer Atem. Mehr und mehr Kraft kostete ihn das stürmische Wettrennen. Und höher und höher stiegen beide den Wolken entgegen. Die anderen Tiere nahmen von dem Wettfliegen keine Notiz. Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Nur Adolf, der große Adler, sah sie in die Höhe steigen. Von seinem Horst auf dem Kilimandscharo hatte er den besten Ausblick von allen. Er kannte die Kugel und ihr Geheimnis. Schon startete er, um Dingalf zu warnen.

 

Es war ein dunkles Geheimnis und hing mit dem Zauberer Zero zusammen. Die Kugel war nämlich seine Zauberkugel, die nur Verderben brachte. Jeder wollte sie haben, um sie zu besitzen. Jeder dachte, dass ihn diese Kugel reich machen würde. Und jeder war von ihrem zauberhaften Licht eingenommen. Die Gier nach Reichtum war die Macht dieser Kugel. Wer nicht raffgierig war, der freute sich nur an ihren wunderbaren Farben. Die Raffgieren wollten sie alleine besitzen. Das konnte der böse Zauberer Zero durch die Kugel hindurch sehen: Im Licht der Kugel spiegelte sich deren jeweiliger Besitzer. Und dann spielte er mittels der Kugel mit dem Gierigen Katz und Maus. Er lockte sie ins Verderben: In die höchsten Höhen oder in die tiefsten Tiefen. Immer genau dahin, wohin sie nicht folgen konnten, ohne zu sterben oder sich mindestens weh zu tun. Das war natürlich ein ganz mordsmäßig böses Spiel mit dem Leben anderer. Aber Zero, der böse Zauberer, wollte genau das – das Leben der anderen stören, wenn nicht zerstören.

 

Nun fragt ihr euch sicher: Warum tut Zero das? Wie kann ein Wesen, das Gott schuf, so böse sein? Das sind gute Fragen, die in dieser Geschichte nicht alle beantwortet werden sollen. Bei Zero, dem bösen Zauberer, ist es recht einfach. Als er ein kleiner Zauberlehrling war, tat er nur Gutes und half allen Menschen und Tieren, wo er nur konnte. Dann verliebte er sich. Es war Ingeborg, das süße Igelfräulein. Sie waren in einander über beide Ohren verliebt. Eigentlich klappte es alles wie im Drehbuch. Aber Ingeborg hatte knauserige Eltern: Ingolf und Irmtraud. Denen war Zero zu arm. Eigentlich hätte Zero sich alles leisten können, er brauchte ja nur zu zaubern. Aber er hatte ein goldenes Herz, wie man so sagt. Alles, was er sich herzauberte, verschenkte er auch sogleich. Es reichte ihm also immer, aber er häufte sich damit eben auch keine Reichtümer an. Dafür war er einfach zu nett und zu hilfreich.

 

Zero konnte nicht verstehen, dass sich Ingeborg nun immer seltener mit ihm treffen wollte. Einmal wollte sie, dass er ihr einen Ferrari schenkte, den sie aber gar nicht brauchte, weil sie gar nicht Auto fahren konnte. Ein anderes Mal wollte sie einen Hubschrauber, um mit ihren Eltern eine Spritztour zum Kilimandscharo zu machen. Beide Male zauberte er das Gewünschte, aber verschenkte es sogleich, weil er nicht recht einsah, dass es so wichtig für Ingeborg wäre. Den Ferrari konnten die beiden Wüstenrennmäuse Balduin Eins und Balthasar Zwei besser gebrauchen. Und der Hubschrauber sollte besser für Notfälle bei Tante Elsbeth stehen, wenn es einen Kranken oder Verletzten geben sollte – für die Rettung in das Klinikum der Hauptstadt Nairobi.

 

Dann kam der Tag, an dem Ingeborg ihn gar nicht mehr sehen wollten. Sie war nicht auffindbar. Überall suchte er, fand sie aber nicht. Offensichtlich hatte sie sich versteckt, um nicht gefunden zu werden. Das war natürlich besonders gemein. Weil er immer so lieb zu ihr war und sich eine solche Mühe gab, konnte er es einfach nicht fassen: Sein geliebtes Ingelein sollte so ein Ekelpaket an Geiz und Knauserigkeit sein? Das brach ihm das Herz. Tagelang lief er düster umher oder flog todtraurig bis zum Mond und zurück. Das war schrecklich. Keinerlei Hoffnung machte er sich mehr. Erst recht nicht, als er ihren Abschiedsbrief gelesen hatte. Nur drei Sätze schrieb sie ihm: „Lieber Zero! Du bist ein Habenichts. Du hast so viel, wie dein Name sagt, nämlich Null und Nichts. Lebe wohl! Deine Inge.“ Ja, er besaß nichts, außer einem viel zu großem Herz. Darauf war er eigentlich immer stolz gewesen. Damit gewann er viele Freunde. Aber leider nicht Ingeborg. Wäre Inge alleine ohne ihre Eltern, hätte er sicher eine gute Chance gehabt. Seine Inge war ein liebes Mädchen. Ihr Herz war nicht so groß wie das seine, das wusste er. Aber doch groß genug für die Liebe zu ihm. Es waren die schlechten Einflüsterungen ihrer Eltern gewesen, die ihm das größte Glück seines Lebens nahmen.

 

Er begann sie zu hassen. Erst war da ein grauer Fleck auf seiner Seele, nicht weiter ernst zu nehmen. Das war sein Missmut über sie. Dann kam sein Groll mit hinzu. Schließlich veränderte der Groll sein Leben so sehr, dass er anfing, die Igeleltern zu hassen. Hass bedeutet, dem anderen das Allerböseste zu wünschen und sich in Gedanken der Missgunst zu verzehren. Der andere tut dann nichts Gutes mehr – in den Augen dessen, der den anderen hasst. Der Gehasste könnte auf dem Kopfstehen und dabei lachen – nichts zu machen. Der Hass möchte letztlich das Unglück des anderen, vielleicht sogar den Tod.

 

Nun, Zero war viel zu gut, um sich ganz vom Hass verzehren zu lassen. Er tat Ingeborg und ihren Eltern kein Leid. Nein, er dachte sich ein Spiel aus. Leidenschaftlich spielte er gerne mit den Drachen Luftfußball. Weil er fliegen konnte wie sie auch, zauberte er einen Fußball, der fliegen konnte. Mit dem spielten sie stunden-, ja tagelang unentwegt in den Lüften. In einer besonders dunkeln Minute zauberte er einen zweiten Ball, einen, der in allen Farben des Regenbogens wunderbar leuchtete. Und einen, der denjenigen spiegelte, der ihn ansah, mit ihm spielte und ihn besitzen wollte. Und der neue zweite Ball sollte so aussehen, als wäre er sehr kostbar. Der neue Fußball sollte dem neuen Besitzer zuflüstern, er mache ihn reich. Wer darauf ansprang, wusste nicht, wem der Ball in Wahrheit gehörte. Das wollte derjenige aber auch gar nicht wissen. Nein, es ging darum, dass der Ball die niedrigsten Instinkte in dem neuen Besitzer anregte: Neid, Missgunst, Habgier – schlicht E-G-O-I-S-M-U-S. Eine ganz üble Krankheit der Seele. Kein Wesen war davon ganz frei, aber die meisten konnten sich immer wieder beherrschen.

 

Zero besaß einen Zauber-Laptop, auf dessen Bildschirm er immer genau sehen konnte, wo der Zauberball gerade im Einsatz war. Auch konnte er genauestens sehen, wer den Zauberball gerade ansah – und wie der Ball von ihm Besitz nahm. Ja, ihr habt recht gelesen: Nicht das Tier oder der Mensch nahm von dem Ball Besitz, sondern umgekehrt der Ball von dem Wesen. Habgier wurde nun sein Wesen. Alles wurde nun bestimmt von dem Wunsch, diesen Ball zu besitzen. Aber nun drehte Zero den Spieß um. Auf dem Bildschirm sah er genau, in welchem Land das Tier gerade lebte und welche Gefahren es umgaben: Wüsten, Meere, Wildbäche, Dschungel, Orkane, Schluckauf, Ziegenpeter und ähnliche Unbill der Tier- und Menschenwelt. Dann legte er sich einen besonderen Plan zurecht. Ganz allmählich wurde das Tier in die Gefahr hinein gelockt. Gerade das, was das Tier am Besten konnte, wurde zur Gefahr. Er liebte es, Schlangen in die Wüste zu locken, Vögel in die Luft und Fische in die Weiten des Meeres. Und dort lauerte das Unheil.

 

Aber Zero übertrieb es nicht. Die Tiere hatten eine echte und faire Chance. Er wollte nicht ihren Tod, aber sie an ihre Grenze bringen. Was sie daraus machten, war nicht seine Sache, so meinte er jedenfalls. Er freute sich ganz schrecklich über die Gesichter, in denen sich plötzlich Furcht und Schrecken, Angst und Panik widerspiegelten. Plötzlich lauerte die Gefahr auf die Tiere, die sich ganz sicher waren, diese elendig schöne Kugel bald zu besitzen. Gerade wenn sie meinten, sich in ihrem Element zu fühlen, geschah das Unheil: Ein Sturmtief für Edna, die Elster; ein Sumpf für Berta, die Kuh; ein Krokodil namens Kolja für Sybille, die Schlange; und ein Schneesturm für Frank, den Wüstenfuchs.

 

Einige Tiere bekamen von diesem Erlebnis in höchster Not einen Schock für’s Leben und mussten in therapeutische Behandlung, andere gingen ins Kloster, wieder andere bekamen einen Tatterich oder Schluckauf oder Hast-du-nicht-gesehen. Andere bekamen einen Lachanfall, von dem sie sich nur mühsam erholen konnten.

 

Nun traf es also Dingalf. Zeros Plan war ganz einfach. Er wollte Dingalf, den etwas einfältigen Drachen, sehr hoch hinaus führen, bis an die Grenze der Wolken, dorthin nämlich, wo die Luft immer dünner und dünner wurde. Die Kugel musste ja nicht atmen, aber Dingalf. Das war in vieler Hinsicht gefährlich. Zum einen durch die Atemnot, zum anderen durch die große Kälte dort oben, und zum dritten durch den Kräfte zehrenden Flug selbst – was nun wäre, wenn Dingalf abstürzen würde? Wer sollte ihn dann auffangen? Genau das sagte sich auch Adolf, der große Adler. Notfalls müsste er ihn auffangen, besser wäre es aber, wenn er Dingalf warnen würde.

 

Adolf, der große Adler, kannte das Geheimnis der farbigen Leuchtkugel, denn er war einmal Zeros bester Freund. Alles taten sie damals zusammen. Sogar die Geschichte mit Ingeborg erzählte ihm Zero immer gleich. Adolf kannte fast alle Gedanken, die Zero in seinem Herzen bewegte. Viele Male hatte er schon versucht, andere Tiere vor den Gefahren zu retten, die Zero für sie bereit hielt. Auch der große Sturm zu Weihnachten war ein Werk von Zero, der Weihnachten hasste. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll. Adolf stieg schnell auf und kam gut voran. Er kannte ja den Kilimandscharo, anders als Dingalf, der ursprünglich aus Feuerland kam, also aus Südamerika.

 

Gefährlich waren die so genannten Fallwinde der Savanne. Der Boden der Savanne heizte sich während des Tages langsam auf. Am Abend stieg dann die Wärme nach oben und erwärmte die Winde der Nacht, die kälter waren und vom Kilimandscharo her kamen. Wenn beide Winde aufeinander trafen, der warme und der kalte, gab es kleine Verwirbelungen. Und diese konnten sich zu großen Stürmen ganz weit oben am Himmel ausweiten. Um ihnen zu trotzen war viel Kraft vonnöten – zu viel für einen geschwächten Drachen, der die ganze Zeit wie irre hinter einer Kugel her flog.

 

Und Dingalf war wirklich außer Atem. Immer dachte er sich: ‚Jetzt nur noch einen Hufbreit, dann habe ich sie’, aber schon war die Kugel weiter geflogen. Dann ging es von vorne los. Die Kugel wartete dann an dem nächsten Wolkenzipfel an der Ecke. Ja, Dingalf war schon oberhalb der Wolkendecke. Die Luft wurde auch für ihn sehr dünn, was ihn zusätzlich anstrengte. Adolf, dem Adler, machte es nichts aus, er war so dünne Luft gewohnt und kam ursprünglich aus den Pyrenäen Spaniens. Seine Eltern stammten aus den Alpen. Wie er dorthin kam, zuerst nach Spanien und dann nach Afrika, ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Als Schreiadler schrie er aus Leibeskräften, so dass er ganz heiser wurde. Aber Dingalf hörte nicht. Konnte er auch nicht, er hatte ja seine Ohropax im Ohr. Wenn es ganz ruhig war und er nichts hörte, konnte er umso besser fliegen und war umso schneller.

 

Adolf schwante Übles. Selbst wenn Dingalf die Kugel bald halten könnte, hätte er wohl nicht mehr die Kraft, zurückzufliegen. Käme jetzt noch eine Verwirbelung hinzu, wäre es um ihn geschehen. Schon sah er, wie sich Dingalf vor lauter Erschöpfung hinsetzen wollte – ausgerechnet auf einer Wolke. Ein riesiger und gewaltiger Drache, schwer wie ein Panzer, will sich auf eine zarte Schmusewolke aus Kondenswasser und Schneeflocken setzen – das konnte auch nur Dingalf einfallen. Adolf schrie: „Dingalf, nein, tu’ das nicht, du stürzt herab!“ Aber Dingalf hörte ihn einfach nicht. Adolf, der große Adler, musste also nun Dingalf, den großen Seppl-Drachen, retten. Aber wie? Er hatte keinen Fallschirm mit. Und so einen schweren Brocken wie Dingalf konnte er auch nicht auf seinem Rücken tragen. Er brauchte Hilfe, aber welche?

 

Fasziniert sah Zero, der böse Zauberer, das Geschehen auf seinem Laptop. Voller Genugtuung sagte er sich insgeheim: ‚Recht so, du dicker Drache, geschieht dir nur recht. Das hast du nun von deiner Habgier!’ Plötzlich sah er seinen alten Freund Adolf auf dem Laptop, der sich in der Kugel spiegelte. Adolf wollte soeben Dingalf von hinten ansprechen. Aber der hörte ja nichts durch seine blöden Ohropax-Stöpsel. Schon wollte er ihn von hinten antippen.

 

Da geschah ganz plötzlich, was kommen musste. Ein Luftwirbel erfasste beide. Dingalf raubte er die letzten Kräfte. Ohnehin schwebte er schon auf Wolke Sieben und ließ sich gerade von einem Warm-Luft-Strom treiben. Nun stürzte er in die Tiefe. Fast bewusstlos, weil er von dem Wirbel auch seinen Orientierungssinn kurzzeitig verlor. Ihm wurde schwindelig, und er musste sich erbrechen. Aber wohin sollte er sich erbrechen? Mit der Schnauze stürzte er zuerst nach unten, so dass das Erbrochene ihm das Gesicht bekleckerte. Nun sah er auch nichts mehr. Die Kugel war ihm nun egal. Weil er aber etwas einfältig war, konnte er den Ernst seiner Lage nicht erfassen. Willenlos stürzte er tiefer und tiefer. Kurzzeitig dachte er, er würde vielleicht in den Viktoria-See plumpsen und freute sich schon auf die gewaltige Fontäne, die sein Aufschlag im Wasser hervorrufen würde.

 

Adolf war schockiert. Dingalf flog im Affentempo in den Tod, genau auf die Schneespitze des Kilimandscharo zu. In die Schneemassen würde er tief einschlagen und seine Geschwindigkeit verlangsamen, der Fels unter dem Schnee aber würde ihn sofort zerschmettern. In spätestens einer halben Minute würde er aufschlagen. Rettungslos dem Tod geweiht. Die Kugel flog in sicherem Abstand hinter Dingalf hinter her. Zero, der böse Zauberer, hatte dieses bittere Ende nicht gewollt. Vor Schreck erstarrt schaute er regungslos dem Sturzflug des großen Drachen zu. Wie konnte er abwenden, was dort durch ihn geschah? Aber warum sollte er es abwenden? Was hatte er mit diesem habgierigen und etwas stumpfsinnigen Drachen zu tun? Wenn Dingalf aber starb, würde Adolf, sein ehemaliger Freund, nie wieder mit ihm sprechen. Zwar sprachen sie beide schon seit zehn Jahren nicht mehr miteinander. Aber Zero empfand Respekt vor den Rettungsversuchen von Adolf.

 

Adolf wiederum musste hilflos zusehen, wie Dingalf dem Schnee näher und näher kam, um schließlich verschluckt zu werden. Selbst wenn er ihn einholen würde – bei dem massiven Gewicht von Dingalf war es kaum möglich –, konnte er ihn ja nicht auffangen. Nur ein Wunder konnte ihm helfen. Plötzlich kam ein neuer Wirbelwind auf. Ganz unerwartet stieg vom Kilimandscharo her – dem schneebedeckten Gletscher – eine Heißluftfront auf, ergriff Dingalf und trug ihn empor. Dingalf war nun ohnmächtig geworden, die warme Luft gab ihm den Rest. Sollte das seine Rettung sein? Adolf traute seinen Augen nicht. In der Luft erkannte er seinen alten Freund Zero wieder. Als böser, aber technisch guter Zauberer konnte sich Zero in alles verwandeln, also auch in heiße Luft. Zärtlich umhüllte er den dicken Drachen mit Wärme und föhnte ihm das Gesicht von Geifer und Erbrochenem sanft frei. Was würde nun kommen?

 

Nun, natürlich das Happy End, das gute Ende der Geschichte. Schlagartig wurde Zero bewusst, dass die unglückliche Geschichte mit Ingeborg sein ganzes weiteres Leben verpfuscht hatte. Auch seinen Freund Adolf, der eigentlich immer das Beste für ihn wollte und tat, verlor er durch seine Narrheit. Und vielen Tieren bereitete er großes Ungemach, ja, fast hätte er ein liebes Tier, den einfältigen Drachen Dingalf, in den Tod gestürzt. Nun wusste er, dass er so nicht weitermachen durfte. Ganz sanft hauchte er den gänzlich erschöpften Dingalf warm und setzte ihn am Ufer des Viktoria-Sees ab. Dann zauberte er eine Schlafdecke herbei, in den er Dingalf einhüllte. Natürlich dachte er sich noch etwas ganz Besonderes aus. Er zauberte ihm 1000 Euro in die Tasche, in der gängigen Drachenwährung. Die seltsame Kugel versenkte er in den tiefsten Tiefen des Viktoria-Sees, denn sie hatte ja nur Unheil gebracht.

 

Inzwischen war Adolf ganz außer Atem neben Dingalf gelandet. Befriedigt sah er, dass Dingalf gut versorgt wurde. Weil er weit und breit niemanden sah, der ihm so eine echte Drachenschmusedecke schenken könnte, musste es Zero selbst gewesen sein. Was war nur mit dem bösen Zauberer geschehen? War er nun gut geworden und nicht mehr böse?

 

„Zero“, flüsterte Adolf, der Adler, in die Richtung von Dingalf, „bist du es?“ Lange hörte er ein ziemlich beredtes Schweigen, irgendjemand scharrte nervös mit seinem linken Fuß, einem Pferdefuß wohl, im Sand des Viktoria-See-Ufers. Adolf war ein sehr gutwilliger und freundlicher Adler, der noch nie einem Vogel eine Gräte, äh, eine Feder gebrochen hatte. Er aß zwar gerne Tierfleisch oder auch Fische, aber nur totes Fleisch, also Aas. Dabei war auch noch sehr neugierig. Wieder fing er an: „Zero“, hauchte er sanft, „tolle Sache mit der Rettung von Dingalf…“ Weiter konnte er nichts sagen. Er hörte ein leises Wimmern, wie von einem kleinen Kind. „Meinst du, lieber Adolf? Meinst du wirklich?“, jammerte Zero sehr zart, „aber das mit der Todesgefahr war nicht so toll, oder?“ Adolf wartete lange, ehe er Zero antwortete. Er dachte an die Geschehnisse der vergangenen Jahre und an Ingeborg. Auch er selbst blieb ein Junggeselle, weil ihn ein junges Fräulein, Annette die Hübsche – eine Jung-Adlerin –, enttäuscht hatte, aber das war wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden sollte.

 

Nein, toll war das Verhalten von Zero nicht. Als er selbst von Annette, der jungen Adler-Dame, versetzt worden war, hatte er auch ganz üble Gedanken und wollte sogar Selbstmord begehen. Dann aber erinnerte er sich an all das Gute, das Gott ihm bis dahin geschenkt hatte. Und da lachte er über sich selbst. Wie schnell er die Flinte ins Korn werfen wollte. Und wie leicht er sich enttäuschen ließ. Böse Gedanken hatte auch er gehabt und wollte schon Rache nehmen: An Annette, an Gott im Besonderen, der ihm seinen Herzenswunsch nicht erfüllte, und an der Welt im Allgemeinen. Und überhaupt. Besonders wegen überhaupt. Was aber hätte seine Rache geändert? Nichts, im Gegenteil! Sie hätte nur neues Unheil in die Welt gebracht. Adolf hatte einen guten Vetter, den Aasgeier Gustav. Den suchte er auf und sprach lange mit ihm. Zuletzt beteten sie miteinander. Nun war alles bereinigt – besonders das Verhältnis zu Gott, der uns nicht alle Wünsche erfüllt.

 

Offensichtlich hatte Zero nicht ein solches Glück, so einen netten Vetter wie Gustav, den Aasgeier, zu haben. Deshalb meinte Adolf sehr freundlich und mitleidig: „Ja, das mit der Todesgefahr war nicht so toll. Ehrlich gesagt, hätte ich nie gedacht, dass du die Tiere überhaupt in eine so üble Gefahr bringen würdest.“ Zero schwieg erst und sprach dann langsam: „Ach, Adolf, wenn du wüsstest, wie schwarz es in meiner Seele ausgesehen hat. Dann sah ich dich – du hattest ja keine Chance, Dingalf zu retten. Und hast selbst dein Leben eingesetzt für jemanden, den du gar nicht kennst. Da habe ich an alte Zeiten gedacht. Wie du mir immer geholfen hast. Da wurde mir ganz warm um mein Herz. Ich wusste, so darf es nicht weitergehen. Hätte ich Dingalf auf dem Gewissen gehabt, hätte ich mir wohl das Leben genommen.“

 

Nun sah Adolf ihm fest in die Augen: „Lieber Zero, du hast eine Zukunft, egal, was bisher geschehen ist. Du schaffst das. Weist du was? Ich habe einen Vetter, Gustav, den Aasgeier, der ist furchtbar nett und hat eine Ausbildung als Geistlicher. Zu dem bringe ich dich gleich morgen früh, ja?“ Zero war baff. Eigentlich hatte er mit einer wenig erfreulichen Strafpredigt gerechnet, aber nicht mit so freundlichen und vor allen Dingen verständnisvollen Worten. Das war eine Überraschung für ihn, eine von weiteren, die noch kommen sollten. Einer, der zuhört, einer, der nicht gleich verdammt, und vor allem einer, der genau nachempfinden konnte, wie man sich fühlt, wenn man daneben liegt.

 

Und weil er so baff war, verschlug es ihm die Sprache: „Lllliiiiieeeebster Aaaaddddooolf, wwwwwaarrruumm biiiissssttttt ddddduuu ssssoooo nnnnneeeetttttt zzzzuuu mmmiiirrr?“ Adolf zögerte ein bisschen: „Na, wie gesagt, ich habe mit Gustav, meinem netten Vetter gesprochen. Und der meinte, dass wir alle immer wieder schreckliche Dinge tun, aber Gott vergibt uns, wenn es uns leid tut und wir uns ernsthaft bessern wollen. Die beste Möglichkeit, erst gar keinen Unsinn zu bauen, ist, das Böse mit Gutem zu vergelten, damit erst gar keine Rachegedanken aufkommen. Er hat mir erklärt, dass es besser ist, auf Rache zu verzichten. Rache kann das Böse ja nicht mehr aus der Welt schaffen, im Gegenteil, vermehrt Rache das Böse ja nur.“

 

Das klang schrecklich vernünftig. Adolf, der Adler, war ein schrecklich ernsthafter Vogel, kein schräger Vogel, sondern geradlinig und nüchtern, also ein echt weiser Kopf. Was er sagte, klang einleuchtend. Wenn bloß vorher alles so einfach gewesen wäre. Statt todtraurig über Ingeborg zu sein, hätte er ihr bloß verzeihen brauchen. Statt einem zerplatzten Lebenstraum nachzuweinen, hätte er nur die neuen Möglichkeiten nutzen sollen. Natürlich tat es weh, wenn das nicht in Erfüllung ging, was man solange erhofft hatte. Aber ändern konnte man es eben auch nicht. Nur sich selbst konnte man ändern. Sich dem Neuen öffnen und dankbar sein für das, was bisher geschah.

 

Adolf sprach weiter: „Lieber Zero, warst du denn überhaupt dankbar dafür, dass du Ingeborg überhaupt kennen lernen durftest oder war es selbstverständlich für dich?“ Darüber hatte Zero noch nie nachgedacht. ‚Dankbarkeit’ – ja, war er dankbar? Ehrlich gesagt fand er es immer ganz selbstverständlich, dass er ein guter, wenn auch nun böser, Zauberer geworden war. Wie von selbst meinte er deshalb auch, dass es nur natürlich gewesen sei, wenn er von Ingeborg geliebt würde: Warum sollte sie auch einen solchen tollen Zauberer wie ihn nicht lieben? Da fiel ihm auf, dass er zwar sehr genau zu glauben wusste, wie toll er eigentlich war und dass ihm ein schreckliches Unrecht geschah, als Ingeborg ihn fallen ließ – was aber das Tolle an Ingeborg gewesen ist, wusste er nicht so recht zu sagen.

 

„Adolf“, Zero hatte sich nun ein Herz gefasst und stotterte nicht mehr, „Adolf, du hast recht. Ich glaube, ich muss noch viel nachdenken. Schön, dass du mir so sehr geholfen hast. Bleibe bitte weiter mein Freund, auch wenn ich vielleicht weiter solche Dummheiten tun sollte – kannst du das?“ Treuherzig, mit dem süßesten Dackelblick aller Zeiten, sah Zero seinen alten Freund Adolf an. Dieser erwiderte mit einem sanften Streicheln über Zeros Mantel: „Na klar, lieber Zero, na klar. Und wirst du mir auch helfen, keine Dummheiten zu tun?“ Nun war Zero wieder baff. Er kam sich klein und unendlich schäbig vor, während Adolf so viel besser zu sein schien. „Du meinst, du könntest auch Dummheiten tun – wie ich, Adolf“, erwiderte Zero fast schockiert. „Aber Zero, du kleiner Hirsch, böse sein, können wir doch alle“, beschwichtigte ihn darauf Adolf.

 

Meinte Adolf, der Adler, das wirklich ernst, was er sagte? Konnte auch Adolf richtig böse sein? So ganz richtig ultra-böse und gemein? Zero traute sich nicht, das Adolf zu fragen. Überglücklich war er, jemanden gefunden zu haben, der nett zu ihm war und ihm kein schlechtes Gewissen machte. Das war nämlich seine zweite große Angst – vor der Rache der anderen. Die erste Angst war die vor der Einsamkeit. Ein Leben ohne die süße und geliebte Ingeborg – das konnte nur schrecklich sein. Dann baute er den ganzen Bockmist und ärgerte die anderen Tiere. Von nun an kam die zweite Angst hinzu, die Angst vor der Rache der anderen. Diese zweite Angst war fast noch größer als die erste – weil er ja mindestens zwei Dutzend Tiere fast vom Leben zum Tode befördert hatte.

 

Nun wurde alles besser. Zero atmete durch. Neben ihm saß sein alter und neuer Freund Adolf. Beide rochen zusammen den Frühling, Zero noch zögernd, Adolf in vollen Zügen. Das meiste war geschafft. Gewiss hatte er eine Zukunft – auch ohne Ingeborg. Ach ja, Ingeborg. Was war eigentlich mit Ingeborg? Adolf wusste genau, was in Zero gerade vor sich ging. Früher, als die beiden ein Herz und eine Seele waren, konnte man immer an Zeros rechtem Ohrläppchen sehen, ob er an seine Liebste dachte. War es grün gefärbt, dachte er gerade nicht an sie. Es kam aber nur ganz selten vor, dass das Ohrläppchen grün schimmerte – meistens genau dann, wenn er viel beschäftigt war, z.B. auf der Toilette oder so. Ansonsten dachte er fast immer an seine Liebste. Schimmerte das Ohrläppchen blau, hatten sie gerade Ärger gehabt. Leuchte es dagegen in den Regenbogenfarben, schwebte Zero auf Wolke Sieben. Jetzt gerade flackerte sein rechtes Ohrläppchen mal blau, rot, gelb und in allen anderen Farben – nur nicht in grün.

 

„Ingeborg“, flüsterte Zero vor sich hin, „ach, meine Ingeborg…“ „Der geht es auch nicht gerade gut; die hat dich sehr vermisst und bereut ihren Hochmut sehr“, nahm sich Adolf ein Herz. „Meinst du wirklich? Meene Kleeene?“ Sein Berliner Herz mit Schnauze war unleugbar und kam hin und wieder durch. „Ja, natürlich, alter Atze. Ich wusste all die Jahre nicht, wie ich es dir sagen sollte. Du hast dich ja vor mir die ganze Zeit versteckt gehalten.“ Das stimmte haargenau. Adolf schaute zehn Jahre lang niemanden an, nur seinen Laptop. Zehn Jahre lang lebte er, ohne von der Reue seiner geliebten Ingeborg zu wissen, nur weil er verbohrt gewesen war… Nun fing er an hemmungslos zu weinen. Nur weil er seinen eigenen Seelenschmerz mehr liebte als seine geliebte Ingeborg, nur deshalb wusste er nichts mehr von ihr. Schrecklich. Die Erde um ihn herum wurde feuchter und feuchter. Adolf hatte ihm schon seine sämtlichen Taschentücher gegeben und war ständig dabei, sie der Reihe nach auszuwringen und zum Trocknen kurz in der Sonne flattern zu lassen. Würde das so weitergehen mit seinem Geheule, dann steckten sie gleich beide im tiefen Sumpf von Zeros Tränen. Weil Zero ein Zauberer war, war es für ihn keine Schwierigkeit, sich neue Tränen zu wünschen – so gab es für ihn buchstäblich kein Halten mehr.

 

Nur für Adolf war es ziemlich anstrengend, die Taschentücher gebrauchsfertig zu halten – er bekam schon Muskelkater in seinen Schwingen vom vielen Auswringen der Taschentücher. Eigentlich waren seine Flügel auch nicht zum Auswringen von Taschentüchern für heulsüchtige Zauberer gedacht. Da kam ihm ein Einfall. Während er mit dem einen Flügel ein Taschentuch in der Sonne zum Trocknen hin und her schleuderte, rief er mit dem anderen Flügel Ingeborg einfach an. „Hey, Inge“, sprach Adolf verwegen in die Hörmuschel, „rate mal, was geschehen ist?“ Aber Ingeborg wusste sofort Bescheid: „Adolf, alter Junge, du hast es geschafft? Wo ist er?“ Ganz außer Atem wartete Ingeborg gespannt auf Adolfs Antwort: „Na hier, am Strand, wo denn sonst. Und wo bist du?“ Weiter kam er nicht. Zufällig war Adolf mit Zero genau dort gelandet, wo Inges und Zeros langjähriger Lieblingstreffpunkt gewesen war. Hundertmal hatten sie Hände, äh, Pfötchen haltend am Ufer des Viktoria-Sees gesessen und den wunderbarsten Sonnenuntergang der Welt betrachtet. Der Familiensitz des Stammes von Ingeborgs Familie war gleich um die Ecke: Es war die Iglu-Igel-Sippe, Nachfahren der bekannten Indianer-Igel aus Nordamerika.

 

Und da stand sie auch schon. Zero weinte weiter hemmungslos, er hatte das kurze Telefonat gar nicht mitbekommen. Sanft legte sie ihre Pfote an Zeros Genick. Sie kraulte ihn vorsichtig. Es war seine Lieblingsstelle. So konnte nur eine kraulen. „Ingeborg“, entfuhr es ihm panisch – und fiel in Ohnmacht, aber in ihre sanften Pfoten. Das war zuviel für ihn. Zehn Jahre ohne seine einzige Inge, zehn verschenkte Jahre voller Hass, Dummheit und Eigenliebe. Wie sollte er das alles wiedergutmachen? Aber er brauchte es nicht wieder gut zu machen. Sie kraulte ihm seine Ohren und gab ihm einen dicken Schmatzer. Das reichte, das war genug. Er öffnete seine Augen und sah sie, wie er sie immer sah: versonnen und glücklich. Und sie sah ihn an, wie sie ihn immer sah: voller Zärtlichkeit und Liebe.

 

Das war die größte Überraschung seines Lebens. Über zehn Jahre die tiefsten Abgründe des Lebens, dann mit einem Schlag das höchste Glück. Durch die Liebe. Und er fiel in Ohnmacht, nun zum zweiten Mal in fünf Minuten. Wenn das so weitergehen würde, könnte man nicht mehr von Liebesglück sprechen… Aber da war ja auch noch der liebe Adolf, der einfach sein Zelt auspackte, das er immer mitnahm. Man konnte ja nie wissen, was geschehen würde. Und schon lagen beide innig umschlungen auf dem Stroh. Sie küssten sich ohne Ende. Weil Zero fast den ganzen Tag nichts gegessen hatte, wäre er beinahe zum dritten Mal in Ohnmacht gefallen, jetzt aus lauter körperlicher Schwäche. Aber Adolf, der alte Kämpe, sah das schon voraus und brachte ihnen einen Korb voller belegter Brote und Früchte.

 

Und was soll ich euch nun weiter erzählen? Sie heirateten zünftig, lebten friedlich miteinander, bekamen viele zauberhafte Igel-Kinder und wurden steinalt. Immer wenn das Glück zuviel wurde, viel Zero in Ohnmacht. Da aber Ingeborg tapfer nicht von seiner Seite wich, ging es immer glimpflich aus. Wie Zero mit Gustav, dem Aasgeier, das seelsorgerliche Gespräch führte, sich bei all den anderen Tieren entschuldigte und sogar seine Schwiegereltern zum Tee einlud, ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.


10. Zurück in Hirschhausen

 

Nachdem nun Zero sich so schlagartig vom bösen zum guten Zauberer verändert hatte, ging fast alles viel besser vonstatten. Bevor er mit seiner Ingeborg in die Flitterwochen startete, um der Liebe zu pflegen, half er stehenden Fußes mit, die Verwüstungen des schweren Sturmes schnellstens zu beseitigen. Es gab keine Schwierigkeit, die er nicht sogleich mit einem Zauberwort gelöst hätte. Und das war die eigentliche Schwierigkeit. Zero hatte ein so furchtbar gutes Herz, dass er sich aller Schwierigkeiten sofort annahm und sie löste. Er rotierte und rödelte, dass es eine wahre Freude war. Nur: Danach war zum einen Langeweile pur angesagt. Und: Er löste zwar die alten Schwierigkeiten, aber es kamen zum anderen neue hinzu.

 

Da war Bernhard, die Bisamratte. Der Sturm hatte seine vielen Höhlengänge vollkommen verschlammt, nichts zu machen, einfach kein Durchkommen mehr. Im Nu kam der gute Zero und sagte einfach nur in Richtung Höhleneingang: „Schlammus muss wegus“, und weg war er, der Schlamm. Aber glaubt ihr, dass Dagobert nun glücklich gewesen wäre? Weit gefehlt. Nun konnte seine liebe Angetraute, die etwas korpulente und sehr regselige Bernadette, sehen, was sie bisher nur vermutet hatte – dass ihr Mann nämlich ein alter Schlamper und Chaot war. In seinem Übereifer entfernte Zero nämlich auch den Schlamm zu den Vorratshöhlen und Werkstätten von Gevatter Bernhard. Und nun offenbarte sich der guten Bernadette, dass ihr Göttergatte nicht recht Ordnung halten konnte oder wollte. Streit war nun im Hause der Bisams vorprogrammiert und nicht zu wenig. Grimmig schaute der arme Bernhard nun den ganzen Tag drein, was er sonst nur selten tat, wenn er nämlich mal den Abfall hoch tragen sollte. Nun führte seine Angetraute ein hartes Regiment mit ihm: Er sollte Ordnung in den Höhlen schaffen, in denen in Jahrzehnten kein System zu erkennen war. Und wer bekam sein Fett dann doch weg? Na, der arme Zero, der gar nicht wusste, wie ihm geschah.

 

Nicht anders war es bei den Täuberichs. Herr und Frau Tobias und Thekla Taube hatten ihr Anwesen hoch in den Lüften auf einer Palme, die der Sturm umknickte. Nun hing der Haussegen im wahrsten Sinne schief. So konnte es natürlich nicht weitergehen. Kaum hatte Frau Thekla dem guten Zero von seinem Malheur erzählt, stand die Palme so kerzengerade, wie noch nie in ihrem Leben zuvor. Weil Herr Taube alles aus schönem Holz baute, war natürlich alles durch den Sturm verkanntet und verknotet worden. Auch die echt schöne Einbauküche war hinüber und passte nirgends mehr. Das echaufierte die Gattin gar sehr. Na, und der arme Tobias musste ran und alles wieder neu machen, buchstäblich. Eigentlich wollte er mit den Nachbarn ein neues Haus bauen: die Nachbarswohnung oben, er und seine Frau unten. Daraus wurde nun nichts. Denn die gute Thekla hing zu sehr an ihrer geliebten Palme. Die bösen Blicke hättet ihr einmal sehen müssen, die der schwitzende Tobias dem armen Zero in Gedanken hinterher warf…

 

Und Elmar erst. Als begabter Dirigent und Anführer des weltberühmten Elefanten-Oktetts hatte er seinen eigenen Übungskeller in seinem schnuckeligen Elefantenhaus. Zusammen mit seiner Frau Erna übte er den ganzen Tag lang das Tröten: mit und ohne Verstärker, mit und ohne Tuba, mit und ohne Gesang, Tonleiter rauf und runter. Dummerweise befand sich der Übungskeller mitten unter der Haupteinkaufsstraße, gleich bei Tante Elsbeths Haus. Durch das Sickerwasser der Regenschauer des großen Sturmes war die eigentlich grundsolide Decke des Kellers beschädigt. Sie bekam Risse. Erst neulich blieb Brunhilde, die Brillenschlange, mit ihren Stöckelschuhen drin stecken. Nur das beherzte Eingreifen von Habakuk, dem Polizeiaffen, konnte einen Tobsuchtsanfall von Brunhilde verhindern. Der Stöckelschuh musste zersägt werden, genauer gesagt der Stöckel vom Schuh getrennt werden. Der Schaden war enorm. Zum einen war es ja nicht irgendein Schuh, der substantiell beschädigt wurde, sondern ein Fridolin-Designer-Schuh, der neueste Schrei aus Nairobi. Und zum anderen sah das Absägen des Stöckels bei gleichzeitigem Ohnmachtsanfall von Brunhilde einfach zu köstlich aus. Alle Dorfbewohner umringten sie und schauten dem beispiellosen und nie da gewesenen Schauspiel zu. Zero wollte sich schon erbarmen, musste aber seine Zaubereien aufgrund eines plötzlichen Lachanfalls, bei dem er sich fast scheckig lachte, abbrechen.

 

Gleich nachdem er sich wieder gefasst hatte, zauberte er die Risse hinfort. Nur hatte er nicht bedacht, dass die Risse zwar nun verschwunden waren, aber die Decke des Übungskellers weiterhin sehr dünn blieb. Der Grund für die Risse war, dass die Deckenfüllung teilweise unterspült war. Die Decke war jetzt – dank der Zauberkunst von Zero – stabil, aber sehr dünnhäutig geworden. Alle Tiere konnten nun hören, wie Elmar und Erna musizierten. Die taten das immer noch aus Leibeskräften, aber nun gut hörbar für alle Tiere. Und weil es sich etwas schräg anhörte – Erna und Elmar liebten Free Jazz und eher atonale Musik –, kamen nun die Beschwerden zuhauf.

 

Da war Reginald, der Rätterich, mit seiner sechzehnköpfigen Familie. Er bewohnte das unterirdische Kanalsystem rechtseitig von Tante Elsbeths Haus. Und da waren Fred und Friedericke, die beiden Alligatoren, die im unterirdischen Abwasserfluss nach Fressbarem suchten. Sie waren die ersten, denen nun Ungemach drohte. Weil die Decke des Übungskellers nun dünner wurde, wurde er automatisch zum Schallkörper. Und die Vibrationen der Elefantenfanfaren übertrugen sich durch das ganze Dorf, ja bis zum Urwald hin. Sogar das Rundhaus von Tante Elsbeth bekam Risse von den ständigen Vibrationen.

 

Und die zarten und sensiblen Rattenohren waren alarmiert. In ihrem weit verzweigten Kanalsystem überschlugen sich die Vibrationen geradezu und verstärkten sich gegenseitig, so dass es immer wieder zu einem plötzlichen lauten Knall kam. Und zwar unmittelbar in dem linken Ohr von Reginald. Der hatte nämlich ein Hörgerät dort eingedrückt. Und das gab mit den Sirenengesängen von Elmar und Erna eine Rückkoppelung, das heißt zu einer unsäglichen Verstärkung der ohnehin starken Vibrationen. Und zwar unmittelbar in Reginalds Ohr. Das machte Peng und knallte so herzerfrischend schrecklich, dass der arme Reginald daraufhin gar nichts mehr hören wollte, aber auch nicht konnte. Es dauerte geschlagene zwei Stunden, ehe er wieder hören konnte.

 

Nicht anders war es mit dem Alligatorenpärchen Fred und Friedericke. Weil sich die Vibrationen liebend gerne auch in ihrem Lieblingsabwasserkanal verbreiteten, übertrugen sich die Vibrationswellen auch auf sie. Besonders aber auf ihre Schwänze. Die zitterten schon regelrecht erbärmlich. Und das übertrug sich auf alles: auf die Sprache, auf die Liebe, auf das Essen. Sie konnten ja gar nichts mehr richtig zu sich nehmen, ohne es zu verschütten. Beide fingen gleichzeitig an, zu stottern. Und küssen konnten sie sich dann auch nicht mehr. Das war sogar gefährlich, denn sie zitterten dermaßen, dass sie die Schnauzen gegeneinander hauten. Kann man sich das vorstellen? Ein Alligatorenpärchen, das sich beim Küssen die Schnauzen zerkratzt? Schrecklich. Und weil sie das ganze Essen beim Essen verschütteten, wären sie fast verhungert. Und: Sie konnten nicht mehr miteinander sprechen, und küssen konnten sie auch nicht mehr.

 

Jetzt war guter Rat teuer. Es musste schnell gehandelt werden. Bei Tante Elsbeth tagte schon ein Krisenstab, der die Schwierigkeiten zusammentrug, die sich stündlich vermehrten. An allem war offenkundig der gute und liebenswerte Zero Schuld, der eigentlich eine ganz treue Seele war. Nur dass er sich in alles einmischte, weil er meinte, nur Gutes damit tun zu können. Eigentlich konnte man ihm daraus keinen Vorwurf machen. Er meinte es ja nur buchstäblich gut. Nur dass es zwischen gut meinen und wahrhaft gut tun einen kleinen, aber feinen Unterschied gibt. Wie der genau lautet, der Unterschied meine ich, soll ein andermal erzählt werden.

 

Na jedenfalls war das Urteil einhellig: Zero sollte unschädlich gemacht werden, äh, er sollte eine andere Aufgabe zugewiesen bekommen. Man war sich schnell eins. Zero sollte zu seinen Verwandten geschickt werden – zunächst aber zu Harry und Gabi nach Deutschland, dann auf Hochzeitsreise ins Nimmerland, danach sollte er Staubkörner in Nuggets verwandeln, eine wenig abwechslungsreiche, aber dafür umso lukrativere Aufgabe. Insofern konnte er viel Gutes tun. Dass er damit die Welt-Gold-Vorräte um ein Hundertfaches vermehrte und dass allein das Gewicht der neuen Goldlagerstätten die Erdkugel beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

 

Nicht nur für Zero und seine Ingeborg war es Zeit, Abschied zu nehmen, auch für Harry und seine nun achtköpfige Hirschfamilie: Inzwischen war nämlich auch Zacharias geboren worden, der neueste Sprössling aus dem Hause Hirsch. Für die Kinder von Harry wurde es Zeit, nach Hause zu kommen. Die Schule würde übermorgen beginnen. Auch wartete Siegfried, der deutsche Schäferhund, schon sehnsüchtig auf die Harry-Hirsch-Familie, zudem hatte er Hunger. Der Urlaub mit seiner Brieffreundin in Bayern war sehr schön gewesen, aber auch recht einsilbig, kein Wunder, war ihre Zunge vom vielen Küssen recht stark angeschwollen. Ja, die Heimat rief, wenn auch nicht sehr laut.

 

Das war ein mega-starker und noch nie da gewesener Urlaub in Afrika, kaum als Erholung zu bezeichnen. So viele Erlebnisse – die wollen verarbeitet werden. Die drachenstarke Flotte der zehn Helden stand zum Abflug bereit. Dragomir und Dangalf, die beiden Haudegen, sollten den Flug übernehmen. Nach all den Ereignissen der letzten zehn Tage war mit keinen Beeinträchtigungen zu rechnen. Unbändige Vorfreude erfüllte alle Herzen. Wie würde der Garten aussehen? Wie hoch würde der Schnee liegen? Wer würde Siegfried, den deutschen Schäferhund, Gassi führen? Und was würden die Klassenkameraden zu all den braungebrannten Rehkitzen und Junghirschen sagen? Fragen über Fragen.

 

Nachdem alle Kanäle, Gräben und Rinnen samt Fischteich angelegt worden war, sahen sie am Abend vor der Heimreise noch die Galavorstellung des Fischquintetts. Natürlich war diese erste von vielen weiteren erfolgreichen Aufführungen bis auf den letzten Platz ausgebucht. Alles klappte ganz hervorragend, nur dass Franziska, die Jungforelle, sagenhafte dreihundert Meter in die Luft geblasen worden war, was nicht eingeplant war. Sie landete genau in dem Maul von Peter, dem Schwarzen Panther. Na und der wollte sie nicht wieder herausgeben und verschluckte sie gar tief in seinem Schlund. Erst tat Peter so, als wäre gar nichts geschehen. Aber alle anderen Tiere hatten doch genau gesehen, dass Peter die kleine Franzi verschluckte. Das ließ sich nicht leugnen. Nur: Wie sollte die kleine Franzi je wieder das Licht des Tages erblicken? Verschluckt ist schließlich verschluckt. Es bedurfte einiger Überredungskünste durch Thoralf, den Fisch-Therapeuten, wobei es letztlich Dragomirs, des Drachen füllige Gestalt war, die den hartnäckigen Peter überzeugte, Rettungsversuche für Franzi zuzulassen. Dragomir drohte nämlich damit, den Bauch von Peter massiv zu massieren. Dass dem nicht ohne gewisse unangenehme Gefühle vonstatten gehen würde, versteht sich von selbst.

 

Thoralf, der Fisch-Therapeut, kam dabei auf folgenden klugen Einfall. Irgendwo hatte er nämlich gelesen, dass alles, was schwer ist, leicht und locker gehen soll. Hätte Dragomir massiv eingegriffen, hätte er vielleicht sogar die arme Franzi geschädigt. Es musste also leicht und locker geschehen. Was konnte leichter und lockerer sein als ein Witz? Wie aber bringt man Peter, den ehemals Schwarzen Panther, zum Lachen? Durch Witze über Alligatoren oder Brillenschlangen, noch besser durch Witze über Alligatoren und Brillenschlangen. Dieser Witz soll nun hier kurz skizziert werden. Wie alle Witze für Schwarze Panther handeln sie vom Fressen, denn an nichts Anderes denken diese Tiere. Ein Alligator wollte gerade in eine Brillenschlange beißen, die er justament gefangen hatte. Da machte sie ihn darauf aufmerksam, dass man Brillenschlangen am Besten mit Brille verspeist. Gegen ihr Leben würde sie ihm ihre Brille leihen. Darauf bat der Panther um die Brille der Brillenschlange – und musste sie ziehen lassen, sehenden Auges, mit Brille natürlich. Zwar sah die Brillenschlange ohne Brille nicht mehr sehr viel, aber immerhin soviel, dass sie nun die Freiheit wiedererlangt hatte und zog von dannen.

 

Dieser an sich nicht sehr komische Witz beruht auf einer Paradoxie, wonach man etwas bekommt, aber das, was man hat, für das Neue weggeben muss, so dass das Erhaltene keinen Wert mehr hat. Aber Schwarze Panther wie Peter lachen sich darüber geradezu scheckig, so dass sie wieder zu einem normalen Leoparden werden, weil sie wie diese Flecken auf dem Fell bekommen haben. Weil sie so aufs Fressen aus sind, stellen sich die Panther das dumme Gesicht des klug von der Schlange Betrogenen vor und lachen sich scheckig, wie gesagt.

 

Auch Peter lachte sich so sehr scheckig, dass er laut aufrülpste und damit Franzi mit aufstieß. Das war die Rettung. Vor lauter Ärger, überlistet worden zu sein, lief nun Peter blau an. Alle dankten Thoralf, dem Fisch-Therapeuten, herzlich und innig. Besonders Franzi nahm sich ein Herz und küsste ihn zart. Woraufhin Franzi gleich um drei Zentimeter wuchs, aber das ist wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

Und dann geschah noch ein zweites Malheur. Friedemann pupste ja immer, um das Startzeichen für die Wasser-Nummer mit Franzi zu geben. Diesmal musste er aber so kräftig pupsen, dass es eine Stichflamme gab, die ihm den Allerwertesten verbrannte. Das war natürlich nicht im Sinne des Erfinders. Noch am gleichen Abend musste Friedemann, die Forelle, mit dem schnellen Hubschrauber in die Unfallklinik nach Nairobi gebracht werden. Sein Popo war so stark verbrannt worden durch die Stichflamme, dass er gar nicht mehr schwimmen konnte und nur noch wimmerte: „Oh, oh, oh je mine! Weh mir, ich armer Fisch!“ Unter uns gesagt hatte er ein leicht theatralisches Talent.

 

Nach der so sehr spannenden Galavorstellung, die mit einem donnernden Applaus endete, gingen alle Mitglieder der Harry-Hirsch-Familie rasch in die Falle, genannt ‚The fall’. Henry, den fliegenden Wecker, hatten sie gebeten, um sechs Uhr mit dem Hahnschrei den Morgen zu begrüßen. Dann nämlich würden sie vorerst zum letzten Mal in den nächsten Wochen den wunderbaren Sonnenaufgang über dem Kilimandscharo bestaunen können. Und so geschah es auch. Majestätisch wie immer stieg sie auf, die herrliche Sonne, ohne deren Licht nichts ist auf Erden.

 

Und nachdem sie Gottes Wunder bestaunt hatten, aßen sie herzhaft zum Frühstück: die Eltern Bambussprossen mit Morcheln, die Kinder Palmenkekse mit frischer Petersilie – extra für sie von Tante Elsbeth bereitet. Dragomir und Dingalf verspachteteln Lava-Steaks mit frischem Rachen-Drachen-Kaffee. Das war ein besonderes Rezept aus alter Drachenüberlieferung. Man nehme ein paar vertrocknete Spinneneier, den Schleim von Regenwürmern, gepressten Krötensaft und geschleuderte Hornissenstacheln – fertig ist der kraftgebende und erfrischende Rachendrachen. Natürlich nicht jedermanns Geschmack, aber genau das Richtige für den frühen Morgen.

 

Schnell waren alle sieben Sachen gepackt. Viel war es ja ohnehin nicht, was sie wieder mit zurücknahmen. Damals, vor Weihnachten, waren sie ja Hals über Kopf zu Tante Elsbeth geflogen, in Erwartung eines ruhigen Weihnachtsfestes. Und dann kam der Sturm, der das meiste ihrer Sachen zerstörte. So blieb ihnen nur das, was sie gerade auf dem Leib trugen. Und das war nicht gerade viel. Aber Tante Elsbeth half auch hier, wie überall sonst. So hatten sie schnell eine ganze Kleidersammlung von Bambushöschen, Kokosröckchen, T-Shirts aus Tigerhaaren und Rollkragenpullover aus Pythonschlangenhaut – die Haut nämlich, die beim jährlichen Häuten entsteht – von den Tieren geschenkt bekommen.

 

Und schon waren die beiden starken Drachen Dragomir und Dingalf startklar. Groß war die Menge der Tiere, die kamen, um der Harry-Hirsch-Familie ihr Lebewohl zu sagen. Sie standen Spalier, also in Reihe, und schüttelten der nun achtköpfigen Familie die Hände, äh, Hufe. Das dauerte ziemlich lange, so dass Gabi schon unruhig wurde. Denn der jüngste Spross musste ständig neu gewickelt werden. Alle 10 Meter neu, denn sie kamen sehr langsam voran. Ist ja auch klar, eigentlich, wenn fünf Hirsche und drei Rehe ihre Hufen jedem einzelnen Tier hinhalten, dauerte es eine kleine Weile.

 

Drago und Dingalf bohrten ununterbrochen in ihren Nasen. Die erweiterten sich dadurch nicht wenig. So stand zu befürchten, dass zum einen die Krallen ihrer Pfoten abbrechen könnten, aufgrund beständigen Dauerpopelns, und dass zum anderen der Wind sich in den dadurch geweiteten Nasenlöchern verfangen könnte. Dies würde die Flugeigenschaften wesentlich verändern. Die Drachen wären dann nicht mehr so wendig und hätten mit einem enormen Luftwiderstand zu kämpfen. Ihre geweiteten Nasenlöcher wären dann wie Segel, in die der Gegenwind hinein blasen könnte. Das alles ist nicht sehr vorteilhaft für die fliegenden Wesen der Lüfte.

 

Es war Thoralf, der Fisch-Therapeut, der die lauernde Gefahr sogleich erkannte – und sogleich bannte. „Hey, ihr beiden Jungs“, rief er ihnen von weitem zu, „was macht ihr denn da: ist euch etwa langweilig?“ „Na ja“, meinte Dingalf, „so richtig spannend ist es nicht, wenn die Harry-Hirsch-Familie zehn Minuten für einen Meter Weg braucht.“ Und Dragomir warf ein: „Ja, und wir sind gestiefelt und gespornt und warten und warten… Da wird man ja richtig rahmdösig, Menschenskinder, noch einmal!“ Drago hatte Recht. Aber sein linkes Nasenloch war schon bedenklich vergrößert worden. Der Kopf von Thomas, dem Tiger, passte bequem hinein.

 

Wie immer in letzter Zeit dachte sich der liebe Thoralf etwas aus. Nicht umsonst war er staatlich geprüfter Psychotherapeut für Fische. Die Drachen mit ihren Schuppen waren ja nichts Anderes als fliegende Fische. Thoralf dachte: Wenn die Haut der Drachennasenlöcher nur kurzzeitig geweitet wurde, kann sie sich – ebenfalls kurzzeitig – ja auch wieder zusammenziehen. Kontraktion nennt man dies, in diesem Fall: Nasenlochkontraktion. Dies würde durch ein heftiges Niesen hervorgerufen werden. Wie aber brachte man ausgewachsene Zwanzig-Tonner zum Express-Niesen? Gute Frage, schwere Antwort. Und dann fasste er sich ein Herz und sprach darauf los: „Seid ihr kitzelig?“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: schallendes Gelächter von der Drachenseite. „Ob wir was sind, Thoralf? Hohohoho … kitzelig … hihihihihihi … du bist lustig, weißt du das?“, prusteten Drago und Dingalf drauf los. Thoralf war das Ganze ziemlich megapeinlich. Als staatlich geprüfter, mit Auszeichnung versehener Diplom-Therapeut machten sich seine Patienten im Allgemeinen nicht über ihn lustig.

 

„Ähem, die Herren leihen mir für fünf Sekunden ihre Nasen für eine wissenschaftliche Studie?“, flötete Thoralf möglichst unschuldig. „Wie meinen?“, stießen die beiden sich scheckig lachenden Haudegen hervor. Und schon hatte sie Thoralf am Wickel, äh, an der Nudel, äh, am Schlawittchen. Thoralf hatte einen klugen Einfall. Erst wollte er sie mittels einer Feder zum Kitzeln bringen. Doch dann dachte er sich, dass eine Feder für diese mit hartem Horn gepanzerten Schuppen wohl nicht das Richtige sei. Nein, es musste etwas Anderes her. Nudeln waren die Lieblingsspeise der feuerländischen und nordischen Drachen, zu denen Dragomir und Dingalf gehörten. Weil Nudeln für diese Riesentiere winzig klein waren, dauerte es zu lange, sie einzeln mittels einer Gabel in das Maul zu schaufeln. Einfacher dagegen war es, sie mittels ihrer Nase einfach einzusaugen. Irgendwie landeten die Nudeln dann im Magen, wie, ist eine Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Auch war es egal, ob die Nudeln roh und trocken oder feucht und gekocht waren. Nudel war Nudel und deshalb köstlich für die Drachen. Darin ähnelten sie kleinen Menschenkindern.

 

Thoralf, der alte Pfiffikus, wusste das genau. Zu häufig hatte er sie beim Ritual des monatlichen ‚Her mit der Nudel’, dem alten Drachenspiel, beobachtet. Wie kleine Kinder sprangen sie allesamt in die Luft und prügelten sich um eine Handvoll von Nudeln: Wer sie alle fing, ohne dass eine zu Boden fiel, durfte die gesamte restliche Packung aufessen. Dabei holten sie sich immer wieder regelrecht blutige Nasen. Ja, Thoralf, der Fisch-Therapeut, kannte sich aus im Tierreich. Sein Trick war nun der folgende: Nudeln mit Pfeffer vermischen – fertig! Und die Wirkung war unschlagbar. Wie wir gleich sehen werden.

 

„Liebe Drachen“, säuselte Thoralf voller Vorfreude, „liebe Mitgeschöpfe: Wer diese Packung Nudeln am Schnellsten mit seinem Rüssel, äh, seiner Nase aufsaugen kann, soll eine zweite für sich alleine bekommen.“ Schon sahen ihn zwei Paar glimmender Augen an. Sogleich fingen sie an, an ihrer Saugtechnik zu feilen. Auf das Zeichen ‚Los’ sollten sie lossaugen. Leider trat ein, was Thoralf befürchtete. Dragomir und Dingalf saugten schon eher, nämlich viel zu früh los, so dass sie insgesamt zwanzigmal starten mussten. Beinahe wäre die ganze Wirkung des Pfeffers dahin gewesen.

 

Just in dem Augenblick, als die Harry-Hirsch-Familie gerade die Drachen besteigen wollte, startete der Wettbewerb. Beide Drachen waren gleich gut und sogen ungefähr die gleiche Anzahl von Nudeln ein. Weil sie sehr kräftig saugten, gelangte der Pfeffer sehr tief in die Lungen. Sofort mussten sie beide kräftig losniesen, so sehr, wie noch nie in ihrem Leben – und dann auch nie wieder. Alle Tiere, die in der Nähe waren, wurden umgeblasen, also alle Tiere um Tante Elsbeths Haus. Aber nicht nur das. Auch das ganze Dach von Elsbeths Haus wurde abgedeckt. Fridolin, der dicke Floh, wurde zehn Kilometer in die Luft gewirbelt. Und Gerda, die Grille, sogar fünfzehn Meter auf den Viktoria-See geworfen, wo sie aufwändig gerettet werden musste.

 

Nachdem alle Tiere wieder aufgestanden waren und Ordnung eingetreten war, konnte es losgehen. Einzig der Ameisenstaat um die Ober-Ameise Anton hatte beträchtliche Schwierigkeiten, alles wieder hinzubekommen. Es dauerte eine halbe Stunde, ehe die Ordnung in Tante Elsbeths Hut wieder hergestellt war, aber dafür konnten ja die anderen Tiere nichts. Nur Tante Elsbeth musste das ewige Ordnen und Exerzieren ertragen, aber erst nach dem Abflug von Harry und Co. Insofern hieß das Kommando: „Flügel los!“, das alte Motto der Drachenflieger. Die gesamte Harry-Hirsch-Familie gab Tante Elsbeth noch ein letztes Küsschen. Und diese nahm ihr schönstes besticktes Nasentüchlein und winkte kräftig in das Morgenrot hinein.

 

Auch alle anderen Tiere winkten kräftig. Elmars Elefantenoktett blies einen so lauten Tusch, dass Dingalf beinahe einen Herzriss bekam und sich aus Versehen in die nicht vorhandenen Pampers machte. So bekam den Spritzer Reginald, die Ratte, ab, der den Harnstoff aber später urbar machte und die beste Ernte seines Lebens einfuhr. Was er aber erntete, soll ein anderes Mal erzählt werden. Zur Freude und dem Gejohle aller verlor Dingalf auch noch seinen berühmten linken Wollstrumpf, der noch bedeutsamer war als die Strumpfhose von Dangalf. Dingalfs linke Socke, nicht zu verwechseln mit anderen ‚linken Socken’ mit einer anderen Wortbedeutung, stank nämlich geradezu zum Himmel. So gab es den alljährlichen Wettbewerb unter den Tieren der Welt: Wer den Gestank auch nur 10 Sekunden lang aushielt, kam in die Endausscheidung. Leider fielen fast alle Tiere in Ohnmacht, wenn sie den Socken auch nur in zehn Kilometer Entfernung rochen, andere Tiere konnten immerhin einen Abstand von zehn Meter ertragen. Nur Ottokar, das Oppossum, und Fridolin, der Fadenwurm, hielten den Gestank stundenlang, ja tagelang aus: Ottokar, weil er sich als Kind die Schnauze verbrannte samt Zunge; deshalb konnte er weder riechen noch schmecken. Und Fridolin, weil er weder Geruchs- noch Geschmacksnerven je besaß, aufgrund eines Erbfehlers.

 

So viel die Entscheidung sehr schwer. Beide hatten ein außerordentliches Stehvermögen. Weil aber Fridolin, der Fadenwurm, so fadenscheinig war und er auch sonst keinen guten Geschmack besaß, fiel die Entscheidung auf ihn. Weil er auch noch zu allem Überfluss blind war, konnte er allerdings mit der Siegertrophäe, einem alten ausgedienten Löwenzahn, nicht viel anfangen: Weder sah er ihn noch konnte er ihn nach Hause mitnehmen, weil er zu schwer für ihn war. So durfte Ottokar, das Oppossum, die Trophäe leihweise mit nach Hause nehmen, wie sich später herausstellte: für den Rest seines Lebens, aber das ist wieder eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

 

Na, jedenfalls fiel die Socke deutlich sichtbar von Dingalfs Fuß, sichtbar auch deswegen, weil sie neonfarben in Pink und Hellgrün leuchtet, damit die Tiere ihn und seine Socke rechtzeitig meiden konnten oder gegebenenfalls zu Nasenstöpsel griffen. Und schwebte in der Luft, von den Winden hin und her getrieben. Und landete auf der Nase von Kunigunde, der Chamäliondame, die sich zu einem ausgiebigen Morgenschlaf in den Sandstrand des Viktoria-Sees gelegt hatte. Der unangenehme Geruch störte sie zunächst nicht. Sie träumte dafür etwas wild und ausgiebig von einem üblen Nebel, der bestialisch nach faulen Eiern, altem Schweiß und stinkendem Fett gerochen hatte. Der Nebel wurde im Traum immer dichter und undurchdringlicher. Als Kundigunde aufwachte, erschrak sie nicht wenig. Zuerst über das Kleidungsstück auf der Nase, sodann über den allerübeltsten Geruch – und fiel in Ohnmacht. Weil sie ohnehin schon lag, fiel es niemandem auf, dass ihr gerade die Sinne schwanden. Auch wurde Kunigunde ziemlich farblos, so dass sie gar nicht mehr so richtig sichtbar war, sondern nur etwas fadenscheinig.

 

Weil die Socke auf ihrer Nase verblieb, träumte sie weiter von dichtem Nebel und Gerüchen aus der Hexenküche. Wo die Socke in Afrika letztlich landete und wie es mit Kunigunde weiterging, ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll. Jedenfalls fiel es Dingalf erst in Deutschland auf, dass er seinen stinkenden Socken verloren hatte. Normalerweise konnte er damit Siegfried, den deutschen Schäferhund, ärgern. Als er seine Socke ertasten wollte, um sie vor Siegfried ein bisschen hin und her zu wedeln, entdeckte er sein Malheur. Aber da war es schon zu spät. Siegfried erkannte sofort die Lage und freute sich darüber und schleckte Dingalf dafür ab: Zuerst dessen Nasenspitze, die daraufhin rot anlief, gleich danach aber dessen linkes Bein. Dingalf ärgerte sich darüber ziemlich, weil er Köter wie Siegfried nicht sehr gerne hatte, aber musste dann lauthals loslachen: zum einen, weil Siegfrieds Abschlecken ihn kitzelte; und zum anderen, weil seine Lebenslage etwas lustig war, denn er konnte nichts gegen diesen liebenswürdigen Vierbeiner tun. Also wurden sie Freunde.

 

Die Harry-Hirsch-Familie freute sich sehr, endlich wieder im heimischen Deutschland zu sein. Tiefster Winter war, und überall lagen große Mengen von Schnee. Viele Bäume trugen Raureif. Die Bäche und Seen waren vereist. Und der Schwanz von Siegfried, dem deutschen Schäferhund, war blau und am Boden manchmal fest gefroren, jedenfalls immer wieder einmal, besonders morgens. War Siegfrieds Schwanz durch den Bodenfrost am Boden fest gefroren, brauchte er dringend Hilfe in Gestalt von etwas Wärmenden. Ein Drache mit seinem Feuerschwall wäre natürlich nicht übel. Zwar würde er ihm den Schwanz vom Boden lösen können, indem er das Eis zum Schmelzen brachte, aber würde ihm allerdings den Schweif auch versengen, wenn nicht verbrennen.

 

Besser war natürlich, eine gute Freundin wie Eulalia, die Nachbar-Eule, zu kennen. Ihr Schnabel hatte eine automatische Fönfunktion. Weil sie ein so warmherziges Tier war, brauchte sie nur an etwas Gutes denken – und schon war ihr Atem heiß genug, um große zottelige Schwänze, wie dem von Siegfried, vom Eis loszueisen. Nur leider war Eulalia, die etwas vollschlanke Diva, immer wieder unpässlich, da ihr heißer Atem auch von anderen gebraucht wurde. Dann war guter Rat sehr teuer für Siegfried, den deutschen Schäferhund. Dann musste er heftig auf den Boden trommeln, damit Rudolf und seine Frau Regina, das alte Regenwurm-Paar, den Boden um seinen Schwanz herum lockerten. Das dauerte allerdings Stunden.

 

Deshalb freute sich Siegfried sehr, als er von Stephan, dem Storch, hörte, dass die Harry-Hirsch-Familie wieder nach Hause kommen würde. Wie so häufig machte Stephan auch Rast bei Siegfried und erzählt ihm auf seinem Durchzug nach Rügen von den neuesten Neuigkeiten aus Afrika. Schon bald würde Harry die Fußbodenheizung seiner Hundehütte anschalten. Das war natürlich Luxus pur. Welcher Hund, geschweige denn Köter, hatte schon eine Fußbodenheizung für seine Hundehütte? Aber Siegfried, der deutsche Schäferhund, war ja auch nicht irgendein Hund, sondern der Haus- und Hofhund der Harry-Hirsch-Familie. Deswegen schleckte er Harry auch als Erstes von oben bis unten ab und wedelte solange mit dem Schweif, bis dieser schon ganz voller Fransen war. Harry tätschelte Siegfried ebenfalls ausgiebig, wie auch alle übrigen Mitglieder der Familie. Und schon war Siegfried von allen Seiten von den Kindern umringt. Besonders Pandy wollte wieder einmal auf ihm reiten – wie die anderen Kinder auch. Und Siegfried freute sich. Endlich würde es jetzt auch wieder etwas Gutes zu essen geben. Nicht mehr nur die ollen Kartoffeln aus dem großen Lagerfeuer vom letzten Jahr. Aus Afrika hatten sie allerlei Knochen und Leckerlis mitgebracht.

 

Auch Amelie, die Amsel, freute sich sehr. Endlich brauchte sie nicht mehr die Kartoffelreste von Siegfried, dem deutschen Schäferhund, aufpicken. Sie bekam jetzt wieder die Vorzugskost von Gabi, die ihr auch eine kleine Leckerei mitgebracht hatte. Besonders Fritjoff hatte es ihr aber angetan: Extra aus Afrika brachte er ihr eine originalgetreu nach gebaute Miniatur-Palmenhütte mit, die Tante Elsbeths Rundhaus darstellen sollte. Und sie hatte sogar noch die Weihnachtsfestbeleuchtung dran. Und weil diese so blinkte, war es ein optimaler Schutz vor Raubvögeln wie Friedrich, dem Wanderfalken.

 

Alle freuten sich so sehr, dass Zero und seine frisch vermählte Frau im allgemeinen Wiedersehentrubel beinahe untergingen. Das machte auch nichts. Denn die beiden wollten ohnehin alleine sein. Und machten sogleich einen ausgiebigen Waldspaziergang. Erst am Abendbrottisch entdeckte Gabi, dass die beiden fehlten. Weil sie sich auch gar nicht verabschiedet hatten, machte sie sich sogleich echte Sorgen. „Schatzl“, sprach Gabi, „Zero und Ingeborg fehlen und haben sich nicht verabschiedet. Was sollen wir tun?“ Aber Harry beruhigte sie: „Sie wollen sicher ihre Ruhe haben. Und es ist auch besser, wenn Zero im Augenblick nicht versucht, sich nützlich zu machen. Gell, du weißt ja, in Afrika hat er sich ständig beliebt machen wollen, aber damit doch nur ein Fettnäpfchen nach dem anderen touchiert.“ ‚Touchieren’ bedeutet ‚berühren’ und ist ein Fremdwort. Fremdartige Worte benutzte Harry immer dann, wenn er seine Frau beruhigen wollte. Es sollte ziemlich überlegen klingen, Worte zu benutzen, die sonst niemand auf Anhieb verstand. Nur Harry selbst.

 

„Aber meinst du nicht, liebster Schatzl, dass einer mal nach dem Rechten schauen sollte?“, säuselte Gabi süß. Natürlich meinte sie mit ‚einer’ ihren Mann, der natürlich nicht wollte. Kurz und gut: Amelie wurde für eine Extraportion Körner beauftragt, das Liebespaar zu suchen.

 

Und das war gar nicht so einfach. Zero und seine Inge liefen bzw. tapsten nämlich nicht, sondern flogen dahin – auf Traugott, dem fliegenden Teppich. So hinterließen sie natürlich auch keine Fußspuren. Zudem war ja in Deutschland gerade Winter und überall Schnee und Eis. Alles leuchtete in einem blendenden Weiß im Vollmond. Und dann waren da noch die Schatten der Bäume und Sträucher, die das Auffinden von Zero und Ingeborg auch nicht gerade leichter machten. Hinzu kam, dass über dem Wald viele Zugvögel aus Grönland vorbei flogen. Diese hatte ihre besonderen Blinklichter eingeschaltete. Weil Amelie sehr lichtempfindlich, bekam sie bei dem vielen Geblinke ständig einen Schreck und fiel fast immer sogleich vom Stengel. Und fiel sie einmal vom Stengel, dann plumpste sie auch sogleich in den Schnee hinein, zu allem Überdruss auch noch kopfüber. Das war natürlich besonders unangenehm. Sie drohte also auch noch, sich zu erkälten.

 

Vollkommen mutlos geworden sank sie dahin. Nach ungefähr zehnminütiger Einsamkeit gewahr sie eines besonderen Lichtes: der Waldschrat leuchtete neonfarben. Und zwar deshalb, weil es bei Waldschraten einen erblichen Fehler gibt. Sie können nichts dafür und können nicht anders. Waldemar, der Waldschrat, wusste einfach alles, was im Wald so vorging. Und er war einfach überall, wo etwas vorging. Also auch bei Amelie, der Amsel. Langsam sprach sie zu ihm: „Ei, Waldemar, geh’. Woist, wo Zero und Ingeborg san sein?“ Amelie versuchte in ihrem besten Bayerisch Waldemar zu imponieren. Das war nicht so einfach. Waldemar war ein Altbayer, kam also aus dem Herzland der Bayern, da also, wo alle Bayern echt sind und noch nicht mit den Franken verbandelt oder mit den schnöden Rest-Stämmen Deutschlands, z.B. den Berlinern. Das Bayerisch, das dort gesprochen wird, ist so rein wie der Urin einer echten bayerischen Kuh… (Warum der Vergleich mit einer Kuh? Was gibt es Bayerisches als den Urin einer bayerischen Kuh? Eben.) Wer also Waldemar zum Sprechen bringt mit seinem Versuch, bayerisch zu sprechen, hat gewonnen. Dann redet er wenigstens mit einem. Schlimmer ist es, wenn Waldemar ob dieses Versuches schweigt. Dann hat man die Feuerprobe nicht bestanden. Für Waldemar war klar: Bayerisch ist keine Welt-, aber eine Waldsprache. Also musste jedermann sie sprechen. Und wer konnte Bayerisch besser beurteilen als Waldemar?

 

Amelie wartete und wartete, ehe Waldemar zu sprechen anfing. Und er fing an. Endlich. „Liabe Moad“, sprach Waldemar, der Waldschrat, gönnerisch, „es woah nett so schlacht fuoar den Aonfanggg. I wois, dass duäh den Zero und sein Mäderl suachst. Die san sein boim Toich da nunter“. Waldemar zeigte den Weg mit seinem dicken Knotenstock. „Aabao, main Maderl“, setzte er hinzu, „doin Baiyerisch is’ noach steigerungsfähiiig, wie de Preiißen soagn. Koammst bei mia vorbei, i loarn dir Bäoayerisch, häm.“ Vor lauter Ehrfurcht machte Amelie sofort einen Knicks und flatterte in die angezeigte Richtung. Sie hatte schon von dem Sprachkursus von Waldemar gehört, es soll dort richtig zünftig zu gehen, so richtig krachledern bayerisch. Auch soll Waldemar dort mehr zugänglich sein, als er es z.B. gerade jetzt war.

 

Amelie, die Amsel, sah schon von weitem, was Waldemar meinte. Ja, das war das bisher schönste Waldhaus, das sie je gesehen hatte. Und so bunt. Ein rechter Glaspalast, nur eben aus Eis und Schnee gebaut statt aus Glas. Das war für den Winter genau richtig. Nur für den Sommer etwas unpraktisch. Aber für einen Zauberer war nichts zu schwer. Und schon sah sie die beiden am frisch gedeckten Abendbrottisch miteinander turteln, äh, essen.

 

Vorsichtig pickte sie gegen die Fensterscheibe der Küche, wobei diese leider zu Bruch ging, weil die Fensterscheibe aus reinstem Kristall-Eis bestand. „Oh, sorry, das wollte ich nicht“, wisperte Amelie und wurde puterrot. Aber das war auch nicht so schlimm. Zero brauchte ja nur zu zaubern und Schwups die Wups war alles wieder normal. Ingeborg rief sie sofort herein und lud sie zum Kiefernnadelsalat ein, den sie gerade angerichtet hatte: „Amelie, komm’ rein. Wir wollten gerade mit dem Essen loslegen.“ Auch Zero beschwichtigte sie: „Amilein, ist nicht so schlimm. Werde ich sogleich wieder hinbekommen.“ Sprach’s und so war’s. Amelie, die Amsel, war ganz verdattert und wusste nicht so recht, wo sie platzieren sollte. Eben zerschlug sie ein Eisfenster, dann sollte sie auch sogleich Platz nehmen. Beim Sprechen verhaspelte sie sich etwas: „War nicht so gemeint, dass mit der Einladung, äh, mit der Fensterscheibe. Danke schön auch, äh, mit der Einladung. Gerne nehme ich das eine oder andere, äh, oder das andere oder eine, wie auch immer, danke!“ Zero und seine Ingeborg schauten sich an und lächelten. Auch Amelie fing an zu lächeln. Ja, die beiden hatten es offensichtlich gut miteinander und verstanden sich prächtig. Und das Essen schmeckte großartig. Beinahe hätte Amelie ganz vergessen, weshalb sie die beiden suchen sollte. Da fiel es ihr wieder ein bzw. wie Schuppen von den Augen.

 

„Ach ja, ihr beiden, beinahe wäre es mir entfallen“, hob Amelie in etwas gespreizter Redeweise an, „Harry und seine Familie hat sich schon Sorgen um euch gemacht. Wir wussten einfach nicht, wo ihr beiden geblieben seid. Euch geht es aber gut, nicht?“ Das Strahlen in den beiden Augenpaaren sagte alles. Daraufhin verabschiedete sich Amelie sehr freundlich und machte noch ein Beweis-, äh Abschiedsfoto von den beiden mit ihrem Vogelhandy. Vorsichtig wurde sie nach draußen geleitet, nicht dass wieder etwas zu Bruch gehen würde… Leise hauchte Amelie ein ‚Servus’ und wurde sofort herzlich umarmt. Zum Abschied schenkte ihr Zero einen herrlichen Strauß von Eisblumen: Tannenzapfen waren darunter, zarte Krokusse, Hyazinthen sowie Schneeflöckchen und Christrosen. Und alles aus Eis gehaucht – bildschön. Natürlich geschah, was geschehen musste. Auf dem ersten Absatz der Treppe stolperte Amelie und die ganze Pracht zerbrach augenblicklich.

 

Zero, ganz der Kavalier und Charmeur, sah das Unglück und sprach: „Ma cheri, mein Fehler! Ich hätte es dir gleich nach Hause schicken sollen, mit meinen Brieftauben Sascha und Benjamin. Morgen hole ich es natürlich gleich nach. Kein Malheur, ma cheri. Guten Heimflug!“ Amelie war wieder rot angelaufen, nicht mehr nur puterrot, sondern puderrot, das Rot, das röter nicht sein kann. Sie schaute sich nicht mehr um und flog einfach los. Fast atemlos kam sie bei Harry an. Aus Angst wieder eine Fensterscheibe zu zerstören, pickte sie nicht am Küchenfenster, sondern bediente die Glocke außen an der Eingangstür. Leider war diese etwas zu schwer für so ein zart gebautes Persönchen. So mühte und mühte sie sich, fast zwanzig Minuten vergeblich. Schon wollte sie aufgeben. Da kam ihr ein Einfall.

 

Siegfried, der deutsche Schäferhund, war schon zu Bett, äh, in seine Koje, äh, in seine beheizte Hundehütte gegangen. Endlich konnte er wieder schön warm einschlafen, dafür hatte ja Harry gesorgt. Still und friedlich schnarchte er vor sich hin. Durch sein ohrenbetäubendes Schnarchen brachte er alle nahen – und auch manche fernen – Tiere um ihren Verstand, so laut war er. Nur Manfredo El ‚Presshammero’, die mexikanische Maus, hielt es bei ihm aus. Aber die konnte auch neben einem Presslufthammer schlafen, denn sie war taub. Sie legte sich immer auf den Dachfirst der Hundehütte. Sein Schwanz wippte genau vor Siegfrieds Rachen, so dass dessen Wärme – und die Abluft von Siegfrieds Popo – ihn umschmeichelten. Amelie nun war nicht dumm, hielt sich die Nase zu und zog an Manfredos Schwanz ein bisschen, so dass dieser sich in Siegfrieds Eckzahn verhakte. Daraufhin verlor Manfredo sein Gleichgewicht, stürzte in die Tiefe und baumelte an Siegfrieds Schnauze hin und her.

 

Mit seinen langen Barthaaren – als echter Mexikaner verfügte Manfredo über einen Schnauzbart beträchtlichen Ausmaßes – kitzelte er die Nase Siegfrieds, worauf dieser lauthals niesen musste, so dass Manfredo in den nächstbesten Schneehaufen flog. Siegfried, als deutscher Schäferhund besonders auf das Hören geschult, wachte nun auf, das Geräusch der sich im Wind bewegenden Barthaare Manfredos war einfach zu laut. Natürlich war diese einzigartige Kettenreaktion von Amelie gemein, wenn auch gewollt. Sie traute sich nicht, Siegfried höchst selbst zu wecken. Sie hatte einfach zu großen Respekt vor dem Köter. Auch fand sie, dass eine Welt ohne Hunde schöner wäre. So musste der arme Manfredo dran glauben. Dem half sie aber sogleich auch aus dem Schneehaufen heraus, noch bevor Siegfried gänzlich aufgewacht war.

 

Manfredo war auf Amelie nicht wirklich böse. Sie durfte immer seinen Schwanz föhnen und seinen Schnauzbart frisieren, wenn er von seinem jährlichen Bad nach Hause kam. Dafür brachte er ihr immer eine Tequilla mit, das typisch mexikanische Alkoholgetränk. Und dann nahmen sie einen zur Brust, wodurch Amelie besonders gut schlief und Manfredo Schluckauf bekam.

 

„Siiiiegfried, Siegfriedlein“, brüllte Amelie aus Leibeskräften. Sie war hundertmal so klein wie der riesige Schäferhund und musste sich erst einmal Gehör verschaffen. Siegfried war aber leider schon etwas älter und leicht taub auf beiden Ohren, besonders auf dem linken. Leider dachte Siegfried, dass er gerade mit dem linken Ohr besser hören würde als mit dem rechten. So hielt er der aufgeregt flatternden Amelie seine linke Hörmuschel entgegen: „Hä, was hast du gesagt, Amelie?“ Nun hatte sie zwar den treuherzigen deutschen Schäferhund geweckt – mit genialem Einfall. Aber es schien nicht viel zu helfen. Wie sollte sie sich einem schwerhörigen Köter verständlich machen?

 

Amelie überlegte, ob sie Siegfried den Sachverhalt aufschreiben sollte: Aber worauf? Mit ihrem Blut im Schnee? Dabei würde sie wohl verbluten. Ansonsten besaß sie nur noch einen alten Bleistift. Der taugte zwar für’s Schreiben, aber ihre Schrift war winzig. Es blieb ihr nur übrig, vor Siegfried aufgeregt hin und her zu flattern und darauf zu hoffen, dass er ihr dann schon zur Hausglocke folgen würde. Dabei kläffte er in einem Fort, was sie noch nervöser machte. Dummerweise hatte er zum Abendbrot Knoblauchzehen verspeist, die ihm Pandy aus Afrika mitgebracht hatte. So betörte der Geruch von Knoblauch die Sinne der armen Amelie, die daraufhin deutlich schwanden. Schon wollte sie alles aufgeben und ihr Leben aushauchen. Da öffnete sich die Haustür. Die Harry-Hirsch-Familie hatte das Gekläffe gehört. Pandy schaute nach und rief: „Siegfried, du alter Haudegen, was ist denn los? Ist dir der Knoblauch zu Kopf gestiegen, oder was?“ Dabei sah er die völlig entkräftete und aschfahle Amelie kurz über dem Boden schweben. Vielleicht war das der Grund für das Gebälle, dachte er sich und nahm Amelie in die Hand.

 

Behutsam trug er sie in die Toilette, wo die Familie versammelt war, um sich auf den Schlaf vorzubereiten. Alle schauten, wen Pandy da wohl in der Hand hielt. „Amelie“, entfuhr es Harry, „was ist denn mit dir los? Bist du schwanger?“ Dieser Ausruf war etwas deplaziert. Ein strafender Blick von Gabi traf ihn. So ein wichtiges Ereignis im Leben eines weiblichen Wesens konnte nicht einfach so hinausposaunt werden. Das Innere einer Dame durfte nicht einfach nach außen gekehrt werden. Harry besserte sich augenblicklich: „Oh, Amy, ich wollte dich nicht verletzen. Du bist nur so blass? Was ist los?“ Er wiederholte sich, was ihm aber gar nicht auffiel. Gabi war es, die nun das Richtige tat. Sie hauchte die erschöpfte Amelie zart und warm an. Leider hatte auch Gabi etwas zu viel Knoblauch gegessen, so dass Amelie beinahe von dem Geruch in Ohnmacht gefallen wäre.

 

Alena nahm sich ein Herz und Amelie in die Hand. „Komm, Pandy, ich glaube, sie braucht ein bisschen frische Luft“, sprach’s und ging mit ihr an das Küchenfenster. Schnell öffnete sie es. Augenblicklich bekam Amelie wieder mehr Farbe um den Schnabel herum, wenn auch nur um eine winzige Kleinigkeit. Sie sollte ja nur herausfinden, was mit Zero und seiner Ingeborg gewesen ist – und es war ja alles gut dort. „Zero und Inge“, japste sie um Atem ringend, „Zero … Ingeborg – gut…“ Mit großen Augen schaute sie Alena an, die auch große Augen bekam. Was meinte Amelie mit ‚gut’, war wirklich alles gut?

 

Amelie schaute mit immer größer werdenden Augen zurück: Gab es jetzt schon wieder eine Schwierigkeit? Wie die von vorhin, als sie nur die Hausglocke bedienen wollte? Tränen begannen ihr aus den süßen großen Augen zu quellen. Und Alena schaute natürlich immer sorgenvoller drein. Was hatte dieses geheimnisvolle ‚Zero… Ingeborg… Gut’ zu bedeuten? Da klingelte das Telefon. Es war Zero. Er erkundigte sich nach Amelie, ob sie denn auch gut wieder zu Hause angekommen sei und ob alles in Ordnung sei. So erfuhren die Mitglieder der Harry-Hirsch-Familie, dass alles mit Zero und Ingeborg buchstäblich ‚gut’ war. Alena hörte nur aus der Toilette, dass irgendetwas los sei und es ‚gut’ mit Zero und Ingeborg stehe. Daraufhin nickte sie freundlich zu Amelie hin und meinte: „Zero … Ingeborg … gut!“ Nun begann Amelie herzlich zu strahlen. Langsam, ja bedächtig erzählte sie alles, was sich zugetragen hatte.

 

Alena staunte: Ein so kleines Geschöpf hatte einen eigentlichen Allerweltsauftrag übernommen, der es an den Rand der Erschöpfung brachte. Beinahe wäre Amelie zusammengebrochen, eigentlich für eine Kleinigkeit. Kurz vor dem Scheitern wendete sich wieder alles zum Guten. Wie tapfer war Amelie, die kleine Amsel, gewesen. Und wie gut hatte Gott alles zum Besten gewendet.

 

Behutsam nahm sie den kleinen Vogel in ihre Hände, äh, Hufe und gab ihr eine Extraportion Sonnenblumenkörner. Dann nahm Alena ihr Taschentuch, faltete es mehrmals und baute der erschöpften Amelie ein kleines Nest. Im gefalteten Taschentuch hob sie Amelie an und legte sie hoch über der Heizung im Regal beim Kaffee nieder. „Gute Nacht, liebe Amelie, schlaf gut“, hauchte sie zärtlich, „morgen ist auch noch ein Tag. Ich denke mir etwas für dich aus, weil du so eine Heldin warst, gell?“ Aber Amelie hörte es nicht mehr. Sehr leise, kaum hörbar, schnarchte sie vor sich hin. Sie träumte eigentlich sehr süß, wenn auch etwas unruhig: von Zero, vom Schnee, von Siegfried, dem deutschen Schäferhund, und von der riesigen Hausglocke.


11. Kuno und der Algensalat

 

Nach und nach hatte die Harry-Hirsch-Familie in ihren Alltag zurückgefunden. Alte Gewohnheiten wurden wieder neu entdeckt, der alte Trott eingeübt. Die Eltern kümmerten sich um die Kinder, um die Arbeit, das Kochen und Einkaufen sowie um Siegfrieds Fußbodenheizung und Amelies Sonnenblumenkörner und all die anderen Tiere.

 

Die Kinder mussten wieder in die Schule, worauf sie sich schon sehr freuten. Nur war noch so einiges ungewohnt. Statt warmem Sand unter den Füßen und herrlich blaues Wasser, mussten sie sich an Schnee und Eis gewöhnen. Auch mussten sie wieder viel mehr Klamotten, äh, Kleider tragen. Alena beispielsweise hatte von Alwina, der Affendame, ein reizendes Kokosröckchen bekommen, das wunderbar zu ihren hellbeigen Sandalen passte. Nur leider nicht zu ihren Winterstiefeln, die waren braun. Nun war Alena ganz bekümmert.

 

Und Pandy erst. Der hatte von Dragomir, dem alten Haudegen von einem Drachen, eine nigelnagelneue Machete bekommen, so eine mit einem geschnitzten Handgriff und eingefasstem Diamanten. Die durfte er natürlich nicht mit in die Schule nehmen. Auch sonst war dafür zunächst keine Verwendung. Nur Mama wollte, dass er damit die Gurken und Radieschen klein raspelte, aber das war ihm zu blöde. Er half Mama ja gerne, immer wieder einmal, aber doch nicht mit einer Super-Mega-Machete Radieschen köpfen, wo kommen wir denn da hin…

 

Und auch Tyll war nicht wirklich ausgelastet. Der Wettlauf mit Tom, dem Tiger, Leopold, dem Löwen, und Peter, dem Panther, ging natürlich zu seinen Gunsten aus. Die anderen drei hechelten schon nach fünf Minuten hinter ihm her. Das war ihnen vollkommen peinlich, hatte ihnen doch Tyll auch noch hundert Meter Vorsprung gegeben. Zudem bremste seine umgeschnallte Pampers seinen Lauf sehr. Aus Mitleid mit den in die Jahre gekommenen Raubtieren verlangsamte er seine Geschwindigkeit etwas. Sonst wären seine Mitstreiter auch vom johlenden Publikum ausgebuht worden. In Afrika war er der Star schlechthin und fast noch prominenter als die zehn heldenhaften Drachen. Hier in Deutschland war Langeweile pur angesagt. Gegen wen sollte er auch antreten? In der Turnhalle ihrer Schule brauchte er nur zum Sprung ansetzen, schon hatte er gewonnen.

 

Katharina zum Beispiel hatte in Afrika in den zwei Wochen sprechen gelernt. Aber was für eine Sprache hatte sie gelernt? Deutsch war es irgendwie auch, aber vor allem Ameisisch und Äffisch. Wahlweise spielte sie ja mit Alfredine, der Cousine von Alfred dem Affen, oder mit Antonia, der Nichte von Anton der Ameise. Das gar nicht so einfach. Alfredine wollte immer, dass sich Katharina mit ihr zusammen von Liane zu Liane im Urwald hangelte. Das fiel Katharina irgendwie schwer, denn sie war ja keine Äffin. Gott sei dank gab es auch nicht mehr so viele Lianen im Urwald, es hatte ja so furchtbar gebrannt vor Weihnachten. So fiel sie höchst selten hin, nämlich nur genau einmal, aber immerhin auf ihre vollen Pampers. Und das machte dann: ‚Platsch’. Und dann war das gute Stück geplatzt und der ganze Schmodder überall hingespritzt.

 

Bei Antonia war es so ähnlich. Eigentlich war Antonia, das Ameisenmädchen, viel netter und aufgeschlossener als Alfredine, das Affenkind. Ameisisch klingt auch viel besser als äffisch. Aber eines Tages wollte Antonia der arglosen Katharina ihren Ameisenbau zeigen, und der war gleich bei den Termiten links neben der Dattelpalme. Katharina war dann doch etwas zu groß. Eigentlich machte das sonst nichts. Herrlich konnten sie miteinander verstecken spielen, wobei Antonia im Wesentlichen gewann, nämlich immer. Und viel Freude machte auch das gemeinsame in die Luft springen, was naturgemäß Katharina besser konnte.

 

Aber irgendwie passte Katharina einfach nicht in den Ameisenbau hinein, auch beim besten Willen nicht. Gerade einmal ihr kleines Schwänzchen passte in den Haupteingang hinein, der Rest irgendwie nicht. Das waren aber im Wesentlichen nur Kleinigkeiten, ansonsten verstanden sie sich prächtig. Nur musste Katharina beim Lachen immer darauf aufpassen, Antonia nicht aus Versehen einzuatmen. Einmal war es ihr geschehen – und das war schrecklich. Erst wusste Katharina nicht, wo Antonia geblieben war. Dann hörte sie unmittelbar aus ihrem Magen einen Hilfeschrei von Antonia. Nun war guter Rat teuer. Spartakus, der Spezialist für alle Lebenslagen, wusste Rat: Katharina bekam einen Einlauf, so dass die gute Antonia rücklings hinaus gespült wurde, leider erst nach zehn An-, äh, Einläufen.

 

Auch Harry und Gabi hatten Schwierigkeiten, sich wieder in Deutschland einzugewöhnen. Da war zunächst einmal die Kälte. Gabi hatte selbst bei ihrem mittäglichen Mittagsschlaf kalte Füße, äh, Hufe, die auch trotz intensiver Bemühungen von Seiten ihres Gatten nicht wärmer wurden. Und dann war Afrika so billig. Einfach unter einer Palme warten: ‚Patsch’ machte eine Dattel oder eine Banane oder ein Apfel entweder auf dem Kopf oder in der Hand oder irgendwo anders. Jedenfalls brauchte man kein Geld auszugeben. Also auch keines erst einmal zu verdienen. Das war praktisch, besonders für Harry. Der verdiente ja ansonsten die Moneten, das brauchte er in Afrika nicht.

 

Und dann die Leute, äh, Tiere in Afrika. So nett, so hilfsbereit, so natürlich. Ja wirklich. Da war zum Beispiel Lothar, der Löwe. Bevor er ein Tier fressen wollte, rief er es über Handy kurz an und sie verabredeten sich dann. Der Familie sprach er höflich noch sein Beileid aus. Fertig. Freilich kamen die Tiere dann nicht zur verabredeten Zeit an den verabredeten Ort. Das war natürlich irgendwie traurig. Dafür hatte Lothar aber dann auch einen guten Grund, ihnen woanders aufzulauern. Wenn er sie gerade verschlingen wollte, las er ihnen kurz vor, wie lange der ganze Vorgang dauern würde und dass er ihnen mögliche Schmerzen ersparen wollte, wenn sie mitarbeiten würden. Na ja, die Tiere wollten nicht so richtig mitarbeiten, lieber länger leben. Traurig schauten sie ihn an, so dass ihm fast immer die Tränen kamen, so traurig, dass er sie dann doch nicht auffraß. Deshalb war er schon fast ganz abgemagert und nur noch Haut und Knochen.

 

Die Tiere hatten schon richtig Mitleid mit ihm und empfahlen ihm, Vegetarier zu werden. Morgens bereiteten sie ihm ein Müsli, mittags gab es Karottensuppe mit Kompott und abends einen zünftigen Palmen-Burger mit Sumpfdotterlikör. So schlief er sofort gut ein und kam nicht auf dumme Gedanken. Er hatte lange an seinen Müslis zu kauen, um wieder ein bisschen Fett an die Rippen zu bekommen. Dafür waren nun wirklich alle Tiere ausnehmend nett und eingehend an seinem Gesundheitszustand interessiert.

 

Nicht anders war es zwischen Pia, der Riesen-Python, und Alfred, dem Affen. Nicht selten geschah es früher, dass die eine oder andere Python den einen oder anderen Affen genüsslich verspeiste – ohne schlechtes Gewissen. Auch jetzt kam es vor, dass sich Pia beim Mittagessen vorstellte, in einen Affen-Popo zu beißen. Natürlich tat sie es dann nicht, was hätte auch Alfred von ihr gedacht, wenn sie plötzlich an seinem Hinterteil nagte?

 

Eigentümlich war die Einstellung ihrer Kinder. Alfred und Pia bekamen ja entzückende kleine Kinder, genauer gesagt: Pia bekam sie. Es waren so genannte Schlangenaffen, eine bisher unbekannte Art. Sie konnten am Boden kriechen und in die Luft hüpfen. Gott sei dank waren sie rein vegetarisch, so wie es am Anfang der Schöpfung alle Tiere gewesen waren. Sonst wären sie noch auf den Gedanken gekommen, ihren Vater oder ihre Mutter aufzufressen…

 

Auch sonst waren alle nett zueinander in Afrika, selbst die Bösewichte. An dem ehemals bösen Zauberer Zero konnte man dies gut ablesen, der hatte ja wieder auf den Pfad der Tugend zurückgefunden. Und mit den anderen Unholden war er nicht anders. Viktor, der Verbrecher, seines Zeichens ein verkannter Vagabundschakal, war da keine Ausnahme. Immer dann, wenn er etwas ausfressen wollte, also eine Banane mitgehen lassen oder jemanden böse ansehen wollte, rief er, umsichtig wie er war, vorher an. Nämlich bei Pankratz, dem Polizisten, ebenfalls einem Schakal, einem Vetter mütterlicherseits. Neulich sagte er ihm: „Panki, altes Haus, mich juckt es tierisch“, wahrhaft tierisch, wie wir hinzufügen müssen, „Tante Dörte um drei Tomaten zu erleichtern: Wie findest du das, eklig nicht?“ Und was sagte der gute Pankratz daraufhin: „Ja, wirklich abscheulich. Dabei liebt Tante Dörte, die Dorfschakalin, doch ihre Tomaten, die hat sie selbst angebaut. Wie kannst du so etwas Böses machen?“ Dann herrschte meistens Schweigen im Walde. Viktor war dann buchstäblich sprachlos geworden. Dann folgte die Selbstverteidigung: „Och, Panki, die drei Tomaten, sind doch nur drei. Die sind doch schon so leicht angedetscht und vielleicht sogar faul innen drin. Für einen Schakal wie mich doch genau richtig.“ Stereotyp erwiderte dann Pankratz meistens: „Dürfen darfst du es nicht, aber ich kann ja mal mit Tante Dörte reden.“ Dann redete er mit dem Tier, das Viktor gerne bestehlen wollte. Na, und weil die Tiere in Afrika so nett sind, war das eigentlich immer keine Schwierigkeit. Und schmecken tut es auch am besten, wenn sie nicht geklaut wurden.

 

Und so war es eigentlich immer in Afrika: Gab es eine Schwierigkeit, wurde gemeinsam miteinander gesprochen – und alle Klarheiten waren beseitigt. Der Verbrecher war kein Verbrecher mehr und der Besitzer seinen Besitz los. Alle teilten gerne das, was sie hatten. Zum Teil war das aber auch sehr anstrengend. Wenn der einzige Bus aus Nairobi zu Tante Elsbeths Rundhaus vorfuhr, wollten naturgemäß viele Tiere einsteigen. Eine lange Schlange bildete sich. Normalerweise steigt in Europa der Erste in der Schlange zuerst ein, dann der zweite, der dritte und so weiter und sofort. Nicht so in Afrika. Nein, da wurde erst ausgiebig darüber geredet, wer denn als Erster einsteigen dürfte. Da gab es dann eine lange Diskussion – bis in den Abend hinein. In den Bus gelangten dann die Tiere, die von der ellenlangen Rederei so genervt waren, dass sie sich todmüde nach und nach in den Bus schlichen – etwas Besseres war gerade nicht erreichbar. So war es dann die Sitte, dass der Bus einen ganzen Tag zusätzlichen Aufenthalt bei Tante Elsbeths Rundhaus hatte und damit 24 Stunden vertrödelte, nur weil die Tiere glaubten, damit besonders höflich zu sein.

 

In Wahrheit war dieses langatmige Ritual natürlich das Gegenteil von Freundlichkeit und Höflichkeit. Alle Tiere, die es wirklich eilig hatten, verzichteten auf den Bus und mieteten sich ein teures Savannentaxi bei Chlodwig, dem Chauffeur. Oder sie stiegen um auf die exklusive Schwan-Linie: zwei Schwäne pro Flug und der Fluggast in der Mitte in einem elastischen Tuch. Das ging natürlich nicht mit einem Elefanten als Kunden, weil dann die armen Schwäne in allen Seilen durchhingen. Auch die alten und gebrechlichen sowie die ganz jungen Tiere konnten nicht mit dem Bus fahren, weil sie das tagelange Palaver gar nicht durchhalten würden. So wurde der Rettungshubschrauber speziell für sie immer häufiger eingesetzt. Dieser war eigentlich dafür gar nicht gedacht, sondern nur für echte Notfälle: Was, wenn der Hubschrauber gerade Tante Ilse und Onkel Werner in Nairobi ablieferte, aber Edgar, das Elefantenbaby, schnellstens ins Krankenhaus geflogen werden musste? Dann ist guter Rat nicht nur teuer, sondern sogar lebensrettend.

 

Die so typisch herzerfrischende Nettigkeit in Afrika hatte also auch seine Schattenseiten, wie wohl fast alles im Leben. Gerade auch, wenn man an die lang andauernde Verabschiedung der Harry-Hirsch-Familie denkt. Afrika – das ist also etwas für Abenteuer, nicht aber für den Alltag. Dafür ist es dann doch zu hart, in Afrika. Kam man aber unmittelbar aus dem Alltag aus Deutschland nach Afrika, dann kannte der Zauber keine Grenzen, und es schien dort alles besser zu sein als überall sonst auf der Welt. Zwar wollten sie bald wieder zurück nach Afrika, aber vielleicht doch nicht so schnell. Morgen noch nicht, übermorgen eventuell…

 

Derweil hatte Dragomir, der alte Haudegen, mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen. Ihn plagten nicht romantische Verklärungen seines letzten Urlaubszieles – immer noch tat ihm sein Schwanz weh, den er sich beim großen Brand des Urwaldes versengt hatte –, sondern eine technische Schwierigkeit. Das Gitter seines Unterwassergeysirs war verstopft. Ja, richtig, ihr habt richtig verstanden. Es geht um das Gitter, das schon die arme Gabi von der Erde in den Himmel befördert hatte. Dort steckte nämlich Kuno, die Riesenkrake fest, genauer gesagt: Seine größte Tentakel, das ist ein Greifarm, alleine für sich zehn Meter lang. Kuno war nämlich aus seinem Winterschlaf justamente geweckt worden, als der Viktoriasee von dem Unterwasserstrom angesaugt worden war. Das Wasser des Viktoriasees mitsamt dem guten alten Kuno wurde dabei bekanntlich bis in das Wohnzimmer von Dragomir gespült, ja bis in seine Badewanne hinein. Nur leider nicht sein größter Greifarm, der blieb hängen, nämlich an besagtem Gitter.

 

Dieser Greifarm war nicht nur sein größter, sondern auch sein liebster. Mit ihm schleckte er Himbeereis, seine Lieblingsspeise, und mit ihm putzte er sich die Zunge. Zähne hatte er ja keine, nicht, weil sie ihm ausgefallen waren, sondern weil Kraken einfach keine haben. Als Gott die Kraken schuf, vergaß er, die Zähne einzubauen. Das war nicht so schlimm. Nur konnten die Kraken deshalb kein Fleisch essen, sondern mussten sich vegetarisch ernähren, wie die Tiere in Afrika auch.

 

Als Dragomir von dem letzten Abenteuerurlaub nach Hause in sein Bergwerk kam, staunte er nicht schlecht über den Besuch in seiner Badewanne. Dabei kannten sie sich von früher her. Sie hatten gemeinsam studiert – an der Tieruniversität auf Grönland. Kuno belegte Aquaristik und Algenkunde, während Dragomir sich für Pyromanie und Vulkanistik einschrieb. Kuno war es dort immer zu kalt und trug liebend gerne einen grünen Schal mit einer wasserblauen Musterung. Dragomir dagegen konnte es nie kalt genug sein, war er doch innerlich ohnehin Feuer und Flamme. Sein leuchtend roter Pullover hing eher leger an ihm herunter.

 

Dragomir fiel aus allen Wolken: „Hey, Kuno, altes Haus: Was um Himmels willen hat dich in meine Badewanne verschlagen?“ Kuno seufzte erleichtert auf: „Ach, Drago, schön, dich zu sehen! Ich warte schon seit zwei Wochen auf dich. Kannst du mir helfen?“ Kuno war deutlich abgemagert, nicht mehr das große blau-grünliche Wesen aus früheren Tagen. Auch im Gesicht war er eher hager als feist, nicht mehr so wie früher. Sein Blick hatte etwas Flehendes. Der Greifarm, der im Gitter feststeckte, war fast schwarz angelaufen. Offensichtlich brauchte er Hilfe in höchster Not.

 

„Kuno, erzähl’: Was ist geschehen?“, fragte Dragomir besorgt nach. „Na, ich wurde von der ollen Unterwasserströmung angesaugt, wie auch die gute Gabi. Aber mein größter Lieblingsarm blieb leider im Gitter stecken. Ich selbst konnte mich hindurch schlängeln, frag’ mich nicht mehr, wie. Aber der Arm verhakte sich. Muss er vielleicht abgeschnitten werden?“

 

Schockiert schaute Kuno seinen alten Freund Dragomir an. Der wusste erst nicht, was er sagen sollte. Und er wusste es auch danach nicht. ‚Eigenartig’, dachte Dragomir, ‚ich habe den guten Kuno immer dafür bewundert, dass er so elastisch und biegsam war. Überall kam er durch, wo ich nicht hindurch kam. Und nun soll ich ihm helfen?’ Auch Kuno hing seinen Gedanken nach: ‚Ach, der gute alte Drago. Der alte Haudegen ist bärenstark, aber ob er mir helfen kann? Hoffentlich verliere ich meinen Lieblingsgreifarm nicht.’

 

Dragomir war bärenstark, aber nicht so blitzgescheit, wie zum Beispiel Pandy. Wenn er nachdachte, dauerte es eine kleine Weile. Man konnte dann an seinen Grimassen sehen, wie weit er damit kam. Kuno sah, dass er damit nicht sehr weit kam.

 

„Drago, sag’ mir: Was denkst du dir?“, forderte Kuno, der wusste, dass er keine Zeit zu verlieren hatte. „Na ja, Kuno, das Gitter hatte damals Schlemihl, der Schmied, extra für mich anfertigen lassen, aus spezial gehärtetem Titanstahl. Das wird schwer werden, das Gitter wieder zu entfernen. Schlemihl hatte sich damals eine riesige Riesenmühe gegeben. Du weißt ja auch, dass gleich daneben meine Goldreserven lagern – deshalb hatte er das Gitter praktisch einbruchsicher gemacht. Sieht erst mal schlecht für dich aus…“

 

Wäre Kuno nicht ohnehin ganz algengrün gewesen, dann würde er es jetzt werden. Jedenfalls wurde er grün um seine Nase, richtig spinatgrün, nämlich so, als müsste er jetzt rückwärts essen. Weil es um seinen Lieblingsgreifarm ging und er keine Zeit mehr zu verlieren hatte, überlegte er blitzschnell. Dragomir war augenscheinlich mit der Schwierigkeit überfordert und konnte nicht helfen. Sicher stimmte es, was Dragomir ihm erzählt hatte, aber was nützte es? Aschfahl und leise wisperte Kuno: „Drago, streng’ deinen Grips bitte an wie noch nie in deinem Leben: Wie bekomme ich meinen Fangarm da wieder heil heraus? Wer kann mir helfen?“

 

Dragomir war sich durchaus bewusst, dass ihm nicht das Rechte einfiel, aber wusste auch nicht weiter. Er brauchte jemanden, der schlauer war, als er selbst. „Kuno, ich hab’s. Ich habe gute Freunde, die Harry-Hirsch-Familie, die sind inzwischen zu Neunt, die wissen gewiss mehr als ich alleine.“ Sprach’s und griff zum Drachentelefon. Nachdem er die Spezialtaste drückte, wurde er vom Fräulein vom Amt sofort mit Harry verbunden. Obwohl es um zwei Uhr morgens war, zögerte er nicht, seinen besten Freund aus dem Schlaf zu bimmeln.

 

Harry war sofort hellwach. Wenn Dragomir ihn anrief, war Eile in höchster Not angesagt. Der umgekehrte Fall, also dass Harry ihn anrief, war der häufigere. Seit den letzten Abenteuern hatte er den Drachenfunk mit der Haustelefonanlage verbunden, so dass er mit Drago überall sprechen konnte, also auch im Schlafzimmer. Weil Harry einen sehr festen Schlaf hatte, hatte er vorsorglich zusätzlich ein Blaulicht eingebaut. Das leuchtete nun in allen Farben des Regenbogens, nicht nur in Blau. Da er sehr lichtempfindlich war, wachte er sofort auf. Weil seine Ohrstöpsel die Geräuschkulisse stark verminderten, brauchte er das Lichtsignal. Die Ohrstöpsel benötigte er, weil seine Frau neben ihm immer stark schnarchte. Das war regelrecht ohrenbetäubend, sie übertönte sogar noch den Drachenfunk.

 

Blitzschnell war er aufgewacht und stand regelrecht im Bett, einen solchen Schrecken hatte er bekommen. Gabi schlief derweil weiter und schnarchte ohrenbetäubend. Unsanft zog er ihr die Bettdecke weg, um sie ebenfalls zum Aufwachen zu bringen: Sonst hätte er Dragomir nicht hören können. Gabi schaute irritiert in die Runde – erst ins Blaulicht, dann auf ihren Gatten. Sofort erkannte sie – sie gehörte zu den blitzgescheiten Gazellen in ihrer Sippe –, dass sie wohl wieder laut geschnarcht hatte und ihr Mann gerne Dragomir verstehen wollte, weshalb er sie so unsanft weckte.

 

„Drago, altes Haus, bist du es?“, hörte sich Harry noch etwas schlaftrunken fragen. Eigentlich eine etwas blödsinnige Frage, denn wer sollte es sonst sein? Aber ihm fiel nichts anderes ein. „Na klar, Harry, wer soll es denn sonst sein als dein alter Kampfgenosse Drago?“, tadelte Dragomir seinen besten Freund leicht, um sogleich zum Thema zu kommen: „Kuno, der Krakerich, hat sich mit seinem Greifarm in meinem Sperrgitter verhakt und braucht dringend Hilfe. Kannst du kommen?“

 

Eigentlich war klar, dass Harry natürlich kommen würde: Dragomir hatte ihm schon so viel geholfen, das war selbstverständlich. Aber auf der anderen Seite hatte er mit seiner Frau einen anstrengenden Liebesabend hinter sich: Erst ein ausgedehntes Pizzaessen zu Hause, dann die ersten Sektgläser mit Kaviar, schließlich ein ausgiebiges Bad in der großen Badewanne und sodann verschiedene Leibesübungen. Mit einem Wort: Harry war fix und fertig und alle. Ihm fehlte jede Puste.

 

Verständnisvoll sah ihn seine Liebste an. Gabi hatte alles mitgehört, denn Harry hatte den Hörer auf Laut gestellt. Würde er einen nächtlichen Ausflug zu Dragomir überhaupt durchstehen? Harrys Nase begann käsig weiß zu werden. Der Morgen graute schon fast, er hätte ohnehin nur noch fünf Stunden schlafen können. Aber fünf Stunden Schlaf haben oder nicht, das haut den stärksten Hirsch um. Harry würde Dragomir seinen Wunsch niemals ausschlagen, auch wenn er dabei umfallen würde. Aber was nützte ein Hirsch, der kraftlos vor sich hin stierte und weder papp noch mapp sagen konnte?

 

Beherzt sprach Gabi: „Harry, mein Schatz, lass es mich machen. Du fällst ja gleich um vor Müdigkeit, das hilft Dragomir sicher auch nicht, nicht wahr?“ Harry stierte vor sich hin und nickte unwillkürlich. So ganz verstand er nicht, was seine geliebte zweite Hälfte gerade sagte, aber sie meinte es wohl gut. Eigentlich wollte er nur schlafen, schlafen und nochmals schlafen. Dragomir bekam das alles am Telefon nicht so ganz richtig mit und wusste nicht, woran er gerade war. Konnte er ja auch nicht, er konnte ja nicht hellsehen.

 

Gabi übernahm die Initiative und den Telefonhörer des Drachenfunkes. „Hallo Drago, ich habe gehört, dass du in Schwierigkeiten steckst? Ich helfe dir gerne – mit meiner ganzen Familie. Habe bitte Verständnis für meinen lieben Mann, aber der ist hundemüde und gerade in diesem Augenblick wieder eingeschlafen“, säuselte Gabi zur Verblüffung von Drago. Im Hintergrund hörte man das leise und regelmäßige Schnarchen von Harry. Dragomir, dem tapferen Kämpen, schwante Übles. Auf Harry war eigentlich immer Verlass. Zweifellos war es etwas spät. Auch war Harry bekanntermaßen eine regelrechte Schlafmütze. Gabi würde wohl recht haben. Aber ohne das technische Verständnis von Harry – konnte es da Hilfe geben?

 

Gabi deutete das beredte Schweigen von Dragomir richtig. Er war augenscheinlich irritiert. Schnell versuchte sie, Drago zu beruhigen: „Lieber Drago, ich weiß, dass du schnelle Hilfe brauchst. Sicher kann ich dir in technischen Fragen nicht so gut helfen, wie es Harry könnte. Aber west’ woas?“ Hier kam die bayerische Mundart durch, besonders in Zeiten innerer Unruhe. „I werd mit Pandy und Fritjoff sprechen, die können’s dia schoan aomol helfa, net wooah? Und moagn friieeh seehn wia doan weita, häm?“

 

Dragomir kamen die Tränen. Seine Gefühle fuhren mit ihm Achterbahn. Eben noch war er voller Ablehnung, nun sah er, wie gut es Gabi mit ihm meinte. „Na klar, meine liebe Gabi, wir bekommen das schon in den Griff. Pandy und Fritjoff sind ja zwei helle Kerlchen. Es ist furchtbar nett von dir, wenn du die beide Mäuse für mich wecken täten tust“, hauchte Dragomir voller Freundlichkeit. Die Formulierung ‚täten tust’ entsprach dabei nicht den geltenden Regeln der deutschen Sprache, aber der bayerischen Mundart. Und das Wort ‚Mäuschen’ im Munde eines Drachen entbehrte nicht einer gewissen Komik bei einem gepanzerten Wesen, das zehntausendmal so groß ist wie das größte Mäuschen. Drago wollte damit ja nur sein Zartgefühl und Wohlgefallen für die beiden ältesten Jungen von Gabi ausdrücken.

 

„Gut, lieber Drago, dann mache ich mich jetzt schnell auf die Socken und wecke die beiden Söhnlein. Holst du uns in zehn Minuten bitte von zu Hause ab?“, fragte Gabi ihren Lieblingsdrachen. „Ja sofort, liebe Gabi, ich komme sogleich. Erst muss ich noch Kuno seinen Algensalat geben, sonst verhungert er mir.“ Sprach’s, legte auf und begann, den armen Kuno mit seinem Algenbrei zu füttern.

 

Gabi sprang sofort auf, deckte ihren völlig entkräfteten Ehemann zu und weckte Pandy und Fritjoff, denen sie während des Anziehens kurz erzählte, was die Schwierigkeit war. Gott sei Dank hatten die beiden ausnahmsweise ihren Mittagsschlaf gehalten, weil sie noch abends eine lustige DVD mit ihren Eltern schauen wollten. So waren sie dann nicht so müde und konnten den Ausführungen ihrer Mama halbwegs folgen. Schnell überlegten sie, was sie als Ausrüstung noch mitnehmen müssten. Kuno, die Krake, kannten sie nur von Fotos aus Dragomirs Drachenbar. Wie ein Krakerich aussieht, wussten sie aus dem Biologieunterricht. Ansonsten wussten sie nicht viel, nur dass Kraken grünlich aus sehen, keine Masern und Windpocken bekommen können und gerne Algen essen.

 

Lebhaft versuchten sie sich vorzustellen, wie sie Kuno retten könnten. Das aber würde sich wohl sehr schwierig darstellen. Deshalb nahm Gabi vorsichtshalber jede Menge Fressalien mit und natürlich auch etwas zu trinken. Fritjoff packte seine Taucherausrüstung ein und Pandy steckte sein Schweizer Taschenmesser in seinen Rucksack. Dann gingen sie in Harrys Keller und nahmen verschiedene Seile mit und seinen Werkzeugkoffer.

 

Schon war Dragomir, der Drache, spronstreichs gelandet. Siegfried, der deutsche Schäferhund, jaulte sehr laut auf, lauter als sonst, weil Dragomir etwas hastig gelandet war und auf Siegfrieds Pfoten trampelte, die nun ziemlich platt war. So ein ausgewachsener Drache wiegt schon so viel wie zwei Panzer zusammen – da sieht dann nicht nur eine Hundepfote ziemlich alt aus…

 

Durch die heftigen Missfallensbekundungen von Siegfried wurde natürlich die gesamte Harry-Hirsch-Familie aufgeweckt, bis auf Harry, der sich noch einmal im Schlaf rekelte und auf die andere Seite drehte. Alena kam es erstes Rehkitz nach draußen gelaufen und hatte sogleich einen Verband für Siegfried bei der Hand. Siegfrieds linke Pfote war wirklich sehr arg lädiert. Zuerst wollte er niemanden an sie heran lassen, aber durch gutes Zureden von Gabi reckte er sie Alena vorsichtig hin. Die nahm von Papa ‚Harrys Original Heilschleim’ einen Tropfen, was den Schmerz augenblicklich linderte. Es geht halt nichts über die heilende Wirkung von Papa Harrys Schleimsekrete…

 

Als auch Tyll etwas später nach draußen stürmte und die liebe Katharina mit Zacharias Emanuel ankam, sah Gabi, dass sie eine Schwierigkeit hatte: Wer nur sollte die Kinder beaufsichtigen, die nun von allem wussten? Der schlafende Harry war weder ansprechbar noch zurechnungsfähig. Und sie selbst wollte ja mit ihren zwei ältesten Jungen zu Dragomir. Sollte sie die Kinder alleine lassen oder mit nehmen? Das war jetzt die Frage. Die vier kleineren Kinder mitzunehmen, hätte wahrscheinlich Dragomir etwas irritiert. Dragomir liebte Kinder, gerade auch diejenigen von Harry und Gabi. Aber so richtig passend war der Kindergarten bei Dragomir auch nicht. Zudem hatte er keine Kinderbetten parat: Wohin also mit den schlafenden Mäusen?

 

Wie immer, wenn Not am Mann ist oder an der Frau, geschah Hilfe vom Himmel her. Die Schutzengel der Kinder machten sich bemerkbar. Engelbert sprach das erleichternde Machtwort: „Och, du liebe Gabi, mach’ dir mal keine Sorgen. Das kriegen wir schon hin. Wirste sehen, nicht wahr?“ Engelbert, der Teamleiter der Schutzengeltruppe, nickte reihum zu seinen anderen Gefährten, die ihn wiederum anlächelten. Natürlich konnte Gabi nicht sehen, wie die Schutzengel einander zu nickten. Aber sie wusste, wie verlässlich und freundlich die ihnen von Gott zugedachten Engel waren. „Wir werden deine kleinen Kinder wieder sanft in den Schlaf wiegen“, beruhigte sie Engelbert, „und wenn etwas Außergewöhnliches geschehen sollte, dann bringen wir sie auch sofort zu dir.“ Erleichtert sah Gabi in die Richtung, aus der die Stimme des Engels gekommen war. Engelbert hatte Recht. Die Kinder verdienten es, ruhig und beschützt weiterschlafen zu können. Immerhin war es gerade erst zwei Uhr morgens.

 

„Gut, meine Lieben“, schaute sie ihren Kindern in die Augen, „Engelbert und seine lieben Teammitglieder werden euch jetzt behüten. Wenn etwas sein sollte, komme ich zu euch oder ihr eben zu mir geflogen. Seid ihr damit einverstanden?“ „Natürlich“, erscholl es einmütig aus vier Kindermündern. Wenn Engelbert davon sprach, die Kinder in den Schlaf zu wiegen, dann meinte er es auch so. Wer anderes als ein Schutzengel kann wohl Kinder besser in den Schlaf wiegen? Auch kuscheln konnten sie besser, weil sie leichter und zarter als die Tiere und Menschen sind. Zudem kannten sie nicht nur sehr gute Gute-Nacht-Geschichten von Harry und Gabi, sondern noch dazu die schönsten, weil himmlischsten Lieder von Gott und seinem Sohn Jesus Christus.

 

„Wenn nun alles geklärt ist, lasst uns nun aufbrechen“, hörte sich Dragomir, der alte Kämpe, sagen. Es war weniger er selbst als die Stimme seines Gewissens, die zur Eile mahnte. Es tat ihm richtig leid, dass er die Harry-Hirsch-Familie dergestalt auseinander gerissen hatte. Andererseits war es ja auch nicht schlimm: Die Schutzengel garantierten fast absoluten Schutz. Einzig Siegfried, der deutsche Schäferhund, war mit dem bisherigen nicht wirklich einverstanden. Der Original Heilschleim von Harry wirkte nämlich nicht so, wie er es sollte. Und so fing der Köter an zu jaulen, was das Zeug hält. Es war Eduard der Hundertzwote, der für Abhilfe sorgte. Ede war der neue Schutzengel der Harry-Hirsch-Familie und für Zacharias Emanuel von Gott abgeordnet worden. Vorher half er, Hundewelpen in das Leben zu begleiten, so dass er sehr genau wusste, wie man Hunde zufrieden stellte. Er kraulte ihnen einfach das Ohr.

 

Und das Gleiche tat er nun auch mit Siegfried, der sogleich mit dem Jaulen aufhörte. Natürlich hatte Eduard der Hundertzwote sofort heraus, welches Ohr er am besten kraulen sollte. Es war sein Lieblingsohr, das rechte, mit dem er weniger gut hören konnte, deswegen war es auch sein Lieblingsohr – er brauchte dann nur noch weniger zu verstehen. Durch das Kraulen verstand er nun umso besser, aber das machte nichts, Hauptsache, die Pfote tat nicht mehr so weh. Und das tat sie auch nicht mehr, dank des Schutzengel-Allzweckheilmittels – ein Gebet gen Himmel. Klare Leitung zu Gott und ein bisschen Liebe, schon ist die Welt wieder in Ordnung.

 

Dragomir startete los und schwups waren sie bei ihm im Vulkan. Kuno, die Riesenkrake, machte sich schon einige Sorgen, wo sein Freund so lange geblieben war. Als er Drago mit den Kindern und ihrer Mutter sah, schwante ihm Übles. Offensichtlich war etwas dazwischen gekommen. Kleine Kinder sollten ihm helfen: Konnte das gut gehen? Kuno hatte da so seine Bedenken. Augenblicklich verfinsterte sich sein Blick. Er nahm eine neongelbe Farbe an. Das bemerkten nicht nur die Kinder sofort, sondern auch Dragomir. Er beschwichtigte: „Kunolein, altes Haus, mach’ dir keine Sorgen! Das sind Fritjoff und Pandy mit ihrer Mama Gabi. Das sind zwei aufgeweckte kleine Kerle. Mein bester Freund Harry, was ihr Papa ist, ist gerade schnarchtechnisch verhindert. Es wird schon klappen, wirste sehen!“

 

Kuno wollte gerade etwas erwidern, aber Dragomir legte schnell eine Drachenpfote auf sein Maul, damit nur ja nichts Falsches herauskommen würde. Artig stellte sich die halbe Harry-Hirsch-Familie vor. „Guten Abend, lieber Kuno, ich bin die Mama von meinen ältesten Söhnen Fritjoff und Pandy. Sie sind Mitglieder im Hirschhausener Detektivclub und echt clever, wirste schon sehen“, versprach sich Gabi etwas. Das ‚wirste sehen’ übernahm sie von Dragomir, um Vertraulichkeit auszudrücken. „Wir werden uns bemühen, ihrem Malheur aufzuhelfen, äh, es zu lösen“, verhaspelte sie sich nochmals.

 

Kuno wechselte augenblicklich seine Farbe. Er war nun nicht mehr neonfarben anzusehen, sondern schimmerte im schönsten Liebesrot. Gabi war so sehr bemüht, alles gut zu machen, dass es Kunos Herz anrührte. Was auch immer geschehen würde, Gabi und ihre beiden Jungs würden das Beste geben, da war sich Kuno nun sicher. Vorsichtig reichten Fritjoff und Pandy ihre kleinen Hände, äh, Hufe, die Kuno nun herzhaft und heftig schüttelte, so dass die beiden kräftig in der Luft hin und her gewirbelt wurden. „Oh, Entschuldigung, meine jungen Helden, das war nicht mit Absicht“, entfuhr es Kuno und tätschelte die beiden an ihren Schöpfen etwas derb.

 

Pandy und Fritjoff schauten sich unvermittelt an. Sie mussten lächeln. In eine so verrückte Lebenslage waren sie noch nie geraten. Wo das noch alles enden würde? „Guten Abend, Herr Krake“, setzten beide zugleich mit ihrer Rede an. Pandy fuhr fort: „Wo drückt ihr Schuh, äh, ihre Gräte, äh, na Sie wissen schon!“ Pandy errötete. Normalerweise versuchte er sich so gewählt wie möglich auszudrücken. Nun aber fiel ihm buchstäblich nicht ein, was er sagen sollte. Ihm fiel nur ein, was er alles für herzergreifende Geschichten durchlitten hatte, als er gegen die Riesenkrabbe und den Riesenhummer gekämpft hatte. Das Meer mitsamt seinen Unterwasserwesen kam ihm immer etwas unheimlich vor, so dass er nicht recht wusste, was er von einer Riesenkrake halten sollte.

 

„Mein Sohn“, erwiderte Kuno sanft und gütig, „es ist nicht ein Schuh, der drückt, und es sind auch keine Gräten, sondern mein Lieblingsgreifarm, der in dem Gitter dort hinten unter Wasser fest steckt. Leider hat sich der Arm im Gitter so verhakt, dass ich ihn nicht mehr an mich ziehen kann. Er muss irgendwie dort feststecken, fragt mich bitte nicht, wie.“ Pandy und Fritjoff schauten sich an und verbargen ihre Ungeduld nur mühsam.

 

„Onkel Kuno“, ergriff nun Fritjoff das Wort, „wie sollen wir ihnen denn helfen, wenn wir gar nicht wissen, wo Ihnen der Schuh drückt, äh, die Gräte, äh, was auch immer Ihnen zu schaffen macht?“ Fritjoff kämpfte sichtbar um seine Contenance und wurde Rot. Nun war guter Rat teuer. Kuno, die Krake, war nicht die hellste ihrer Art und konnte offensichtlich nicht weiterhelfen. Somit drohte die gesamte Rettungsaktion erfolglos zu sein, noch bevor es richtig losging. Und noch schlimmer: Es drohte Streit darüber zu geben, wie es weitergehen sollte.

 

Gabi erkannte diese verzwickte Lage glasklar. „Nun hört doch mal zu, meine beiden Jungs: Holt doch eure Taucherausrüstung und dann schaut euch Onkel Kunos Greifarm vom Nahen an, gell?“, flötete sie ganz freundlich und fast unschuldig: „Was haltet ihr davon?“ Dabei schaute sie mit ihren schönen großen Augen auf Kuno, denn der musste natürlich die Entscheidung treffen. Und Kuno sah ein, dass die Kinder erst mal schauen müssten, warum er alles frei bewegen konnte, nur seinen Greifarm nicht. Groß sah er die neugierigen Junghirsche an und sprach: „Na, denn man ran an die Leberwurscht, wie man bei uns im Norden so sagt, näch!“ Eigentlich hätte der arme Kuno mehr als sehr dankbar sein müssen und vor allem regelrecht begeistert darüber, dass so junge Menschen, äh, Tiere, die er bis dato gar nicht kannte, ihm bei einem so gefährlichen Auftrag helfen wollten. Aber er war eigentlich nur misstrauisch und nicht sehr kooperativ.

 

Pandy und Fritjoff schauten sich schweigend und viel sagend an. Dann sahen sie zu Kuno herüber, der wieder anfing, an seinem Algensalat zu knabbern. Schließlich schauten sie in die Augen ihrer lieben Mama, die ihnen liebevoll zunickte, so, als wollte sie sagen: „Hört nicht auf Kuno, tut es für Papa und mich.“ Schnell hatten sie ihre Sachen ausgepackt und bereit gelegt. Sie überlegten sich, dass Fritjoff tauchen sollte, während Pandy dabei stand, um eventuell Gefahren abzuwehren und dem anderen in der Not beizustehen. Sie hatten auch einen alten Gartenschlauch mitgebracht, mit dem Fritjoff besser Luft holen konnte. An und für sich sollte es kein schwieriges Unterfangen sein, ein Stück Krakenfleisch aus einem Gitter frei zu bekommen.

 

Gabi gab ihnen einen Schmatzer auf die Stirn, bevor sie die beiden ins Wasser steigen ließ. Ihre Mutter hatte ihnen die Anweisung gegeben, überhaupt nur maximal zehn Minuten zu tauchen. Sicherheitshalber stand sie mit ihrem Küchenmesser bereit, um als allerletztes Notmittel beherzt auf einen möglichen Angreifer einzustechen. Es war ihr Lieblingsküchenmesser der Marke ‚Zwilling’. Extra scharf. Damit konnte sich sogar ihr Gatte rasieren, ohne sich dabei zu schneiden, außer ein bisschen, was er sowieso immer tat. Man konnte eben nie wissen, was geschehen würde, deswegen ging Gabi nie ohne ihr Lieblingsmesser, das sie zärtlich ‚Razor’ nannte, aus dem Haus und erst recht auf Reisen. Nur leider war das Messer so scharf, dass sich Gabi damit meist schon bei der ersten besten falschen Bewegung schnitt, allein meist schon dann, wenn sie es aus ihrer Lieblingshandtasche herausnahm. Diese vielen kleinen Schnitte nahm sie aber gelassen bzw. mit Pflaster.

 

Auch jetzt stand sie mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht am Rand des Geysirs, während sich unter ihr das Wasser leicht rot färbte, von dem winzigen Schnitt ihres ‚Razors’ in ihrem rechten Daumen. Pandy half seinem Bruder Fritjoff wirklich vorbildlich beim Ankleiden der Taucherausrüstung. Sie verabredeten ein Zeichen, bei dem Pandy seinen Fritjoff schnell wieder an einem Seil an Land ziehen sollte. Ganz merkwürdig war das viele Geblubber unmittelbar an dem Gitter. Auch hatte sich die Farbe des Geysirs eigentümlich verändert. Normalerweise leuchtete er spinatgrün, so dass sich alle kleinen Kinder vor ihm fürchteten. Nun aber wechselte seine Farbe in ein zartes Rosa hinüber, so, wie eine Himbeere in der Quarkspeise, wenn beides durch den Mixer gegangen ist.

 

Es galt nun, keine Zeit zu verlieren. Kuno klagte schon darüber, dass sie ihn wohl doch im Stich gelassen hätten, was natürlich nicht stimmte. Sie folgten nun seinem schwarz-weiß gestreiften zebraartigen Lieblingsarm ins Wasser. Pandy sollte an ihm ziehen, wenn Fritjoff das verabredete Zeichen gab. Fritjoff tauchte nun zum ersten Mal in das rosafarbene Wasser. Und sah zunächst nichts. Langsam tastend folge er dem Lieblingsarm von Kuno. Bis zum Gitter. Dort brodelte es so eigenartig. Fritjoff konnte nicht erkennen, was das wäre, was da so Blasen warf. Kochte der Geysir an dieser Stelle? Dann müsste der Lieblingsarm von Kuno schon längst zum Essen fertig sein, weil gegart. Davon müsste aber Kuno etwas bemerkt haben. Es hat ja schließlich nicht jedes Tier Körperteile, die gekocht sind. Das tut ja auch weh.

 

Nun benutzte Fritjoff die Taucherbrille von Pandy. Die war etwas ganz Besonderes. Sie hatte einen kleinen Strahler, mit dem man das Wasser ausleuchten konnte. Und sie hatte einen blauen Rand mit roten Strichen. Blau war Pandys Lieblingsfarbe. Kam seine Brille mit Wasser in Berührung, was beim Tauchen normalerweise nicht ausbleibt, leuchtete sie in allen Farben des Regenbogens. Wenn Pandy sich seine Brille einmal auf den Kopf gesetzt hatte, wollte er sie gar nicht mehr abnehmen. Sogar in die Badewanne nahm er sie mit. Mama Gabi musste manchmal regelrecht mit ihm schimpfen, weil er als kleine Wasserratte gar nicht mehr aus dem Badewasser herauszubekommen war. „Pandy“, rief sie dann halb ernst, halb scherzhaft, „Pandy, willst du nun endlich aus dem Wasser herauskommen?“ Natürlich wollte er nicht. Aber es gab auch noch andere schöne Dinge im Leben, so dass er dann doch schon mal eher heraus kam, nach zwanzig Minuten, wenn seine Lippen schon ganz blau von dem kalten Wasser waren.

 

Auch bei Fritjoff leuchtete die wunderbare Taucherbrille in allen Regenbogenfarben. Durch das rosafarbene Wasser war der Regenbogen gedämpft und ins Grünliche gehend. Nun sah Pandy, wie Fritjoff den Leuchtstrahler der Brille einschaltete. Fritjoff war entsetzt. Was er nun durch das grelle Licht von Pandys Lampe erblickte, hatte er vorher noch nie gesehen. Es waren Zehntausende von Kleinstfischen, so genannten ‚Hos’. Die hielten sich alle an dem Lieblingsarm von Kuno fest, so dass sie eine große Kugel bildeten. Und durch diese große Kugel konnte Kuno seinen Lieblingsarm nicht durch das Gitter hindurch ziehen. Und diese Hos machten eine mordsmäßige Bewegung mit ihren kleinen Flossen, so dass es zu dem Blubbern um Kunos Krakenarm kam. Auch schienen sich die Hos angestrengt über diesen Arm zu unterhalten, wie zumindest ihr aufgeregtes Bewegen ihrer Mäuler zu deuten war.

 

Die winzigen Fischlein aus dem Volk der Ho waren possierlich anzusehen, jedenfalls das, was Fritjoff von ihnen erspähen konnte, waren sie doch wahrhaft sehr klein. Sie hatten geringelte Schwänzlein wie die Seepferdchen und ein dickes Horn oberhalb des Mäulchens. Deswegen heißen sie auch das Volk der Ho, weil sie ein Horn haben. Sie sind schwarz-gelb gestreift, weshalb sie auch in einem trüben Gewässer gut zu sehen sind. Sie schienen wie von Sinnen sich an Kunos Lieblingsarm festzuhalten. Sie hatten kleine schwarze Zähnchen, mit denen sie sich auch hätten festbeißen können, aber sie hielten sich nur fest. Mit ihrem Seepferdschwanz klammerten sie sich um Kunos Krakenarm und hielten sich aneinander.

 

Fritjoff kam das alles sehr spanisch, äh, komisch vor. Warum zum Donnerwetter hielten sie sich fest und schwammen nicht frei vor sich hin? Fische sind doch eigentlich frei, dachte er sich. Und ob und was sie miteinander sprachen, wusste er auch nicht, denn er kannte die Ho-Sprache nicht. Es war also ratsam, wiederaufzutauchen und sich mit Mama und Pandy zu beratschlagen. Gesagt, getan.

 

„Und was hast du gesehen?“, überfiel ihn Pandy sofort, als Fritjoff dessen Taucherbrille von der Nase nahm. „Du wirst es nicht glauben, Pandy: Fische, klitzekleine Fische, die sich an Kuno festhalten“, erwiderte ihm Fritjoff. „Fische? Hast du gerade F-i-s-c-h-e gesagt, ich meine die kleinen Wesen mit Flossen und Kiemen und so?“, Pandy konnte es nicht glauben. Auch Gabi schüttelte ihr Haupt, äh, ihre Hörner: „Fische, die sich an Kuno festhalten? Pandy, das klingt seltsam…“ „Ja, Mama, ist es auch, sehr seltsam. Es sind Fische vom Volk der Ho. Und es scheint so, als würden sie miteinander die ganze Zeit sprechen. Leider weiß ich nicht, was es sein könnte.“

 

Gabi schüttelte ihre Schultern, so dass ihre Zöpfe lustig hin und her geworfen wurden. Ihre Müdigkeit war wie weggeblasen. Das war verzwickter, als sie es gern gehabt hätte. Um drei Uhr morgens tauchen gehen und ein Rätsel der Welt nach dem anderen lösen, war etwas viel verlangt. „Pandy, Fritjoff: Lasst uns zu Kuno gehen und ihm alles berichten, was wir bisher herausgefunden haben, einverstanden?“ Natürlich waren ihre beiden ältesten Jungs einverstanden, was sollten sie auch sonst sein, waren sie doch genauso ratlos wie ihre Mutter.

 

„Das Volk der Ho … an meinem Lieblingsarm…“, Kuno konnte es gar nicht fassen. „Das sind doch meine Freunde. Sie begleiten mich immer, wenn ich auf Reisen bin und in ihr Gebiet komme. Und ich beschütze sie, so gut ich kann. Denn sie haben viele Feinde. Allen voran die Haifische. Besonders Hägar, der schrecklichste Haifisch von allen, bedroht sie immer wieder. Und sie sollen sich an meinem Arm festhalten?“ Kuno runzelte seine Stirn. War seine Hautfarbe bis dato spinatgrün, geriet sie nun einen guten Stich ins Bläuliche – die höchste Alarmstufe für eine Krake. Die drei Mitglieder der Harry-Hirsch-Familie schauten sich betroffen an. Sollte etwa der böse Hägar dort draußen sein Unwesen treiben? Dann wäre das Verhalten der Hos irgendwie verständlich, weil sie dann Schutz bei Kuno suchten. Aber andererseits könnten sie ja auch einfach durch das Gitter schwimmen und wären dann vor Hägar noch besser geschützt, denn Hägar konnte ganz gewiss nicht durch das Gitter hindurch kommen. Was sollten sie also tun? Da war guter Rat teuer.

 

Kuno brach das Schweigen. „Tja, meine Lieben, ich weiß auch nicht so recht. Einerseits könnten die Hos ja durch das Gitter schwimmen, wenn Hägar sie bedrohte und wären dann in größerer Sicherheit als an meinem Arm. Andererseits wollen sie vielleicht etwas Besonderes von mir. Was meint ihr?“, rätselte Kuno frei und offen vor sich hin. Pandy nahm seinen Mut zusammen und sprach: „Lieber Onkel Kuno. Da hilft wohl nur eines: Da musst du wohl mit dem Volk der Ho sprechen oder was meinst du?“ Kuno runzelte noch kräftiger die Stirn und setzte die bisher größten Sorgenfalten auf, die er jemals gehabt hatte. „Da hast du wohl recht, mein Kleiner, äh, mein Großer, da hast du wohl recht…“ In Gedanken versunken glitt er langsam aus der Badewanne und sammelte seine restlichen sechs Greifarme ein, die er verschiedentlich geparkt hatte. Ein Arm steckte in Dragomirs Zuckerdose, denn Kuno liebte Zucker über alles. Der andere rührte gerade an dem Wackelpudding in der Küche, denn Kuno liebte besonders grünen Wackelpudding mit Zuckerguss, weil der nach Waldmeister schmeckte. Der dritte Arm sorgte für eine ständig geschniegelte Haarpracht, denn er kämmte seine sieben Haare auf den dreizehn Reihen alle paar Minuten. Der vierte Arm diente mit dem fünften als Sitzgelegenheit, denn es war tierisch, ja geradezu krakelig unmöglich, auf allen Vieren sitzen zu bleiben. Und der sechste Arm? Na, der wurde gebraucht, um den Rücken zu massieren, in der Nase zu poppeln (das tun auch große Tiere, nicht nur kleine…) und die Stirn in Falten zu legen – eine Krake konnte nicht einfach nur so vor sich hin runzeln, sondern musste die Runzeln extra legen, quasi ondolieren.

 

Langsam schritt, äh, glitt Kuno in Richtung Gitter vor sich hin. Er musste auch langsam gehen, denn es ist eine wahre Kunst alle sieben, äh, sechs Gräten, äh, Greifarme zu sortieren. Dabei musste sich der sechste als der zweitlängste Greifarm immer zuerst bewegen. Sodann sollte der dritte hinterdrein kommen, denn dieser war der flinkste und sollte den fünften hinter sich her ziehen, weil der leider Gicht hatte. Der vierte Arm rollte am liebsten auf Rädern, weshalb er ständig auf Kollisionskurs mit den anderen war, die er allenthalben überrollte. Greifarm Nummero Zwo brauchte Kuno zum Nachdenken. Das ließ sich nicht vermeiden, das Nachdenken. Wollte Kuno nachdenken, massierte er sich den Nacken und gab sich auf den Hinterkopf einen kleinen, aber deutlichen Klaps, so dass das Nachdenken deutlich befördert wurde. Schon so mancher Gedanke fand sich dadurch als Geistesblitz im Gehirn wieder. Na, und der erste Greifarm steckte im Gitter fest.

 

Gerne hätten Pandy, Fritjoff und Gabi den Gang von Kuno beschleunigt, um dadurch schneller wieder nach Hause zu kommen und im Bett zu landen. Das war natürlich nicht möglich. Fieberhaft dachten sie nach, warum sich die Hos so an Kuno klammerten. Und sie überlegten schon, wie sie den bösen Hägar abwehren sollten, damit Kuno nun endlich seine Ruhe hätte und sie ihren Schlaf. Dabei hörten sie, wie Kuno mit sich selbst sprach. Das ist bei Kraken nicht ganz unüblich. Die Zuordnung des Gehirns zu den einzelnen Gliedmaßen, von denen Kraken ja mindestens acht hatten – sieben Greifarme und der Schwanz –, ist körperlich nicht ganz einfach zu regeln. So kommt es vor, dass Kraken für kurze Augenblicke mit ihren Greifarmen sprachen, um sich dann bei sich selbst zu entschuldigen: „Oh, Entschuldigung, das ist mir jetzt aber sehr unangenehm“, oder derart: „Oh, nein, das Plaisir ist mir aber peinlich“, oder endlich: „Da hätte ich aber wohl besser Obacht geben sollen“, wobei das Wort ‚Obacht’ mit Bedacht ausgedrückt wurde – mit Rücksicht auf die Zahl Acht der acht Gliedmaßen.

 

„Kuno“, sprach Kuno mit seinem fünften Greifarm, den mit der Gicht, „Kuno, was soll ich mit dem Volk der Ho nur machen? Was ist, wenn Hägar der Schreckliche wirklich hinter dem Gitter lauert? Und meinen Lieblingsgreifarm anknabbern will? Oh Schreck, oh jemine!“ Natürlich waren ihm die Hos nicht egal, aber was sollte er nur machen? Normalerweise beschützte er das Volk der Ho immer gegen Hägar, der sie zum Fressen gerne hatte. Dabei hatte er gar keine Waffen, um Hägar von ihnen und sich selbst fernzuhalten. Kuno erzählte ihm einfach immer einen Witz. So konnte Hägar der Schreckliche nicht anders, als ganz schrecklich loszuprusten und sich scheckig zu lachen. Deswegen hieß er auch ‚Hägar der Schreckliche’ – weil er so schrecklich anfing zu lachen. Das strengte ihn dann so an, dass er gar nichts weiter tun konnte. Hägar lachte sich so quasi kaputt.

 

Einen Witz zu erzählen, das dürfte doch eigentlich nicht allzu schwer sein, dachten sich die drei Mitglieder der Harry-Hirsch-Familie. Das war aber weit gefehlt. Denn Hägar der Schreckliche kannte fast alle Witze der Welt. Er gehörte dem ‚Klub der Witzeerzähler und Witzeerzählerinnen’ an, wie er inzwischen, politisch korrekt, hieß. Er war also quasi mit allen Witzen der Welt gewaschen. So fiel es schon arg schwer, einen Hägar noch nicht bekannten Witz zu finden. Eigentlich musste sich Kuno immer selbst einen neuen Witz ausdenken. Das fiel ihm denkbar schwer, sehr schwer. So schwer fiel es ihm, dass er zunehmend seltener nach draußen schwamm und viel lieber vor dem heimischen Fernseher sitzen blieb, aus der Angst heraus, nicht den richtigen Witz zu erwischen und dadurch in Teufels Küche zu kommen oder das Volk der Ho im Rachen Hägars verschwinden zu sehen.

 

Auch deshalb war er zu Dragomir gekommen: Seine Badewanne war ihm der zweitliebste Ort der Welt, nach dem heimischen Fernsehsessel. Da gab es die leckeren Drachenchips aus getrockneten Möhren, Peperoni und Kellerasseln-Dip, da gab es ‚Drachen-Rachen’, den beliebten Erlebnis-Drink, und da gab es jede Menge lustiger Videos und DVDs – falls mal in der Glotze nichts laufen sollte. Und auch Dragomir war Mitglied im ‚KdWuWin’, dem ‚Klub der Witzeerzähler und Witzeerzählerinnen’, aber in der Drachen-Sektion, der Elite-Abteilung der Witzeerzähler und -erzählerinnen. Deren Witze waren absolute Premium-Qualität und selbst für Haifische eigentlich zu schwer. Deshalb lachten sich Hägar und seine Freunde – Harald, Hunold und Honfried – nicht scheckig, sondern fast zu Tode. Ja, Notarzteinsätze waren bei den jährlichen Endausscheidungswettbewerben an der Tagesordnung.

 

Von Dragomir erhielt Kuno auch die meisten Witze, mit denen Kuno sich Hägar auf Abstand hielt. Eigentlich alle Witze, nur dass Kuno die meisten Witze vergaß und vor allem durcheinander brachte. So entstanden unfreiwillig ständig neue Witze und damit bis dato unbekannte. Die konnte der arme Hägar gar nicht kennen. Kunos Gehirnkapazität war zu begrenzt, um sich schwierigere Sachverhalte und verwickelte Zusammenhänge zu merken. In seiner Einfalt erzählte Kuno dann in größter Bedrängnis was das Zeug hielt – und das reichte im Allgemeinen für Hägar, dessen Hirnmasse durchaus noch ausbaufähiger war als selbst Kunos. Ohnehin brauchte Kuno nur sein Maul öffnen und Hägar zitterte wie Espenlaub. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein.

 

Warum nur hielten die Hos sich an seinem Lieblingsgreifarm fest? Diese Frage ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, äh, aus dem Haupt. Sie brachten sich doch besser in Sicherheit, wenn sie durch das Gitter schwammen … „Merkwürdig“, sprach er leise, aber vernehmlich zu seinem Greifarm Nr.4, „merkwürdig: Ich muss mit ihnen sprechen“, sagte er zu Nr.3. Da standen sie auch schon am Ufer des wunderbar warmen Geysirsees, dessen Wasser saphirblau glitzerte. Das Blubbern um das Gitter herum hörte gar nicht mehr auf. Das war auch so eine Merkwürdigkeit, dachte er. Warum blubbert es nur so? Irgendetwas stimmt da nicht. Sie haben doch noch nie so viel Blubbern veranstaltet, dachte sich Kuno. Doch: Als sie ein Ablenkungsmanöver machen wollten. Damals war ihr alter König, Honrad der Honorige, schwerkrank und konnte nicht mehr so gut schwimmen. Durch das beständige Blubbern konnte der leicht kurzsichtige Hägar nichts sehen. So war der gute alte Honrad in Sicherheit, wenn auch nur für kurze Zeit. Denn das Blubbern ist für so kleine Fische ziemlich anstrengend. Ständig müssen sie Luft durch die Kiemen pusten. Und wenn es mal nicht geht, auch nach hinten raus. Das roch nicht nur so ein bisschen nach Mundgeruch und Pupsen, sondern trübte das Wasser auch derart, dass die armen Fischlein selbst nichts mehr sahen.

 

Offenbar stimmte etwas nicht und das Volk der Ho startete wieder einen Ablenkungsangriff. Und sie hielten an seinem Greifarm fest, damit er endlich käme, um sie zu beschützen. Da hatten sie aber lange gewartete, dachte Kuno noch, als er langsam ins Wasser glitt. Vor lauter Aufregung wollte ihm erst recht kein Witz einfallen. Aber das war jetzt auch erst mal nicht so wichtig. Nun tauchte Kuno und erkannte die Lage. Höchste Bedrohung für Prinzessin Henriette vom Volk der Hen. Offensichtlich war sie unpässlich und in anderen Umständen. Was soviel bedeutete, dass sie der Liebe gepflegt hatte und ein Kind gebären wollte. Weil sie so schutzlos war, war sie natürlich ein besonderer Leckerbissen für Hägar und seine Kumpane, die hinter der nächsten Ecke lauerten.

 

Prinzessin Henriette aus dem Volk der Hen war in Liebe mit Prinz Klaus-Heinrich verbunden, der zu dem Volk der Ho gehörte. Beide hatten schon lange ein Verhältnis zueinander. Und nun gab es Nachwuchs. Aus der Verbindung einer Hen mit einem Ho sollte ein Hu entstehen. Der tückische Hägar beobachtete genau, dass Henriette ein kleines Bäuchlein bekam. Auch schwirrte Klaus-Heinrich ständig nervös um sie herum. Das versprach eine Festmahlzeit zu werden. Doch das Volk der Ho war hartnäckig. Es bildete einen Ring um Henriette und Klaus-Heinrich. Und dieser Ring umschloss zugleich den Lieblingsarm von Kuno. Das ganze Blubbern war ein Ablenkungsmanöver: So konnten Hägar und seine Kumpane nicht sehen, was gerade dort vorging.

 

Es war mit äußerster Kraftanstrengung verbunden, Henriette und Klaus-Heinrich zu schützen. Das Volk der Ho war sehr müde. Das Blubbern hervorzurufen laugte sie aus. Die ständigen Schwanz- und Flossenbewegungen sowie das Werfen der Luftblasen waren kaum noch durchzuhalten. Rettung in höchster Not war angesagt. Was aber sollte Kuno tun? Gott sei Dank verstand er die Sprache der Ho und der Hen sehr gut. Freudig begrüßten sie Kuno als ihrer Retter. Der machte gar nicht den Eindruck, als wäre er ein Retter. Entsprechend griesgämig trat er auf. „Hallo allerseits!“, stieß er brummelnd hervor. „Hallo, lieber Kuno“, erscholl es umgekehrt aus den Kehlen, äh, Kiemen der vielen Hundert Hos und der einen Hen. Nur leider verschluckten sie sich dabei, so dass das Blubbern noch zunahm: Sie waren es nicht gewohnt, so viele Worte zu machen. Sie waren ein eher schweigsames Volk. Sie wechselten im Allgemeinen nur fünf Worte am Tag, davon hatten sie nun schon drei verbraucht. Nun hatten sie nur noch zwei Worte übrig, die aber zu wenig waren: „Kannst du uns helfen?“, sprachen sie im Chor und schauten ihn erregt an. Damit waren sie am Ende ihres Lateins, äh, an ihrem Wörtervorrat für den heutigen Tag – mit zwei Worten in der Überzahl.

 

Was sollte Kuno ihnen sagen? Die Wahrheit, dass er gar nicht wusste, was er tun sollte? Er bekam großes Mitleid mit seinen Schützlingen. Irgendetwas musste er tun, das war er ihnen schuldig: Nur was? Kuno überlegte. In Sekundenschnelle stellte er fest, dass er eigentlich nur zwei Möglichkeiten hatte: Selbst etwas zu tun oder das einem anderen zu überlassen. Selbst konnte er nichts tun, das wäre auch in die Hose gegangen, äh, in das Wasser. Also musste er Hilfe herbei holen. Blieben also nur die Kinder: Ob die beiden Kinder und ihre Mutter helfen konnten? Kuno musste es ausprobieren – Probieren geht über Studieren, sagte sein Vater immer wieder.

 

Verzweifelt schaute er in die Runde: Vielleicht würde er das Volk der Ho nie wieder sehen – auch nicht das kleine Kind von Henriette, das vielleicht niemals das Licht der Welt, äh, das Schimmern der Ozeans erblicken würde. „Liebe Hos“, setzte er feierlich an, „eure Lage ist ernst, sehr ernst. Ich werde mein Möglichstes versuchen, um euch zu helfen. Dazu werde ich mich mit den beiden Junghirschen beratschlagen, deren Hufe ihr hier im Wasser links neben dem Gitter sehen könnt.“ Zur Bekräftigung zeigte er in die Richtung von Pandy und Fritjoff.

 

Natürlich hatten die Fische längst die beiden Warmblütler bemerkt, spätestens, als Fritjoff zu ihnen heruntergetaucht kam. Auch der Eigengeruch von Pandys Hufe – er hatte sich seit Tagen nicht ordentlich gewaschen – machte sich unangenehm bemerkbar. Die Fische nickten Kuno freundlich aufmunternd zu, mehr konnten sie nicht tun, waren ihnen doch die Worte ausgegangen. Kuno wiederum sah das abgrundtiefe Vertrauen dieser tapferen Fische, die unter Lebensgefahr ihren Prinzen, seine Verlobte und ihr Kind verteidigten. Das war guter Rat sehr teuer.

 

Schnell tauchte Kuno auf und watete auf die beiden Junghirsche zu. Diese sahen die vollkommene Ratlosigkeit Kunos, die ihm wie in das Gesicht geschrieben war. Pandy reagierte sofort: „Kuno, du hast ein Problem, nicht wahr?“ Kuno nickte schweigsam. Auch ihm waren die Worte ausgegangen. Dennoch musste er ja etwas sagen, sonst wussten die anderen gar nicht, woran sie waren. „Das Volk der Ho ist in großer Bedrängnis. Prinzessin Henriette ist schwanger und wird von dem Volk der Ho beschützt. Hinter der nächsten Ecke lauert Hägar mit seinen Kumpanen, um sie aufzufressen.“ Das war in aller Kürze die Lage.

 

Pandy und Fritjoff sahen sich erschreckt an. Sie wussten auch nicht so recht, woran sie waren. Pandy fasste sich als Erster ein Herz: „Hägar? Wer ist ‚Hägar’?“ Ganz in Gedanken murmelte Kuno vor sich hin: „Was soll ich bloß machen?“ Pandy wurde ärgerlich: „Hallo Kuno: Kannst du mich hören?“ Nun erwachte Kuno: „Na klar, Pandy. Was hast du gefragt?“ Pandy schaute Kuno fest in die Augen: „Du brauchst Hilfe. Vielleicht können wir dir helfen? Versuchst du es mit uns?“ Kuno schaute Pandy unvermittelt an: „Pandy, du hast recht, bitte entschuldige. Vielleicht fällt euch ja etwas ein. So halb kann ich mich erinnern, dass du mich wegen Hägar gefragt hast, stimmt’s?“ Pandy erwiderte sofort: „Jap.“ ‚Jap’ sprachen sie alle bei sich in der Schule, wenn sie kurz antworten wollten, weil das Anliegen dringend war, z.B. wenn es in die Pause ging oder ihre Lehrerin, Fräulein Leonore, ärgerlich war. ‚Jap’ bedeutet: ‚Ja, aber dalli’, wobei es dann eigentlich ‚Jad’ heißen müsste, aber das P von ‚Jap’ kam von ‚Presto’, was auf Italienisch ‚schnell’ heißt.

 

Kuno erklärte schnell: „Hägar ist der größte und gefährlichste Raubfisch des nördlichen Atlantik. Eigentlich ist er ganz nett – wie wir alle –, aber er frisst Fische oder zerhakt Kraken wie mich. Das ist nicht so nett. Mit einem guten Witz kann man ihn auf Abstand halten, aber nicht so lange. Außerdem hat er noch fünf seiner Kumpane mitgebracht: Harry-Edgar, Harald der Erste (mit einem Zahn), Harald der Vierte (mit vier Zähnen), Heinrich-Otto sowie Haschmich (noch mit Milchzähnen). Die sind alle nicht so gefährlich wie er selbst und eigentlich noch netter, aber immerhin sind es sechs gewaltige Haifische. Das ist alles nicht so leicht. Und leider fällt mir gerade kein Witz ein. Euch vielleicht?“

 

Pandy und Fritjoff schauten sich an. Nein, für das Witze erzählen waren sie auch nicht so geeignet. Pandy war zwar sehr frohgemut und meist gut gelaunt, aber Witze zu erzählen, war nicht so ‚sein Ding’, wie er sagen würde. Gleiches galt für Fritjoff, der sehr ernst und eher wortkarg war. Aber Pandy wollte Kuno aufmuntern und sagte: „Kuno, wir bekommen das schon gebacken.“ Der Ausdruck ‚wir bekommen das gebacken’ stammte von seiner lieben Mama Gabi, die das wiederum von einer Tante mütterlicherseits aus Sachsen übernommen hatte.

 

Pandy schaute auf Fritjoff, Fritjoff auf Pandy. Beide wurden nun genauestens von Kuno beobachtet. Was sollten sie tun? Deutlich konnte der unbefangene Beobachter wahrnehmen, wie ihre beiden kleinen Junghirschköpfe rauchten. Das war auch wirklich verzwickt und zugenäht: Eine Unterwasseroperation, die sechs gefährliche Haifische unschädlich machte, durchgeführt von zwei wasserscheuen Junghirschen, um ein paar Haihappen vor dem Verdauen zu schützen. Wer hatte davon schon gehört? Wie sollte das gelingen?

 

Pandy war der hellste von beiden. Und ihm fiel etwas ein: „Wir müssten das Wasser abpumpen können. Dann könnten die Haifische nichts machen. Jedenfalls fallen mir Witze partout nicht ein. Was meinst du, Fritjoff?“ Das war einfach genial, genial einfach. Ohne Wasser konnten die bösen Haifische nicht überleben. Das Volk der Ho passte dagegen leicht in einen Wassereimer. Wie sollte man aber das ganze Wasser abpumpen? Fritjoff stockte der Atem: „Pandy, das klingt echt super: Aber wie bekommen wir das Wasser aus dem Wasser, äh, das Wasser aus der Höhle? Das kommt doch von unten immer nach. Und was ist, wenn wir das Volk der Ho aus Versehen mit abpumpen?“ Fragen über Fragen, eine ernster als die andere. So war er, der Fritjoff.

 

„Fritjoff, ich sehe, du hast den ganzen Ernst der Lage erfasst. Am besten ist es, wenn wir Dragomir zu Rate ziehen, gell?“, lenkte Pandy ein. Den Ausdruck ‚zu Rate ziehen’ hatte er von seiner Deutschlehrerin, die er sehr verehrte. Die Wendung ‚gell’ kam aus Bayern, wo ja bekanntlich die Welt noch in Ordnung ist und woher auch seine Deutschlehrerin, Fräulein Leonore Lustig, stammte.

 

Dragomir kam sofort, als sie laut und deutlich nach ihm riefen. „Drago“, sprach Pandy, „wir brauchen dich: Wie bekommen wir das Wasser aus dem Unterwassersee?“ Dragomir war nicht übel erstaunt: „Wasser aus dem Unterwassersee herausbekommen? Warum?“ Fritjoff erklärte es ihm: „Hinter der nächsten Ecke dort unten warten sechs finstere Haifische, die das Volk der Ho samt einer schwangeren Prinzessin und einem erwartungsfreudigen Prinzen bedrohen – und zwar mit dem Leben. Verstanden?“ Dragomir hatte verstanden. Drago, der alte Haudegen von einem Drachen, konnte das Wasser sehr schnell ansaugen und wieder woandershin ausspeien. Aber natürlich würde das Wasser von unten schnell nachlaufen. Ohnehin würde er damit automatisch die sechs hungrigen Raubfische mit ansaugen, so dass diese unter Umständen unmittelbar auf dem Volk der Ho landen würden.

 

Der umgekehrte Weg schien dann der bessere zu sein. Dragomir könnte auch das Wasser aus dem See wieder in den Unterwasserkanal herunterdrücken. Mit seinem gewaltigen Atem sollte das wohl möglich sein. Aber damit würde er das Volk der Ho nur in Richtung Haie spülen und das war sicher nicht sehr sinnvoll. Auch die dritte Lösung schien ihm nicht möglich: Er war nämlich nicht nur gar kein guter Witzerzähler, sondern gar keiner. Drachen lachen sehr viel und ausgiebig, aber nicht über eigene Witze. Schon gar nicht konnten sie welche erzählen, die sie erfunden hatten.

 

Pandy kaute die ganze Zeit auf seinem Kaugummi. Gedankenverloren blies er eine Blase nach der anderen. Dabei knallte es dann und wann. Dabei zuckten die Tiere unwillkürlich zusammen. Vielleicht war das die Lösung. „Ich hab’s“, rief er freudig aus: „Wir müssen Hägar einfach nur ganz übel urst krass erschrecken.“ Die Wendung von ‚ganz übel urst krass’ hatte er aus dem Hort gelernt, den er sehr gerne besuchte. Die anderen nahmen den Gedanken blitzschnell auf, aber schienen damit nicht weiterzukommen. Gabi meinte: „Ja, mein großer Schatz, erschrecken ist gut und richtig, aber womit? Mit deinem Kaugummi doch wohl nicht, oder?“ Dabei schaute sie alle der Reihe nach mit ihren großen und ausdrucksstarken Augen an. Plötzlich hörte man einen Knall. Kuno war ein kleiner Pups entfahren, der sich aber gewaschen hatte: der Pups, nicht Kuno. Kuno fasste sich irritiert an den Mund und hauchte: „Oh, Entschuldigung, der ist mir so rausgerutscht.“ Es roch penetrant nach Algensalat.

 

„Ich hab’s“, flötete Pandy triumphierend erneut in die Runde: „Mensch, Kuno, das ist die Lösung. Der Knall müsste im Wasser doch noch lauter zu hören sein, nicht wahr?“ Kuno gab zur Antwort: „Ja, lieber Pandy. Das sind meine Algenpupse. Die sind so kräftig, die hauen den stärksten Seebär um. Erst einmal mich, dann auch alle anderen, die ihn hören und riechen.“

 

Alle schauten sich freudig an. Das musste die Lösung sein. Als Krake fraß Kuno gewaltige Mengen an Algen, die sich lautstark Ausdruck verschaffen wollten. Kraken sind ja von Hause aus Vegetarier und essen nur Grünzeug. Kuno erklärte sich weiter: „Ach, wisst ihr: Es gibt rote, gelbe, blaue und grüne Algen, eine schöner als die andere.“ Die Augen aller leuchteten. Das musste es sein. Damit könnte man die Haifisch-Bande vertreiben. Jetzt ging es nur noch darum, Algen zu besorgen. Aber woher? Gabi meinte: „Drago, hast du nicht zufällig noch ein Gläschen mit Algensalat, ich meine den eingelegten Salat mit Zwiebeln und Knoblauch, der bis zu uns immer in die Küche gerochen hatte, als wir dich neulich besuchten?“

 

Dragomirs Gesicht verfinsterte sich. „Oh Mann“, nuschelte er in seinen nicht vorhandenen Bart hinein, „nicht auch noch das.“ Nein, er hatte das Glas nicht mehr. Erst neulich bekam er einen äußerst heftigen Heißhunger und langte zu. Den ganzen Salat hatte er sich mit einem Haps einverleibt. Der schmeckte so lecker. Es war Salat aus violetten Algen, die er mit alten Spinnweben und Rattenkot verfeinert hatte. Mm, der schmeckte köstlich. Nicht nur daran sah man, dass Drachen mit Fischen viele Gemeinsamkeiten hatten, nicht nur die Schuppen.

 

Nun war guter Rat wieder einmal sehr teuer: Woher sollten sie den Algensalat bekommen? Viel Zeit blieb ihnen nicht. Auch wenn Kuno jetzt schon mit dem Essen anfangen würde, müsste er erst einmal ein bisschen verdauen – und das dauert bei einer ausgewachsenen Kraken so ziemlich, bis zu zwei Stunden. Die Köpfe aller rauchten. Wie konnten sonst noch Blähungen bei einer Krake erzeugt werden? Pandy hatte eine Idee: „Blähungen bekommt man doch auch, wenn man sich den Magen verdorben hat, oder?“ „Richtig“, meinte Fritjoff. „Was willst du damit sagen? Das ich mich erbrechen soll?“, fragte Kuno herausfordernd. Langsam wurde es ihm ungemütlich. Offensichtlich war er des Rätsels Lösung, aber die Forderungen an ihn wurden sehr unangenehm. Nach vorne zu frühstücken, das passierte jedem. Aber Blähungen künstlich hervorrufen – das war nicht jedermanns Sache, auch nicht die seine.

 

Aber Kuno war tapfer und wollte das Volk der Ho retten. Also riss er sich zusammen. Dabei entglitt ihm wiederum ein Pups. Worauf er „Oh, Entschuldigung“ sagte und ausrief: „Ich hab’s. Ich esse einfach ganz viele Zwiebeln und Knoblauchzehen und Drago springt auf meinen Bauch, sobald es anfängt zu gären. Dann müsste es klappen, oder?“ Aller Augen schauten auf Kuno, der ob seines eigenen Mutes etwas erbleichte. Das war natürlich eine etwas brutale Lösung. Und wenn das Kraftpaket namens Dragomir sich etwas vertun sollte, müsste der arme Kuno ins Krankenhaus gebracht werden: mit ramponiertem Magen.

 

Nun erbleichte wiederum Dragomir. Leider hatte er seine Vorräte an Zwiebeln und Knoblauchzehen bis auf je eine dezimiert. Neulich erst hatte er ein Rendezvous mit Theodora, der Taube, bei der er mit gutem Geruch auffallen wollte. Das war dumm gelaufen, weil er doch etwas zu stark roch. Theodora war dadurch wie von Sinnen und fiel in Ohnmacht. Als er die Mund-zu-Mund-Beatmung ansetzte, hätte er sie beinahe verschluckt. Die Größenverhältnisse waren einfach etwas zu gewaltig: Er – der gewaltige Riese, sie – das zarte kleine Persönchen. Von ihrer Klasse passten gleich vierzig in sein gewaltiges Maul. Jeder Kuss von ihm wirkte im wahrsten Sinne erschütternd auf sie, ihre dagegen nahm er nur dann wahr, wenn sie ihn vorher ankündigte.

 

Was aber sollte sonst Blähungen verursachen? Normalerweise wollte man ja gerade keine haben. Dragomir bot nun Kuno alles an, was seine enorme Speisekammer zu bieten hatte. Als da wären: Kröteneier ins Aspik, angegorenes Heu, Salzstangen aus Dynamit, Lakritze mit Teerstückchen, Lebertran – getrocknet, gerollt und als Dragees, Käse von Seekühen, raue Mengen von angefaulten Kartoffeln und Rachendrachen, das berühmte Bier.

 

All das war für ein zartes Gemüt, wie dasjenige von Kuno, wenig geeignet, Beifall zu finden. Eine Krake isst rein pflanzlich, weshalb Kuno auch dem ‚Club der online-Vegetarier’ angehörte. Er bezog also sein Essen aus dem Internet und konnte es sich unmittelbar ausdrucken. Algensalat war ja letztlich nur ein bestimmtes Papier aus Algenextrakt, in das verschiedene Ornamente aufgedruckt wurden. Und je nachdem, welche Farbe das Papier hatte, sah Kuno eher rötlich, bläulich oder grünlich aus.

 

Pandy dachte nach. Sie waren bisher nicht weitergekommen. „Blähungen“, dozierte Pandy, „bestehen aus Gas, die durch eine schlechte Verdauung hervorgerufen werden, richtig?“ „Richtig, mein Schatz, du bringst es auf den Punkt“, rief Gabi entzückt. „Weiter: Würde es nicht reichen, wenn wir auf andere Art und Weise Gas in den Bauch bringen, z.B. Luft, um es dann kontrolliert als Pups abzulassen?“ Das schien genial zu sein. Es brauchte dann nicht mehr das umständliche Hervorrufen von Blähungen. Eigentlich musste nur Luft in den Betreffenden, der pupsen sollte, geblasen zu werden. Das gab allen zu denken. Aber: Wer sollte blasen? Und: Wer sollte pupsen?

 

Die kleinen Junghirsche samt ihrer Mama fielen für das Blasen und Pupsen schon einmal aus – ihr Bauchvolumen war zu klein. Übrig blieben nur Dragomir und Kuno. Dragomirs Bauch, es war wohl eher schon eine stolze Wampe, wäre wie geschaffen dazu. Aber niemand konnte soviel Luft in ihn hinein blasen. Dafür konnte Dragomir in Kuno Luft blasen. Als Krake war Kuno für die Aufnahme von Feststoffen, Flüssigkeiten und Gasen wie geschaffen: Er war die Flexibilität höchst selbst.

 

Schon wollte Drago mit der Mund-zu-Mund-Beatmung ansetzen, während Kuno so aschfahl wurde, wie noch nie in seinem Leben, als Pandy rief: „Halt, lieber Drago, halt stopp noch einmal. Wir haben das Volk der Ho vergessen.“ Richtig, die Hos. Wenn schon Hägar und seine Kumpane einen riesigen Schreck bekommen würden, dann wohl erst Recht die kleinen Winzlinge. Die würden bei dem Knall wahrscheinlich entweder alle ins Koma, in Ohnmacht oder aber in die Schreckstarre fallen und müssten dann mühsam wieder ins Leben zurückgeholt werden. Wenn nicht einige aus diesem Leben zu Gott verscheiden würden: durch einen Herzriss, durch Herzversagen oder Sonstiges.

 

Der Einfall mit dem Knall war schon toll, aber für diese bedrohliche Lebenslage nicht geeignet. Sie mussten wohl oder übel alles noch einmal überdenken. Dabei lief ihnen langsam die Zeit davon. Es war jetzt schon vier Uhr morgens. Es musste doch gelingen, die Haifische unschädlich zu machen. Da half jetzt nur noch das Gebet. Gabi sprach: „Liebe Freunde, lasst uns beten. In so einer schwierigen Lebenslage werden wir sicher nicht von Gott im Stich gelassen, nicht wahr?“, und blickte dazu aufmunternd in die Runde. Alle setzten sich im Kreis hin und falteten die Hände. Gabi drückte aus, was alle dachten: „Lieber himmlischer Vater! Wir sind mit unserem Latein am Ende. Hilf du uns, damit wir helfen können. Amen!“ Dann drückten sie einander fest die Hände und standen auf. Alle erwarteten nun, dass etwas geschehen würde. Und es geschah tatsächlich. Das Wasser ging schlagartig zurück. Mit einem Ruck war der Unterwassersee von Dragomir auf einmal nicht mehr vorhanden. Einfach leer. Das geschah wohl während ihres Betens. Nur das Volk der Ho hielt sich eisern noch an Kunos Lieblingsarm fest.

 

Damit war alles im grünen Bereich, wie man so sagt: kein Wasser, kein Hägar. Und: kein Hägar, null Problemo. Und wie kam das Ganze? Na, genauso wie damals die Sache in Afrika, als der Viktoriasee wieder an das Tageslicht gezaubert wurde. Diesmal waren es wieder die Drachen, die kurzzeitig das Gefüge der Unterwasserwelt durcheinander brachten. Die anderen neun Drachen der Erde – ohne Dragomir, der gerade in unsere Geschichte eingespannt war – landeten im Sturzflug auf dem Kilimandscharo, als sie von einem Besuch auf dem Planeten Jupiter zurückkamen. Dort besuchten sie die Drachenstadt Nepumuk samt ihrem gleichnamigen derzeitigen König, Nepumuk dem Tausendunderstenkommadrei. Sie hatten dafür eine pauschale Rundreise gebucht, mussten aber den Rückflug selbst leisten. Weil die Umlaufbahn des Planeten Jupiter sie etwas zu heftig beschleunigte, gerieten sie beim Wiedereintritt in die Erdumlaufbahn ins Trudeln, was sie nur durch einen beherzten Sprung in den Tiefschnee des Kilimandscharo ausgleichen konnten.

 

Zusätzlich begannen ihre Pfoten zu glühen, was der affenartigen Geschwindigkeit geschuldet war, mit der sie in die Erdumlaufbahn eintraten. Da war der Schnee gerade recht und erfrischend und labend. Durch den Aufprall der neunköpfigen Drachenbande wurde der Unterwassersee quasi ausgedrückt, während der Viktoriasee kurzzeitig überflutet wurde. Das war aber nicht weiter schlimm: Es gab ja rund um das Rundhaus von Tante Elsbeth nun jede Menge Kanäle, Gräben, Teiche und Seen, wie der geneigte Leser schon weiß.

 

Wie es in der Drachenstadt Nepumuk aussieht und warum dort noch mehr Drachen leben, ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll. Nur so viel sei verraten: König Nepumuk war verheiratet mit Kunigunde vom Stamme der Kaiser-Drachen vom Stern K-13. Alle Einwohner des Landes besaßen fliegende Teppiche, fließenden Lavastrom in das Bad und Lakritze frei Haus.

 

Zurück zur Geschichte. Das Volk der Ho war perplex, ob der plötzlichen Rettung, mehr noch als die anderen. Nun priesen sie alle Gott und sangen das Loblied ‚Nun danket alle Gott’. Prinzessin Henriette bekam vor lauter Aufregung ihre Kinder. Jawohl, ihr habt richtig gelesen: Kinder. Es war nicht nur ein Kind, sondern ihrer sogar zwei, nämlich Zwillinge: Hans-Hugo-Holger und Hannelore-Hedwig. Weil Prinz Harald nur mit einem Kind gerechnet hatte und nicht mit zweien, fiel er sogleich aus dem Lieblingsarm von Kuno, also fast aus allen Wolken. Weil der Sturz so tief war, musste er von Sascha, dem Sanitäter der Ho, der sofort herbeieilte, gerettet werden.

 

Und was taten die vier anderen Helden und die eine Heldin? Sie umarmten sich kräftig und frühstückten ausgiebig. Auf dem Grund des nun nicht mehr vorhandenen Unterwassersees fanden sie gewaltige Mengen von Algen: violetten, also Kunos Leibspeise. Und so kam der gute Kuno doch noch zu seinem Algensalat. Und dann war da noch eine große Schatztruhe, fest verschlossen, von der ein anderes Mal berichtet werden soll.


12. Pandys neue Zahnspange

 

Pandy freute sich schon die ganze Zeit auf seine neue Zahnspange. Viele Schulkameraden besaßen längst eine. Und die sahen so richtig toll aus. In allen Farben der Welt gab es welche: In Mausgrau, Himmelblau, Grasgrün, Regenbogenfarben, Zitronengelb, Feuerrot und in Lakritze und als Lutscher. Ja, als Lutscher auch, diese Zahnspange hatte also nur eine geringe Lebenserwartung. Überhaupt sahen die modernen Spangen so gut aus, dass einige Kinder sie gar nicht erst in den Mund nehmen wollten. Andere wiederum wollten sie gleich aufessen, weil sie so appetitlich aussahen. Da brauchte es allerhand Überredungskunst, um sie davon abzuhalten. Nicht selten rutschte eine Spange auch in einen Salat oder in einen Kuchen oder in einen Auflauf und fiel dort gar nicht weiter auf, weil die Farben ohnehin miteinander übereinstimmten.

 

Groß war nur dann das Geschrei, wenn mal eine Spange zu Bruch ging. Das wurde teuer. Und die Tränen der armen Tierkinder hättet ihr einmal sehen müssen: Das waren nicht einfach ein paar Krokodilstränen, nein, wahre Sintfluten von Kummer und Leid, die sich da sturzbachartig auf den Boden ergossen.

 

War eine Spange kaputt, musste sofort eine neue her. Ja, einige Familien waren schon hoch verschuldet, weil ihre Mitglieder einen hohen Verschleiß an Spangen hatten. Und die Spangen mussten natürlich immer besser werden: Mit oder ohne Geschmack, mit Leuchtkeks oder ohne, mit Nachtbeleuchtung oder Weckfunktion und Hast-du-nicht-gesehen. Besonders Hast-du-nicht-gesehen war gerade der neueste Schrei.

 

Pandy sollte der erste Junghirsch in der Familie sein, der eine Zahnspange trug. Seine Geschwister hatten bisher noch keine bekommen. Und die waren mächtig neidisch auf ihn. Am liebsten hätte alle eine bekommen. Nur mit Mühe konnten Harry und Gabi ihre Kinder davon überzeugen, dass so eine Spange nicht zum Spielen hergestellt wurde, sondern aus gesundheitlichen Gründen. Auch zwackte so eine Spange mal hier und mal dort, und beim Sprechen war es auch meist unangenehm.

 

Bei Pandy war die Spange medizinisch nötig geworden. Auf die Spange war er ganz stolz und konnte es gar nicht erwarten. Brombeerblau sollte seine Spange aussehen – seine Lieblingsfarbe. Lange hatte er gezögert, ob genau diese Farbe die richtige sein würde, aber dann hatte ihn Frau Dr. Edelgard Eule, die seine Kieferorthopädin war, von gerade dieser Bläue überzeugt.

 

Und dann war es soweit. Mama Gabi nahm ihren Sprössling aus der Schule heraus und ab ging es in Richtung Zahnspange. Nur leider musste er vorher noch kurz bei einem anderen Doktor vorbei, dem Herr Dr. Siegfried-Sebastian Sägefisch, seines Zeichens der Hausarzt der Harry-Hirsch-Familie – mit einem deutlichen Hang zum Abschneiden der Schwierigkeiten, dem Säbelzahn halber. Pandy hatte nämlich schon seit Tagen Halsschmerzen. Und die kamen immer wieder und gingen nicht einfach wieder weg, sondern blieben. Aber es war wohl nur eine kleine Erkältung, jedenfalls keine Allergie, wie Herr Dr. Sägefisch meinte.

 

Und dann kam die Stunde aller Stunden, äh, die Minute aller Minuten, die Pandy so sehr herbei gesehnt hatte. Dr. Edelgard hatte das Objekt seines Wartens in einer golden schillernden Dose untergebracht, die früher einmal eine Butterdose war. Aber Dr. Edelgard kannte die Kinder und wollte, dass die Spannung bis zuletzt erhalten blieb. Sie sollten sich auf die besonders angefertigten Spangen besonders freuen. Immerhin sollten sie ja auch fast fünf Jahre getragen werden.

 

Frau Dr. Edelgard überreichte Pandy die Dose. Sein Herz klopfte bis zum Hals hoch. Was, wenn die Spange ihm nicht gefallen würde? Auf diese Frage kam er gar nicht. Alle waren schon wochenlang vorher auf ihn neidisch. Da war das Aussehen nicht entscheidend. „Hiel, liebstel Pandiel, hiel ist deine Schpange“, lispelte Frau Dr. Edelgard, denn sie war aus China nach Hirschhausen eingewandert und hatte zudem noch einen leichten Sprachfehler. Dabei war sie auf ihrem Gebiet eine Kapazität, wie man so zu sagen pflegt. Ohnehin war sie die einzige chinesische Keinohr-Nacht-Eule mit eingebautem Tiefblick. Ja, ihr habt gerade recht gehört: mit eingebautem Tiefblick.

 

Eulen sind ja bekanntlich Nachttiere, die des Nachts tief blicken müssen, ansonsten würden sie gegen den nächstbesten Baum fliegen. Wäre dem so, gäbe es keine Eulen mehr oder nur noch solche, die sich den Schädel, äh, den Kopf eingeschlagen haben. Nun gedachte aber Gott, dass die Eulen nicht so leiden sollen, jedenfalls nicht unter einem eingeschlagenen Schädel, so dass er ihnen den Tiefblick geschenkte. Dieser lässt sie auch bei tiefster Dunkelheit sehr tief blicken. Worin aber besteht nun der Unterschied zwischen dem normalen Tiefblick und dem eingebauten Tiefblick? Der eingebaute Tiefblick ist eine spezielle Züchtung des chinesischen Volkes bei Kein-, Ein- und auch sogar bei Zwei-Ohr-Eulen. Der eingebaute bzw. gezüchtete Tiefblick lässt die Eulen noch tiefer blicken als sie es ohne Züchtung täten.

 

Am besten sehen die Eulen dann tief, wenn sie nichts hören können. Wer sich nur auf das Sehen konzentrieren kann, weil er gleichzeitig nichts hört, sieht automatisch tiefer. Daher kam dann die Einohr- und die Keinohr-Eulen-Züchtung. Zuerst züchtete man die Ein-Ohr-Eulen, danach – aufgrund des großen Erfolges – die Keinohr-Eulen. Die können wirklich nicht hören. Aber weil sie so tief blicken können, sehen sie alles – auch bei Tage. Sie lesen einfach von den Lippen und Mündern ab, was der andere gerade gesagt hat. Und weil sie so wissend sind, können sie sich den Rest schon denken. Sprechen können die Keinohr-Eulen trotzdessen, wenn auch manchmal zu laut.

 

Pandy schaute Frau Dr. Edelgard verlegen an, aber nur sehr kurz. Es war immer irgendwie komisch, Frau Dr. Edelgard anzuschauen. Pandy und alle andere dachten, dass Frau Dr. Edelgard bis in den Grund ihrer Seele schauen könnte. So tief schien sie sehen zu können, dass die Patienten regelrecht in ihren Bann gerieten. Sie schien ihre Patienten wie eine Schlange hypnotisieren zu können. Deswegen blickten die meisten lieber zu Boden, was aber dazu führte, dass Frau Dr. Edelgard ihre Patienten nicht richtig verstand, weil sie ja die Lippen nicht lesen konnte.

 

Deswegen sagte sie dann immer: „Gnädigstel, hätten Sie bittel die Güte, mir Ihrel ungeteiltel Aufmelksamkeit zu schenken?“ Dazu lächelte sie dann ihrer süßestes und liebreichstes Eulenlächeln, und alles war wieder gut. Als Kiefernorthopädin kam es ihr auch weniger auf den Austausch von Worten an als mehr auf den rechten Durchblick im Kiefer. Zudem besaß sie eine bezaubernde junge Assistentin, die hinreißend süße Lieselotte, eine Lerche.

 

In Lieselotte hatte sich Pandy regelrecht verguckt, wie man so sagt, oder auch verknallt. Immer dann, wenn er sie sah, bekam er Herzklopfen. Und wenn er den Behandlungssaal betrat, sah er zuerst nach, ob das Liesl, wie sie halb neckend halb der Einfachheit halber genannt wurde, auch dabei war. Am liebsten hätte er die goldene Butterdose aus Liesl Händen in Empfang genommen, aber das war nicht der Fall.

 

Konnten die Patienten Frau Dr. Edelgard einmal nicht verstehen oder Frau Doktor ihre Patienten, dann half Lieselotte schnell und beherzt aus – mit einfachen Worten wie „Mund auf“ oder „Zunge raus“ oder „Bitte die Rechnung schnellst möglich begleichen“ oder Ähnlichem. Lieselotte war also im besten Sinne die rechte Hand von Frau Doktor. Und als sie einmal Urlaub hatte, was in den besten Familien zu geschehen pflegte, wusste Frau Dr. Edelgard nicht mehr, was sie tun sollte. Aber das geschah nur selten, immer dann, wenn es sich nicht umgehen ließ.

 

Lieselotte hatte nur einen kleinen, aber schwerwiegenden Fehler: sie war kurzsichtig. Und deshalb trug sie eine Brille, aber so eine richtig dicke, so eine, bei der man die Augen des Brillenträgers extra groß sehen konnte. Aber das machte nichts. Irgendwie kleidete es sie besonders, nicht nur ihren Schnabel. Das hatte so einen gewissen intellektuellen Schick. Dafür konnte sie so großartige Worte wie ‚ambulant’, ,Anästhesie’ oder ‚Rezept’ nicht nur sagen, sondern auch schreiben. Das bewunderte Pandy an ihr besonders, wollte er doch einmal Schriftsteller werden.

 

Besonders bei schweren Fremdworten würde er seine Mutter Gabi fragen und die pflegte zu sagen: „I have my Wörterbook daham“, was sie viel zu bedeuten hat, dass sie, also Gabi, ihr Wörterbuch zu Hause hätte. Lieselotte wusste noch viel mehr als nur ‚Orthopädie’ oder ‚Spritze’ fehlerfrei zu sagen und zu schreiben. Sie konnte auch gut mit Orchideen umgehen. Das wusste er von Lieselottes Freundin, der Friedericke. Die kannte er von der Schule her. Leider war Liesolette etwas älter als Pandy. Immerhin drei lange Jahre älter. Ob sie sich verstehen würden, wenn sie miteinander sprächen? Nun, bisher fiel zwischen ihnen kein einziges Wort, denn meist war Pandy einfach sprachlos, wenn er sie sah.

 

Nun hielt er also die goldene Butterdose mit seiner Zahnspange in der Hand. Wie sie wohl aussah? Bevor er sie öffnete, schaute er kurz zu Lieselotte hinüber, die am Waschbecken stand. Ja, sie schaute zu ihm, und sie sah seinen Blick. Er errötete leicht. Und nun nahm er sich ein Herz und schaute hinein. Ja, sie war genauso, wie er sich das gewünscht hatte. Die Zahnspange, meine ich. Ein tiefes Brombeerblau mit leicht rötlichem Glitzern. Ob Lieselotte das rote Glitzern hineingemischt hatte, fragte er sich. Wahrscheinlich werden die Zahnspangen gar nicht bei Frau Dr. Edelgard angefertigt, dachte er sich. Das wäre zu aufwendig für die kleine Zahnarztpraxis mit den zwei Behandlungsstühlen, den einen in Mausgrau und den anderen in Moosgrün. Und warum sollte sie das rote Glitzern hineintun? Lieselotte wusste doch gar nicht, dass er rotes Glitzern neben Brombeerblau liebte. Oder doch?

 

Gabi staunte. Was für einen guten Geschmack besaß doch sein Sohn: Brombeerblau und rotes Glitzern – nicht schlecht, Frau Specht. Am liebsten hätte sich Gabi die Zahnspange selbst in den Mund gesteckt, aber ihre Zähne waren soweit in Ordnung. Nur war ihr Gaumen zu eng, so dass sie im Schlaf schon ganze Mammutbaumwälder abgesägt hatte. Ihr Mann Harry wünschte nichts mehr als endlich wieder ganz normal neben seiner Angetrauten zu schlafen, was er schon seit gut zehn Jahren nicht mehr konnte – solange schnarchte sie sich den Ast ab und er flüchtete in das nächstbeste freie Bett.

 

Pandy war fasziniert, wie Kapitän Spock vom Raumschiff Enterprise sagen würde. Seine Zahnspange war noch schöner als er sie in den kühnsten Träumen erhofft hatte. Und: Sie hatte eine eingebaute Spülung. Er musste seine Spange nicht umständlich mit einer Zahnbürste und etwas Zahncreme scheuern, sondern drückte nur auf den grünen Knopf an der Seite – und schwups die wups war wieder alles sauber.

 

Pandy traute sich gar nicht, das neue Wunderwerk in Gebrauch, äh, in den Mund zu nehmen, so eingenommen war er von dem neuen Gebrauchsgegenstand. Wie seine Spange wohl schmecken würde? Schnell nahm er sie in den Mund. Wow, sie schmeckte nach Brombeeren und Lakritze, Pandys Lieblingsgeschmack. Er lächelte entspannt. Nun war alles in Ordnung. Nun sollten seine Zähne wieder in die richtige Stellung wachsen. Stolz sah er in den Spiegel, den ihm Lieselotte hinhielt und lächelte sie an. Sie lächelte zurück. Auch Frau Dr. Edelgard war es zufrieden und hielt Mama zwei Zettel hin: einen für den nächsten Termin und einen mit der ersten Rechnung, denn die Spange musste anteilig von den Eltern bezahlt werden, den Rest gab die Krankenkasse dazu.

 

Stolz wie Oskar strahlte Pandy auf der Straße die Leute nur so um die Wette an wie sonst selten. Nicht, dass er sonst nichts zu lachen hätte, nein, weit gefehlt. Aber er war so froh, endlich eine Spange sein eigen zu nennen wie all die anderen Kinder in der Schule. Die Leute auf der Straße dachten, dass er gerade im Lotto eine Million Euro gewonnen hätte, was für ein kleines Kind kaum möglich ist. Er fühlte sich fast so gut wie an dem Tag, als er Gott sein ‚Ja’ geschenkt hatte, aber das ist wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

Pandy sprang wie ein junger Windhund vor seiner Mutter hin und her. Sie musste dauernd lächeln, weil sich ihr zweitgrößter Junge so über seine Spange freute. Die Rechnung von Frau Dr. Edelgard war natürlich nicht so lustig, aber es würde schon gehen. Hauptsache war, dass Pandy seine Behandlung mit der Spange nicht abbrach oder sonst wie Dummheiten damit machte. Alles andere würde sich schon irgendwie einrenken.

 

Da plötzlich hörte er ein Geräusch. Es klang wie von rhythmischen Tönen, die sich nur schwer artikulieren ließen. Irgendwie säuselte es – ganz in seiner Nähe. Pandy drehte sich unwillkürlich um. Aber da war niemand – außer seiner in sich versunken wirkenden und ständig lächelnden Mutter, die gar nicht mitbekam, wie er sich zu ihr umdrehte.

 

Da, da war es schon wieder das Geräusch. Kam es von oben? Pandy schaute in den Himmel. Dabei sah er kurzzeitig in die Sonne und musste blinzeln. Wollte gerade ein Vogel mit ihm sprechen? Aber weder Eduard, die Elster, noch Gottschlich, die Gans, waren zu sehen. Weil er so mit sich beschäftigt war, stolperte er. Dabei hätte er beinahe seine Spange ausgespuckt, so stark fiel er nach vorne.

 

Wieder hörte er das Geräusch. Es kam aus seinem Mund: „Hey, kannst du nicht aufpassen? Beinahe hättest du mich ausgespuckt. Ja, du, ich spreche mit dir.“ Nun fiel es Pandy wie Schuppen aus den Augen. Die Töne kamen aus ihm selbst, aus seinem Munde, und es waren Worte. Aber wer sprach da mit ihm? „Hey du, kannst du auch mal was sagen?“, hörte er die Stimme wieder sprechen, die nun richtig ärgerlich schien.

 

Pandy überlegte fieberhaft: Woher kam die Stimme? Ihm fiel ein, dass er sie erst hörte, als er die Arztpraxis von Frau Dr. Edelgard verlassen hatte. Knurrte vielleicht sein Magen so sehr, dass es zu Vibrationen der Zunge kam? Aber er hatte gar keinen Hunger. Oder konnten die Bakterien auf seiner Zunge plötzlich sprechen? Er hatte nämlich vergessen, sich die Zähne zu putzen. Nein, die waren zu klein dafür. Oder hatte er zu wenig geschlafen, so dass er etwas zu müde war? Auch nicht. Er kam ja geradewegs aus dem Wochenende, und da schlief er mehr als genug. Was also kann es gewesen sein, was sich geändert hatte?

 

Oder war vielleicht Mike, die Mücke, in seinen Mund hinein geflogen und kam jetzt nicht mehr hinaus? Aber Mike, die Mücke, lag gewiss geradewegs auf Siegfrieds Fell und döste vor sich hin, nachdem er sich an des deutschen Schäferhundes Blut gelabt hatte, was diesen nicht weiter störte.

 

Da war es wieder, das Geräusch. „Pandy“, rief es da, „Paandy, so heißt du doch wohl, oder? Sag’ doch endlich was?“ „Was“, schrie Pandy vor Entsetzen, „waaas ist daaasss?“ Die Leute auf der Straße schauten sich verstört nach dem Junghirsch um: Hatte der einen in der Glocke, äh, im Geweih? Auch Mama Gabi kam sofort angerannt und meinte sorgenvoll: „Was ist los, mein Sohn? Schmeckt dir die Zahnspange nicht, oder was?“ Jetzt hatte es bei ihm gezündet:  Die Zahnspange musste es sein, die Spange sprach mit ihm. Eine Spange, die sprechen kann? Das war zu irre, um in der Öffentlichkeit ausposaunt zu werden. Sollte er seine Vermutung seiner Mutter erzählen? Die würde ihn gewiss verlachen. Also schwieg er.

 

„Mama“, sagte Pandy in möglichst ruhigem Tonfall, dabei leicht lispelnd, weil er das Sprechen mit Spange noch nicht so gut beherrschte: „Mama, alles roger, äh, alles piesematokelhaft, äh, alles in Ordnung, glaub’ mir.“ Dabei setzte er sein allersüßestes Hirschel-Lächeln auf, das seine Mutter normalerweise in Misstrauen versetzte. Diesmal aber lächelte sie zurück und streichelte ihm seine Mähne, die etwas zu lang war, weil er zum Frisör hätte gehen sollen. „Ist schon gut, mein Sohn“, sprach sie beschwichtigend, „ist schon gut. Schmeckt dir die Spange eigentlich?“

 

Die Spange, schmeckte sie ihm eigentlich? Gute Frage. Diese Frage hatte er sich bisher noch nicht gestellt. Also leckte er vorsichtig an dem Ding, das soeben mit ihm gesprochen hatte. Die Spange schmeckte angenehm nach Brombeeren, seinen Lieblingsfrüchten. Dabei kitzelte etwas an seiner Zunge, so dass er beinahe anfing zu lachen. Das wäre aber seiner Mutter noch rätselhafter vorkommen, weshalb er den Lachreiz unterdrückte. Das wiederum führte zu einer sehr komischen Grimasse und machte Gabi dann noch sorgenvoller: „Mein Sohn, du machst heute Mittag mit mir deinen Mittagsschlaf ohne Wenn und Aber.“ Normalerweise protestierte Pandy daraufhin heftig, war er doch schon fast neuneinhalb Jahre alt. Nun fügte er sich seelenruhig in sein Schicksal.

 

„Ja, Mama“, hörte Pandy sich sprechen, „ja, natürlich mache ich meinen Mittagsschlaf, aber in meinem Bett.“ Gabi schaute ihren Zweitältesten interessiert an. Weil Harry derzeit auf Weltreise mit Dragomir war, durfte Pandy ausnahmsweise neben ihr im Ehebett schlafen. Das tat er sehr gerne, auch wenn Gabi schon mehrere Urwälder im Schlaf zersägt hatte. Warum nur wollte er jetzt nicht neben ihr schlafen? Nun ja, dachte sie sich, er wird halt langsam erwachsen, mein großer Junge, und möchte lieber alleine schlafen.

 

Pandy übersah den mütterlichen Blick. Er war nun ganz in Gedanken versunken. Die Welt außer seinem kleinen Hirschkopf schien nicht vorhanden zu sein. Seine Spange sprach nicht nur mit ihm, sondern kitzelte auch ganz gewaltig im Gaumen und an der Zunge. Es schien fast so, als würde sie sich in seinem Munde bewegen: Eine Spange, die spricht und sich bewegt, au Backe, das kann ja heiter werden, dachte er sich.

 

Einsilbig schlang er das Mittagessen in sich hinunter. Er war ohnehin mit seiner Mutter alleine. Seine Geschwister waren entweder noch in der Schule oder im Hort. Sogleich ging er ins Bad und putzte sich die Zähne sowie seine Spange. Das war an und für sich des Lobes wert, fiel aber ob seiner Einsilbigkeit nicht weiter auf.

 

Sofort ging er ins Bett und schloss beide Türen seiner beiden Kinderzimmer. Warum Pandy zwei Kinderzimmer hatte und nicht eines allein, ist wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll. Normalerweise drückte er sich möglichst lange darum, in die Falle, genannt ‚The fall’, zu gehen. Diesmal wollte er schnell ins Bett, um seine Ruhe zu haben. Die Spange nervte ihn inzwischen zusehends.

 

„Hey, du blödes Ding“, begann Pandy die Konversation, „warum nervst du so? Du kannst doch nicht einfach anfangen, mit mir zu sprechen. Und dann kitzelst du die ganze Zeit: Weshalb?“ Das waren Fragen über Fragen. Seine Spange war ob dieses Wortschwalles sichtlich überfordert. Schweigen trat ein. Was sollte Pandy nun tun? Hatte es seiner Spange die Sprache verschlagen? Hatte er sich gar getäuscht und hatte seine Spange gar nicht mit ihm gesprochen? Fragen über Fragen. Da hörte er ein leises Wimmern, das langsam zu einem deutlichen Weinen anhob.

 

„Keiner versteht mich“, wimmerte die Spange, „keine Seele auf der ganzen, ganzen weiten Welt, ahu, aaaahhhhuuuuu!“ Pandy nahm die Spange aus dem Munde. „Wie heißt du?“, wollte er sanft wissen. „Frank-Fridolin-Friedrich III.“, gab die Spange zurück, „ich bin gar keine Spange, sondern ein verzauberter Frosch.“ Pandy verschlug es die Sprache: „Du bist was?“ „Ein verzauberter Frosch“, erwiderte die Zahnspange seelenruhig, als wäre es das Allerselbstverständlichste, dass eine Zahnspange sprechen und in ihrer tiefsten Seele ein Frosch ist.

 

Pandy war baff und es verschlug ihm die Sprache, und das will schon etwas heißen. Immerhin war der Zweitälteste der Harry-Hirsch-Familie in sehr viele und sehr gefährliche Abenteuer verwickelt, die er mit großer Bravour gemeistert hatte. Was sollte er zu dieser Froschspange, äh, diesem Spangenfrosch, ach-was-weiß-ich, dieser froschartiger Zahnspange auch sagen? Nichts? Eben. Also schwieg er. Auch der spanige Frosch schwieg, äh, die zahnige Spange, äh, weiß-der-Kukuck-was.

 

„Kannst du mir helfen“, hauchte Frank-Fridolin-Friedrich III. sanft in Richtung Pandy. „Mal sehen“, versetzte dieser etwas mürrisch. „Naja, das ist alles ganz einfach. Also da ist Gundula, die Kranichdame. Die hat Frösche wie mich zum Fressen gern, besonders zum Mittagessen. Aber nur nacheinander. Wenn sie einmal zu viele von uns gefangen hat, dann legt sie uns ein: in Essig, in Wein, in Knoblauch oder in Honig. Im letzten Sommer gab es zu viele von uns. Da war ihre ganze Vorratskammer schon ganz voll. Wohin sollte sie uns dann auch packen? Alle ihre Gläser und Töpfe waren schon voll. Da setzte sie uns in ihre Badewanne. Und dann geschah es…“

 

Frank-Fridolin-Friedrich III. machte eine kleine Pause, um tief durchzuatmen und neuen Mut zu schöpfen. Was nun kommen würde, raubte ihm die Sinne. „Und dann kam…“, er musste wieder Luft holen, „und dann kam sie… dieses Monster… von einer Minute zur anderen… hat uns Frösche einfach in Messer und Gabeln und Zahnspangen verwandelt… einfach so… patsch… peng… weg waren wir… hhhhhuuuuhhhhuuuuu…“

 

Nun ging gar nichts mehr. Frank-Fridolin-Friedrich III. war fertig mit seiner Welt. Er wollte eigentlich in vierzehn Tagen seine Gisela heiraten, ihres Zeichens ein Teichfräulein vom Allerfeinsten. Und nun war er eine Zahnspange, wenn auch eine sehr attraktive, und sie wurde ein Topf, wenn auch ein sehr großer, für Suppen. Wie sollten sie da je wieder zusammen finden?

 

Pandy schossen die Gedanken nur so um den Kopf und in dem Kopf herum, wie gut, dass es nur Gedanken waren und keine Gegenstände. Alles drehte sich um die eine Frage: Wer war dieses ‚Monster’? Und: Wie konnte diese elende Zauberei nur beendet werden? Wieder gab es Fragen über Fragen. Nicht zuletzt würde die Lösung des Rätsels ihn wohl um seine heiß geliebte Spange bringen, denn dann wäre sein brombeerblaues Glitzerding nicht mehr eine Zahnspange, sondern ein Frosch, und nicht irgendein Frosch, sondern Frank-Fridolin-Friedrich III.

 

Wie sollte Pandy seiner Mutter beibringen, dass seine nigelnagelneue Zahnspange plötzlich zu einem Frosch geworden ist? Nun hatte er einen Geistesblitz, ja, einen echten Blitz in seinem Geiste. Das soll vorkommen, sogar in jungen Jahren. Natürlich ist es nicht einfach, so einen echten zünftigen Geistesblitz im zarten Alter von nur neun Jahren, pardon, neuneinhalb, zu verkraften. Der konnte einem unerfahrenen Menschen, äh, Hirschen dermaßen zu Kopfe steigen, dass man nicht recht weiß, wo einem derselbige gerade steht. Aber Pandy war ein bodenständiger Junghirsch und vertraute Gott – und nicht so sehr sich selbst.

 

Pandy nämlich hatte eine Idee: Zero. Zero wohnte doch gleich nebenan, im Nachbarhaus, als es jüngst frei wurde. Was musste Pandy also tun? Nichts weiter, als bei der ersten besten Gelegenheit zur Zero-Familie hineinspazieren und mit ihnen Kaffee und Kuchen trinken. Und da kam sie auch schon, die Gelegenheit meine ich – in Gestalt seiner Mutter. „Pandy“, rief sie fröhlich, „willst du mit uns Kaffee trinken?“ „Nein, Mama“, erwiderte er, „ich muss mal kurz zu Zero rüber und ihn etwas fragen.“ „Du kannst ihm ja deine neue Zahnspange zeigen, das wird ihn sicher freuen. Und nimm bitte die Pampers für Zickezacke mit“, meinte Gabi schon leicht abgewandt, weil sie gerade dabei war, den Kaffee zu brühen. Zickezacke war das neueste Erzeugnis der Zero-Familie – ein zauberhafter Igel, ein Sprössling eines Zauberers mit einer Igeldame. „Na klar, mach’ ich doch sofort, Mama“, antwortete Pandy aufmerksam, wenn auch geistesabwesend. Er dachte die ganze Zeit daran, wie er Frank-Fridolin-Friedrich III. helfen konnte.

 

Beinahe hätte er ihn vergessen, nämlich auf seinem Bett. Dort hatte er ja zuletzt mit ihm gesprochen. Irgendetwas hatte Frank-Fridolin-Friedrich III. gerade in seinen nicht vorhandenen Bart genuschelt, da stiefelte Pandy auch schon über die Straße, geradewegs auf Zero zu. Der stand in seiner Haustür und wollte den Kaffeetisch im Garten decken. „Hey, Pandy“, rief er gutgelaunt, „willst du Kaffee und Kuchen mitessen?“

 

Natürlich wollte Pandy und nickte Zero freundlich zu: „Ja, klar, ich wollte sowieso zu euch kommen. Hier sind die Pampers für Zickezacke.“ Pandy lud den Karton mit den Windeln am Hauseingang ab. Er wollte mit Zero alleine sein, um mit ihm über seine sprechende Spange zu reden. Zero sagte: „Prima, Pandy, wir beide sind ohnehin alleine, weil Ingeborg mit dem Kleinen gerade beim Kinderarzt ist, nur eine Gewohnheitsuntersuchung.“

 

Pandy fiel ein Stein vom Herzen. Er wollte wirklich nicht unnötig andere Leute in seine Schwierigkeit mit Frank-Fridolin-Friedrich III. hineinziehen. Schon saßen sie um den Kaffeetisch: eine Milch für ihn und ein Stück Kuchen für Zero. Pandy kam nach dem Tischgebet gleich zur Sache: „Zero, hast du schon mal eine Zahnspange in einen Frosch zurückverwandelt?“ Zero runzelte die Stirn und begann, große Augen zu machen. „Pandy, du redest von einer Zahnspange – etwa in deinem Mündchen?“ „Ja klar redet Pandy von der Zahnspange in seinem Mund, nämlich von mir, was dagegen?“, meldete sich Frank-Fridolin-Friedrich III. Er hatte als Frosch eine nicht so gute Kinderstube verlebt und war deshalb nicht so sehr höflich – etwas zu sehr ohne jede Umschweife und zu direkt, um es freundlich auszudrücken.

 

„Wow“, fasste sich Zero nach etlichen sprachlosen Zehntelsekunden, „eine sprechende Zahnspange, das ist ja lustig. Pandy, ich werde dir helfen.“ Nun endlich sah Pandy nicht mehr so verzweifelt drein und schöpfte Mut. „Lustig ist das aber ganz und gar nicht. Das ist einfach nur schrecklich, eine Froschseele in diesem komischen Plastikdrahtgeflecht zu haben“, machte sich F-F-F III. wieder bemerkbar.

 

Vorsichtig nahm Pandy seine Spange aus dem Mund und legte sie sanft auf den Kaffeetisch. Zero überlegte schon die ganze Zeit, wie der Zauberspruch für die Rückverwandlung der Spange in einen Frosch lautete, aber er war ihm entfallen. Normalerweise kamen die Wünsche ganz spontan, die er dann sozusagen nur auszuführen brauchte. Bisher kam niemand auf ihn zu, um seinen Wunsch erfüllt zu bekommen. Auch musste er seiner Frau versprechen, in Zukunft nicht mehr zu zaubern; denn da gab es ja in der Vergangenheit verschiedene Schwierigkeiten, die zu einigen Verwicklungen führten.

 

Zwar fiel ihm ein, wie er F-F-F III. in einen Staubsauger oder in einer Mohrrübe oder in eine Lokomotive verwandeln könnte, aber eben nicht in einen Frosch. Da musste er wohl oder übel erst einmal seine alten Zauberhandbücher wälzen. Und das konnte dauern. Die hatte er nämlich im Keller ungeordnet eingelagert. Eigentlich wollte er nie wieder zaubern. Ohnehin war das Leben mit seiner Ingeborg so ungetrübt glücklich, dass er auch ohne die Zaubereien gut auskam.

 

„Pandy“, rückte Zero mit der Wahrheit langsam heraus, „ich will dir gerne helfen, aber das ist nicht so einfach. Einfacher wäre es fast, wenn du Frank-Fridolin-Friedrich III. einreden könntest, er wäre ein Frosch, der nur aussieht wie eine Zahnspange. Eigentlich hat er ja die Seele eines Frosches, nur eben das Aussehen einer Zahnspange.“ Pandy bekam große Augen. Seine letzte Hoffnung schien vollkommen zu zerplatzen. Dabei hatte er sich das so einfach vorgestellt: Einfach über die Straße rüber gehen – und die Schwierigkeit löst sich in Luft auf. „Zero, meine Eltern wissen noch gar nichts von dem Malheur. Wenn du mir jetzt nicht helfen kannst, dann muss ich es ihnen erzählen. Und dann wird das Ganze auch nicht einfacher.“

 

„Ja, da hast du Recht“, meinte Zero nachdenklich, „aber da ist mir etwas eingefallen. Mein alter Zauberlehrer, Zacharias Graf von Zottkewitz von Simsalabim und zu Zauberhausen in dem Grabmahl, lebt noch. Der müsste auch noch alle Bücher bei sich zu Hause haben. Weißt du was? Ich schicke ihm einfach mal eine E-Mail, vielleicht haben wir Glück.“ Sprach’s und zückte seinen Laptop. Weil er einen WLAN-Router hatte, konnte er es sogleich draußen im Garten machen.

 

Und – Zero hatte Glück. Zacharias Graf von Zottkewitz von Simsalabim und zu Zauberhausen in dem Grabmahl war auch gerade online und antwortete sogleich. Telefonisch konnte man ihn nicht erreichen, weil er taub war. Aber schreiben konnte er. Allerdings war er etwas überrascht und wollte sich erst bei Zero vergewissern: Es sollte eine Zahnspange in einen Frosch zurückverwandelt werden? Zero bejahte. Da müsse er erst einmal die Zauberhandbücher und sein Standardnachschlagewerk befragen, erwiderte Zacharias Graf von Zottkewitz von Simsalabim und zu Zauberhausen in dem Grabmahl: Wie viel Zeit sie denn hätten? Zero trat der Schweiß auf die Stirn. Er kannte seinen alten Zauberlehrer sehr genau. Wenn er erst einmal anfing, in seinen kilometerlangen Gängen seiner außerordentlich exzellenten Privatbibliothek zu suchen, dann würde er vor einem Monat nicht wieder das Tageslicht sehen.

 

Zacharias Graf von Zottkewitz von Simsalabim und zu Zauberhausen hatte seinen Zusatz ‚in dem Grabmahl’ bekommen, weil er sich in den Katakomben des alten Friedhofs bei Zauberhausen einquartiert hatte. Genauer gesagt bewohnte er das ausgedehnte Grabmahl von Luigi Zucchini, dem größten je lebenden Zauberer, dem zu Ehren die Zauberer eine riesenhafte Grabanlage schufen. Würden sie nun den Kontakt zu Zacharias Graf von Zottkewitz verlieren, hätten sie eine Antwort erst in einem Monat – dafür natürlich aller genauestens, mit sämtlichen Randzaubersprüchen. Nur leider wäre das Dokument, das der gute alte Zauberlehrer dann hervorbringen würde, kaum lesbar, weil Zacharias Graf von Zottkewitz über eine ausgeprägte Sauklaue von Handschrift verfügte, die niemand sonst lesen konnte als seine Ehefrau Mathilde. Diese gute Dame war aber schon seit Monaten in den Gängen der Grabanlage nicht mehr gesehen worden.

 

Zero stand der Schweiß nicht mehr alleine auf seinem schütteren Haupte, sondern floss in Strömen von eben demselben hinunter, nein, er schoss herunter. ‚Nein, mein verehrter Lehrer, wir haben keine Zeit zu verlieren. Dabei fällt mir ein: Ich könnte die Zahnspange in etwas Anderes verwandeln, um ihn dann in einen Frosch zurück zu verwandeln. Wie wäre es z.B. in einen Fußball?’ Die Antwort des verehrten Lehrers ließ nicht lange auf sich warten. ‚Na klar’, schrieb er: ‚Erst in einen Fußball, dann in einen Frosch. Der Zauberspruch lautet ganz einfach: ‚Werd zum Fußball du, SU-SU-SU-SU’. Und die Rückverwandlung ist auch ganz einfach: ‚Fußball nix da mehr, du sein Frosch allzu sehr’.’

 

Pandy und Zero waren begeistert. Das war wirklich ganz einfach. In einer Minute müsste das geklappt haben. Pandy nahm gerade seine Spange heraus – da war plötzlich der Bildschirm von Zeros Laptop schwarz wie ein Bärenhintern. „Au warte, Pandy, mir schwant Übles“, machte Zero seinem Herzen Luft: „Wie lauteten die Zaubersprüche doch gleich?“ Pandy wurde etwas käsig im Gesicht. Eben schien noch alles in wenigen Sekunden zu Ende zu sein, nun drohte Ungemach.

 

Zero schaute Pandy fest ins Gesicht. „Großer“, sagte der weltberühmte Zauberer, „gleich haben wir’s. Leider ist mein Gedächtnis nicht so gut, wie meine Zauberkunst. Also machen wir es nicht ganz genauso wie es mein verehrter Lehrer gewollt hat, aber fast ganz genauso. Wir verwandeln einfach Frank-Fridolin-Friedrich III. in einen… in einen… in einen Kuchen. Genau. Der Kuchen, den du vor dir siehst, ist auch so ein Zauberkunststück. Okay?“

 

Pandy nickte. Es war ja auch egal, ob F-F-F III. in einen Fußball oder in einen Kuchen verwandelt würde. Hauptsache war nur, dass der Kuchen dann in den Frosch zurückverwandelt würde. Zero murmelte schon die ganze Zeit irgendwelche Worte unterhalb seines imaginären Bartes in seinem Munde. „In welchen Kuchen soll ich ihn verwandeln?“, überraschte Zero den in Gedanken versunkenen Pandy: „In eine Schwarzwälder Kirschtorte.“ „Uhh“, entgegnete Zero, „leichter geht es nicht? Na, man tut, was man kann. Mal sehen, ob es klappen wird.“

 

Sprach’s und fing an, die Zahnspange zu fixieren: „Sumsulubum, du su nun u Black forrest cherry cake.“ Es tat sich leider nichts. Nur Frank-Fridolin-Friedrich III. fing an zu sprechen, wobei ‚Sprechen’ ein freundlicher Ausdruck für Zetern war: „Was habe ich da gerade gehört? Ihr wollt mich in eine Schwarzwälder Kirschtorte verwandeln? Ich hasse Kirschen. Lieber wäre mir, wenn es ein Streuselkuchen wäre.“ Entgeistert schauten beide die Spange an: Zero, weil ihm so ein Malheur noch nie passiert war, und Pandy, weil er endlich die Spange nicht mehr sprechen hören wollte.

 

Aber Frank-Fridolin-Friedrich III. blieb weiterhin, was er seit einem Monat war: ein verzauberter Frosch. Da war nichts dran zu rütteln. Was konnte Zero nur falsch gemacht haben? Zero wurde erst rot, dann rosa und schließlich käsebleich. Fieberhaft überlegte er, was er nur falsch gemacht haben könnte. ‚Richtig’, dachte er, ‚statt sumsulubum, hätte ich simsalabim sagen sollen, eigentlich ein Anfängerfehler. Warum aber machte ich überhaupt diesen Fehler? Stimmt, wenn es mit dem Internet nicht klappt, werde ich nervös. Also versuche ich es noch einmal, wird schon schief gehen.’

 

Zero gab Pandy ein Zeichen. Und er legte seine heftig protestierende Zahnspange mitten auf den Kuchentisch: „Ihr Schurken, mich, den edlen Spross eines alten Adelgeschlechtes von frei springenden und freiheitsliebenden Quak-Quik-Quok-Quuk-Fröschen, in eine Schwarzwälder Kirschtorte verwandeln – oh Schreck, oh Weh!“ Sprach’s und fiel in Ohnmacht. Nun hatten Pandy und Zero endlich ihre Ruhe. Zero ergriff die Gelegenheit beim Schopfe: „Abrakadabra, äh, Simsalabim, di si nin i Black forrest cherry cake.“ Vor ihnen lag nun eine herrlich duftende Torte, tatsächlich eine Schwarzwälder mit Kirschen. Dass der Zauberspruch auf Englisch lautete, hatte nur etwas damit zu tun, dass die internationale Zaubersprache einfach zu zauberhaft klingt, weshalb man sich, der Einfachheit halber, auf Englisch geeinigt hatte.

 

Pandy und Zero staunten. Da lag sie nun, die Hoffnung ihrer Träume. Sie würde gut munden. Noch bevor sie mit dem Staunen zu Ende waren, wurden sie allergrößter Gefahr gewahr, nur leider zu spät. Alf, das Eichhörnchen, sprang von seiner Tanne mitten auf die Torte. Schon hatte er sich die erste Kirsche oral einverleibt. Als er sich die zweite gleich hinter her in das Mäulchen stecken wollte, herrschte ihn Pandy an: „Nein, Alf, nein, das ist doch Frank-Fridolin-Friedrich III., ein Frosch von altem Adel und Tadel, äh, von altem Schrott und Korn, nein, von allen guten Geistern verlassen…Nein, wie auch immer: Gib die Kirschen wieder her, die gehören dir doch nicht.“

 

Doch Alf, der alte Schlawiner, war schon wieder in den Baumwipfeln der alten Tanne verschwunden. Da Alf sich genau mit seinem Popo in der Torte sanft und weich herunter plumpsen ließ, hatte die Torte sehr gelitten, wenn auch zunächst nur in ihrem Aussehen. Die beiden Kirschen waren unrettbar verloren. Würde Frank-Fridolin-Friedrich III. jemals wieder zu neuem Leben erweckt werden?

 

Probieren, so lautet eine alte Zaubererweisheit, geht über Studieren, oder auch: Wer wagt, gewinnt. Offensichtlich hatte dieser kurze Zwischenfall der Seele des armen Frank-Fridolin-Friedrich III. den Rest gegeben. Jedenfalls verfärbte sich die tiefrote Torte in einen gelbgrünlichen Farbton, der nicht mehr hübsch anzusehen war. Der edle Frosch sah nun aus wie ein alter verschimmelter Auflauf namens Lasagne.

 

Todesmutig setzte Zero zum Endkampf an: „Simsalabim“, hatte er sich gemerkt, „do so non o Frog.“ Ein sterbensbleicher Frosch lag vor ihnen, der nun einen Querstreifen in Pink zusätzlich hatte, auch fehlten ihm beide Ohren. Was sollten sie machen? Noch war er aus seiner Ohmmacht nicht erwacht. Wüsste er, dass der Zaubervorgang etwas unplanmäßig verlief, so wäre er vielleicht sehr ungehalten und würde die beiden gar auf Schadensersatz verklagen. Aber andererseits: Sie hatten ihr Bestes gegeben, einen unrühmlichen Zustand zu beenden, für den sie ja nichts konnten. Besser ein Frosch als eine Zahnspange oder eine Schwarzwälder Kirschtorte.

 

Damit Frank-Fridolin-Friedrich III. keinen weiteren Schaden nahm oder gar von einem anderen Tier aufgefressen würde – Sansibar, der Haus- und Hofstorch der Zero-Familie stolzierte inzwischen verdächtig nahe um die Kaffeetafel –, überdeckten sie ihn mit einem Salatblatt. Etwas unsicher schauten sie einander an… dann mussten sie lauthals lachen: Ein Frosch ohne Ohren mit einem Farbstreifen in Pink – das hatte ja noch niemand gesehen.

 

Durch ihr Losprusten wurde der gute F-F-F III. natürlich geweckt und schaute unter dem Salatblatt vorsichtig hervor. Da sah er nur, wie Pandy und Zero ohne Ende lachten. Dahinter sah er Sansibar, den Storch, wie er gerade im Munde Flüssigkeit entwickelte, weil er Appetit auf ihn bekam.

 

„Messieur, meine Heeerrren, isch bittääh darum, miar zu sahgnn, warum ihr so laacht?“, versuchte sich Frank-Fridolin-Friedrich III. bemerkbar zu machen. Sofort blieb ihnen das Lachen im Halse stecken. „Äh, lieber Frank-Fridolin-Friedrich III., äh, wie soll ich es dir sagen, äh“, stotterte der arme Zero los. Pandy half ihm: „Du bist wieder ein Frosch, lieber Frank-Fridolin-Friedrich III., nur leider ohne Ohren und mit einem rosa Streifen auf der Brust.“

 

Frank-Fridolin-Friedrich III. verdrehte die Augen, wie ein Frosch, wenn es blitzt: „Isch, isch habähhh keine Oooohren und kann doch öööhren? Und einen rosa Strich auf där Bruuust?“ Die beiden Zauberlehrlinge erwarteten nun ein Donnerwetter. Aber nichts davon geschah, im Gegenteil, Frank-Fridolin-Friedrich III. fiel den beiden um den Hals. Besser gesagt: Er tat so, als fiele er, immerhin waren beide Hälse, Pandys und Zeros, etwas größer als seine Patschhändchen.

 

Pandy und Zero schauten sich an und waren merkwürdig berührt, weil sie nicht wussten, was sie davon halten sollten. War der gute Frank-Fridolin-Friedrich III. gar übergeschnappt, sogar wahnsinnig geworden? Oder hatte er einen Sonnenstich? „Frank-Fridolin-Friedrich III., warum freust du dich so?“, wendete sich Pandy zaghaft, aber voller Neugier an den rückverwandelten Frosch.

 

„Daaaasss ist doch klaaaar, mein liebär Pandy: Isch liebe Pink, und öhhrren kann isch auch gut ohne diese blöden Muscheln, die stören eh nur beim Tauchen. Denn nun werden isch Schwimmeuropameister im Großen Teich – ohne diese blöden Ohrmuscheln – Dankeschön, mein beiden Lieben“, sprach der überglückliche Frosch und verneigte sich am Schluss sogar tief bis zum Boden. Mit einem Haps wäre er beinahe justamente von Sansibar, dem Storch, verschlungen worden, aber das ist wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll. Sie retteten den lieben Frosch vor Sansibar, indem sie ihn in ein Marmeladenglas einschlossen.

 

Nun musste die zweite Schwierigkeit gelöst werden. Pandy hatte ja keine Spange mehr. Aber  Zero war gerade in Übung. Weil nur Gott aus dem Nichts etwas schaffen konnte, mussten die Zauberer etwas schon Vorhandenes nehmen, um es zu verwandeln. Meistens nahmen sie einen Stein oder ein Stück Holz, also einen toten Gegenstand. So vermieden sie es, irgendjemanden zu verärgern. Pandy überlegte sich schon die ganze Zeit fieberhaft, was er in seine Spange verwandeln könnte. Er besaß eine große Steinsammlung, aber die war für ihn sehr wertvoll, weil sie aus Halbedelsteinen bestand. Dann hatte er eine nicht weniger große Sammlung von Spielzeugautos; aber auch von dieser Kollektion mochte er nichts hergeben. Blieben nur noch seine Briefmarken übrig, die er von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. Richtig, da konnte er einige von nehmen; manchmal fehlte ein Zacken, und dann war die Briefmarke wertlos. Weil er ein so großer Jäger und Sammler war, wollte er am liebsten gar nichts in den Müll entsorgen, außer seine liebe Mama legte es ihm dringend ans Herz.

 

„Zero“, setzte Pandy etwas zaghaft an, „kannst du auch aus einer Briefmarke eine Spange zaubern? Ich kann mich von meinen restlichen Spielzeugen nicht trennen.“ Die Antwort Zeros erstaunte ihn: „Na klar, mein Großer, na klar kann ich. Ich hätte sogar aus deinem Haar eine Spange zaubern können. Beim Zaubern kommt es ja nicht auf das Material an, sondern auf die Zauberkraft. Du wirst schon sehen.“ Zero zwinkerte Pandy aufmunternd zu. Dann legt er los.

 

„Abrakadabra, der Markenbrief, äh, der Brief der Marke, äh, der Markus des Briefus, äh Mist, ich bin ganz durcheinander“, sprach Zero und da war die Briefmarke zu einem ansehnlichen Misthaufen geworden und Zero ganz durcheinander. Einen Misthaufen in eine Spange zu verwandeln, war natürlich schon deutlich schwerer und vor allem unappetitlicher. Allzumal sich eben derselbe unmittelbar vor ihren Nasen befand. Als Zero den Zauberspruch sprach, dachte er dabei an Taubenmist und eben derselbe befand sich auf dem Tisch.

 

„Pandy“, bat Zero, „Pandy hast du vielleicht ein Haar für mich? Nur ein klitzekleines Härchen?“ Natürlich hatte Pandy mehr als genug. Sie waren sogar ziemlich lang, da der Junghirsch einen kleinen Schwanz am Hinterkopf hatte. Bedingung für das Zaubern war, dass der Zauberer genau sah, was er verzaubern wollte. So konnte er nicht Bertram, die Bakterie, oder Monika, die Mikrobe, oder Nikolaus, das Nachtgespenst, verzaubern, weil er sie gar nicht sah.

 

Unter Anspannung aller seiner Kräfte versuchte sich Pandy, ein Haar auszureißen. Das wollte nicht gelingen. Pandy hatte eine natürliche Scheu vor Schmerzen, wie viele andere seines Alters. Er brachte es einfach nicht über sein Herz. „Okay“, rief Zero nach einer halben Stunde vergeblicher Liebesmüh aus, „okay, so nehme ich ein Haar meines Bartes. Aber damit habe ich noch nie gezaubert. Wer weiß, was damit geschehen wird?“

 

Er legte sein silbernes Barthaar auf den Kuchenteller und überlegte einen Augenblick. Erst musste er ja noch den Misthaufen entfernen, was er mit einem anderen Zauberspruch tat, der hier aber nicht verraten werden soll. Nun hatte er sich gesammelt und öffnete den Mund – da war das Haar verschwunden. Ein Lufthauch hatte es wohl hinfort getragen. Zero lief langsam, aber sicher rot an. Jetzt war gerade die Sonne am Untergehen und Kleinigkeiten hinderten ihn daran das zu tun, wofür er normalerweise keine fünf Minuten brauchte.

 

Unbeherrscht raufte er sich den Bart. Er zitterte am ganzen Körper, so dass es ihm einfach nicht gelingen wollte, ein Barthaar zu erwischen. Schweiß rann ihm nicht nur über die Stirn, sondern auch über die Finger. Das Ausreißen auch nur eines einzigen Haares wurde nun endgültig vereitelt. Pandy sah mit zunehmendem Erstaunen die Panik von Zero, der sonst immer sehr beherrscht war und alles in den Griff bekam.

 

Und er hatte eine zündende Idee. Wenn sich ein unbeweglicher und toter Gegenstand nicht fand, warum dann nicht ein toter, aber beweglicher, z.B. Wasser? „Du Zero“, begann er zaghaft seine Rede, „du Zero, was hältst du von H2O, genannt Wasser?“ Zero war baff. Natürlich, dass er selbst darauf nicht kam: ein Schluck Wasser und alles ist geritzt. „Pandy, lass dich umarmen, alter Junge. Ich wusste ja schon immer, dass du helle bist in deiner Birne. Aber dass da so viel drin steckt, wau die wuffdi“, drückte Zero seine große Anerkennung aus.

 

Pandy war gleich um mehrere Zentimeter gewachsen, so sehr tat ihm das Lob gut. Nicht dass er von seinen Eltern nicht auch ausgiebig gelobt würde, aber das Lob aus dem Munde eines weltbekannten Zauberers hat natürlich noch ganz andere Auswirkungen…

 

Dummerweise war nur gerade die Hauptwasserleitung im Weiler namens Hirschhausen abgesellt worden. Die Biber mussten umfangreiche Wartungsarbeiten durchführen. Auch musste es sich um etwas mehr als ein bisschen Schweiß handeln, weil die Nachmittagshitze alles schnell wegtrocknete. Pandy hatte wieder eine seiner zündenden Ideen. Er spuckte auf den Kuchenteller und fing sich dafür einen Rüffel von Zero ein: „Pandy, das hätte ich jetzt nicht von dir gedacht. Man spuckt doch nicht auf den Kuchentisch.“ „Aber Zero“, erwiderte Pandy gelassen, das ist doch nicht normale Spucke, sondern Heilschleim, wie mein Papa sagen würde.“

 

Zero musste lächeln. Pandy hatte schon wieder vollkommen recht. Woher sollten sie die Flüssigkeit nehmen, wenn nicht von sich selbst? „Nun, wohlan, lass mich loslegen“, spuckte sich Zero in die Hände: „Spuckus, werd’ zur Spangus, du, simsalabim.“ Und was lag dort? Nein, nicht wieder so ganz normale Spange, wie Pandy sie einen halben Tag sein eigen nannte. Nein, das war keine gewöhnliche, wie sie auch die vielen anderen Kinder tragen würden. Das war eine Spange mit Mundspülung, Lakritzegeschmack, in blauer Metallic-Lackierung und eingebautem Radio sowie – und darauf kam es besonders an – mit selbsttätiger Endreinigung. So brauchte Pandy seine Spange nicht mehr zu säubern, ließ sich den Mund spülen, konnte dabei Radio hören und hatte dabei einen vortrefflichen Brombeerlakritzgeschmack im Mund.


13. Harrys Kuckucksuhr

 

Harry hatte einen entfernten Verwandten im Schwarzwald. Es war sein Onkel väterlicherseits Heinz-Josef, der Dammhirsch. Und als er verstarb, erbte er dessen Kuckucksuhr. An und für sich ist daran nichts Besonderes. Eine Kuckucksuhr ist eine Uhr, bei der ein geschnitztes Tier oder ein anderes Abgebildetes ab und zu, meist zur vollen Stunde, seine Behausung oder Sonstiges verlässt, um ein Geräusch zu hinterlassen, meist den Kuckucksruf ‚Kuckuck, Kuckuck’.

 

Daran ist eigentlich nichts Besonderes. Nur wenn es sich um einen echten Kuckuck handelt, ist irgendetwas anders. Richtig, das Tier lebt und webt und macht nicht nur ‚Kuckuck’, sondern auch ‚AA’ und ‚Lolo’. Jetzt fragt ihr euch: Wie kommt der Kuckuck in die Kuckucksuhr? Die Antwort ist ganz einfach: Er fliegt. Jedenfalls dann, wenn er nicht gerade auf der Toilette ist oder einen Schwips hat. Dann nämlich hindert ihn entweder das Toilettenpapier oder aber das internationale Reglement der Luftfahrt, nicht bei Alkohol im Blut sich auf seinen Schwingen zu erheben.

 

Wahrscheinlich habe ich euch aber falsch verstanden. Ihr werdet euch fragen, wie Onkel Heinz-Josef den Kuckuck Kasimir dazu brachte, sein zukünftiges Leben in einer Uhr zu verbringen. Und das kam so. Eines schönen Tages ging, äh, hirschelte Heinz-Josef wieder einmal seines Weges, äh, Pfades. Dummerweise hatte er seine Armbanduhr verloren, und das ist für einen Dammhirschen seines Schlages ziemlich ungewöhnlich.

 

Heinz-Josef gehörte nämlich zu den hirschlich geprüften Bahnhofsvorstehern der Schwarzwaldbahn ‚Zum goldenen Sekundenzeiger’. Und wenn Bahnhofsvorsteher an und für sich die Pünktlichkeit in Person sind, so sind sie es im Schwarzwald erst recht. Wenn überall anderswo nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten in Stunden und Minuten anzeigt werden, so im Schwarzwald sogar in Sekunden, also auf die Sekunde genau. Das ist ein Unterschied, wenn auch ein feiner.

 

Und die Armbanduhren im Schwarzwald hatten demgemäß auch einen besonders großen Sekundenzeiger. Heinz-Josefs Armbanduhr war nun eine ganz besondere. Hatten die Bahnhofsvorsteher normalerweise nur einen goldenen Sekundenzeiger, so hatte er einen aus Platin. Und er war in der Gestalt eines Geweihes gebildet worden, was allerdings das Ablesen der Sekunden etwas behinderte. Daran hatten die Uhrmacher aus der Schweiz – es waren seines Zeichens Stephan, der Steinbock, und Stephanie, die Steinziege – wohl nicht gedacht. Allerdings war die platinierte Armbanduhr mit einem Sprachrekorder ausgerüstet, das besondere Prunkstück dieser einmaligen Sonderausgabe. Nannte der Besitzer der Uhr die Zeit auf die Sekunde genau, leuchtete das Geweih augenblicklich neonfarben auf, so dass der Besitzer nicht nur wusste, wann die Zeit geschlagen hatte, sondern auch wem.

 

Es war allerdings nicht so einfach, die rechte Uhrzeit auf den Sprachrekorder zu sprechen, und das aus zweierlei Gründen. Zum einen behinderte ja das Geweih mit zehn Enden die rechte Ablesung der Sekunden – der Betrachter konnte zwischen zehn verschiedenen Zeiten auswählen, während nur eine einzige richtig sein konnte. Und zum anderen zeichnete der Sprachrekorder zwar genau auf, was der Uhrenbesitzer sagte, aber die Uhrzeit, die der Rekorder mit der gesprochenen Uhrzeit verglich, war diejenige, die er nach Ende des Nennens der Uhrzeit anzeigte, also mindestens eine Sekunde später.

 

So kam es, dass der gute Heinz-Josef also ungefähr immer eine Uhrzeit laut vor sich hin sagte, die der wirklich angezeigten Uhrzeit um eine Sekunde voraus war. War Heinz-Josef alleine, dann spielte das gar keine große Rolle. Er hatte sich an diese Eigentümlichkeit gewöhnt. Waren aber seine Kollegen zufällig anwesend, so begann sofort eine heftige Diskussion über die gemessene Zeit. Denn so war das unter den hirschlichen Bahnhofsvorstehern: Nannte einer von ihnen eine Zeit, wurden sofort die Armbanduhren gezückt und die genannte Zeit entweder bestätigt oder angezweifelt. Grundsätzlich war die von Heinz-Josef genannte Zeit natürlich falsch. Dann musste er in ernste Mienen schauen, die ihm zu bedeuten schienen: ‚Mein Junge, du hast deinen Beruf verfehlt.’

 

Dann holte er langatmig aus, um seinen finster dreinblickenden Kollegen zu erläutern, was eine platinierte Armbanduhr mit Sprachrekorder ist. Das dauerte so seine Zeit, denn hirschlich geprüfte Bahnhofsvorsteher sind peinlich genau ordentlich: Bis in das letzte Detail fragten sie ihn aus. Die Folge war: Heinz-Josef nannte öffentlich nicht mehr die Sekundenzeit. Er schwieg lieber freiwillig und ärgerte sich.

 

Nun aber musste er zwangsweise schweigen, seine Uhr war ja nicht mehr vorhanden, denn, wie gesagt, verloren war sie, das gute Stück. Düster wanderte er durch die Gegend. Da hörte er ein Schreien, so schien es ihm jedenfalls, war er doch etwas trübselig gelaunt. Nein, er vernahm nur den Ruf von Kasimir, dem zahmen Kuckuck. Wie nun der gute Kasimir gezähmt wurde, ist wiederum eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

Kasimir gab also Laute von sich, wohl tönende jedenfalls. In seinem Missmut sah er diese Töne als gegen sich gerichtet und warf einen Kienapfel hinter Kasimir her. Diesem wiederum war etwas zu frohgemut zumute, deshalb missdeutete er den Angriff als freundliche Kundgabe von Beifall – und warf den Kienapfel zurück. Immerhin ist doch so ein Kienapfel für viele Tiere genießbar, für die meisten jedenfalls. Nicht aber für Hirsche, schon gar nicht für vergnatzte Dammhirsche, die im Hauptberuf Bahnhofsvorsteher sind.

 

Dieser, also der Kienapfel – seines Zeichens ein besonders wohl gestalteter und nahrhafter –, verfing sich in Heinz-Josefs Geweih und zwar nicht an irgendeinem Ende, sondern an seiner Lieblingsstelle, gleich in dem rechten Ohr. Heinz-Josef hatte nämlich besonders große Ohren, auch Segelohren genannt, die er praktischerweise gleich an das Geweih schnallte. Nun hing dort nicht nur sein rechtes Lieblingsohr, sondern es steckte zu seinem größten Verdruss ein Tannenzapfen größeren Ausmaßes drinnen fest.

 

Das Malheur war gewaltig. Bekanntlich können Paarhufer nicht so einfach mit einem Finger irgendwelche Gegenstände, seien sie essbar oder nicht, aus ihren Körperöffnungen entfernen. Genau genommen können sie es gar nicht. Zudem juckte so ein Tannenzapfen in einem Ohr nicht nur, sondern er kratzte beständig. Der arme Heinz-Josef war also nicht wenig erbost, als ihm der freundliche Kasimir den Flugkörper auf klassischem Weg einlochte, er spielte nämlich Golf mit dem Kienapfel, wobei er nicht bedachte, dass die Wirkung dermaßen explosiv sein würde.

 

„Herrgott, sakra, du Mistkerl, du damischer“, fluchte der verärgerte Heinz-Josef vor sich hin, wobei ihm erst später zu Kopfe stieg, dass er gegen das dritte Gebot verstieß, das da lautet: ‚Du sollst den Namen, deines Herrn, nicht unnütz im Munde führen.’ Eigentlich war er ja recht fromm und ging gerne in die Kirche, aber das war nun wirklich zu viel – jedenfalls für einen Tag: Erst die schöne Armbanduhr verlieren, dann einen Tannenzapfen im Ohr, wer weiß, was da noch kommen würde.

 

Aber es kam anders als Heinz-Josef dachte. Denn Kasimir war anders. Er war einfach nett. Sogleich sah er von weitem – immerhin drosch er den Tannenzapfen aus dreihundert Metern in Heinz-Josefs Hörmuschel –, dass Not am Mann, äh, am Hirschen war. Behände flog er zu ihm hin, natürlich per Flügel und nicht per Hand. Schon sprach er Heinz-Josef freundlich an: „Oh, mein guter Junge, das wollte ich nun wirklich nicht – Entschuldigung!“ Das kam so freundlich und sanft herüber, dass Heinz-Josef inne hielt und Kasimir vergab. Eigentlich hatte er das Naturell eines Dickkopfes und war durchaus kein Weltmeister im Vergeben. Aber Kasimir meinte es augenscheinlich wirklich nicht böse.

 

„Darf ich, äh, Ihnen aus dem Malheur aufhelfen?“, hauchte Kasimir in das Antlitz des verwirrten Hirschen. Normalerweise ließ Heinz-Josef nichts und niemanden an seine Segelohren, denn die liebte er sehr, besonders das rechte. Peinlich war ihm nur, dass die anderen seine Segelohren gar nicht so sehr liebten, sondern sich darüber lustig machten. Diesmal sagte er geradezu freundlich, jedenfalls für einen vergnatzen Dammhirschen: „Ja!“ Augenblicklich flog Kasimir, der Kuckuck, empor und zog aus Leibeskräften an der Baumfrucht. Das aber führte zur gegenteiligen Wirkung, nämlich zu der folgenden: Kasimir war ein etwas tapsiger Jungvogel. Weil er so leicht war, kratzten seine Krallen nicht, sondern kitzelten. Zudem war er nicht stark genug, den Tannenzapfen herauszuziehen. Auch das Herausziehen geschah so sanft, dass es nicht kratzte, sondern kitzelte.

 

Heinz-Josef bekam also einen veritablen Lachanfall. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn das Lachen des zehnten amtlich, äh, hirschlich bestellten Bahnhofsvorstehers seit Hubert dem Großen – dem größten aller je gewesenen Bahnhofsvorstehern und somit Heinz-Josefs großem Vorbild – nicht so markerschütternd gewesen wäre, genauer gesagt in unserem Fall: Kasimir noch tiefer schüttelnd. Denn nun steckte nicht nur der Kienapfel in Heinz-Josefs rechtem Segelohr fest, sondern oben drein auch noch Kasimir – mit seinem Schnabel nach unten. Der arme Kasimir wusste gar nicht wie ihm geschah. Eigentlich hatte er bei den letzten Kienapfel-Herauszieh-Meisterschaften haushoch gegen Raimar Rabe und Speideline von und zu Spechthausen gewonnen. Aber das hier war denn doch zu viel.

 

Heinz-Josef bemerkte erst gar nicht, dass sich seine Schwierigkeiten verdoppelt hatten. Bekam ein Bahnhofsvorsteher erst einmal einen Lachanfall, dann dauerte es gut zehn Minuten, ehe er sich wieder einkriegte. Aber: Je mehr er lachte, umso tiefer sackte der arme Kasimir nach unten. Nur wenig mehr und er würde gar keine Luft mehr bekommen. Kasimir überlegte: Würde er nun mit dem Schnabel zu beißen oder mit den Krallen kratzen, würde das den Lachanfall von Heinz-Josef nur verstärken. Heinz-Josef musste also von selbst darauf kommen, dass etwas nicht stimmte.

 

Der ließ sich Zeit damit. So ein schöner Lachanfall hat viele wunderbare Nebeneffekte. Da wird einem so richtig schön warm um das Herz. Die Muskeln entspannen sich. Augenblicklich besinnt man sich der heiteren Dinge des Lebens. Nun war also Heinz-Josef in Gedanken regelrecht versunken, denn er träumte von seiner alten Armbanduhr mit Sprachrekorder. Da fiel ihm schnurstracks die Wirklichkeit wieder ein: ‚War da nicht gerade etwas mit einem Kuckuck? Zum Kuckuck, wo war der Kuckuck nur abgeblieben? Richtig, der machte sich gerade an meinem Ohr zu schaffen – und war verantwortlich für meinen Lachanfall.’

 

So langsam schwante Heinz-Josef Übles. Konnte der Kuckuck in seinem Segelohr verschwunden sein? Er überlegte. Eigentlich ja. Neulich erst fiel sein Fön hinein, als er sich seinen Schwanz frisieren wollte. Gott sei Dank hatte der aber ein Kabel hintendran, so dass es leicht war, das Malheur zu beheben. Aber vielleicht war das schon des Rätsels Lösung? Er brauchte nur ein langes dünnes Etwas herunterlassen, vielleicht konnte Kasimir es ergreifen, äh, erschnabeln?

 

Gesagt, getan. Als guter Pfadfinder hatte er immer ein Stück Seil bei sich. Ob es reichen würde? Probieren geht über studieren, sagte er sich und legte los. „Kasimir, K-a-s-i-m-i-r, Kaahh-siii-mier-leiiiihnn“, lockte Heinz-Josef zart und bereitete seinen verhinderten Retter auf seine Rettung vor. Niemand antwortete. Nun musste er es probieren, komme, was da wolle. In seinem Handbuch über mögliche Notlagen wurde er nicht über Vögel in Segelohren insturiert. Jetzt musste er es eben probieren.

 

Zaghaft zwirbelte er sein Seil in Richtung Ohr. Leider war es zu dick, so dass er damit nicht sehr weit kam. ‚Oh Gott’, dachte er, ‚was ist, wenn ich es nicht schaffe? Dann muss ich zum Arzt – und der wird mich auslachen. Ein Segelohr mit Kuckuck samt Tannenzapfen hat ja auch nicht jeder…’ Ach, es musste gelingen. Er zog das Seil wieder heraus. Es war gewunden aus mehreren kleineren Schnüren. Die trennte er nun auf, was etwas länger dauerte. Dabei bemerkte er gar nicht, dass sich in seinem Ohr etwas bewegt hatte. Kasimir drehte sich etwas, ganz vorsichtig, weil er Sorge hatte, dass Heinz-Josef wieder einen Lachanfall bekommen könnte, und verharrte ruhig.

 

Nach zehn Minuten hatte es Heinz-Josef geschafft. Fast stolz warf er die um das Zehnfache schmalere Schnur zur Ohrmuschel hin. Das war nicht so einfach. Leichter Wind kam auf. Die dünnere Schnur flog immer hin und her. Er überlegte. Vielleicht müsste er die Schnur etwas beschweren – wie beim Angeln die Angelschnur durch ein Gewicht. ‚Dann hätte ich nicht nur einen Kuckuck und einen Kienapfel im Ohr, sondern zusätzlich eine Schnur und dessen Gewicht’, schoss ihm durch den Kopf. Aber was soll es, sagte er sich. Wenn schon, denn schon.

 

Er nahm einen kleinen runden Stein mit einer spitzen Ecke, an der er die Schnur befestigte. Und warf ihn mit neuem Mut in Richtung Ohr. Leider traf er dabei genau Hannibal, den Hahn. Der fragte sich gerade, was ein älterer Hirsch mit Segelohren hier verloren hatte. Der Stein flog an seinen Kopf, worauf dieser von dem Ast flog, auf dem er saß. Unglücklicherweise riss er dabei die Schnur mit sich und wickelte sie sich um den Hals, während er stürzte. Dann wäre er beinahe stranguliert worden, das heißt: er wäre beinahe um sein Leben gebracht worden, indem die Schnur seinen Hals abschnürte.

 

Dieses galoppierende Unglück beobachtete wiederum Hägar, der Habicht, und schoss blitzschnell zu dem armen Hannibal hinunter, der schon anfing, blau um seine Nase zu werden, wobei Hähne eine solche gar nicht haben, Hannibal aber schon – genauso, wie Hirsche normalerweise keine Segelohren besitzen. Aber das ist eine Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

In unglaublicher Geschwindigkeit schoss er vom Himmel herunter, was den Gedankengang in seinem Hirn durchaus nicht erleichterte. Habichte denken nämlich schlechter, wenn sie besonders schnell fliegen wollen, zu sehr sind sie mit dem Sturzflug beschäftigt. Immerhin wusste er, dass er die Schnur, die gerade Hannibal, den Hahn, strangulierte, nicht durchbeißen könnte. Was er aber stattdessen tun sollte, wusste er nicht. Warum flog er dann eigentlich überhaupt los und das auch noch so pfeilschnell, das wusste er auch nicht zu sagen. Immerhin wusste er, dass er Hägar hieß, jedenfalls so genannt wurde. Auch war er ein Habicht, daran bestand desgleichen kein Zweifel. Was aber ein Habicht im Unterschied zu einem Hahn ausmachte, hätte der gute Hägar wohl auch nicht sagen können.

 

Habichte, insbesondere unser Freund Hägar, sind nicht so hell im Kopf, wie ihr vielleicht bemerkt habt. Deswegen war ihm auch entgangen, dass sich ein großer Fleischkloss genau in die von ihm berechnete Flugbahn bewegte. Es war Bogomil, der Braunbär. Und schon steckte er fest, nämlich tief in dem Gesäß von Bogomil, dem Bären. Der Fleischkloss war nämlich beweglich, lebte und war mit Bogomil identisch, das heißt: Bogomil war der Fleischkloss.

 

Nun bleibt es nicht folgenlos, wenn ein Habichtschnabel mit einem Zehntel Mach Fluggeschwindigkeit in den Hintern eines Bären gejagt wird. Sowohl nicht für den Schnabel als auch nicht für das Gesäß. Der eine wirkt danach etwas zusammengefaltet und der andere deutlich gequetscht. Bogomil, der Braunbär, war seiner Veranlagung nach gutmütig. So wie alle Bären. Gibst du ihm ein Glas Honig in seine Pranken, bedankt er sich zwar nicht, aber haut dir dafür auch keine in die Flanken, was ein Vorteil ist. Was er aber überhaupt nicht ausstehen konnte, ist ein Habichtschnabel in seinem Allerwertesten.

 

Ihr könnt euch vorstellen: Das gab Ärger. Zunächst einmal setzte Bogomil Energie frei und lief los – und zwar laut jaulend: „Aaaauuu, aaaaaahhhh, Aaaauuuuuu, aaaahhhh.“ Dabei übersah er den guten Heinz-Josef, den er sehr unsanft aus der Fassung brachte, weil er ihn einfach umwarf, Bogomil war also richtig umwerfend…

 

Heinz-Josef viel bäuchlings zu Boden und wollte sich gerade aufrappeln. Schon lagen ihm deutliche Worte des Protestes auf den Lippen. Da merkte er, dass er etwas leichter geworden war und mit dem rechten Ohr wieder hören konnte. Beim großen Aufprall mit Bogomil flog er nicht nur auf die Nase, sondern auch Kasimir samt Kienapfel aus dem Segelohr. Verdutzt sahen sie sich alle drei an: Bogomil sah Heinz-Josef an, Heinz-Josef wiederum den Kasimir – und umgekehrt. Und ein weiterer schaute zu: Hannibal, der Hahn.

 

Nur einer wirkte noch etwas deplaziert: Es war Hägar, der Habicht, der noch nicht recht wusste, wo ihm der Schnabel stand, der, wie gesagt, etwas zusammengefaltet worden war. Langsam kehrten auch dessen Lebensgeister zurück. Also war alles in Ordnung und hatte sich glücklich gefügt.

 

Heinz-Josef fand als Erster die Sprache wieder: „Bogomil, eigentlich muss ich dir böse sein, weil du mich so über den Haufen gerannt hast. Aber ich bin dadurch den Kuckuck aus meinem Ohr losgeworden – Gott sei Dank, und dank sei dir.“ Und Bogomil, wie gesagt, einer von den ganz artigen Kuschelbären, wozu er auch erzogen worden war: „Dafür kann ich nichts, Heinz-Josef, echt nicht. Es war Hägar, der Habicht, der urplötzlich in meinen Allerwertesten hineinrammelte. Aber auch ich muss Gott danken: Durch den unangenehmen Aufprall mit dir habe ich meine Magenbeschwerden verloren, die mich seit zwei Tagen plagten. Danke auch dir für den Anstoß, lieber Hägar.“

 

Und Hägar musste schlucken. Zunächst, weil er seinen Schnabel nun wieder strecken konnte. Und dann, weil er sich die ganze Zeit ausmalte, wie Bogomil ein paar ernste Worte mit ihm wechseln würde. Dass es nun so ganz anders kommen würde, konnte er beleibe nicht ahnen. „Äh, danke, äh, lieber Bogomil, das freut mich natürlich sehr, äh, dass du etwas Gutes daran findest, wenn ich dir hinten rein, äh, du weißt schon, äh, …“ Ja, Bogomil wusste nur zu genau, was Hägar meinte.

 

Kasimir unterbrach die Stille, die nun eintrat: „Ja, auch ich will danken. Zunächst einmal für den Tannenzapfen, an dem ich schon knabbern konnte: Danke, lieber Heinz-Josef.“ Heinz-Josef wurde vor Verlegenheit ganz rot. „Und ich will danken für das interessante Erlebnis, das ich bei dir im Hals hatte. Das erlebt sicher nicht jeder alle Tage…“, räusperte sich Kasimir und lächelte. Die anderen verstanden und mussten schmunzeln.

 

Und nun war Hannibal an der Reihe. Auch er musste Gott loben, wiewohl er gerade dem Tode entronnen war: „Ja, meine Lieben, beinahe wäre es um mich geschehen gewesen. Aber dann fand doch noch alles ein gutes Ende… Ich bin nun meine Rückenschmerzen losgeworden. Es war der gute Kasimir, der das Seil ganz schnell durchpickte, dabei aber nicht bedachte, dass ich etwas unsanft auf dem Allerwertesten landen würde. Der Aufprall war zwar schmerzhaft, aber doch heilsam – mein Rücken ist schmerzfrei!“ Alle fingen an zu jubeln und sangen: ‚Großer Gott, wir loben dich’.

 

Da besann sich Kasimir und fragte Heinz-Josef leise: „Sag’ mal, wie ist denn das alles gekommen? Warum hast du den Tannenzapfen nach mir geworfen?“ Und da fiel es Heinz-Josef wieder ein – wie Schuppen von den Augen. „Ach ja, Kasimir, die Uhr, ich hatte doch meine schöne Armbanduhr mit Sprachrekorder verloren. Und darüber bin ich immer noch sehr traurig.“ Heinz-Josef versuchte ein missmutiges Gesicht zu ziehen, was ihm aber nicht so recht gelang, weil er sich über den glücklichen Ausgang des ganzen Schlamassels von Herzen freute.

 

„Uhr?“, fragte Kasimir zurück, „du brauchst eine Uhr?“ Da kam er auf eine glorreiche Idee. Er war nämlich der erste lebende Kuckuck mit erblich veranlagtem Zeitgefühl, er wusste also immer, wie und vor allem wann die Stunde geschlagen hat oder haben würde, wäre er eine Uhr und nicht ein Kuckuck. Und nicht nur die Stunde, nein, auch die Minuten und sogar Sekunden. Allerdings kannte er sich mit den Zahlen nicht so genau aus. Das mit den vollen Stunden bekam er noch ganz gut hin. Aber auszurechnen, wie spät es genau war, wusste er erst nach reiflicher Überlegung, so nach spätestens fünf Sekunden.

 

Kasimir hatte Gefallen an Heinz-Josef gefunden. Der war zwar ein Umstandskasten von einem Hirsch, aber sicher sehr gemütlich und hatte als verbeamteter Hirsch ein auskömmliches Einkommen. „Lass mich deine Uhr sein“, wisperte er Heinz-Josef zu. Der meinte glatt, sich verhört zu haben. „Schon gut, mein lieber Kasimir, schon gut“, sagte Heinz-Josef, weil er dachte, die schrecklichen Erlebnisse in seinem Segelohr seien ihm zu Kopfe gestiegen.

 

Da versuchte es Kasimir ein letztes Mal: „Ich Uhr. Du mich wollen?“ Heinz-Josef meinte nun, Kasimir hätte den Verstand verloren und schaute ihn mitleidig an: „Du willst eine Uhr sein? Wo ist denn da der Zeiger?“ „Eben“, versetzte Kasimir freundlich, „eben, ich bin besser als deine alte Armbanduhr, denn ich bin eine Uhr ohne Zeiger – besser als die genaueste Atomuhr der Welt, weil ich eine innere Uhr habe.“

 

Jetzt war der gute Heinz-Josef erst einmal baff und wusste nicht mehr weiter. Und das will für einen gestandenen Bahnhofsvorsteher etwas heißen, der es ja von Berufs wegen immer wissen sollte, wo es lang geht. „Und wo willst du wohnen?“, fragte Heinz-Josef zaghaft und etwas verdattert. „Na, in einem Häuschen natürlich. Das du mir baust.“ Und so kam es. Heinz-Josef war ohnehin ein Bastler von Leidenschaft und ohne Tadel. Er baute ihm ein kleines Häuschen, kein Nest, denn Kasimir war ein Junggeselle.

 

Und nun war es nicht mehr weit bis zur Erfindung der weltbekannten Kuckucksuhr. Heinz-Josef hatte nämlich gerne Besuch. Er zeigte ihnen gerne den Vogel. Nein, er hatte noch alle Tassen im Schrank. Er zeigte ihnen natürlich gerne Kasimir. Und der sagte ihm dann die Uhrzeit, allerdings dauerte es etwas, denn – wie schon oben ausgeführt – konnte der gute Kasimir die Uhrzeit nicht so gut ausrechnen. Um genau zu sein: Es dauerte bis zu fünf Sekunden, ehe er die richtige Uhrzeit sagte. Und fünf Sekunden die Uhrzeit zu spät zu sagen bedeutet, eine Uhrzeit anzusagen, die um fünf Sekunden falsch ist. Ihr wisst ja, das Thema hatten wir ja auch mit der Armbanduhr mit Sprachrekorder. Jedenfalls waren die Gäste von Heinz-Josef immer etwas erregt, wenn sie die falsche Uhrzeit hörten. Es waren ja auch die uns schon sattsam bekannten Bahnhofsvorsteher, die es von Berufs wegen mit der Zeit reichlich genau nahmen.

 

Nun, ihr kennt sicher schon das Ende vom Lied: Um Kasimirs Haus herum baute Heinz-Josef ein Gehäuse mit einer Uhr, ohne Sekundenzeiger allerdings. Eines Abends machte sich Kasimir einen Jux daraus, zur vollen Stunde seinen berühmten Kuckucksruf loszuwerden. Er wollte damit Henry, den Auszubildenden des Bahnhofs, erschrecken, was ihm auch gelang. Und voilà: die Kuckucksuhr war erfunden worden, von einem Kuckuck, nicht von einem Menschen, wie es fälschlicherweise immer noch zu lesen ist.

 

Und wie kam Kasimir zu Harry? Na, ganz einfach. Per Post. Harry hatte sich von seinem Onkel schon immer eine Kuckucksuhr gewünscht. Und er war nicht übel erstaunt, einer echten und lebendigen eben solchen in einem Karton der Deutschen Tierpost entgegenzublicken. Allerdings war der gute Kasimir inzwischen hoch betagt und völlig ergraut, so dass Harry nicht gleich erkennen konnte, dass es sich um einen Kuckuck handelte, der ihn freundlich anblinzelte. Er meinte, es ginge um einen Papageien.

 

„Hey, Harry, wie geht es dir?“, sprach Kasimir recht verschmitzt, weil Harry einen etwas erstaunten Gesichtsausdruck machte. „Ach, eigentlich ganz gut“, erwiderte dieser, „und dir?“ „So weit ganz gut. Wenn du ein kleinwenig Wasser hättest und eine Walnuss? Ich habe nämlich noch nichts zu Frühstück gegessen heute Morgen“, sprach Kasimir nachdrücklich. Das war der Beginn einer großen Freundschaft. Wie diese weiterging und was es noch mehr zu erzählen gibt, ist wiederum eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.


14. Mike, die Mücke, und Franz-Xaver, der Frosch

 

Mike war der Erstgeborene einer ganzen Schar von Geschwistern. Insgesamt waren es dreihundertneununddreißig. Als Mike damals geboren worden war, herrschte in seinem Teich ein böser Frosch namens Franz-Xaver. Der war deshalb so böse, weil er immer Blähungen hatte und dabei ganz schrecklich viel ins Wasser pupste. Davon wurde dieses ganz trübe. Was den Mückenlarven ganz besonders gut bekam.

 

Eigentlich hätte sich Franz-Xaver über den Kindersegen der Mückenmütter sehr freuen müssen, denn er liebte ihre Larven zum Mittagessen, aber auch zum Frühstück und zum Abendbrot durchaus nicht weniger gerne. Seine Pupserei förderte das Gedeihen des Mückennachwuchses ganz ungemein – und damit zugleich seine Nahrung. Er ließ auch immer ein paar Larven übrig, damit diese dann später für seinen Mittagstisch sorgen könnten.

 

Die Eltern der Mückenkinder waren von den regelmäßigen Massakern an ihrem Nachwuchs naturgemäß nicht erbaut. Mücken sind von Gott her als sehr friedfertige Geschöpfe geschaffen worden. Zudem ist eine Mücke dreihundertneununddreißig Mal kleiner als ein ausgewachsener Teichfrosch. Selbst wenn die eine oder andere Mücke ihre Brut nicht kampflos als Appetithappen dahingeben wollte, konnte ein Aufbegehren nur mit einem Totalverlust enden – dem Frosch schmeckt ja nicht nur der schleimige, aber nahrhafte Dotter der Larven, sondern vor allem die ausgewachsene und kampferprobte Mücke, besonders dann, wenn sie vorher Blut getankt hat – das mundete so herzhaft nach dem Mineral Eisen. Es verlautete jedenfalls aus repräsentativen Umfragen unter Fröschen im volljährigen Alter, dass Mücken im besten Alter am begehrtesten sind.

 

Ja, früher, als die Mücken noch eigene Flughäfen betrieben, stellten sich die Frösche in Reih und Glied auf, um die fliegenden Blutsauger gleich nach dem Start abzufangen. So kam es, dass ganze Stämme der Mücken ausgerottet wurden. Zu ihnen zählten der Stamm der Mikado-Mücken, die so genannt wurden, weil sie das gleichnamige Spiel mit Hingabe spielten – mit ihren lebendigen Leibern wohlgemerkt. Die Frösche, allen voran der legendäre Fridolin-Ferdinand, der Kampffrosch aus den weltberühmten Fremdenlegionären ‚Frogfighters’, kundschafteten einfach aus, wann die jährlichen Meisterschaften im Mikado-Dauerspiel stattfinden würden. Dort nämlich versammelte sich das Volk der Mikados zur Endausscheidung. Und, was soll ich euch sagen, ein einziger der Sippe überlebte, es war Mike, die Mücke, letzter Meister im Mikado-Spiel, der auch auf ewig der letzte bleiben wird, denn es gibt ja keine mehr, mit denen er spielen könnte.

 

Tiefe Trauer herrschte immer wieder im Volk der Mücken über all die Grausamkeiten der Frösche, die ihnen das Leben schwer und ihre Brut bis auf Restbestände verringerten. All die vielen kleinen Mückenkinder waren gleich zu Dutzenden mit einem Haps eines beliebigen Frosches in das Innere seines Magens einverleibt worden. Das schrie nach Rache. Aber nur einige todesmutige Väter und Mütter nahmen den Kampf auf – und wurden nicht selten selbst aufgefressen. So bekamen die Frösche auch noch die ganze Familie zu fassen. Ganze Sippen wurden gerade durch ihren Todesmut ausgelöscht.

 

Franz-Xaver war aber ein ganz besonders übler Bursche. Er ließ nicht nur Pupse in seiner Umgebung fallen, die jeden neunschwänzigen Schabrakenschakal vor Neid erblassen ließen, sondern auch jedem Grashalm die Lust zum Leben nahm. Dort, wo sich Franz-Xaver niederließ, wuchs buchstäblich kein Gras mehr.

 

Das machte ihn bei seiner eigenen Familie auch nicht gerade beliebt. „Hey, Franzl, du alter Stinker“, so wurde der von allen genannt. Zu den familiären Festessen wurde er nur geladen, wenn er seine extra für ihn angefertigte Absaugvorrichtung umschnallte. Diese war vollautomatisch und der neueste Schrei in Teichhausen. Aber sie hatte einige Nachteile. Ihr Generator surrte etwa so laut wie der Dieselmotor eines Panzers. Und, was noch unangenehmer war, der Saugstrom übertraf den eines jeden Staubsaugers um das Hundertfache. Zwar wurde ein jedes Lüftchen von Franz-Xaver abgesaugt, aber auch alle andere Umgebungsluft.

 

Wenn Franz-Xaver einen Raum mit diesem Absauger betrat, konnte man fast sicher sein, dass einige Froschmädchen ihre Röckchen, wenigstens teilweise, verloren. Ja, wenn jemand auch nur das Fenster öffnete, schaltete sich der Apparat selbsttätig durch den entstehenden Luftstrom ein und saugte automatisch den Windzug an. Und eben nicht nur den Windzug, sondern alles, was sich in dem entstehenden Windkanal gerade befand. Den Popel von Tante Friedericke, den Kaugummi von Free Willy und das Toupet von Opa Friedrich. Und dann war das Geschrei groß. Das hätte ihr einmal hören sollen, das war weniger ein Geschrei als ein elendig lautes Gequake in höchsten Tönen. Denn wenn sich die lieben Frösche einmal in Rage quakten, dann nur so schrill, dass nicht nur sämtliche Fenstergläser zu Bruch gingen, sondern auch alle Gläser der Brillen.

 

Ja, mit dem guten Franz-Xaver war es nicht so leicht auszukommen. Um ehrlich zu sein, war er doch etwas arg unbeliebt. Nur Stefanie, das alte Stinktiermädchen, hielt es mit ihm aus, vor allen Dingen deshalb, weil seine abgestandenen Pupse gegen ihre Duftnoten immer noch alt aussahen. Und: Stefanie war etwas melancholisch veranlagt und gab gerne nach. Wenn er zu ihr auf den Baum hoch sprang, wieder einmal den Ast verfehlte und dann fürchterlich fluchte, beschwichtigte sie ihn nur und meinte: „Liebes Franzl, versuch’ es eben noch einmal, wird schon werden, mein Kleiner!“ Was diesen prompt zu weiteren verbalen Rundumschlägen verleitete, weil er sehr cholerisch war und sich schnell ärgerte. Stefanie ficht das nicht an und wurde dadurch nur noch anschmiegsamer, was Franz-Xaver wiederum dazu verleitete, noch mehr Dampf abzulassen. Ihr seht, da steckt Musik drin und die beiden haben sich zum Streiten gerne.

 

Und neulich mussten zwanzig der einundzwanzig Kinder von Maximilian und Mireille dran glauben. Franz-Xaver kam gerade mir nichts dir nichts vorbei, rülpste auch noch unflätig vor sich hin und – mit einem Hams – war fast die gesamte Kinderschar der bisher vorbildlichen Eltern vertilgt. Maximilian, ein bis dato mustergültiger Familienvater mit kleinem Bierbauch, schäumte vor Wut. Mireille dagegen nahm die Katastrophe mit Gleichmut – und fiel in Ohnmacht. Maximilian schwor Rache, bis der böse Franz-Xaver seine Lektion gelernt hätte.

 

Aber was konnte er tun? Während sich Mireille tränenreich auf den letzten Restbestand ihrer Brut stürzte –, es war ja, ihr wisst es, Mike die Mücke höchst selbst –, brütete Maximilian einen mordsmäßigen Plan aus, von dem er selbst allerdings noch gar nichts wusste. Wie gesagt, er brütete und brütete. Und bekam davon einen roten Kopf, wie das so ist mit dem Brüten.

 

Zuerst überlegte er, einen Kamikaze-Sturzflug auf Franz-Xaver durchzuführen. Aber selbst dann, wenn er ihn traf, was bei seinen Flugkünsten eher nicht anzunehmen war, würde wohl sein Stachel in ihm stecken bleiben: Und dann? Dann war er für immer ein Invalide und die Mückenunfallkasse zahlte nicht, wie auch, war sein Todesflug auf einen Frosch ja gar kein Unfall, sondern geschah mutwillig, ja, todesmutwillig. Die Haut von Fröschen war sehr elastisch, eher mit Gummistiefeln zu vergleichen: Würde eine Mücke freiwillig in einen Gummistiefel pieksen? Wohl kaum.

 

Dann gab es noch die bewährte Todesrachen-Kungfu-Aktion: Sich einfach von dem Frosch mit seiner Zunge fangen lassen, dort einen Knoten in dieselbige fabrizieren und mit gezielten Schlägen an den Kehlkopf einen Brechreiz hervorrufen. Maximilian wusste allerdings noch von keiner Mücke, die dieses tollkühne Himmelfahrtskommando überlebt hätte. Rein in den Schlund kamen sie immer, aber raus nimmer, zumindest nicht vorne heraus, sondern eher hinten…

 

Blieb also nur die Tsunami-Nummer, die war ganz einfach: Große Welle erzeugen, die über den Frosch rüberrollt und ihn dann mit fortspült. Dummerweise nur können Frösche nicht nur schwimmen, sondern auch noch tauchen. Und: Mücken können weder schwimmen noch tauchen. Das war also sicher auch nicht die allerbeste Idee.

 

Sollte es wirklich keine Lösung geben? Maximilians Kopf war inzwischen hochrot angelaufen. Gleich schien er zu platzen. Da fiel ihm etwas ein: Nahkampf. Während seiner Zeit als Soldat bei der Schnellen Zupieks-Truppe (SZP) lernten sie, von Mann zu Mann, äh, von Mücke zu Mücke zu kämpfen. Allerdings waren die Größenverhältnisse doch etwas anders. Während der dickste Soldat dreimal so fett war wie der dünnste, ist selbst der jüngste Frosch mehr als dreihundert Mal größer als die älteste Mücke. Wenn es ihm gelang, den Frosch irgendwie zu fangen, hatte er eine Chance. Aber wie sollte er etwas fangen, was mehr als dreihundert Mal größer war? Und selbst wenn er Franz-Xaver fangen würde – was sollte er dann mit ihm anfangen? Verkaufen konnte er ihn schlecht, denn Franz-Xaver hatte einen sehr schlechten Ruf und konnte im Wesentlichen nur Fressen und Pupsen.

 

Da fiel ihm etwas ein: die Pups-Absaugvorrichtung, so genannte PAV. Von Pandy hatte er einmal gehört, dass sich jede Maschine auch für den umgekehrten Zweck einsetzen ließ. Das würde bedeuten: Statt abzusaugen, würde sie vielleicht abstoßen können. Dann wäre die PAV nicht mehr ein großer Pupssauger, sondern eine Turbine, die Franz-Xaver in die Luft befördert, ihn also geradezu in den Himmel schießt. Maximilian musste nur genau herausfinden, wie die PAV funktionierte – und den Hebel herumschalten. Wobei das eine wie das andere schwer für ihn sein würde. Ehrlich gesagt war Maximilian, die Mücke, nicht sehr helle gewesen in der Schule und der Hebel war für Schwergewichte wie Frösche gemacht, nicht aber für Leichtgewichte wie ihn.

 

Er musste also jemanden finden, der ihm helfen würde. Aber Maximilian war bis dato ein hart arbeitender Familienvater gewesen, der sich abmühte und immer und überall für seine Familie da war. Er kannte nicht viele Leute, schon gar nicht starke Typen, sondern so ganz normale Nachbarn, Mücken wie du und ich eben.

 

Doch halt, da war doch einer: Mordechai, der Athlet der Mücken. Er war nicht nur der amtierende Hundertkämpfer – Hundert mal den Stachel in das Fleisch gestochen und dabei ein Liter Blut gesaugt und das in zehn Sekunden –, sondern auch der starke Mann für alles und jedes.

 

War ein Abfluss verstopft, war Mordechai zur Stelle und blies ihn sofort frei – er brauchte seinen Stachel dafür noch nicht einmal umstecken, sondern dafür nur die Luft anhalten und sie in Richtung Stachel blasen, schon war alles Paletti, wie man so zu sagen pflegt.

 

Und wenn von der Konservendose der Deckel nicht abging, kam Mordechai flugs vorbei und bohrte mit seinem extra gehärteten Stachel sofort ein Löchlein – schon konnte der Inhalt genossen werden.

Auch in kriegerischen Angelegenheiten war seine Person gefragt. Einmal waren sie einem Schwarm von Killerwespen ausgesetzt. Da hieß es Stachel gegen Stachel, Flügel gegen Flügel und Gift gegen Gift. Eigentlich war der Kampf aussichtslos. Normalerweise hätte die Mückensippe ihre Vorräte anstandslos den Killerwespen um Kunibert herausgegeben. Aber diese hatten nicht mit Mordechai gerechnet. Der steckte einfach eine leere Blechdose auf seinen Stachel und hatte so ein gewaltiges Blechinstrument zur Verfügung. Wespen, insbesondere Killerwespen, hassen Musik, insbesondere Blechmusik, also Trompeten, Hörner und Posaunen. Mit einem Trick waren die Mücken ihre Feinde los und Mordechai der Held in Teichhausen.

 

Mordechai hatte es also nicht nur im Rüssel, sondern auch im Kopf, auch wenn es manchmal ein bisschen dauerte. Wenn Mordechai sich etwas in denselbigen setzte, fiel er quasi in Trance und war weder ansprechbar noch sonst wie mückentauglich. Sein Angriff mit seiner umgebauten Tuba gegen die Killerwespen geschah auch buchstäblich in letzter Sekunde, dann nämlich, als der schreckliche Kunibert gerade Mungo, den Mückenmoppel, also die dickste Mücke, abstechen wollte. Wie erstarrt ließ Kunibert den armen Mungo fallen, der gar nicht wusste, wie ihm geschah, hörte er doch schon die Engel im Himmel Halleluja singen.

 

Und was geschah noch? Kunibert bat Mordechai inständig, doch mit seinem verqueren Konzert aufzuhören. Er flehte ihn regelrecht an, so lange, bis dieser versprach, die Mücken fürderhin in Ruhe zu lassen. Seit diesem Tag werden die Mücken, jedenfalls in Teichhausen, von den Wespen, nicht nur von Kuniberts Sippe, verschont. Und so wird dieser Tag von Mordechai und den Seinen festlich begangen, natürlich mit einem frischen Tuba-Blasen am Beginn.

 

Wenn nun Mordechai mit einem gewaltigen Schwung gegen die Rückwärtsschub-Taste fliegen würde, musste es gelingen, so hoffte Maximilian. Am besten mit aufgesetzter Tuba, damit der Stachel nicht verbiegen würde und der Aufprall nicht daneben ging – der zarte Stachel könnte ja das Objekt des Anstoßes verfehlen. Maximilian überlegte, ob Mordechai das ganze Manöver nicht besser üben sollte.

 

Zart klopfte Maximilian an Mordechais Haustür, die gerade offen stand: „Guten Morgen, Mordi. Wie geht’s?“, rief Maximilian seinem Verwandten dritten Grades freundlich zu. „Hey, Max, gut geht’s und dir?“ Maximilian überlegte: Sollte er mit der Tür ins Haus fallen, wie man so sagt, oder sein Anliegen durch die Blume vortragen? Er entschied sich für Ersteres, das lag ihm mehr.

 

„Also, Mordi, du weißt ja, dass wir zuletzt mehrere Dutzend unserer Kinder verloren haben, bis auf einen einzigen, nämlich Mike“, bei diesen Worten kamen Maximilian die Tränen. „Und, kurz gesagt, das schreit nach Rache. Niemals mehr darf der böse Franz-Xaver so etwas tun. Hilfst du uns?“ Mordechai wusste um den brennenden Schmerz von Maximilian und seiner Gemahlin. Auch er selbst ward nicht vor der Trauer um seine nächsten Angehörigen verschont. Er selbst verlor im letzten Jahr vierzig Nichten und Neffen – auch durch Franz-Xaver. Schon damals überlegte er sich, wie man diesem Unhold das Handwerk legen könnte, kam aber nicht weiter.

 

„Natürlich helfe ich dir, Max, natürlich, sehr gerne sogar. Und koste es auch mein eigenes Leben!“, bei diesem Wort zuckte er zusammen. Große Worte, dachte er sich, verstehe ich sie aber auch einzulösen? Er hatte schon immer so einen Hang zum Heldentum. Nichts schien ihm zu gewagt, so dass er selten das Risiko scheute, wobei er sich bis dato aber noch nicht einmal ein Beinchen brach.

 

Maximilian wusste, dass auf Mordechai Verlass sein würde: „Danke, dass du mir helfen willst. Ich habe auch schon einen Plan. Willst du ihn hören?“ Na klar wollte Mordechai ihn hören. Vorzeitig seinen Atem auszuhauchen, war nicht sein Wunsch. Zudem war Franz-Xaver eine brennende Gefahr für einen jeden von ihnen, nicht nur für den zarten Nachwuchs. Mordechai spitzte die Ohren: „Wie schaut’s aus: Wie können wir Franz-Xaver eine Lektion erteilen?“ „Also“, setzte Maximilian langsam an, denn er wusste, dass nicht er selbst den Hauptteil der Operation umsetzen musste, sondern ein anderer, eben Mordechai. „Also: Du weißt ja, dass Franz-Xaver immer wieder einmal seine Pups-Absaugvorrichtung benutzt. Ich dachte mir nun“, und dabei schaute er Mordechai tief in seine winzigen Augen an, „die Schubumkehr zu benutzen, mit der Franz-Xaver nicht ansaugt, sondern abstößt – so würde er in den Himmel katapultiert und kommt woanders wieder herunter.“

 

Nun schaute Maximilian seinen Mitstreiter lange an – und der ebenso lange zurück. Beiden wurde schlagartig bewusst, dass ihre Chance sehr gering war und das Risiko dafür riesengroß. Zu selten schnallte sich Franz-Xaver die Pups-Absaugvorrichtung um; und wenn er sie benutzte, trug er sie in geschlossenen Räumen, also gerade nicht dort, wo sie ihn haben wollten. In einem Haus würde er wohl gegen das Dach geschossen werden, und das ergäbe einen grünen Fleck und Franz-Xaver hauchte sein Leben aus. Das wollten sie nicht. Zwar war es brutal, wenn Franz-Xaver die Mückenlarven regelmäßig aufschlürfte wie die Menschen ihren Kaviar, aber er ernährte sich davon, und das war im Tierreich nicht verboten.

 

Gegen das ungeschriebene Gesetz im Tierreich würde aber wohl so ein qualvoller Tod allein aus Rache verstoßen. Das durfte nicht sein. Einen unliebsamen Quälgeist woandershin wegkatapultieren – das war in Ordnung, aber zu töten, nur um seine Ruhe zu haben, kam nicht in Frage. Die Tiere haben sich zum guten Teil zum Fressen gerne, aber unnötige Grausamkeit lehnen sie strikt ab. ‚Wo kämen wir denn dahin, wenn wir uns gegenseitig töten würden – wie die Menschen etwa?’, so fragten sie sich und schauten sich dabei traurig an. Ja, ja, sie wussten, dass die Menschen so etwas tun würden, einfach töten, nur aus Freude oder aus Langeweile oder sonst wie. Aber bei ihnen nicht. Da walte Gott vor.

 

Das war schon damals so, als Monika, die Maus, von dem liebestollen Leopold, dem Leoparden, bedrängt wurde: Alle anderen Tiere wollten den in vollem Saft stehenden Charmeur loswerden, ihn gar ertränken oder aber sein Fell anzünden, nur damit sie ihre Ruhe hätten. Nein, der ‚Große Rat der Tiere’, genannt GRdT, war dagegen. Nach langen Verhandlungen stellten sie es dem armen Leopold frei, entweder in einen Zoo zu gehen oder aber in einen Zirkus. Zu guter Letzt siegte allerdings doch die Liebe: Weil Monika, die Maus, dem armen Leopold drastisch zu verstehen gab, dass aus der Liebe mit ihr nichts würde – sie biss ihm einfach in den Schwanz, ich meine den ganz hinten –, wurde der regelrecht kuriert und wurde Eremit.

 

Und nicht anders ging es auch zu, als Siegmar, der Sägefisch, eine offene Rechnung mit Ottmar, dem Ohrwurm, zu begleichen hatte. Hatte sich doch Ottmar in des Siegmars Ohr regelrecht festgesetzt, so dass demselbigen nichts anderes übrig blieb, als dessen Melodie zu summen. Wer aber summt, der kann nicht richtig arbeiten, geschweige denn sägen. Wenn aber Siegmar als Sägefisch seiner Hauptbeschäftigung nicht mehr nachkommen kann, was soll er dann tun? Er versuchte es als Opernsummer, ganz in der Melodie von Ottmar, leider ohne Erfolg. So wurde Siegmar erst arbeitslos, dann hungrig und schließlich rasend wütend – auf Ottmar, der gar nicht daran dachte, des Siegmars Ohr wieder frei zu geben. Eigentlich eine harmlose Beschäftigung, andere Tiere mit schwingenden Melodien zu versorgen, die sich gut mitsummen lassen. Auch der Große Rat der Tiere war machtlos. Sein Vorschlag, Ottmar jeden Tag woanders seine Melodien ins Ohr einspeisen zu lassen, fand keinen Widerhall bei den Tieren. Es erbarmte sich einzig der Zitteraal Zefanja über den fast wahnsinnigen Siegmar. Von nun an zitterte Zefanja wenigstens melodisch im Wasser vor sich hin.

 

Zurück zu Maximilian und Mordechai. Sie mussten Franz-Xaver genau dann hinfort schießen, wenn er die Absaugvorrichtung trug und dazu – als zweite Bedingung – einen Raum betreten wollte. Mit einem Wort: ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn er sich gehend bewegte, war das Risiko zu groß, den Hebel zu verfehlen. Da er aber nur kurzzeitig vor der Tür stehen blieb, war das Zeitfenster für einen Volltreffer sehr klein.

 

„Mordy“, rief Maximilian verzweifelt aus, „Mordy, wenn ich es recht bedenke, haben wir eigentlich keine Möglichkeit, diesem Bösewicht eins auszuwischen. Aber soll er denn ungestraft ausgehen?“ „Nein, lieber Max, nein, und nochmals nein, das darf nicht sein.“ Das reimte sich sogar, aber half auch nicht weiter. Was aber sollte helfen? Maximilian und Mordechai besannen sich auf den Einen und Einzigen, der immer hilft: auf Gott. Sie beteten also miteinander – und beide hatten gleichzeitig den gleichen Gedanken: „Ja, haben wir schon mit Franz-Xaver gesprochen?“

 

Das war es: Sprechen. Sie kamen ja bisher nicht zum Sprechen, weil sie etwas zu schnell aufgegessen worden waren. So wäre jeder Dialog doch etwas einseitig. Würden Maximilian und Mordechai jetzt vor Franz-Xaver treten, würden sie sofort in dessen Magen verschwinden und zwar für Nimmerwiedersehen – als Appetithappen sozusagen, es war gerade Abendzeit. Wie also sollten sie sich bemerkbar machen, ohne dabei gleich gefressen zu werden? Ein wichtige Frage, eine des Schicksals allzumal und damit eine Frage auf Leben und Tod, sozusagen.

 

Wieder brüteten sie und überlegten, wie sie mit Franz-Xaver ins Gespräch kommen könnten, unverdaut. „Jetzt hab’ ich’s“, schrie Maximilian wie von einer Tarantel gestochen. Mordechai schaute ihn ungläubig an. „Mordy: Wir müssen ihm einen Brief schreiben!“, sprach Maximilian im Brustton der Überzeugung. Das klang nicht übel. Auch wenn der Brief Franz-Xavers Wohlgefallen nicht finden sollte, würden sie deshalb noch nicht gleich in dessen Schlund verschwinden. Nur das ‚Wir’ klang nicht überzeugend. Maximilian konnte gar nicht schreiben: Er war hart im Nehmen, hart im Denken. Für Mordechai galt im Prinzip das Nämliche.

 

„Max“, antwortete Mordechai schmallippig, „das war schon ein Anfang, das mit dem Schreiben, aber weder du noch ich können schreiben. Und wenn“, hier hielt Mordechai inne, „und wenn, dann könnte Franz-Xaver den Brief gar nicht lesen: Unsere Buchstaben sind doch dreihundert Mal kleiner als seine.“ Da hatte der alte Kämpe natürlich ziemlich recht. Auch war nicht geklärt, ob Franz-Xaver überhaupt lesen konnte. Zudem kannte er wahrscheinlich die Mückensprache nicht wirklich: hatte er doch die Schreiberlinge zum Fressen gerne, nicht zum Lesen.

 

Nun hatte Maximilian wieder eine zündende Idee: „Wir brauchen jemanden, der so groß ist, wie der gute Franz-Xaver und mit ihm sprechen kann. Also entweder einen anderen Frosch oder aber ein Tier auf gleicher Augenhöhe.“ So ein Tier zu finden, war allerdings nicht ganz leicht. Die meisten Tiere dieser Größenordnung hatten Mücken zum Fressen gerne oder wurden von diesen gestochen, so dass sie also auf die Mücken nicht gut zu sprechen waren. Es müsste sich also um ein mückenresistentes Tier handeln, das so groß war wie ein Frosch. Beiden fiel sofort ein Name ein, den sie auch sogleich aussprachen: „Mozart!“ Dann schauten sie sich an. Richtig, Mozart war die Lösung all ihrer Schwierigkeiten.

 

„Mozart“, rief Mordechai möglichst laut, während er an die Tür klopfte, „Mmmmmoooooozzzzaaaarrrrrrttttttttttttttttttttt, bitte aufmachen.“ Schon seit einer halben Stunde warteten sie vor der Tür, aber es tat sich nichts. Beide wechselten sich ab, sowohl im Schreien als auch im Klopfen. Entweder war Mozart abwesend und er konnte nichts hören, oder aber sie schrien und klopften zu leise, dann konnte er natürlich auch nichts hören – wobei es nicht nur komisch klang, wenn eine Mücke versuchte, ihrem Kehlkopf äußerste Vibrationen zu entlocken, sondern auch noch komisch aussah. Der Stachel peitschte der Mücke dann nämlich um die nicht vorhandenen Ohren und die Flügel waren dann so zerknittert, dass dieselbige Mücke nur noch im Dreieck umherfliegen konnte, und das war höchst unpraktisch.

 

Da bemerkten sie einen Zettel, der an der Tür angebracht war. Der war allerdings in einer anderen Sprache als Mückisch verfasst, nämlich in Mausisch. Richtig, denn Mozart war eine Maus, eine musische Maus, deshalb hieß sie auch ‚Mozart’. Aber Mozart verstand viele Worte, nicht nur die Sprache der Musik, sondern auch Mückisch und Froschisch. Bevor er sich auf das musische Fach verlegte, war er Chefdolmetscher bei seiner Majestät, dem großen Kater Karlo. Schnell entdeckten sie, dass der Zettel gar nicht beschrieben, sondern bekritzelt war: es war eine Art Lageplan. Richtig, so erinnerten sie sich: Heute Abend war ja das große Abschlussfest seiner Majestät am Teich.

 

Schnell flogen sie zum Teich. Dort war schon alles versammelt, was Rang und Namen hatte. Mozart stand in der Mitte: als Dirigent kaum anders möglich. Sein imponierender Schnurbart schaukelte wie verrückt hin und her. Schon von weitem hörten sie die gewaltige Mondschein-Serenade der jaulenden Katzen: dreihundert Stück auf einmal. Ein ohrenbetäubendes Ereignis. Aber Mozart blieb standfest. Zwar hatten ihn die Katzen sehr gerne, aber nicht zum Fressen, sondern aufgrund seiner musischen Begabungen – und seines Mutes, vor offenen Rachen seiner Todfeinde auszuharren und nicht nur den tiefen Atem, sondern auch das Gejaule zu ertragen.

 

Der ganze Festplatz war von dem Geruch von ‚Forelle blau’ erfüllt, der letzten Mahlzeit der Katzen. Das war irgendwie nicht sehr schön, aber es kam ja auf die Musik an: Der Mundgeruch des Chores konnte die vielen Liebhaber klassischer Katzenmusik nicht schrecken. Soeben strebte das Konzert seinem Höhepunkt zu. Aus Leibeskräften ertönten die Schlussfanfaren, vierzig Katzen trampelten auf achtzig Dudelsäcken herum und ließen sich regelrecht auf diese niederfallen, zwei auf einmal. Ohrenbetäubend war gar kein Ausdruck für dieses Getöse, dann kam zum Finale noch das konzertierte ‚Miau’ aus dreihundert Kehlen hinzu. Etwa hundert Besucher mussten ambulant aufgrund des Verdachtes auf geplatzte Trommelfelle behandelt werden. Anderen kamen die Tränen in die Augen, weil die Kontaktlinsen zu stark vibrierten. Wieder anderen rutschten die Pampers herunter, weiblichen Tieren ging die Bluse auf oder Rock auf und zu.

 

Dann wurde es leise, ja, geradezu gespenstisch ruhig, könnte man sagen. Die Tiere konnten die plötzliche Ruhe nicht fassen und wagten erst nicht zu klatschen. Erst schauten sie sich an, um sich zu vergewissern, ob sie noch lebten. Ja, das taten sie. Kein einziges Tier verschied vorzeitig. Auf keinen Fall wollten sie Orchester und Chor zu einer Zugabe bewegen, zu schmerzvoll wäre es für sie gewesen. Und doch: Es war eine gewaltige Leistung, die gewürdigt werden wollte.

 

Das Publikum drückte seinen Dank würdevoll aus, indem es an Orchester und Chor vorbeidefilierte, wie bei einem Aufmarsch des Militärs. Und dies taten die über tausend Besucher möglichst leise, um die Ohrmuscheln zu schonen. Auch an dem Chor waren die Spuren der Kraftanstrengung nicht zu übersehen. Etlichen Hochbetagten fiel das Gebiss aus dem Maul. Die Jüngeren mussten sich die Hosen wieder hochziehen. Ein grünlich blauer Dunst lag über dem Platz des Chores: das war einfach der Mundgeruch, der über dem Boden waberte und sämtliche Grünpflanzen erbleichen ließ.

 

Nicht anders sah es um die Fanfarengruppe aus. Völlig verausgabte Kater hechelten sich die Kehle aus dem Leib, in den Krallen noch die Reste der zerrissenen Dudelsäcke. Sanitäter um Kasimir, den Lieblingsschmusekater von Karla und Karlo, dem Königspaar, rannten um die Wette. Aber es gab weder Tote zu beklagen noch Schwerverletzte zu flicken, nur ein paar Trostpflaster und Leuchtkekse zu verteilen.

 

Maximilian und Mordechai waren von dem Konzert noch ganz benommen. Auch das gesamte Mückenvolk war vollzählig vor ihrem Königspaar, Kater Karlo und Kätzin Karla, erschienen. Die meisten von ihnen torkelten leicht schwankend von dannen. Besonders die Rüssel hatten einige Blessuren von den Vibrationen abbekommen: Sie waren zum Teil etwas zerknittert und zerknerbelt, wie Mama Gabi sagen würde.

 

Da stand Mozart auch schon vor ihnen. Eine innere Stimme verriet ihm, dass er bei den beiden gebraucht würde. Normalerweise gab er nach seinen Konzerten liebend gerne noch Autogramme an seine Fans, was bis zu zwei Stunden dauern konnte. Aber heute verließ er seinen Kampfplatz fluchtartig, so dass seine Fans keine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme hatten.

 

„Mozart“, rief Maximilian einigermaßen verdattert aus, als er dessen Gestalt urplötzlich vor sich gewahr, „tolle Leistung, heute Abend.“ Mozart nahm das Lob gelassen, dafür war er zu sehr Profi. Er erwiderte: „Na, und euch beiden, wie geht es euch?“ Maximilian sah Mordechai kurz an und legte los: „Ja, schau“, sprach er mit einem gewissen Unterton ins Bayerische, „du weißt sicher auch von Franz-Xaver, dem stark pupsenden Frosch. Er hat ja schon viele unserer Kinder in den Abgrund seines Bauches gezogen. Willst du uns helfen?“

 

Mozart schaute auf und sah den beiden fest in die Augen, insofern man das so sagen kann: Er schielte nämlich: „Ja klar, ihr beiden. Habt ihr einen Einfall?“ Betreten schauten die beiden sich an. Eigentlich dachten sie nur daran, mit Franz-Xaver zu sprechen, aber was genau sie ihm sagen wollten, wussten sie nicht.

 

Nun war es Mordechai, der die eintretende Stille unterbrach: „Was haltet ihr davon, wenn wir Franz-Xaver anbieten, etwas anderes zu fressen als unbedingt Mückenlarven, z.B. Kaugummis?“ Das mit den Kaugummis war natürlich nicht so ein guter Einfall; Kaugummis stillen ja den Hunger gerade nicht, sondern wecken ihn. Alle drei überlegten angestrengt. Mozart sagte das entscheidende Wort: „Froschpasteten“, rief er aus, „Froschpasteten, das ist der letzte Schrei aus Berlin.“ Maximilian schaute auf Mordechai, Mordechai auf Maximilian: „Froschpasteten“, prusteten beide zugleich lautstark los, so dass sich die Umstehenden nach ihnen umschauten.

 

Ehrlich gesagt wussten sie nicht, was ‚Froschpasteten’ sein sollten. Sie dachten nur, es seien eben Pasteten, die Fröschen schmeckten. Als geborene Mücken – und das waren sie mit Leidenschaft, Mücken natürlich – hassten sie Pasteten. Mit Vorliebe nahmen sie Flüssignahrung zu sich. Etwas Anderes kam ihnen nicht in die Tüte, äh, in den Rüssel. Oder hat jemand von euch schon eine Mücke mit Hundefutter im Stachel gesehen? Eben. Sonst hätte sich ja auch ihr Hals verknotet, nicht nur beim Ansaugen der Festnahrung, sondern auch spätestens beim Runterschlucken. Und eine Mücke mit einem Knoten im Hals hätte ein Problem, nicht nur beim Atmen, sondern auch beim Lächeln…

 

Mozart runzelte die Stirn. Was sollte er mit diesen Einfaltspinseln anstellen, die noch nicht einmal von dem revolutionären Umstieg der Tierbevölkerung von Lebendnahrung auf Fertigkost kannten? Dabei war das der neueste Schrei aus Berlin, der Hauptstadt mit dem größten Zoo Europas. Dort nämlich gelang es Tierpfleger Theobald, in einem Teich erfolgreich Pasteten an die Damen und Herren mit dem grünen Frack, sprich den Fröschen, zu bringen. Die Frösche fielen Theobald regelrecht an, wenn der mit seinem grünen Eimer zu ihrem Teich kam.

 

Dabei beruhte der Erfolg auf einem Trick: Die Pasteten enthielten eigentlich nur Spinat, Semmelbrösel, Rübensaft und rote Beete, aber noch zusätzlich getrocknete Fliegenleichen und Blutplasma. Und in der richtigen Mischung war es für Frösche sehr lecker, besonders bei der entsprechenden Menge an Fliegenleichen. Nun braucht an dieser Stelle nicht erörtert werden, woher die große Menge an Fliegenleichen gekommen ist. Nur soviel sei verraten: Im Winter sterben sie ja ohnehin, so dass sie eigentlich nur gefriergetrocknet werden müssen…

 

Und das war schon der ganze Trick, nämlich der Geschmack. Schmeckt es, freut sich die Zunge und der Magen auch. Weil der Fleischanteil nicht so groß ist, müssen eben mehr Pasteten gegessen werden, basta. Letzten Endes aßen die Frösche nicht so sehr tote Fliegen, sondern Spinat, Semmelbrösel und rote Beete. Würden die Frösche das herausfinden, würden sie es wohl kaum anrühren. Nein, sie wussten es nicht und standen dafür bei jeder Fütterung sogar Schlange und drängelten vor, wie im Kindergarten…

 

Und das Quaken erst. Normalerweise war das Froschkonzert in jedem Sommer für die anderen Tiere eine einzige Qual. Und die Frösche freuten sich darüber und quakten für ihr Leben gerne drauflos: ‚Quak, Quuaakk’, und auch nur ein einfaches ‚Quuuuuaaaaakkkkk’ sangen sie so laut, dass es fast nicht zu ertragen war. Nur das Katzengejaule war schlimmer.

 

Mit den Froschpasteten wurde das anders. Früher kam Gorilla Gerhard schon einmal aus seinem Gehege, um dem elenden Gequake ein Ende zu bereiten. Hatte er einmal Ferdinand, den Stammeshäuptling, am Schlafittchen, wurde es schlagartig ruhig. Dann musste der große Stamm der Zoofrösche – es waren ihrer dreihundertdreiunddreißig – hoch und heilig schwören, mit dem Krakeelen aufzuhören. Das taten sie dann, wenn auch nur für vierundzwanzig Stunden, länger reichte ihr Gedächtnis nicht.

 

Seit Erfindung der Froschpastete war es für die anderen Tiere im Zoo ganz einfach, die Geräuschkulisse zu senken. Eine Pastete extra – und die Frösche verzichteten auf eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, nämlich dem Quaken morgens, mittags und abends. Schon wenn der gute Caruso, der Frosch mit dem größten Lungenvolumen, zum allerersten Morgengruß ansetzen wollte, kamen die Pasteten aus allen Himmelsrichtungen angeflogen. Die Frösche mussten nur so tun, als würden sie gleich um die Wette quaken: Schon wurden sie bestens von den anderen Tieren versorgt.

 

Und dadurch geschah noch etwas: Weil die Frösche immer mehr aßen – die Froschpasteten waren zwar sehr appetitlich, aber nicht sehr nahrhaft, wie wir oben hörten –, nahmen sie an Leibesfülle zu. Bisher waren sie mäßig gute Schwimmer, aber hervorragende Taucher. Nun kam es nicht selten vor, dass die fetten und feisten Frösche einfach absoffen und zu Boden sanken, auf den Teichboden wohlgemerkt. Und von dort mussten sie dann kläglich gerettet werden.

 

Dazu war der Frosch-Notruf notwendig. Und der klang ganz genau so, als würde sich eine Mutter an ihrer Kaulquappe verschlucken: „ÖÖÖÖüüüüüuuuuuiiiii, öööööäääääüüüüuuuuuuiiii, öööppppssss!“ Hörte der Frosch-Rettungsdienst diesen Urschrei, stürmte er sofort los und rettete, was das Zeug hielt. Und Adebar, der alte und weise Storch, konnte sehr schnell stürmen. Mit Freude zog er mal diesen, mal jenen Frosch am linken oder rechten Schenkel aus dem Wasser. Der Frosch-Rettungsdienst-Ehrenkodex verhinderte, dass er den einen oder anderen Geretteten sich schnurstracks einverleibte. Auch muss man sagen, dass die Frösche, die sich an den Pasteten mästeten, nicht mehr so gut schmeckten. Weniger nach grünem Schleim schmeckten sie, als mehr nach Spinat und rote Beete.

 

Bald waren alle Frösche im Zooteich so dick und fett, dass sie Badeverbot bekamen. Sie durften sich nur noch mit Badeweste und Schwimmreifen den blauen Fluten nähern. Auch nahm ihre Lebensfreude ab, so dass es zu immer weniger Jungfröschen kam, aber das ist wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

Mozart nun erzählte Maximilian und Mordechai all dies nicht, sondern sagte schlicht: „Kinders, lasst mich nur machen.“ Was anderes blieb den beiden auch gar nicht übrig. Ohnehin stand ihnen das Wasser bis zum Hals, schlimmer konnte es nicht werden. Und Mozart versprach: „Morgen um 12 Uhr mittags haben wir die Schwierigkeit gelöst, ihr werdet sehen. Kommt bitte zu mir um 11 Uhr, dann gehen wir zu Franz-Xaver.“

 

Die beiden Familienväter waren baff. Da sprachen sie nur ein paar Sätze mit einem weltbekannten Dirigenten – und der schüttelte eine Lösung aus dem Ärmel, dass es nur so staubte… Davon waren sie noch ganz benommen, sowohl von dem Staub als auch von der Schnelligkeit der Lösungsfindung. Auf dem Heimweg buchstabierten sie: P-A-S-T-E-T-E. Ja, was sollte das wohl sein, eine Pastete?

 

Ihre Ehefrauen lachten über sie: „Ihr seid ja lustig“, riefen sie lächelnd aus, denn ein schallendes Gelächter, wie es ihnen eigentlich auf dem Herzen lag, trauten sie sich nicht zu, in Anbetracht der verdienstlichen Bemühungen ihrer Gatten, „ihr wisst nicht, was ein P-A-S-T-E-T-E ist? Aber so eine esst ihr doch fast jeden Abend auf eurem Brot, äh, Blutbrötchen.“ Maximilian und Mordechai schauten ihre Gattinnen fragend an und verstanden nur Bahnhof. Diese gingen, klug wie sie waren, zum Kühlschrank und zeigten ihren Angetrauten, was sie allabendlich verspeisten. „Ach so“, entfuhr es ihnen unisono, „das meint ihr, hätten wir doch gleich gewusst, hätten wir es gewusst, äh!“

 

Nun waren Maximilian und Mordechai erleichtert. Ja, wenn es nur um eine schmackhafte Pastete ging, dann musste es ja morgen Mittag alles zu seinem guten Ende kommen. Nun schlürften sie erst einmal genüsslich ihre herzhafte Blutsuppe und aßen anschließend ein Stück ihrer Lieblingspastete. Keine Frage: In ihren beiden Küchen brannte dieses Nachts das Licht noch lange, beteten beide Familien doch inbrünstig für das Gelingen des Pasteten-Planes.

 

Am nächsten Morgen um 11 Uhr standen sie dann gleich auf der Fußmatte von Mozart. Sie waren hellwach, wenn sie auch nicht so viel geschlafen hatten. Mozart erläuterte ihnen kurz seinen Plan: Erst einmal auf die Tränendrüse drücken, sprich ein so genanntes ‚Problembewusstsein’ bilden, wie es so schön Neudeutsch heißt; dann die Pastete vor Franz-Xavers Riechkolben schwenken – fertig! Klappte es, dann war der Nachwuchs von Max und Mordy gerettet, klappte es nicht, galt es mit Franz-Xavers schlechter Laune umzugehen und die beiden vor seinen Nachstellungen zu retten. Dann hieß es: Rette sich, wer kann!

 

Pünktlich um zwölf Uhr standen sie vor Franz-Xavers Domizil, einem umgebauten Schuhkarton. Stille lastete über dem Flecken Erde, das tatsächlich nur Erde war, denn es wuchs dort buchstäblich gar nichts. Franz-Xavers Ausdünstungen hatten alles Leben im Umkreis von zehn Metern ausgelöscht – und das ist viel, wenn man bedenkt, dass ein Frosch nur fünfzehn Zentimeter groß ist.

 

Vorsichtig klopfte Mozart und flötete möglichst harmlos und nett: „Fraaanz-Xaaaaver, wir möchten mit dir sprechen! Lässt du uns heeeereeeeein?“ Keine Antwort war zu hören. Stattdessen atemlose Stille. Mozart drehte sich zu Maximilian und Mordechai um, möglichst langsam, um nicht seine Contenance zu verlieren: „Freunde, wir haben ein Problem!“

 

Da ging plötzlich die Tür auf. Es war Franz-Xaver in seiner Pupsabsaugvorrichtung. Einmal übergezogen war sie ein hervorragender Schutzpanzer und geeignet, alle Angriffe abzuwehren. Weil sie die Luft so stark anzog, riss sie auch alles andere mit sich fort, so auch kleine Tiere, wie z.B. Mücken und Mäuse.

 

Mozart erkannte die Gefahr sogleich, er war an der Entwicklung dieses genialen Apparates mitbeteiligt, ja sogar federführend: „Achtung, Freunde, Lebensgefahr, er will uns töööö…“ Da verstummte er. Die Pupsabsaugvorrichtung hatte ihn angesaugt, er steckte nun in der Röhre fest, nur sein Schwanz ragte noch heraus. Für einen Moment konnten sie aufatmen, weil die Absaugvorrichtung nicht saugen konnte – aufgrund kurzzeitiger Verstopfung.

 

Nun musste rasend schnell gehandelt werden. Maximilian und Mordechai umrundeten Franz-Xavers Vorrichtung und suchten dessen wunden Punkt. Den hatten sie auch sogleich gefunden, unfreiwillig. Denn sie blieben nicht unentdeckt. Franz-Xaver wendete sich, um die Ansaugröhre auf die beiden zu richten. Nun stellte er den Turbogang ein. Im Nu würde Mozart in der Röhre verschwunden sein, verdichtet zu einem Klumpen Fleisch. Jetzt musste schnell gehandelt werden. Sie blickten sich an und hatten beide den gleichen guten Gedanken.

 

Blitzschnell drückten sie auf die Tube: Sie spritzen ihren Bluttank leer, zielgerichtet auf die Plexiglasscheibe, durch die Franz-Xaver alles sehen konnte und selbst geschützt war. Dann begannen sie, wie wild vor der Scheibe hin und her zu fliegen. Das taten sie zum einen, um Franz-Xaver abzulenken und zum anderen, um das Blut möglichst schnell zum Trocknen zu bringen. Denn das war der Gedanke: Durch Blut hindurch lässt sich nicht gut sehen, besser gesagt: gar nicht. Mit einem Wort: Franz-Xaver war kampfunfähig, weil er nicht mehr sehen konnte, jedenfalls nicht innerhalb der Pupsabsaugvorrichtung.

 

Mozart wäre beinahe fast ganz angesaugt worden. Immerhin wedelte noch sein Schwanz aus der Röhre. Nun musste er befreit werden. Wie aber das, wenn die zwei Mücken selbst nur Dreitausendzehntel des Gewichtes einer ausgewachsenen Maus auf die Waage legten? Der Hebel musste umgelegt werden, beschlossen die beiden, nämlich der Hebel, der aus der Absaugvorrichtung eine Ansaugvorrichtung machen würde. Bald hatten sie ihn gefunden. Das war ja auch ihr ursprünglicher Plan, nämlich Franz-Xaver einfach woandershin zu katapultieren.

 

Weil sie nicht wussten, wie Franz-Xaver auf all das reagieren würde, was um ihn herum geschah, handelten sie schnell und hatten wiederum eine gute Idee. Sie befestigten mit Leibeskräften ein Ende eines Nylonfadens an dem Hebel und das andere am Tisch. Weil Franz-Xaver sich ständig bewegte, würde er durch seine eigene Bewegung den Hebel betätigen. Richtig, und jetzt tat er es. Und er startete los. Zuerst spuckte er den armen Mozart recht unsanft in seinen Komposthaufen. Ja, auch Frösche haben einen Komposthaufen, manche, wie Franz-Xaver, sogar in ihrer Küche, das sind die ökologisch orientierten. Und dann flog er durch die Küche, immer im Kreis herum. Nun brauchten sie ihm nur einen Schwups geben – und weg war er, ab durch die Küchentür, die sperrangelweit offen stand.

 

Nun sei auch noch verraten, wo der gute Franz-Xaver landete: In den örtlichen Recyclinghöfen, dort nämlich, wo der Kompost der Frösche landete. Genauer gesagt landete er nicht, sondern plumpste hinein: Mitten in die Aufbereitungsanlage des schon vorbehandelten Komposts, in die Jauchegrube also. Wie der gute Franz-Xaver eine Festanstellung bei der städtischen Gasanstalt bekam und Taufpate bei Mike, der Mücke, wurde, ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.


15. Pankratz und Pauline

 

Eines Samstagnachmittags, als Pandy mit seinem Papa Harry wieder einmal mit seiner Modelleisenbahn spielte, wobei er eigentlich noch nicht mit ihr spielte, sondern nur Pläne schmiedete, weil bisher nur die Grundplatte vorhanden war, sagte er zu ihm: „Hey, Papsl, was hältst du davon, wenn wir morgen nach dem Gottesdienst in den Zoo gehen. Da waren wir ja schon lange nicht mehr.“

 

Harry schaute seinen Sohn lange an. Seine monetären Verhältnisse hatten sich etwas verändert. Noch im letzten Jahr konnte er sich und seinem Sohn eine Zoocard spendieren, mit der sie beide jeden Tag nach Herzenslust freien Eintritt im Zoo hatten. Aber dieses Jahr sah es mau aus. Deshalb erwiderte er: „Eigentlich eine gute Idee. Ich werde mal mit Mama sprechen.“ So spielte er auf Zeit und vertagte das Thema auf den Abend. Ein Zoobesuch war sehr teuer und war als ganze Harry-Hirsch-Familie derzeit unerschwinglich: acht Mitglieder, die kostenpflichtig waren, kosteten einfach zu viel.

 

Pandy kannte seinen Vater nur zu genau. Er war nun fast zehn Jahre alt. Die Sorgenfalte auf dessen Stirn verriet ihm, dass es wohl zu teuer war, den Zoo zu besuchen. Weil er schon gespannt auf die neue Modelleisenbahn war, die sein Vater ihm schon lange vor Weihnachten kaufen wollte, lenkte er ein: „Du, Paps, ist nicht so schlimm mit dem Zoo. Wenn es morgen nicht klappen sollte, dann können wir es ja später tun, nicht wahr?“

 

Papas Gesicht hellte sich auf. Ja, das war sein Sohn. Der war nicht nur schon ziemlich alt, sondern wusste schon ziemlich genau Bescheid, was gehen würde und was nicht. Und der Zoo war zu teuer. Dann freute er sich eben auf seine neue Modelleisenbahn und träumte davon, was er alles damit – so nach und nach – anstellen würde.

 

Nach dem gemeinsamen Gottesdienst ging es wieder nach Hause. Mama hatte nichts Besonderes vorzubereiten. Es war einfach zu wenig Geld da, um einen schönen Braten zu machen oder einen Auflauf. So gab es die Reste der letzten Woche und überbackene Bemme, wie man in Hirschhausen ein Wurstbrot mit Mandarinen und Käse obendrauf nannte. Das war auch nicht übel, zumal Gabi eine vortreffliche Köchin war, die sich nicht nur alle erdenkliche Mühe gab, sondern mit ihrer Begabung nicht geizen brauchte. Sie war einfach gut, die Mama. Nur die Portionen waren etwas gewöhnungsbedürftig: entweder zu viel Soße – gleich einen Liter – oder zu wenig. Aber das ist ja auch nicht so einfach und leicht verzeihlich, wenn alles andere stimmt.

 

Weil das Essen sehr leicht war und nicht vieler Vorbereitungen bedurfte, gingen die Eltern recht früh zu ihrem sonntäglichen Mittagsschlaf, während die Kinder sich im Garten verlustierten. Pünktlich um 15 Uhr krähte der Hahn Raul, aber auch nur, weil ihn Pandy an seiner Lieblingsschwanzfeder zog, also an Rauls Lieblingsschwanzfeder, nicht an Pandys. Der hatte ja gar keine. Pandy sollte eigentlich die Eltern wecken, aber er war zu faul, nach oben in deren Schlafzimmer zu gehen. So stellte er einfach Raul hinterrücks nach, überraschte ihn und zerrte an dessen neongelber Feder.

 

Nun werdet ihr euch fragen: Wie kommt ein normaler Haus- und Hofhahn zu einer neongelben Feder? Das ist leicht aufzuklären. Raul, der lebende Wecker, der Harry-Hirsch-Familie war sehr eitel. Eines Tages besah er sich im Spiegel, was er allmorgendlich tat, aber auch zwischendurch mehrmals, und zwar für drei Stunden: drei (3!) Stunden. Da wurde er zwei grauer Härchen gewahr. Jedenfalls schien es ihm so, als sei da etwas anders gewesen. Das betrübte ihn so sehr, dass er schnurstracks in die nächste Drogerie ging. Das erstandene Federfärbemittel probierte er sofort aus. Leider griff er in seiner Einfalt in das falsche Regal und erwischte nicht den erwünschten Grünton mit einem Hauch ins Blaue und Rote sowie Violette, sondern eine Neonfarbe für den Fasching. Tja, da half alles nichts. Raul war untröstlich und musste sich von seinen sämtlichen Hühnern zehn Wochen lang den Bauch miezeln lassen, was in der Tiersprache so viel heißt wie: nett behandeln, bedauern und überhaupt aufmunternd wirken.

 

Die anderen Tiere in dem Hausstand der Harry-Hirsch-Familie konnten sich eines gewissen Schmunzelns nicht erwehren, das auch in schallendes Gelächter ausarten konnte. Besonders Siegfried, der deutsche Schäferhund, konnte immer dann nicht an sich halten, wenn er Raul bedächtig vor sich hin stolzieren sah, wobei die gelbe Feder neonfarben gerade auch des Nachts eigentümlich hell leuchtete.

 

Papa Harry musste Siegfried schon deshalb mehrmals verwarnen. Nur mühsam war der Köter zu bändigen. Der arme Raul dachte zwar nicht an Selbstmord, aber wollte sich die störrische Feder schon ausreißen. Auch dachte er daran, sich komplett neu einzufärben, aber wer wusste schon, wohin das führen würde? Vielleicht leuchtete er dann in Pink, das wäre noch schlimmer, oder in Braun, das erinnerte an gewisse Endausscheidungen…

 

Am schlimmsten aber war das Feixen der anderen Vögel. Angefangen von Neidhard, der Nebelkrähe, über Sara-Lena, der Spottdrossel, hin zu Sebastian-Friedrich, dem Seeadler. Alle konnten sich eines, gelinde gesagt, Kommentars nicht enthalten. ‚Farbklecks’, ‚Paradiesvogel’ und ‚Caruso’ waren noch die harmlosesten Bezeichnungen. Aber mit der Zeit gewöhnte sich Raul an alles.

 

Wie gesagt krähte Raul nun sein wunderbarstes Kikeriki, wiewohl er am liebsten Pandy eins mit dem Schnabel gepickt hätte. Aber er konnte entweder Krähen oder Picken, beides geht naturgemäß nicht. Harry wachte sofort auf, nur seiner Frau musste er etwas nachhelfen, da diese in ihren berüchtigten Tiefschlaf gefallen war, in welchem sie besonders nachhaltig schnarchte.

 

Während Harry nach unten eilte, um die Kaffeetafel zu richten, bereiteten sich die anderen Mitglieder der Familie darauf vor, den besten Weg für den nachmittäglichen Spaziergang auszukundschaften. Der sollte an den Sümpfen vorbeiführen. Dort hatten die Frösche ihr letztes Spätsommerkonzert geplant, wofür die Mücken eine Ballettaufführung probten. Es war immer lustig zu sehen, wie sich die Frösche beherrschen mussten, die armen Mücken nicht einfach zu verschlucken und wie die Mücken genau wussten, dass ihnen nichts geschehen würde, weil Schlemihl, der Storch, über ihnen wachte, was sie erst recht anstachelte, die Frösche zu reizen…

 

Harry brauchte immer etwas länger, um seine Frau aus dem Bett herauszubekommen. Die schnarchte nicht nur lauthals, sondern gerne tief und fest. Heute Nachmittag waren sie gut in der Zeit. Die Sonne schien samten auf die Blätter, die sich langsam, aber sicher rotbraun färbten.

 

Um rechtzeitig loszukommen, gaben sich alle eine große Mühe, möglichst schnell viel Nahrhaftes in sich hineinzuschaufeln. Alena hatte eine ihrer köstlichen Torten gebacken: eine Kürbis-Smarties-Keks-Torte. Die war eigentlich ganz einfach, denn das Rezept war von Klothilde, der Ehefrau von Dragomir, dem Drachen. Sie bestand aus Keksteig, einer Kürbisfüllung – wegen der herbstlichen Früchte – und aus Smarties, dazu braucht man nichts sagen. Eifrig war sie bemüht, es ihren Brüdern und Schwestern recht zu machen. Ihre Zöpfe schaukelten lustig hin und her, wenn sie die Tortenstücke verteilte.

 

Dann ging es los. Auch das hatte seine Ordnung, wie alles im Leben, denn ohne Ordnung geht gar nichts. Und zwar ging das so: Voran musste immer Siegfried, der deutsche Schäferhund, laufen. Sodann kamen die Tiere aus dem Haushalt der Harry-Hirsch-Familie. Da war Katjuscha, die russische Haus- und Hofkatze; die hatte öfter ihre Migräne und war dann entweder unpässlich oder lief nur kurze Strecken mit. Und da war Aljoscha, der polnische Aal; der konnte eigentlich nicht laufen, aber sprang immer aus seinem tragbaren Glas auf den Weg; er war so sehr an allem interessiert, dass er von Zacharias in seinem Rucksack mitgenommen werden musste – ansonsten gab es einen Stromschlag in den Rücken. Und da war Bazooka, der Braunbärenjunge; damals, als der Rummel um den Eisbären Knut am größten war, färbte er sich das Fell käseweiß; er wollte einfach nur die gleiche Aufmerksamkeit haben, wie das weltberühmte Eisbärenbaby aus dem Berliner Zoo; dummerweise fing es gerade an zu regnen, als er auf die Harry-Hirsch-Familie im letzten Frühjahr zu tapste – die ganze Maskerade flog auf, was nichts daran änderte, dass alle Kinder ihn in ihr Herz schlossen.

 

Dann kamen die drei ältesten Kinder an die Reihe: Fritjoff, Pandy und Alena. Die mittlere Generation folgte und schob vor sich hin die Kinderwagen der neuesten Erzeugnisse aus dem Hause Harry Hirsch. Gemächlich schritten schließen Harry und Gabi am Schluss der Familie, die immerhin inzwischen zehn Mitglieder umfasste. Am wirklich allerletzten Schluss des Hofstaates lief entweder Anton mit seinen hundert Ameisen-Schwadroniern oder Klothilde mit Besen und Schaufel. So eine große Ansammlung hinterließ durchaus den einen oder anderen Krümmel oder eine Windel oder auch mehr, je nachdem, wie pässlich oder unpässlich der eine oder andere war.

 

War die eine oder andere Unpässlichkeit etwas größer geartet, wurden Lupo und Leopoldino gerufen, die Flugbereitschaft der Luftgeier. Nun werdet ihr euch fragen, was wohl ‚Luftgeier’ im Unterschied zu anderen Geiern sind. Aber das ist ganz einfach. Alle Geier fliegen, natürlich, wo auch sonst, in der Luft, außer sie fliegen heraus, entweder bei Muttern oder aus dem Internet oder überhaupt. Diese beiden Luftgeier konnten in der Luft betankt, äh, beköstigt werden, denn sie waren es gewohnt, so kleine Knöchelchen zu zerknerbeln, wie Gabi zu sagen pflegte, dass sie gar nicht landen brauchten, jedenfalls nicht innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Das ist eine enorme Leistung, gerade auch, wenn man bedenkt, dass sie enorme Lasten heben können.

 

Lupo und Leopoldino konnten die Unpässlichkeiten einer ganzen Herde Elefanten, also bis zu zwanzig Stück, in die Luft heben – und dieses ohne mit der Wimper zu zucken, wie man so zu sagen pflegt. Zwar hatten sie gar keine, ich meine Wimpern, aber sie hätten auch nicht gezuckt, wenn sie welche gehabt hätten, ich meine Wimpern. Ihr Meisterstück war das Hochheben der Unpässlichkeit von Dragomir, dem Haus- und Hofdrachen der Harry-Hirsch-Familie. Dafür allerdings mussten sie gut gefrühstückt haben, was den Nachteil hatte, dass sich in ihrem Magen etwas befand, dass unter Umständen heraus wollte, jedenfalls bei so einigen Gerüchen, die die eine oder andere Unpässlichkeit begleiteten. So befanden sie sich in einer Zwickmühle: Entweder frühstücken, aber dann mit Magenreißen rechnen, oder mit leerem Magen den Job nicht erledigen. Aber das mit Dragomir geschah nicht alle Tage, zum einen, weil er ein fahrbares Klosett immer dabei hatte, und zum anderen, weil er mit Klothilde verheiratet war – da ist Reinlichkeit schon Bestandteil der Ehe…

 

So eine große Gruppe an unterschiedlichsten Tieren blieb nicht unbeachtet. Die meisten Tiere traten hoheitsvoll beiseite, die anderen blieben lieber in ihren Häusern zurück und winkten. Denn ehrlich gesagt verbreitete die Gruppe jede Menge Fröhlichkeit – und die ist nicht nur ansteckend, sondern auch anstrengend. Zum einen kann man dann nicht so leicht herum mäkeln. Und zum anderen ist Fröhlichkeit auch laut, jedenfalls in einer Gruppe.

 

Unter uns gesagt: Die Mitglieder der Harry-Hirsch-Familie waren ziemlich selbstbewusst. Sie beteten gerne und sangen Lieder ohne Ende, natürlich am liebsten die frommen und die mit Kanon. Mal ehrlich: Es handelt sich immerhin um eine Gruppe von sangesfreudigen jungen Menschen, äh, Tieren. Besonders Gabi tat sich dann hervor. Sie spielte gerne Geige und nahm in ihrer Jugendzeit auch Gesangsstunden.

 

Die meisten Tiere des Waldes nahmen die sonntäglichen Ausflüge der Harry-Hirsch-Familie mit Gleichmut – und Ohrstöpseln. War die Bagage nur in Hörweite, griffen die musikalisch anspruchsvollen Tiere, wie Balduin, der Biber, und Kunigunde, die Kreuzotter, zu den ohrfreundlichen Lärmstoppern, während die anderen Tiere sich in ihren Bau zurückzogen. Nur die Tiere, die es von Herzen liebten, Gott auch mit lauten Tönen zu loben, standen am Wegesrand Spalier und winkten.

 

Weil sie aber gerade auf dem Weg zu einem Chorkonzert des Froschmänner-Gesangbundes waren, summten sie nur. Sie wollten ja den springenden Tenören keine Konkurrenz machen. Es war allerdings ein ziemlich lautes Summen, so wie das Zirpen von Bohrmaschinen. Da hätten sie natürlich auch singen können…

 

Pandy blieb plötzlich stehen. Hatte er gerade richtig gesehen oder hatte er Tomaten auf den Augen? Durch sein unversehenes Anhalten kam die ganze Truppe abrupt zum Stehen. Alle purzelten übereinander. Dabei hatten sie das Zum-Stehen-kommen, also das Anhalten, geübt, stundenlang. Einer von ihnen sollte ein kurzes ‚Achtung’ rufen: nicht ‚Aaaachtung’, sondern ‚Aacchhttuunngg’. Fehlte nur das ‚Still gestanden’, wie beim Militär. Aber soweit wollte es Harry denn doch nicht treiben. Dabei war das Purzeln, jedenfalls das freie und spontane, nicht ganz ohne Nebenwirkungen.

 

So fiel dabei regelmäßig Aljoscha aus dem Rucksack von Zacharias und wurde nicht selten getreten, was seine Farbe von Blassgrün auf Rotgelb wechseln ließ. Und der plötzliche Stress, mitten im Gehen anhalten zu sollen, führte bei Bazooka, dem Braunbärenjungen, zu Haarausfall: Ja, er sah dann so aus wie Harry, als der Frisör ihm wider Willen eine Glatze rasierte – zum Fürchten also.

 

Pandy sah starr vor sich hin und schaute in eine bestimmte Richtung. Laut- und regungslos blieb er stehen. Alle anderen Tiere taten es ihm gleich. W-a-s w-a-r d-a-s? Ein dickliches Etwas mit Horn vorne dran tanzte auf einem Huf im Kreis um ein anderes Etwas, das sich in der Luft zu bewegen schien. So etwas hatten sie alle noch nicht gesehen. Nach und nach setzten sie sich hin, gerade dorthin, wo sie standen. Erstaunlicherweise klappte das ganz gut, jedenfalls ohne große Blessuren. Nur Aljoscha sah noch blasser aus als er ohnehin war, weil sich Bazooka aus Versehen auf den Rucksack von Zacharias setzte…

 

„Papa“, hauchte Pandy ganz vorsichtig, „Papa, was is’ das?“ Dabei brauchte Harry wirklich nicht von seinem zweitältesten Sohn auf das gewisse Etwas hingewiesen zu werden. Ihm kippte auch so die Kinnlade herunter. „Das, mein Sohn“, meinte Harry trocken, „ist ein Panzernashorn, ein noch junges und verspieltes.“ ‚Stimmt’, dachte Pandy, ‚das habe ich ja auch schon einmal in meinem Tierlexikon gesehen. Aber mit welchem anderen Tier tanzte es? Oder war es etwa durchgedreht?’

 

Irgendjemand sah, was der Tanzpartner gerade tat: Er flatterte nämlich. „Seht nur, ein Schmetterling!“, frohlockte Alena. Andächtig schaute sie auf das nicht alltägliche Schauspiel. Damit meinte ich natürlich nicht, dass ein Schmetterling flattert. Nein, etwas anderes ist seltsam: Ein Panzernashorn hüpft um einen Schmetterling herum. Alena überlegte, was für eine Art es sei. Sie liebte Schmetterlinge und wusste alles über sie. Beim letzten Fasching verkleidete sie sich als Flattermann. Das sah sehr süß aus: ein dünnbeiniges Rehkitz mit Flügeln und Zöpfen…

 

‚Ich hab’ es’, dachte sie sich. „Ein Pfauenauge mit einem Hauch von einem Admiral!“, rief sie verzückt aus. Sie hatte Recht. Es handelte sich um eine sehr seltene Kreuzung von einem Admiral mit einer Pfauenaugin. Es konnte nicht umgekehrt eine Kreuzung einer Admiralin mit einem Pfauenauge sein, weil die beiden Augen der Pfauenaugin zu verführerisch lieblich aussahen…

 

Die gesammelte Reisegesellschaft blieb verzückt stehen. So etwas sieht man nicht alle Tage. Dass sie noch zu einem Konzert quakender Frösche wollten, entglitt ihrem Gedächtnis. Wie auch all den anderen Tieren, die ihres Weges zogen: Bob, dem Biber, dem Dammmeister von Hirschhausen, und seiner Familie samt Anhang; Dagobert Dachs und seinen Vierlingen; Rigoberta, der Ringelnatter, und ihrem fünfzigfachen Nachwuchs; Wigbert, dem Anführer einer Tausendschaft von Waldameisen, einer besonders hart gesottenen Truppe von einheimischen Hardcore-Kämpfern.

 

Pankratz, dem Panzernashorn, und Pauline, der Pfauenaugin, schien das alles gar nichts auszumachen. Sie tänzelten um einander herum, dass es eine wahre Freude gewesen ist. Auch schienen sie die ganze Welt vergessen zu haben. Würde das Schauspiel länger gedauert haben, so wäre der ganze Wald um die beiden Tanznarren versammelt gewesen. Aber so verging gerade einmal eine halbe Stunde.

 

Wie nun kommt ein Panzernashorn in den Wald bei Hirschhausen, werdet ihr euch fragen. Diese Frage ist allerdings nur zu berechtigt. Hierzu nur so viel. Pankratz hatte schon Einiges auf dem Kerbholz und bekam seinen ersten Freigang seit vier Monaten. Im Gefängnis hatte er sich sehr verändert. War er anfangs ein Rauhbein, das jede Mauer sofort einreißen wollte, hatte er hinter den Schwedischen Gardinen, wie man so sagt, seinen Sanftmut entdeckt. Während er vorher am liebsten jede blühende Blume zerdrückte, sog er nun ihren Duft mit Wonne in sich ein. Ja, versonnen sah er jedes Mauerblümchen im Gefängnishof an. Dann mussten ihn zwei Wärter, gestandene Walrosse wie zum Beispiel Willibert und Wigdalf, in seine Zelle zurück schieben – und er merkte es gar nicht.

 

Ja, alles, was ihn vorher zum äußersten Zorn reizte, wie zum Beispiel das Zirpen von Hanfried, der Heuschrecke, vermochte ihnen nun zur Andacht zu bringen und Gott für all das Gute zu danken. Früher hätte er ein kleines Steinchen in Richtung des Zirpens mit seinen Hufen abgefeuert, sicher nicht, um Hanfried in seinen musikalischen Erzeugungen zu unterstützen…

 

Besonders Schmetterlinge hatten es ihm angetan. Bis zum Nashorn war er übersät mit Tätowierungen – noch aus seiner kriminellen Vergangenheit. Die Verbrecher machen das nun mal so. Einmal hatte er sich mit dem Hautritzer, also dem Tätowierer, überworfen. Weil Pankratz ihm Geld schuldete und obendrein besoffen war, nahm dieser Rache: Er ritzte die Geldschuld in Pink mitten auf die Nashornspitze… Als Pankratz aufwachte, war Turgenjew, der Tätowierer, längst über alle Berge, aber die Lacher nicht. Um die lächerliche Zahl auszumerzen, müsste er sich die Hornspitze entfernen lassen, was nicht weniger lustig aussähe…

 

Da dachte er sich in seiner Einfalt und einer einsamen Gefängnisnacht, dass er den Schmetterlingen ähnlich sein sollte, die ja auch gewisse Musterungen aufweisen, nur dass er keine Flügel hatte… Wobei das mit den Flügeln so nur bedingt stimmte. Früher, als er noch so ein richtiger Rabauke war, surfte er liebend gerne mit einem Laptop, aber nicht im Internet, sondern auf den U- und S-Bahn-Stufen: Knatternd zerknarzte er jeden tragbaren Computer, der ihm auf seinem Weg auffiel. Das war natürlich grober Missbrauch von sinnvollen Gebrauchsgegenständen. Die Besitzer standen dann fassungslos dabei, wie ein bärenstarkes Nashorn auf den Treppenstufen hin und her surfte, nur weil es zu faul war, eben dieselben hinunter zu steigen. So schnallte er sich immer zwei Laptops als Flügel unter die Hufen – und, schwups, ging es in den Abgrund…

 

Kein Wunder, wenn seine Visage bald in ganz Berlin auf Fahndungsplakaten auftauchte. Lange brauchte es nicht, ihn zu finden. Man musste nur der Spur aufgebrachter ehemaliger Laptop-Besitzer folgen, die heulend das Häuflein Blech und Glas ungläubig anstarrten, welches ihnen Pankratz hämisch grinsend überreichte. Man schätzt, dass er bis zu dreihundert dieser technischen Wunderwerke zur Strecke brachte.

 

Kommen wir wieder zu unserer Liebesgeschichte zurück. Ja, ihr habt richtig gelesen, eine solche bahnte sich zart, aber unausweichlich zwischen den beiden an. Nicht, dass sich Pankratz über gewisse körperliche Verrichtungen Gedanken machte. Nein, küssen und Anderes wollte er nicht. Er wollte nur mit Pauline zusammen sein. Echte Liebe eben. Dabei wusste er gar nicht, wie sie hieß, denn Schmetterlinge sprechen nicht, wirklich nicht. Sie verständigen sich über ihre Tanzaufführungen, wobei diese recht einfach gestaltet sind.

 

Möchten Schmetterlinge zum Beispiel ‚Guten Tag’ sagen, flattern sie einfach in Richtung Sonne. Wenn die Sonne gerade nicht zu sehen ist, hat man schon Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Wollen sie aber ‚Schönen guten Tag’ sagen, müssen sie zweimal in Richtung Sonne fliegen. Da sie aber ohnehin auch so in Richtung Sonne fliegen, steigert sich die Gefahr der Missverständnisse deutlich. Denn immer dann, wenn sie sich von einer Blume in die Lüfte erheben, fliegen sie ja ohnehin automatisch in Richtung Sonne…

 

Nur wenn sie ruhen, also zum Beispiel auf einer Sonnenblume sitzen und sich am Nektar laben, verständigen sie sich nicht. Und wenn sie krank sind und ihre Schwingen nicht erheben können, können sie leider auch nicht miteinander in einen Austausch von Nachrichten treten, denn sie können sich ja krankheitshalber nicht bewegen oder wollen es nicht.

 

Es ist also nicht so einfach mit den Schmetterlingen. Auch mit Pankratz ist es nicht so einfach. Jahrelang war er an Punkmusik gewöhnt und pflegte dazu höchste Aufmerksamkeit erheischend auf dem Boden mit den Hufen zu stampfen. So richtig im Pogo-Takt konnte er nicht tanzen. Man könnte sagen, er war ein rechter Trampel.

 

Durch seine Umkehr zu Gott wurde das anders. Er bemühte sich nun zusehends um Taktgefühl. Anmutig hüpfte er zur Freude in die Luft, jedenfalls schien es Pauline so, es wäre anmutig. In Wahrheit war es mehr mutig als alles andere. Denn so ein recht plumper Sprung nach oben und das darauf folgende Plumpsen nach unten führte nicht nur zu heftigem Kopfschütteln bei allen Umstehenden, sondern auch zu gewaltigen Erschütterungen erdwärts.

 

Denn unter dem Boden, auf dem Pankratz herumhopste, hauste eine Kolonie von Erdmännchen. Es waren Erich und Erna, ihres Zeichens Stammhalter von vierhundertvierundvierzig Nachkommen. Mit einem Wort: Der Untergrund, auf dem Pankratz versuchte, den Takt zu halten, war hohl und somit starken Schwankungen zuträglich. Die ersten Kinder von Erich und Erna mussten mit Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingewiesen werden. Als der geplagte Erich zaghaft sein Haupt in Richtung Tanzaufführung drehte, hätte er beinahe die Hufe des liebestollen Nashorns abbekommen. Noch rechtzeitig konnte Erna ihn am Mantelzipfel in den Bau ziehen, der schon arge Risse aufwies.

 

Damit nicht gar die ganze Behausung einstürzte, war dringend Abhilfe von Nöten. Es war Fritjoff, dem zuerst auffiel, dass der Erdhügel an Höhe verlor. „Seht doch“, rief er aus, „der Hügel wird immer kleiner, gerade eben wieder ein Stückchen.“ Niemand beachtete ihn. Das mögliche Schrumpfen einer Erderhebung im Hinblick auf die einmalige Tanzdarbietung war einfach nebensächlich. Niemand von den Umstehenden sah, wie ein Krankenwagen der Erdmännchen nach dem anderen rückwärtig ankam. Die Lage begann, bedrohlich für diesen Stamm der Erdmännchen – es war der Stamm, der sich ‚Der auf den Coladosen fliegt’ nannte – zu werden. Er nannte sich deshalb so, weil dessen jüngste Mitglieder die Coladosen schüttelten und umgekehrt in eine Schüssel stellten, um sie dann kontrolliert zur Explosion zu bringen –, dann umklammerten sie die Dosen und flogen damit in der Luft umher, kurzzeitig.

 

Das brachte ihnen eine Mordsgaudi, wie man in Bayern zu sagen pflegt, wo ja, wie bekannt, die Welt noch in Ordnung ist. Natürlich flogen sie nie sehr hoch und schon gar sehr weit, bis auf einen einzigen. Es war Arnold, der Colaminator. Der flog sogar über das Kuckucksnest von Kasimir bis Franz-Xaver, dem Frosch, der ziemlich große Augen machte. Was Arnold alles so erlebte und wie er es sogar bis zum Mond schaffte, ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

Na, jedenfalls drohten die Cola-Vorräte zu explodieren. Durch die Erschütterungen, die Pankratz hervorrief, schüttelten sie sich allzu sehr – der endgültige Knall war nur noch eine Frage der Zeit. Lange würde er nicht auf sich warten lassen. Dann wäre der einmalige Tunnelbau, der sogar zum Welttiererbe gehörte, hinüber und zwar endgültig. Dabei handelte es sich um ein weit verzweigtes System von Gängen, die bis nach Berlin reichten und bis tief unter die Erde gingen, so an die zehn Meter tief. Würde der unterirdische Bau einstürzen, wäre Pankratz gewiss verschwunden und von Pauline wäre auch nicht mehr eine Spur zu entdecken.

 

Es könnte aber noch schlimmer kommen. Ausläufer der Gänge reichten nicht nur bis zur Hauptstadt, sondern auch bis zu Dragomirs Bergwerk mit dem Unterwassergeysir. Im Fall der Fälle, dem so genannten FdF, könnte es zu einer gewaltigen Fontäne siedendheißen Wassers kommen, die auch alle Umstehenden verbrühen würde…

 

Gefahr war also im Verzuge. Was aber sollte Fritjoff tun? Nun war guter Rat teuer, wie schon des Öfteren im Leben der Harry-Hirsch-Familie. Schnell ging er in sich und schickte ein Kurzgebet in Richtung Himmel. Da fiel ihm ein – Dragomir, der alte Haudegen von einem Drachen, der müsste es richten können. Er müsste nur angeflogen kommen und Pankratz entführen oder aber beide zusammen.

 

Fritjoff hasste Handys, aber nun brauchte er eines. Schnell trat er an seinen Vater heran, der seit zwanzig Minuten wie gebannt in Richtung Liebesspiel schaute. „Paps“, sprach er deutlich vernehmbar, aber wohl in das falsche Ohr, nämlich in dasjenige, auf dem sein Vater schwerhörig war. Sofort erfasste Fritjoff die Lage und zupfte energisch an dessen Hemdsärmel. Sein Vater liebte langärmelige Hemden – sogar im aller heißesten Hochsommer. Harry drehte sich um. In der ernsten Miene seines ältesten Sohnes erkannte er, dass sich Fritjoff Sorgen machte.

 

„Wat is’ los, meen Sohn?“, versuchte sich Harry auf Plattdeutsch. Er war zwar ein waschechter Berliner, aber er fand den Norddeutschen Slang ziemlich lustig und locker. „Paps, es droht Ungemach“, antwortete ihm Fritjoff kurz und trocken, wenn auch leicht poetisch: „Der Erdmännchenhügel über dem Panzernashorn wird in wenigen Minuten einstürzen. Wir müssen Dragomir alarmieren.“

 

Harry war entzückt über die Ernsthaftigkeit seines Sohnes. Allerdings kannte er Dragomir, den alten Haudegen ganz genau: Allein sein Gewicht würde alles zum Einsturz bringen. Zudem gab es sicher gewisse Annäherungsschwierigkeiten zwischen einem fliegenden Kraftprotz und einem etwas, äh, seltsamen Liebespaar. Was sollte Drago auch sagen: „Hey, ich bin Dragomir – und wer seid ihr?“ Das würde sich sogar reimen, aber klang nicht sehr ansprechend. Vielleicht würde Pankratz sogar einen Schreck ob der nicht alltäglichen Erscheinung von Dragomir bekommen – und setzte sich unversehens auf seinen Allerwertesten, aber damit genau auf das, was zu zerbrechen drohte.

 

Alena hatte genau zugehört. Als weibliches Wesen konnte sie das: Mit den Augen alles aufnehmen und gleichzeitig, jawohl gleichzeitig, alles mithören. Das nennt man Multitasking-Fähigkeit oder so. Was das genau sein sollte, wusste niemand wirklich genau, aber irgendwie war es ihr doch möglich, etwas zu sehen und gleichzeitig etwas zu hören. Es reichte jedenfalls für ihren Entschluss, das Liebesspiel energisch zu retten.

 

„Paps“, wisperte Alena, hauchdünn, „Papsl, lässt du mich machen? Ich habe eine Super-Idee!“ Dabei schaute sie ihren Vater versonnen mit ihren großen Augen an und wippte etwas mit ihren Zöpfen. Wenn sie das tat, konnte ihr Vater nie ‚Nein’ sagen, was er auch jetzt nicht tat. „Mäuschen, was willst du denn tun?“, antwortete er mit Stirnrunzeln. Er wusste, dass es nicht ohne Gefahr abgehen würde, immerhin drohte akute Einsturzgefahr.

 

Alena setzte ihr süßestes Lächeln auf und pflückte eine große Sonnenblume, die wie geschaffen für sie da stand: „Mit dem hier will ich sie auf festeres Gefilde locken, Papsl“, sprach sie neckisch und geradezu poetisch. Harry war sprachlos, er wusste nur nicht so recht, weshalb. Wegen ihrer schönen Locken, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, wegen der hübschen Zöpfe oder der Art und Weise, wie sie sich tänzelnd von ihnen fortbewegte.

Dabei wusste Alena genau, was sie tat. Sie hatte die Bücher des berühmten Tierforschers Adalbertus Magnus Holzfuß gelesen, alle seine Bücher, und das will schon was heißen. Eigentlich war Magnus sein Nachname. Er hieß deshalb ‚Holzfuß’, weil er einen Fuß aufgrund seines unbändigen Forscherdranges einbüßte. Vor drei Jahren nämlich stellte er sich auf einen Ameisenhügel, der besseren Aussicht halber. Na ja, die Ameisen tafelten munter drauflos und so hatte der gute Adalbertus nur noch einen Fuß, den zweiten rettete er dann mühsam in das nächste Krankenhaus.

 

Der berühmte Wissenschaftler beschrieb eingehend, wie man Schmetterlinge zu einem unfreiwilligen Ortswechsel bewegen konnte: mit Sonnenblumen schwenken. Einfach Sonnenblume hinhalten, Schmetterlingsanflug abwarten, einen Augenblick stillhalten – und mit der Sonnenblume losspazieren. Genau das hatte Alena auch vor. So lief sich nun gemessenen Schrittes los, hielt die Sonnenblume möglichst hoch und Pauline unmittelbar vor die Flügel. Und diese konnte nicht anders als den köstlichen Duft der gewaltigen Pflanze zu inhalieren – und süchtig zu werden. Als Pauline auf ihr landete, auf der Sonnenblume natürlich, nicht auf Alena, stapfte diese schnurstracks los, Alena natürlich, und zwar zum nächst besten Apfelbaum. Warum es nun ein Apfelbaum gewesen ist, konnte Alena auch nicht sagen. Dort stellte sie die Sonnenblume an den Stamm. Pankratz, brav wie er war, stampfte hinterdrein als sei es das Natürlichste von der Welt, hinter einer Blume her zu laufen. So war der Erdmännchenhügel gerettet und die Intimsphäre der beiden Verliebten desgleichen. Und ratet einmal, was die Welt in nur neun Monaten erblickte? Richtig: drei Pfauenaugenmädchen mit einem süßen kleinen Hörnchen vorne dran…


16. Picknick im Dschungel: Jan-Ullrich und Co.

 

Es war zu der Zeit, als Harry und Gabi im Urwald auf dem Rückweg zu Tante Elsbeth waren.  Die Harry-Hirsch-Familie unternahm immer gerne ausgedehnte Picknicks – mit Kaffee und Kuchen, Federball und einer Riesendecke für den Boden. Man wollte schon wissen, worauf man saß und nicht unangenehme Überraschungen erleben.

 

Erst neulich nahmen sie nach langer Suche Platz, tafelten fürstlich, sangen kräftig und entdeckten nach zwei Stunden, dass sie gar nicht mehr dort saßen, wo sie anfänglich pausierten. Die Aufregung war nicht gering und sehr unangenehm, immerhin bemerkten sie das Malheur erst kurz bevor die Decke über den großen Strom namens Nilus-neben-dem-Bergus übersetzte. An einem Fluss zu dinieren ist durchaus etwas Anderes als auf einer Waldlichtung der Sonne entgegen zu blinzeln. Es war Pandy, der es zuerst bemerkte, weil er gerade von der Decke aufstehen wollte, um ‚Lolo’ zu machen, also das, was normalerweise nur Tigerbabys tun.

 

Ja, sie waren rein zufällig in eine Abteilung Wanderameisen geraten, unter Amir dem Zyklopen. Diese hatten sich etwas verlaufen, was bei Ameisen sehr selten vorkommt. Und weil ihnen das sehr peinlich war, suchten sie sich zu verbergen. ‚Warum nicht unter einer Decke?’, so dachten sie sich, entführten jene jählings und damit auch die gesammelte Harry-Hirsch-Familie. Zum Dank für das Ausborgen gaben sie den nicht wenig pikierten Mitgliedern der so eben genannten Familie jede Menge Nektar und Ambrosia zu speisen – und diese war’s zufrieden.

 

Einzig Alena fand nicht wenig Entzücken ob dieses bisher unentdeckten Ameisenstammes und wollte gerne weitere Studien treiben. Besonders Arnold hatte es ihr angetan. Er war der König des ganzen Volkes, der zusammen mit seiner Frau Amalia herrschte. Er beherrschte die Hirschsprache fast perfekt und gab Alena beredt Auskunft über dieses und auch jenes. Gerne wäre sie geblieben, aber die Speisenvorräte des Ameisenvolkes neigten sich dem Ende zu, was nicht ungewöhnlich ist, verschlingt doch ein ausgewachsener Hirsch an einem Tag so viel, wie eine Ameise in zehn Jahren – und es waren ihrer zehn Mitglieder des Harry-Hirsch-Clans anwesend…

 

Und dann war da die Geschichte mit Sybille und dem Sekt. Sybille, ihres Zeichens eine Python ohne Furcht und Tadel, becherte öfters einmal über den Durst. Und dann sah sie alles doppelt, wenn überhaupt. Weil sie schielte, besaß sie ein Schieleisen, genannt Brille. Nahm sie zuviel Sekt zu sich, vergrößerte sich alles, was sie sah, um das Dreißigfache. Ein Grashalm wurde zu einem Baum, ein Wassertropfen zu einem Teich. Das sind natürlich schlechte Aussichten – in jeder Hinsicht.

 

Dummerweise nahm die Harry-Hirsch-Familie just vor ihrer Höhle Platz, als diese herausstürzte, um sich zu erleichtern. Also nicht nach hinten, sondern nach vorne. Denn wenn sie zu viel Sekt zu sich nahm, drehte sich schnell alles um sie und das, was drin war, wollte schnurstracks heraus.

 

Also, Sybille schlängelte heraus und erblickte Samuel-Elias’ Pampers, die einen üblen Odeur verströmten. Das gab ihr den Rest, also der armen Sybille, nicht der Windel. Sie fiel vorne über und in eine Schockstarre. Nun kam die eigentliche Katastrophe. Es war Judith-Ester, der zweitjüngste Spross aus dem Hause Harry Hirsch. Sie hielt die stocksteife Sybille für ein Stück Holz, genauer einen Stock.

 

Das wäre natürlich nicht so wild, nur hatte sie die eigentümliche Angewohnheit, die Windeln ihres jüngeren Bruders in den Orbit zu expedieren. Weil sie noch klein und zart war, kamen sie, also die Windeln, nicht so sehr weit. So musste ihr Mama Gabi die Freude untersagen, da ihr gesamtes Umfeld innerhalb von drei Metern in kurzer Zeit mit wabernden Stinkbomben übersät war – wie weiland das Schlachtfeld im Online-Spiel ‚Die Killerwindeln und ich’, was sie am liebsten auf Pandys Laptop spielte.

 

Judith-Ester ergriff also die arme Sybille bei ihrem Schopf und versuchte, das warme Etwas von Samuel-Elias in das nächste Dickicht abzuschlagen. Sie hatte schon öfter den berühmten Golfspieler Tiger Woods, deren Namen sie noch nicht aussprechen konnte, im Fernsehen gesehen und versuchte, dessen Technik nachzuahmen. Das gelang ihr irgendwie noch nicht so richtig, manchmal landete das gewisse Etwas auch auf Papas Nase oder unter dem Picknickkorb oder auf Paul, dem Panda. Wie nun ein Panda nach Afrika kommt und ausgerechnet im Dschungel bei Harry und Gabi landet, ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

Sybille erwachte nun ob der reichlich unsanften, wenn auch unbeabsichtigten Behandlung und hob den Kopf, den Judith-Ester in ihren süßen kleinen Fingern hielt. Diese erschrak nicht wenig, sondern tüchtig und rannte los. Sie spurtete, als würde sie um ihr Leben rennen. Sie stoppte nicht und rannte weiter. Beinahe wäre sie über den Fluss gerannt, jedenfalls dann, wenn ihr Glauben ausgereicht hätte – wie weiland Jesus.

 

Dort musste sie zwangsläufig stoppen. Nur: Niemand wusste, warum und wohin sie entwichen war. Das war der Super-Gau in der Harry-Hirsch-Familie. Gabi war in Tränen aufgelöst. Alle wollten sich schon auf die Socken machen, um Judith-Ester zu suchen.

 

Aber: Wo sollte man anfangen? Der Dschungel war groß und reichlich unübersichtlich, ein Urwald eben. Sie konnte überall sein. Und ein kleines zartes Rehkitz mit rosa Socken – jawohl, blassrosa, das war ihre Lieblingsfarbe – fiel im finsteren Dunkelgrün nicht besonders auf.

 

Hier musste Hilfe von oben eingeschaltet werden: die himmlische Sofortunterstützung per Gebet und die irdische per Drachenfunk. Eine Gebetsgemeinschaft war schnell eingerichtet und Dragomir mit Hilfe des Fräuleins vom Amt eingeschaltet. Leider war er etwas unpässlich. Er hatte sich nämlich den Magen verdorben. Nun war guter Rat wieder einmal teuer.

 

Alle überlegten fieberhaft. Da hatte Pandy die zündende Idee. Warum nicht Siegfried, den deutschen Schäferhund, auf die Pirsch schicken? Normalerweise dürfte es für einen Vierbeiner keine Schwierigkeit sein, die Spur aufzunehmen. Nur leider war Siegfried etwas verschnupft. Er war bei der letzten Schneeballschlacht auf dem Kilimandscharo zu häufig getroffen worden, besonders auf der Nase, die allzu rot leuchtete, weil sie ohnehin schon steif gefroren war.

 

Nun war guter Rat noch teurer geworden: Wer sollte ein kleines und unerfahrenes Rehkitz namens Judith-Ester in diesem Riesenurwald finden? Alle Mitglieder der Harry-Hirsch-Familie machten sorgenvolle Gesichter und zogen ihre Stirne in Falten. Besonders bei den kleinen Kindern sah das durchaus lustig aus, denn sie wussten ja noch nicht, warum man eine Stirn runzeln kann und wie man das Runzeln anstellt. Das bemerkte Harry und sprach: „Lasst uns zusammen nochmals beten, unser Heiland wird uns schon helfen!“

 

Das taten sie dann auch ernsthaft – und schon hatte Elias-Samuel den rechten Einfall: „Dengel“, meinte er richtig, wenn auch falsch. Also theologisch richtig, wenn auch grammatikalisch falsch. Er hatte nämlich von dem Engel gehört – lesen konnte er ja noch nicht –, der Maria erschienen war. So würde ein Engel alles wissen und sofort zu Judith-Ester fliegen können. Aber woher einen Engel nehmen? Ihre dienstbaren Geister hatten sie zu Hause gelassen oder waren gerade auf Urlaub. Zudem gab es einen großen Engel-Kongress in Los Angeles.

 

Da fiel es Harry wie Schuppen von den Augen: „Jeder Mensch, äh, jedes Tier hat einen Schutzengel. Dann müssten immer noch genug Engel hier herum fliegen, gell?“ Sichtbar war er ob seines Einfalles erregt und verfiel ins bayrische Idiom immer dann, wenn sein Gedankenblitz zündend war.

 

Alle schauten sich erwartungsvoll an und dann plötzlich in ihre Mitte – dort schimmerte es grün-bläulich. Alena sah sie als erste: „Wer seid ihr?“ „Na, wir san sein von der zweiten Garnitur, unsere bästen Loitöä sind auf dem Kongress in der Stadt der Engel, in Los Angeles. Da müsst’ halt mit uns Vorliäb nähmen“, sprach Gustav-Leopold und schaute versonnen blinzelnd in die Runde. „Ah geht“, sprach daraufhin seine Freundin Gerda-Florentine, „wia werdens schon packa, häm?“

 

Jedes Mitglied der Harry-Hirsch-Familie wusste, dass die Engel der zweiten Garnitur genauso gut waren wie die der ersten, nur dass sie noch lernen mussten. Sie hatten nicht so viel Erfahrung wie die der ersten. Zum Beispiel schimmerte bei ihnen ihr Licht nicht gleißend weiß, sondern manchmal grünlich oder bläulich oder in Pink. Das hatten sie noch nicht so gut hinbekommen. Auch ihre Flugversuche endeten manchmal jählings auf dem Bauch oder in einem Erdhügel oder auch auf dem Mond oder bei Tante Frieda.

 

Aber immerhin: Ein Engel ist goldwert, egal, ob Profi oder Lehrling. Harry fand als Erster seine Worte wieder: „Bringt uns bitte Judith-Ester bald wieder, möglichst gesund und munter.“ „Wird gemacht, Chef, geht klar. Wir machen das schon“, ließen sich Gustav-Leopold und Gerda-Florentine im Chor vernehmen. „Wie sieht sie denn aus?“, fragte auf einmal Gerda-Florentine zaghaft. Ihr Laptop ergab nämlich gerade keinen Treffer, konnte er auch nicht, denn der nächste Hotspot, also die Sendeeinrichtung, die ins Internet führt, war zu weit entfernt.

 

So ein Engel braucht eigentlich kein Internet, nein, er hat ja die unmittelbare Leitung zu Gott und kann wie dieser alles sehen und hören. Aber wenn ein Engel in das, was er hat, noch eingewiesen werden muss, braucht er Hilfsmittel, wie du und ich. Engel können sogar Gedanken lesen, aber nur dann, wenn es ihnen jemand beibringt. Wenn nicht, dann nicht. Es war also insgesamt ziemlich fraglich, ob die zweite Garnitur ihnen helfen könnte – deswegen war es ja wohl die zweite Garnitur.

 

Mama Gabi bekam ihr berüchtigtes Zittern, das sie immer dann bekam, wenn gar nichts ging. Nun war Espenlaub gar nichts gegen sie, die Zähne klapperten im Takt. Sie hatte ihr kleines Töchterlein, ihr jüngstes, zuletzt vor einer halben Stunde gesehen. Was sollten sie tun? Langsam wurde die Lage mehr als brenzlig, sie wurde runzlig, jedenfalls die Stirnfalten von Gabi.

 

Und plötzlich geschah das Unerwartete: Judith-Ester trabte herein, ganz selig, ganz vergnügt, ganz Judith-Ester. Aber was war das, was unter ihr trabte? Es war Jan-Ullrich, der Killer-Jaguar, der heimliche König des Dschungels. Normalerweise verschmähte er nicht, was ihm vor die Füße lief, aber er liebte Kinder. Leider war er impotent, konnte also nicht, wie er wollte. Sonst hätte er mit seiner Frau Jolante schon ihrer zehn.

 

Na ja, und so ein süßes kleines Ding mit Röck- und Zöpfchen hatte es ihm angetan. Für Judith-Ester hatte er sich sogar die Zähne geputzt und sein allerliebstes Lächeln auf gesetzt. Ja, Judith-Ester durfte sogar auf seinem Bauch hüpfen und das, obwohl er Gicht hatte, und das will etwas heißen. ‚Onkel Jan’ durfte sie ihn rufen, obwohl jeder andere dafür sofort zerfleischt worden wäre. Aber mit Judith-Ester war das anders.

 

Harry und Gabi sahen zuerst auf Judith-Ester, dann auf Jan-Ullrich, dann wieder auf ihre Tochter, dann wieder auf diese ausgewachsene Kampfmaschine. Beide rangen sie mit ihrer Fassung, beide hatten sie Todesangst. So ein Jaguar verspeist einen von ihnen oder gleich beide – einmal die Woche. Da bleibt noch nicht einmal die Haut übrig, nur zermalmte Knochen.

 

„Hey, Jan-Ullrich“, murmelte Harry in seinen nicht vorhandenen Bart, „wie geht’s denn so?“ Nur mühsam konnte er sein Gebiss, sein zweites, natürliches, unter Kontrolle halten, so sehr fing er an, mit ihm zu klappern. „Alles in Ordnung, Harry“, antwortete treu und brav dieses mörderische Kraftpaket auf vier Beinen: „Hier ist euer Töchterchen. Total süß. Es war mir ein Vergnügen, sie auf meinem Rücken ausführen zu dürfen.“

 

Wow, Jan-Ullrich hatte eine gute Bildung genossen und wusste sich gewählt auszudrücken. Das kam deshalb, weil man ihn von Geburt an für einen Königstiger gehalten hatte, erst später in der Pubertät färbte sich sein Fell schwarz. Und so kam er auf deren Highschool, was seinen Manieren gewaltig aufhalf.

 

Harry und Gabi schauten sich an und mussten in sich hinein schmunzeln, denn offen wollten sie ihre Erleichterung nicht zeigen, zu sehr beeindruckte sie die machtvolle Erscheinung Jan-Ullrichs. Ja, da hatte es Gott wieder einmal gut mit ihnen gemeint und seine Kraft und Fürsorge ganz unverhofft gezeigt. Ausgerechnet der größte Feind und Räuber brachte zart und sanft wie ein kleines Mietzekätzlein ihr zweitjüngstes Kind sicher und heile nach Hause.

 

Von nun an waren Judith-Ester und Jan-Ullrich unzertrennlich. Er und seine Frau Jolante gehörten nun quasi zur Familie, was die Ausflüge in den Urwald durchaus vereinfachte. Sahen die Dschungeleinwohner Jan-Ullrich auch nur von weitem, flüchteten sie entweder in ihren Bau oder standen Spalier, um dem ungekrönten König des Urwaldes zu huldigen.

 

Auch mit Jan-Ullrich ging die Harry-Hirsch-Familie ihren Gewohnheiten nach: Am späten Nachmittag trotteten sie dann los, dann nämlich, wenn die Sonne nicht mehr so hoch stand, sondern schön warm den Pelz beschien. Gemächlich suchten sie nach einem lauschigen Ort im Grünen. Das ist ja in einem Dschungel nicht weiter schwer, denn da ist ja alles grün…

 

Nur das mit dem Lauschigen war nicht so einfach, denn es gibt wohl keinen Ort der Welt, der mehr mit Lärm und lauten Nebengeräuschen erfüllt war. Ja, die Tiere hatten sich einfach sehr viel zu erzählen. Das Leben, das Gott jedem einzelnen seiner Geschöpfe übereignete, war sehr spannend – besonders das im Urwald.

 

Tom, der Tiger, musste einfach wissen, was Anton, dem Affen, Neues widerfahren war, schon alleine deshalb, weil er ihn zum Fressen gerne hatte. Und Mauritius, der Mangroven-Kakadu, palaverte alles aus, was von den anderen Tieren heran getragen worden war – und das war nicht wenig. Alle Tiere summten, wisperten, trompeteten und rülpsten – Entschuldigung, das taten sie auch und nicht zu wenig –, was das Zeug hielt und eine wahre Freude war.

 

Und deshalb geriet die Harry-Hirsch-Familie immer öfter auf Abwege, einfach deshalb, um ihre Ruhe zu haben. Das war nicht ganz ungefährlich. Zwar war es auf den Nebenpfaden deutlich ruhiger und auch lauschiger als auf den Hauptverkehrsadern, aber auch deutlich aufregender. Denn die Tiere sind noch verrückter als die Menschen.

 

Erst neulich entdeckten sie zufällig, wie Ambrosius, der Alpha-Biber, mit einem Dutzend seiner Angestellten einen neuen Damm errichteten. Das taten sie in Windeseile. Im Nu hatten sie alle Bäume im Umkreis von dreihundert Metern gefällt, so an die dreißig Stück. Von überall her erscholl ein ‚Timber!’, dem uralten Schlachtruf der Biber. Ja, und dann stürzten sie auf die arme Harry-Hirsch-Familie ein, die gar nicht wusste, wie ihr geschah und wohin sie flüchten sollte. Beinahe wären sie von den umstürzenden Bäumen erschlagen worden.

 

Beinahe sagte ich. Wäre da nicht Josef gewesen. Josef gehörte noch nicht so lange zum Tross der Harry-Hirsch-Familie. Eines Tages wurde er von Pandy entdeckte, als er seinen Kopf etwas zu tief in die nächstbeste Pfütze steckte. Es war der Lieblingsminisee von Aloysius, dem afrikanischen Zitteraal. Eigentlich wollte der noch blutjunge Aloysius nur mit Josef spielen und gab ihm einen aufmunternden Stromstoß. Aber Josef hatte ihn seinem Leben noch nie Kontakt mit der Elektrik gehabt, na, und er bekam ob des Stoßes, der so ein bisschen in den Blutbahnen zirpte einen Riesenschreck. Und schluckte daraufhin zuviel Wasser. So wäre er wohl in einer dreißig Zentimeter tiefen Pfütze fast ersoffen, hätte sich Pandy seiner nicht erbarmt.

Pandy sah das braun-rote Knäuel und zog es am Schwanz aus dem Wassern – und wunderte sich. Hatte er doch gerade einem kleinen Königstiger das Leben gerettet. Der hatte seine Familie in den Wirrnissen des Dschungels verloren und wurde doch glatt von Jan-Ullrich und seiner Frau Jolante adoptiert. Ja, so war das damals…


17. Harry und Fritz

 

Harry hatte einen guten Freund, den Fritz. Nein, nicht den alten Fritz, also den großen Kurfürsten. Es war bloß sein Atze, also sein Kumpel, vom großen Kurfürstendamm. Der betrieb dort eine Currywurstbude. Und die war dufte, also so richtig knorke, wie die Berliner zu sagen pflegten.

 

Fritz war seines Zeichens eine typische Berliner Promenadenmischung. Also so ein richtiger Straßenköter, der gerne mal hier und dort hin streunte. Na ja, ihr kennt das vielleicht von euren Besuchen in Berlin. Die vielen Hunde und ihre in sie vernarrten Besitzer. Und die machen natürlich an jeden Straßenbaum, also die Hunde, nicht die Besitzer. Und deswegen sind sie auch so wenig beliebt, natürlich die Hunde, nicht die Besitzer.

 

Harry war richtig vernarrt in Currywürste, wenn auch mehr in den Curry als in die Würste. Die Würste aß er dann auch, aber vor allem wegen des Currys. Puren Curry liebte er für sein Leben gern – wie man so sagt –, aber Curry verursachte bei ihm Magenreißen. Und deswegen konnte er ihn nicht pur essen.

 

Und Harry liebte auch den typisch Berlinerischen Ketchup, der schmeckte so herrlich süß, so wie die Berliner auch sind: so richtig süß. Den hätte er am liebsten pur gegessen, also den Ketchup, nicht die Berliner. Einfach so auf eine Berliner Schrippe, wie er es schon als Kind getan hatte. Da hatte er als Junge an der nächsten Imbissbude für 10 Pfennig so eine Schrippe bestellt und sofort aufgefuttert, wie man das in Berlin nennt.

 

Der Fritz jedenfalls freute sich immer riesig, wenn Harry in der Stadt war und ihn besuchte. Und das machte Harry auch regelmäßig, mindestens zu Ostern und zu Weihnachten. Seitdem Knut zu den Hauptattraktionen des Berliner Zoos gehörte, tat er es sogar alle zwei Monate, und das will schon was heißen.

 

Da nahm er immer seinen Sohn Pandy mit. Und dann ging es erst zum Fritze, wie er von seinen Kunden liebevoll genannt wurde und dann zum Knut. Der war ja nun schon etwas gewachsen, also größer geworden, und sah ganz genauso aus, wie jeder andere Eisbär auch. Aber die Berliner liebten ihren Knut trotzdem, auch wenn er nicht mehr so verspielt und knuffig aussah, sondern groß und gefährlich. Knut war eben Knut und Berlin Berlin.

 

Der gute Fritze war eine Seele von Mensch, äh, Tier, so sagt man jedenfalls in Berlin. Für jeden hatte er ein gutes Ohr und das richtige Wort auf den Lippen. Dabei litt er schwer an seinem Hängebauch. Als typische Promenadenmischung war sein Vater ein Dackel und seine Mutter ein Foxterrier. Na, das war ein echter Fall der Berliner Liebe. Wo die Liebe eben hinfällt, sagen die Berliner, und, so muss man ergänzen, wächst kein Gras mehr oder hängt der Bauch eben tief und schwer – das reimt sich sogar.

 

Denn der typische Hängebauch eines typischen Dackels verträgt sich durchaus nicht mit den kurzen Beinen eines typischen Foxterriers. Mit einem Wort: Der Bauch des armen Fritz hing immer durch. Man könnte jetzt sagen: Das ist ja nicht so schlimm. Der Bauch eines typischen Berliners hängt auch durch, vom vielen Bier eben. Aber bei Fritz war das etwas anders.

 

Der Bauch hing nicht nur durch. Er hing auf dem Weg, nämlich über dem dort, wo Fritz gerade stand oder ging. Nun wäre das eigentlich nicht so schlimm gewesen. So wäre Fritz eben ein ehrenamtlich tätiger, wenn auch unfreiwilliger Straßenreiniger; auch der gute Harry verdiente sich Lob und Ehre als so genannter ‚Kehrbürger’ in Hirschhausen. Gut, das Fell nahm den Schmutz gut auf, es war auch anständig strapazierfähig.

 

Nein, die Schwierigkeit lag woanders. Der Bauch hing durch und dadurch scheuerte das Fell auf. Und das tat ihm weh, dem armen Fritz. Es war so, als würdet ihr mit durchgescheuerten und dadurch wunden Füßen den ganzen Tag gehen müssen. Nein, ihr habt mich falsch verstanden. Fritz ging nicht mit den Füßen, aber er scheuerte sich wund, den ganzen Tag.

 

So musste er eine Gehhilfe benutzen. Ein Rollator war zu groß. Er träumte davon, sich einen fliegenden Teppich zu leihen, von Armin, dem Ägypter. Armin, der Ägypter, war seines Zeichens ein Stammkunde von Fritz. Eigentlich liebte Armin als Ägypter Falafeln am allerliebsten. Das waren so leicht essbare Hackfleischkugeln mit Salat und Soße und Fladenbrot drum herum. Aber finde mal in Berlin ein Falafelstand. Ja, natürlich, den gibt es schon. Aber zum einen nicht mit original Lammfleischbällchen, sondern nur mit solchen mit Hühnerfleisch. Und zum anderen: Armin war ein stark gehbehindertes Krokodil – und zwar vom Nil.

 

Natürlich hatte niemand in Berlin etwas gegen Armins Gehbehinderung. Aber wohl etwas gegen sein Furcht erregendes Maul. Mäulchen kann man wohl schlecht sagen. Am liebsten hätte er es verkleinert, sein Maul, denn die Leute – und auch die Tiere – nahmen Reißaus, wenn sie ihn sahen, wenn auch nur von weitem. Da half es nicht, wenn er sich wohlriechend parfümierte, denn die Angststarre saß den anderen im Genick, wenn Arnim auftauchte.

 

Als Ägypter kannte er sich damit aus. Dort gibt es am Nil viele von seinesgleichen. Wie es nun dazu kam, dass er in europäische Gefilde verschlagen worden ist, ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll. Jedenfalls kam er auf eine Idee. Er charterte einfach einen fliegenden Teppich.

 

Franziskus, der fliegende Teppichhändler, lieh ihm erst Tatterich, den etwas bejahrten und dadurch etwas ausgefransten Teppich aus Mesopotamien, das liegt gleich bei Ägypten. Aber der geiferte ihm zu viel, war er doch zahnlos. So verfiel er auf Tootsie, den Teppich, der nicht nur fliegen, sondern auch sprechen konnte.

 

Und Tootsie konnte noch viel mehr. Tootsie konnte nämlich erahnen, was Arnim dachte. So kam es, dass Arnim gerade an ein Eis dachte – und schwups landeten sie bei McDoof und genehmigten sich einen Eisbecher. Ja, ihr habt recht gehört: Auch Tootsie genehmigte sich einen, nicht ungewöhnlich für einen fliegenden Teppich.

 

Dieses Gedankenlesen hatte auch Nachteile. Wenn Arnim aus Versehen rülpste, wollte Tootsie schnurstracks zum Arzt mit ihm fliegen. Oder wenn er gähnte, klappte Tootsie sein Bett auf, er war nämlich ein fliegender Teppich mit eingebautem Komfortbett. Am schlimmsten war es immer dann, wenn Arnim ein Nickerchen machte, da flog ihn Tootsie sogleich zum nächsten Schlaflabor – Arnim schnarchte nämlich ausgiebig und inbrünstig.

 

Ihr seht, dass das Ganze auch mit Komplikationen verbunden ist, wenn einem der andere immer alle Wünsche erfüllen will oder glaubt zu wissen, wie sie erfüllt werden können. Leider konnte man die Gabe des Gedankenlesens bei Tootsie nicht ausschalten. Er war nämlich nicht so ein stinknormaler mechanischer fliegender Teppich – ihr wisst schon, diese ollen Dinger aus China –, sondern Tootsie hatte Gefühl und Intuition. Ja, es war nicht so einfach, Tootsie vom Wunscherfüllen abzuhalten.

 

Arnim musste dem guten Tootsie Regeln auferlegen. Sonst wäre Tootsie ihm fast jede Sekunde auf den Wecker gefallen, äh, auf die Nerven gegangen. Überlegt einmal selbst, wie viele Wünsche ihr pro Minute habt. Na, mindestens einen, oder? Wenn dann ein netter Mensch oder ein nettes Tier oder ein netter fliegender Teppich auf der Matte steht, um euch zu fragen, ob ihr dieses oder jenes auch wirklich haben wollt, dann seid ihr sicher erst einmal so richtig begeistert. Am Anfang ist es ein ganz lustiges Spiel: „Der Herr oder die Dame haben einen Wunsch auf der Lippe? Wird sofort erfüllt!“ Aber mit der Zeit wird das ganz dicke dolle auf den Keks gehen. Denn nicht jeder unserer Wünsche muss erfüllt werden. Und nicht jeder unserer Wünsche ist überhaupt wichtig. Manchmal löst sich alles auch so in Wohlgefallen auf, ohne dass wir etwas unternehmen müssen.

 

Überlegt einmal: Hat jeder Mensch, äh, jedes Tier pro Minute einen Wunsch, dann ist das in sechzig Minuten… Richtig, es sind sechzig Wünsche. Und über die alle zu reden und zu entscheiden, ist Arbeit, so richtig anstrengende Arbeit. Denn woher weiß ich, was alles richtig oder falsch ist? Ein Wunsch ist ja nicht deshalb richtig, bloß weil wir ihn haben.

 

Man muss ja nicht gleich schlafen gehen, nur weil man gähnt. Manchmal fehlt einfach etwas Sauerstoff in der Luft oder es ist etwas ganz Wichtiges zu tun. Auch muss man nicht gleich etwas trinken, nur weil man durstig ist. Zum Beispiel sollte man nicht zuviel trinken, wenn man gleich losrennen will. Na, ihr kennt das ja sicher auch aus eurem eigenen Leben.

 

So viele Entscheidungen zu treffen in so kurzer Zeit ist wirklich Stress, ja, richtiger Stress. Und so lautete die erste Regel: Nur wenn Arnim Tootsie ansah, durfte Tootsie nach vorne kommen, um ihn zu fragen, ob er seinen Wunsch erfüllt bekommen wolle. Das führte dazu, dass Tootsie ständig vor Arnim auftauchte, und zwar – ihr ahnt es schon – jede Minute, denn Arnim hatte ja jede Minute einen anderen Wunsch.

 

Das führte zu Regel Nr.2: Nur wenn Arnim nach Tootsie ausdrücklich gerufen hatte, durfte dieser auch zu ihm kommen. Leider fiel gerade das Tootsie am allerschwersten. Geduld war nicht gerade eine seiner Stärken. Er litt wie ein Hund darunter, Entschuldigung, wie ein getretener Teppich, Entschuldigung, wie ein Teppich, der zu Unrecht getreten worden ist. Natürlich ist es normal für einen Teppich getreten zu werden, aber das darf niemals zu Unrecht geschehen, wie es schon die Kairoer Teppich-Tret-Verordnung (KTTV) vorsieht.

 

In dieser, also in der KTTV, war das Treten eines Teppichs auf das Sorgfältigste geregelt. Ein eigenes Kapitel behandelte auch fliegende Teppiche. Allerdings handelte es sich bei Tootsie um einen Sonderfall: Ein sprechender fliegender Teppich kam darin gar nicht vor. Zudem ist das Treten eines fliegenden Teppichs kaum möglich. Zu einem kann dieser entfleuchen, bevor er getreten wird, er kann ja fliegen. Zum anderen: Wenn er fliegt, ich meine in seiner Eigenschaft als fliegender Teppich – nicht bei einem Hinauswurf –, wenn er also fliegt, ist das Treten, weil es ein Stehen beinhaltet, kaum möglich. Insofern ist, weil der Fall des Tretens nur beim Be- und Abtreten eintrifft, der Normalfall bei Teppichen, getreten zu werden, bei Tootsie der Sonderfall.

 

Bei einem fliegenden Teppich war das Rufen etwas schwer, zumal, wenn Arnim gerade von diesem transportiert wurde. So ein fliegender Teppich ist ja nur dann seinem Besitzer nützlich, wenn er fliegt, ansonsten liegt er in der Ecke und erholt sich. Oder, schlimmer noch, er verstaubt auf irgendeinem Dachstuhl, während sich die Motten – verbotenerweise, wie man sich denken kann, denn da ist die KTTV sehr strickt, aber wenig erfolgreich – an ihm laben.

 

Weil fliegende Teppiche fliegen können, sind sie allerdings auch anderweitig vielseitig verwendbar. So kann man sie auch als Sonnenschutz einsetzen, wenn einen die Sonne sticht, nicht der Hafer. Als Schlafgelegenheit sind sie nicht zu empfehlen, dafür sind sie einfach zu flatterhaft. Ein Missbrauch liegt allerdings vor, wenn man sie – aufgrund mangelnder Wände – als Sichtschutz einsetzt und sie dauerhaft horizontal fliegen lässt; das ermüdet sie und schnell fransen sie aus.

 

Auch regelt die KTTV die Ruhezeiten eines fliegenden Teppichs. Bei einem Gebrauch von mehr als zehn Stunden ist eine halbe Minute Erholung zwingend vorgeschrieben, bei zwanzigstündigem Dauereinsatz betätigt sich der Not-Aus-Schalter von selbst und der Passagier wird in den Orbit geschossen, selbstredend mit Fallschirm. Natürlich kann der Not-Aus-Schalter auch außer Betrieb gesetzt werden. Muss er auch, wenn z.B. ein Überlandflug von Kairo nach Kapstadt ansteht oder von Hirschhausen nach New York; ansonsten würde der arme Besitzer ja unfreiwillig irgendwo in der Wüste oder im Ozean landen, das wäre unpassend – und gegen die KTTV, wie ich hier kurz anmerken darf. Besonders für die Fische, die sich ob so eines ungewöhnlichen Gastes allzu sehr erschrecken würden…

 

Ja, das Leben mit Tootsie war nicht so einfach. Immer wenn Arnim seinen Tootsie rief und dieser ihn gerade durch die Welt transportierte, blieb er unvermittelt in der Luft stehen und sagte: „Ja, hier bin ich; mein Gebieter wünscht?“ Das hatte man ihm nämlich so auf der Schule für fliegende Teppiche beigebracht. Tootsie war nämlich nicht irgendein daher fliegender Fliegender Teppich, sondern ein staatlich geprüfter, mit Fachabitur.

 

Und wenn er seinem Lehrer nicht ordnungsgemäß mit ‚Ja, hier bin ich; mein Lehrer wünscht?’ antwortete, gab es einen Malus, also einen Punktabzug. Ihr könnt euch denken: Alle staatlich geprüften fliegenden Teppiche der Welt beherrschten diese Meldung fehlerfrei und selbstredend auch im Schlaf. Ja, ihr habt recht gehört, fliegende Teppiche schlafen. Ja, manche schnarchen dabei sogar. Dazu rollen sie sich ganz kuschelig ein und hören Händel, also den Georg Friedrich. Natürlich tun sie das um zu schlafen, nicht um zu schnarchen.

 

Also das mit der Bereitschaftsmeldung – so nennt man ‚Ja, hier bin ich; mein Gebieter wünscht?’ – war ganz schön nervig. Die Meldung selbst nicht, aber das stehen bleiben in der Luft. Stellt euch vor: Mit doppelter Schallgeschwindigkeit flogen sie los – und plötzlich bleibt der Teppich in der Luft stehen… Da fliegt einem nicht nur das Gebiss aus dem Mund und die Tasse Tee kippt über… Das ist einfach anstrengend, ganz anstrengend.

 

Regel Nr.3, ihr ahnt es bereits, lautet also: Rede niemals mit einem fliegenden Teppich während seines Fluges. Und das war noch nicht das einzige, was zu gewissen Reibungsmöglichkeiten zwischen Arnim und Tootsie führte. Denn: Auch fliegende Teppiche können Schluckauf haben. Ja, ihr habt richtig gehört: Schluckauf.

 

Das ist wirklich für alle Zuschauer lustig: Ein fliegender Teppich, der wie ein Pferd oder ein Bulle beim Rodeoreiten hin und her springt – und dabei den Passagier hin und her wirft. Natürlich ist dem Passagier durchaus nicht lustig zu Mute. Meistens wird ihm dabei speiübel. Und das ist noch das allergeringste, was ihm geschehen kann.

 

Denn wenn er unvermutet und plötzlich in die Luft geworfen wird, kann das auch zu dessen Absturz führen. Wenn nämlich der fliegende Teppich so sehr mit seinem Schluckauf beschäftigt ist, dass er seinen Passagier vergisst, dann droht der jähe Absturz. Stellt euch vor: Erst neulich hatte Tootsie Arnim über den Pariser Eifelturm geflogen und dabei seine Mucken bekommen – und die nicht wieder in den Griff. Na, was sollte Arnim dann machen? Richtig, da half nur ein Fallschirm.

 

Nun gehört Tootsie aber zu den besten fliegenden Teppichen der Welt und will seinen Auftrag unbedingt erfüllen. Was macht er also? Er versucht den freien Fall von Arnim zu stoppen. Dessen Fallschirm hatte sich aber gerade geöffnet. Da fängt Tootsie also Arnim wieder auf.

 

Aber – ihr ahnt es bereits – der Schluckauf geht weiter. Also fällt Arnim wieder vom Teppich – und in die Tiefe. Und wieder sieht Tootsie die Herausforderung und versucht sich zusammenzureißen, was bei einem Teppich besonders schwerwiegende Folgen hat: Die Nähte beginnen zu reißen, der Teppich löst sich auf.

 

Und dann war der Schlammassel groß: Es gab nicht mehr einen einzigen Tootsie, sondern mehrere, denn Tootsie war dabei, sich von einem fliegenden Teppich zu vielen fliegenden Schurgarnfäden zu entwickeln. Das war auch so einem erfahrenen Flieger wie Arnim etwas zu viel des Absonderlichen. Auf was sollte er sich buchstäblich setzen? Auf einen Faden oder zwei oder drei?

 

In buchstäblich letzter Sekunde konnte Arnim zwei Zentimeter vor dem Aufschlag auf dem Trottoir von Montmarte, einem Viertel von Paris, gerettet werden. Er hing – wieder buchstäblich – am seidenen Faden. In mühevoller Arbeit wurde Tootsie geflickt und seine Flugfähigkeit wiederhergestellt. Allerdings war das Vertrauensverhältnis etwas angeknackst. Verständlich, denn wer will schon vom Leben zum Tode befördert werden, nur weil er die Strecke von Kairo nach Berlin über Paris auf einem fliegenden Teppich zurücklegt? Eben.

 

Tootsie musste infolgedessen immer Medikamente vor jedem Flug einnehmen, die sein Schluckauf unter Kontrolle bringen sollten. Das taten sie denn auch, aber nur mit Nebenwirkungen, die seine Schläfrigkeit erhöhten. Das wiederum führte zu Komplikationen, die ein anderes Mal erzählt werden sollen.

 

Regel Nr.4 lautete also: Vergewissere dich, wenn du einen fliegenden Teppich betrittst, das er erstens kein Schluckauf hat und zweitens die rechten Heilmittel dazu verwendet. Ihr seht, dass das Fliegen eines fliegenden Teppichs gar nicht so einfach ist. Dabei muss man aber bedenken: Es gibt nichts Treuherzigeres als so ein erfahrenes, im Alter gereiftes Möbelstück; denn zum Möbiliar gehört ein Teppich, auch ein fliegender, allzumal.

 

Ja, so kam es, dass Arnim zum Fritze sprach: „Ey, Alter, darf ich dir mal meinen Tootsie leihen?“ Fritz schaute Arnim lange an. Er war zu gutmütig, um ihm zu sagen: „Ey, Alter, wer um Himmels willen ist ‚Tootsie’?“ Und deswegen sprach er: „Na klar darfst du. Aber wer um Himmels willen ist ‚Tootsie’?“

 

Nun war Arnim fast beleidigt und erst recht Tootsie. Schmollend rollte er sich in die nächste Ecke und fing fast an zu weinen, was bei einem sensiblen fliegenden Teppich schon einmal vorkommen kann. „Na Tootsie ist doch mein fliegender Teppich, der mich schon seit zehn Jahren in meinem Leben begleitet“, stieß Arnim stockend hervor; ja, tatsächlich war Tootsie schon etwas abgewetzt, besonders an Arnims Lieblingsschlafecke, dort, wo er sich immer einhuschelte, wie er zusagen pflegte; genau genommen war genau diese Ecke so fadenscheinig, dass man hindurch sehen konnte…

 

Jetzt gingen bei Fritz alle Laternen an: „Ach so, dein fliegender Teppich. Oh, das ist aber schön, ihn auch einmal persönlich kennen lernen zu dürfen. Hey, Tootsie, wie geht’s denn so?“

 

Ja, Fritz hatte den Bogen heraus, wie man erst in ein Fettnäpfchen treten konnte, um dann wieder alles glatt zu bügeln. Nicht umsonst arbeitete er jahrzehntelang in einem Callcenter – da lernt man recht schnell, wie man mit den Leuten gut auskommen kann. Dabei meinte er es immer ernst, wenn er mit den Leuten sprach. Er war eben ein unverwechselbares Original.

 

„Gut, geht es mir“, schniefte Tootsie aus der Ecke, in die er sich eingerollt hatte, „gut“, bekräftigte er nochmals; damit wollte er sein Schniefen übertönen und seine Gefühle wieder in den Griff bekommen, denn er war etwas sensibel und nahm die Dinge ziemlich ernst…

 

Das war ja auch der Grund, warum ihn Armin so in sein Herz geschlossen hatte. Auch Arnim hatte nah am Wasser gebaut, wie man so zusagen pflegt. Ja, das war schon eine innige Gemeinschaft zwischen den beiden – ‚ein Herz und eine Seele’, könnte man sagen, wenn man nicht besser ‚ein Krokodil und ein Teppich’ sagen müsste. Und deswegen beteten sie auch jeden Abend miteinander, erst getrennt die Fürbitte und dann zusammen das Vaterunser.

 

Fritz war hell und überlegte schnell. Eigentlich hatte er an so einem durchgeknallten, mimosenhaften und deutlich durchgewetzten Teppich mit Schluckauf kein Interesse. Aber zum einen wollte er seinen besten Stammkunden nicht vergrätzen, wie man so zu sagen pflegt, zum zweiten wollte er niemals ein Ansinnen einfach abbügeln und zum dritten war die Idee ziemlich gut.

 

Er hatte ja auch schon so einiges ausprobiert. Ein Rollator kam für einen Hund natürlich nicht in Frage, er konnte ja auch nicht aufrecht gehen. Ein Rollschuh war zu schmal und dann schwabbelte sein Bauch zu sehr nach rechts und nach links. Und Inline-Skating kam auch nicht in Frage – das sah einfach zu blöde aus.

 

Und deshalb sprach er: „Mensch, Arnim, mit dem fliegenden Teppich – das ist eine gute Idee. Aber ich kann dir ja den Tootsie nicht einfach klauen. Hast du vielleicht noch einen zweiten Ersatzteppich?“ Bei den Worten ‚Ersatzteppich’ fing Tootsie wieder sofort an zu weinen. Es galt als die größte Schmach für einen fliegenden Teppich, wenn sein Besitzer einen solchen Ersatz hätte, der womöglich auch noch auf ihm transportiert werden würde. Das ist genau so, als ob ein Auto auf einem Anhänger sein Ersatzauto gleich mit nimmt.

 

Mit einem Wort: Der arme Fritz war wieder einmal in ein Fettnäpfchen getreten, natürlich unbeabsichtigt. Das merkte er auch sogleich, schon alleine wegen der Tränen von Tootsie. „Aber Tootsie“, sprach Fritz mit tiefer Stimme, was diesen beschwichtigen sollte, aber ihn zu noch größerem Heulen veranlasste, weil er diesen Tonfall von Fritz nicht gewohnt war.

 

„Aber Tootsie“, setzte dieser noch mal an, „wird doch alles wieder gut, gelle?“ Immer wenn Fritz ‚gelle’ sagte, musste Tootsie automatisch lachen, das lag wohl an einem von seinen vielen Webfehlern. Sein Schluckauf bekam er nämlich auch immer genau dann, wenn Arnim aus Versehen zweimal das Wort ‚und’ hintereinander aussprach; das sollte natürlich normalerweise ziemlich selten sein – wer spricht schon zweimal ‚undund’ hintereinander aus? –, aber Arnim kam manchmal ins Stottern und dann kann das schon einmal geschehen.

 

Nun kam der arme Fritze langsam aus dem Gleichgewicht. Eigentlich war er ein sehr geruhsamer Zeitgenosse, den so schnell nichts anficht. Aber ständig einen fliegenden Teppich beruhigen, der wohl eine veritable Heulsuse ist, ist auch nicht jedermanns Sache. Wer weiß: Vielleicht haben alle fliegenden Teppiche so einen Knall oder einen Webfehler, wie man das auch nennen kann?

 

Schon wollte er seinem Ärger Luft machen, als Gustav, sein Gewissen, ihn milde stimmte: „Oach, Fritze, denk doch mal an dich selbst: Hast du keinen Webfehler oder Knall, wie man so zu sagen pflegt?“ Da ging Fritz in sich, also, nicht dass er sich selbst verließ und quasi nur noch seine Haut übrig blieb, während er auf Wanderschaft zu seinem Herzen ging, nein, so war es nicht. Er erinnerte sich nur an seine eigenen Schwächen und entdeckte, dass er Verständnis für die der anderen haben sollte: ‚Einer trage des anderen Last’, sagte schon der Apostel Paulus. Das steht in der Bibel.

 

„Danke, Justav, dit war echt knorke von dia, det de mich uff den Pfad der Tugend zurückjeholt hast“, schleimte er Gustav so voll, bis der vor Lob geradezu triefte. Eigentlich hätte Gustav als sein Leib-und-Magen-Gewissen nun schweigen sollen, denn er hatte ja erreicht, was er wollte, aber er war hartnäckig, ein echtes Premium-Gewissen eben.

 

„Fritze, das war nur der erste Schritt“, hielt Gustav inne, um einen Protest von Fritz sogleich einzufangen, denn was heißt schon ‚nur’, wenn ein Mensch, äh, Tier erkennt, dass es nicht besser ist als das andere… „Der Zweite“, ließ Gustav den Fritz nicht lange im Unklaren, „der zweite ist die Reue: Wie kam es, dass du so ärgerlich geworden bist?“ Und das war eine wirklich gute Frage. Ja, so ein Gewissen wie Gustav ist schon eine nützliche Einrichtung Gottes. Das soll man immer wieder reden lassen, auch wenn es auf den ersten Blick hinderlich ist.

 

Leise sprach der Fritz zu Gustav: „Ja, du hast schon Recht. Ich bin einfach ein bisschen müde und wollte meine Ruhe haben. Du kennst das ja. Mir fehlt eben die Geduld.“ Und da hatte Gustav den Nerv getroffen. Geduld ist bitter nötig, immer im Leben sowie im Sterben. „Ja, du hast Recht. Ich werde Gott heute Abend im Gebet darum bitten, mir morgen eine Extraportion zu spendieren, ich meine von der Geduld, versprochen?“ „Hm“, meinte Gustav und zog seine Stirn in Falten, „besser wäre es, wenn du die schon vorhandene Geduld besser einsetzen würdest, dann bräuchtest du auch nicht so viel zu beten!“

 

Schon wieder hatte Gustav das Treffende gesagt. Der kannte eben seinen Pappenheimer. „Okay, meine Schuld, ich werde es heute Abend Gott sagen! Danke!“, sagte Fritze fröhlich. Und das zeigte Gustav, dass Fritz auf dem richtigen Wege war, dem Weg der inneren Sammlung und Umkehr. Dieses kurze Zwiegespräch zwischen Fritz und seinem Gewissen Gustav fand natürlich unbemerkt statt, ein so eingespieltes Team waren sie.

 

Und schon fiel Fritz das richtige Wort für Tootsie ein: „Mensch, Tootsie, tut mir herzlich leid. Habe ich schon wieder etwas Falsches gesagt? Nein, ich will nur einen fliegenden Teppich für meinen Bauch. Du siehst ja, dass er etwas durchhängt.“ Dabei lächelte er sein breitestes Straßenköterlächeln – und das überzeugte Tootsie. Nun war seine Welt wieder in Ordnung. Und das zeigte er, indem er mit seinen Fransen eine La-Ola-Welle nach der anderen hervorzauberte. Wie gut, dass Arnim gerade nicht auf ihm flog, denn die Wellen hätten zu Turbulenzen geführt…

 

Arnim schaute Fritz ernst an. Schon die ganze Zeit eigentlich schaute er recht mürrisch drein. Fritz bemerkte es erst gar nicht. Nun sollte er schon wieder ein Fettnäpfchen aus dem Weg räumen? Langsam ging ihm die Puste aus. Wenn alles so schwierig wäre wie das Verhältnis zu Arnim und Tootsie, denn hätte er gar keine Kraft mehr für die anderen Kunden, die auf seine weltbekannten ‚Heißen Hunde’, genannt ‚hot dogs’ und Bouletten schwörten.

 

„Wat’s looos, meen Jung? Wat guckst du sooo schief?“, versuchte Fritz, den Stier, also Arnim, bei den Hörnern zu packen. Arnim schaute ihn weiterhin ernst an: „Ach, Fritze, wenn du wüsstest. Du weißt doch, ich bin Ägypter und bei uns ist die Gastfreundschaft heilig. Na, und ich habe dir meinen Leib-und-Magen-Teppich angeboten. Den hast du leider zurückgewiesen. Na, und jetzt muss ich zu meinem Wort stehen und dir einen anderen besorgen. Na, und das ist schwer, sehr, sehr schwer.“

 

Arnim seufzte lang anhaltend. Er allein wusste, was es bedeutete, einen fremdländischen Teppich nach Deutschland gebracht zu haben. Das war nämlich gar nicht so einfach. Die Teppiche sind da nämlich ganz eigen, die fliegenden allzumal. Die können zunächst nur ihre eigene Sprache sprechen, aber nicht ‚Teppisch’, sondern die Sprache desjenigen Landes, in dem sie geboren, äh, geknüpft worden sind.

 

Und bring du mal einem Teppich eine andere Sprache bei. Teppiche können ja nicht schreiben und lesen, denn sie haben ja weder Augen noch Hände. Und dann sind sie so eigen, sie haben nämlich gar kein Gedächtnis. Ständig fragen sie dich: „Was hast du gerade gesagt?“ Und das, obwohl du erst vor zwei Minuten etwas ganz Wichtiges in die Welt gesetzt hast.

 

Bei Tootsie war es nicht ganz so schwer, denn sie paukten monatelang deutsche Vokabeln auf ihren Flügen rund um die Welt. Da wusste Arnim schon, dass er einmal nach Deutschland gehen würde.

 

Und nun sollte er einen anderen Teppich nach Deutschland einführen? Einen, den er noch nie in seinem Leben gesehen hatte? Und das bei der sprichwörtlichen Eifersucht von Tootsie? Wenn Tootsie dabei anwesend wäre, würde dieser den neuen Teppich wohl buchstäblich zerreißen oder verbrennen oder Wer-weiß-was damit tun. Und wenn er Tootsie nicht dabei hätte, würde dieser wahrscheinlich vor lauter Einsamkeit kaputt gehen. Dann würde er nach Monaten keinen Tootsie mehr vorfinden, sondern ein Nervenbündel mit Teppichfransen…

 

Ja und deshalb seufzte Arnim so sehr, als ginge es ihm um das Leben. Und dann müsste er auch noch seine zweite Heimat, Deutschland, verlassen. Oh je, oh je, ohjemine. Fritz war sensibel und so sah er, dass Arnim todunglücklich quasi am Boden lag, ein Häuflein Elend. Schon wieder hatte er wohl ein Fettnäpfchen übersehen. Nur fiel es ihm langsam schwer und immer schwerer, überhaupt noch einen Schritt zu tun – aus lauter Angst, etwas schmierig auszugleiten.

 

Fritz begriff: Mit fliegenden Teppichen soll man sich weder anlegen noch sie sich zulegen, alles andere ist sonst zu abgelegen und kommt niemals gelegen. Aber musste es ein fliegender Teppich sein? Es ging ja nur darum, seinen Bauch nicht auf den Boden herunterhängen zu lassen. Seine vier Pfoten konnten den Bauch nicht nach oben drücken, denn die brauchte er für das Laufen. Zweipfötig laufen konnte er nicht, also benötigte er deren vier.

 

Da fiel es ihm wie Schuppen aus den Augen: Ja, richtig, so dachte er. Warum bin ich nicht eher darauf gekommen? Er hatte ja noch einen Schwanz, also genauer gesagt zwei davon. Aber von dem einen wollen wir schweigen und mit dem anderen konnte er ganz hübsch wedeln. Er könnte ja, so dachte er, den Bauch auch anderweitig heben.

 

Natürlich wäre ein fliegender Teppich sehr praktisch, wenn er den Bauch trägt. Wahrscheinlich würde er aber nicht nur den Bauch tragen, sondern gleich den ganzen Hund: Dann würde er mit den Pfoten in der Luft wedeln und wäre lahm gelegt. Dann würde der fliegende Teppich bestimmen, wo es lang geht.

 

Also das mit dem fliegenden Teppich klang besser als es dann doch wäre, dachte sich Fritz. Aber andererseits: Mit seinem eigenen Schwanz konnte er seinen Bauch nicht heben, dafür war dieser zu schwach. Vielleicht konnte es ein anderes Tier, das mit ihm mitlaufen würde? Dann hätte er im wahrsten Sinne einen Mitläufer an seiner Seite, eine eigentümliche Vorstellung.

 

Aber wer sollte es sein? Eigentlich war Fritz ein eher zurückhaltender Mittvierziger. Ihr habt recht gehört: Der Straßenköter namens Fritz zählte schon vierzig Lenze, für einen Hund recht viel. Wer sollte an seine Seite? Da gab es eigentlich nur eine einzige Auswahl: Sylvana.

 

Sylvana war seine Nachbarin. Eigentlich hieß sie Sylvana Katja von und zu Radetzky, genannt Sylvie. Sie hatte eine russische Mutter und einen polnischen Vater. Ursprünglich waren sie auf einer Kolchose namens ‚Hüpfender Traktor’ beheimatet, deshalb hüpfend, weil ein Verarbeitungsfehler gewisse Verbrennungsvorgänge nicht vollständig vonstatten gehen ließ.

 

Im Zuge des fortschreitenden Kommunismus wurden nicht nur adelige Menschen verfolgt, sondern auch adelige Tiere. So wurde dem verarmten Landadel ihr ‚von und zu’ zum Verhängnis und sie flohen in eine unwirtliche Gegend Norddeutschlands, in der bisher nur wenige Storchfamilien ansässig waren.

 

Sylvie hatte schon lange einen Blick auf ihn geworfen. Das fiel ihr auch nicht schwer, denn sie war ihres Zeichens eine Storchin und konnte nicht anders, als auf Fritz im wahrsten Sinne des Wortes herabzuschauen. Sie begleitete ihn immer auf seinem mittäglichen Weg zu seiner Imbissbude. ‚Eigentlich war sie ganz nett’, dachte er: ‚Aber mal ehrlich: eine Storchin und ein Straßenköter – passt das zusammen?’

 

Fritz war sehr praktisch veranlagt. Im Geiste nahm er Maß an ihr und überlegte: Sie müsste ein Tuch um seinen Bauch wickeln und mit ihrem Schnabel festhalten – und über ihm hergehen. Selbstverständlich könnte sie dann nicht mehr plaudernd neben ihm hergehen, sondern müsste regelrecht den Schnabel halten. Ob sie das wollte? Immerhin war sie eine weibliche Person, äh, ein weibliches Tier… Und ob sie überhaupt die Kraft dazu hätte, nicht nur den Schnabel zu halten, das schon, aber es im Schnabel zu behalten, ich meine das Tuch? Fragen über Fragen…

 

Aber auf einen Versuch ließ er es gerne ankommen. Vielleicht kamen sie sich so näher. Vielleicht aber hatte sie einen besseren Einfall. Überhaupt machte sie auf ihn einen recht patenten Eindruck. Und so sprach er: „Freunde, ich habe eine gute Idee. Vielleicht seht ihr morgen Mittag schon, wie mir geholfen werden kann.“

 

Viel sagend schaute er auf Arnim und Tootsie, die seinen Blick erwiderten, natürlich freudig erregt. Sie ahnten, dass er nur an Sylvie dabei denken konnte. Damit hätte die Fettnäpfentreterei ihr Ende, so dachten sie und lächelten strahlend. Auch die Vorstellung, Fritzens Bäuchlein würde von einer Storchin getragen werden, die neben ihm nebenher stakte, behagte ihnen sichtlich. Nun war er buchstäblich in guten Händen, äh, in einem guten Schnabel. Besonders Sylvies auffallend langen Beine taten es den beiden an. ‚Wow, war das ein Feger’, dachten sie sich.

 

Fritz machte es ihnen nach, er tat desgleichen, nämlich nachdenken, und zwar intensiv. Sylvie war eine angenehme Erscheinung, besonders ihre langen Beine waren faszinierend, wenn auch nicht unverfänglich, jedenfalls nicht für einen Straßenköter, der dreimal kleiner war als sie. Er konnte ihr nicht nur vor die Beine laufen, sondern auch unten durch. Und das auch selbst als Doppelstock-Köter – es passten ja drei Köter übereinander unter sie…

 

Das waren ja Aussichten. ‚Meine Fresse’, dachte er sich, was bei einem Hund eine nicht ganz falsche Umschreibung ist, ‚meine Fresse, da bringt mir der Storch, äh, die Storchin gleich noch Kinder ins Haus.’ Nicht auszumalen, was für Folgen ein beiläufiges Zusammengehen haben würde…

 

Nun kam auf ihn die größte Mutprobe seines Lebens zu. Mit Weibspersonen hatte er es bisher nicht so. Bei ihrem Geschlecht neigte er zu einem vermehrten Aufsuchen von Fettnäpfchen. Das hatte bisher immer geklappt, also die Sache mit den Fettnäpfchen. Entweder entblätterte sich ein riesiger Blumenstrauß, den er seiner Liebsten reichen wollte, just in dem Augenblick der Übergabe, weil er gerade neben einem U-Bahnschacht stand. Oder er musste, weil er so klein war, mitten durch eine Pfütze robben, so dass seine Angebetete ihn vor Dreck starrend gar nicht mehr wieder erkannte. Oder er bekam sein berüchtigtes Stottern und dann keine Silbe mehr heraus.

 

Kurz und gut: Fritz blieb Junggeselle auf immer, ewig und drei Tage. Keine Chance ihn zu verkuppeln, erst neulich hatte es Arnim vergeblich versuchte. Fritz pflegte zu gut meinenden Freunden zu sagen: „Mich will ja eh keine“, womit er, leider, nicht ganz Unrecht hatte. Sie standen nicht gerade Schlange, um mit ihm anzubandeln. Und er musste zugeben, dass sein dicker Hängebauch ihn nicht gerade gut aussehen ließ.

 

‚Ja’, so sagte er sich, ‚Fritze, die inneren Werte zählen heute nicht mehr, die Jugend ist nur für Äußerlichkeiten zu haben’, und begann dann, den Tränen recht nah zu sein. Aber er besann sich dann meist eines Besseren, schaute auf die Mutter Gottes, die er herzlich und innig verehrte und wusste, dass es eines Tages schon klappen würde.

 

Und diese flehte er auch an: „Liebe Maria“, sprach er leise, aber vernehmlich, zu sich selbst, „hilf mir. Sylvie mag mich und ich sie. Gib, dass es mit uns wird und sie mich nicht verlacht, wenn ich ihr meinen Wunsch erzähle.“ Ja, und da stand sie mittenmang vor ihm. Nicht die Mutter Gottes, nein, Sylvie.

 

Sie holte ihn doch immer ab und wartete auf ihn, wenn er seine Bude um punkt 20 Uhr dreimal verriegelte. Vorher bekam sie immer eine Portion Pommes mit Frites und jede Menge Ketchup, den süßen und guten, den selbst gemachten eben. Den schlürfte sie gleich Literweise in sich hinein, denn sie war arm dran.

 

Nicht, dass ihr Arm ab wäre, nein, so dürft ihr mich doch nicht verstehen. Nein, sie hatte ja noch niemals Arme gehabt und konnte infolgedessen auch keinen verlieren. Nein, sie gehörte dem verarmten Landadel eines alten Storchengeschlechtes aus MeckPom an, das aus Polen eingewandert, äh, eingeflogen war. Sie kam nicht von den Pommes her, nein, sondern aus einem deutschen Landstrich namens Mecklenburg-Vorpommern, genannt MeckPom.

 

Allein schon von dem Gedanken, sein Innerstes nach außen kehren zu müssen, bekam er einen riesengroßen Pickel, natürlich mitten auf seiner Nase. Dabei hatte er sonst nie mit Anormalitäten der Drüsen zu kämpfen. Zudem plagten ihn Schweißausbrüche, Sturzbäche bildeten sich unter seinem Bauch – und verursachten einen etwas herben Geruch…

 

‚Na danke’, dachte sich Fritz, ‚das fängt ja gut an. Und wie soll es weiter gehen? Jetzt fehlt nur noch, dass ich stottere.’ Und was geschah? Natürlich stotterte er. Und trat auch noch in alle ihm sich darbietenden Pfützen, so dass er Sylvie mehr als einmal voll spritzte. Und dann geschah es – sie sagte einfach ‚Ja’. Schon lange wollte sie ihm näher kommen, das hatte sie sich genauestens überlegt.

 

Denn Sylvie liebte ihn, nicht nur seinen Schweißgeruch, den sie als männlich-herb empfand. Auch sein Stottern mochte sie und machte ihn in ihren Augen sogar sehr sympathisch. Und gegen Pickel hatte sie ein Wundermittel: Froschaugen. Einfach drauf legen, 10 Minuten wirken lassen – fertig.

 

Was ihre technische Hilfestellung für seinen Schwabbelbauch anlangte: So richtig praktisch war das Ganze nie. Zuerst probierten sie es mit einem Tuch, das sie um seinen Bauch spannten und das Sylvie in ihrem Schnabel hoch zerrte. Das führte aber zu einem hochroten Kopf ihrerseits, weil der Bauch schon nicht geringe Ausmaße und ein noch größeres Gewicht hatte, so dass es Fritz reichlich peinlich war, mit einer roten Kugel auf zwei schönen langen Beinen hinterher zu trotten.

 

Der zweite Versuch war ein Bollerwagen, also ein Wagen auf vier Rädern, mit dem man Kinder und Anderes hinter sich her ziehen konnte. Aber der war noch unpraktischer. Letztlich zog Sylvie ihren Geliebten dann hinter sich her, weil der Bollerwagen für den Bauch zu groß war. Zwar zog sie gerne, aber auch das war ihm zu peinlich, denn er war ja kein Kind mehr.

 

Der Schwierigkeit Lösung war dann ein Skateboard, das sie am Wegesrand fanden. Das klemmte er sich unter den Bauch – und ab ging die Post. Ja, genau das war das Geheimnis des etwas ungleichen Paares: Sie hatten riesig viel Spaß miteinander und konnten miteinander lachen, über sich selbst und all die Wechselfälle des Lebens. Nur eines nervte wirklich: Immer wieder verfiel sie in militärischen Stechschritt und pfiff leise den Radetsky-Marsch vor sich hin. Das aber, so sagte sie Fritz, sei genetisch veranlagt…

 

  1. Dragomir und Pankratz

 

Es war in jener schönen Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war. Dragomirs Welt. Das war eine höchst einfache Welt. Und das war genau dann, wenn Klothilde, seine angetraute und liebste Ehefrau – es gab nur die eine, um das schon hier und jetzt ein für alle Mal klar zu stellen! –, ihm seine Lieblingsmahlzeit bereitstellte; anders kann man es nicht nennen, wenn Dragomir mit einem Hams dreiunddreißig Rippchen verspeiste und dann fragte: „Und wat noch?“

 

Ein einziger Hams ist bei einem ausgewachsenen Drachen nämlich drei Millisekunden schnell. Ein durchaus recht kurzer Zeitraum. Um einen ‚Hams’ für ihren Mann bereitzustellen, so lautet der Fachbegriff tatsächlich, brauchte die arme Klothilde sage und schreibe drei Stunden harter Arbeit. Sie war ihres Zeichens ein Klobürsten-Drachen und für die Zubereitung einer großen Menge von Speisen – immerhin sind dreiunddreißig Rippchen vier Kilo Fleisch mit Knochen, es handelt sich also um das fünffache ihres Körpergewichtes, der Klothilde also – kaum geeignet. So brach sie nach der Bereitstellung auch gleich jedes Mal zusammen. Wenigstens fiel sie in Ohnmacht, wenn sie sah, wie ein einziger Hams ihres Angetrauten ihre Mühe mit einem Schlag vernichtete.

 

Dragomir war dann immer auf das Äußerste irritiert und versuchte seine Liebste aufzumuntern und rief erregt aus: „Wer wird denn gleich umfallen? Wer wird denn gleich umfallen?“ Dabei fiel Klothilde ja nicht gleich um, sondern erst nach dem sprichwörtlichen Hams ihres Gatten. Und außerdem war ihr Zusammenbruch mehr als vorhersehbar, jedenfalls für einen jeden mit Augen.

 

Dabei vermied es Dragomir peinlichst, das Wort ‚Rippchen’ auch nur in den Mund zu nehmen. Sprach er zum Beispiel davon, dass sie ihm mal wieder den Rücken massieren sollte, gerade am linken oberen Brandmal rechts neben der linken Schulter, meinte er höchst sachlich: „Könntest du mir bitte mit einem Stecken an besagter Stelle das Fleisch oberhalb der Knochen, die meinen Brustkorb umkränzen“ – das sollten also die Rippen sein, wenn auch etwas technisch umschrieben –, „rhythmisch bewegen?“

 

Leider war Klothilde etwas begriffsstutzig. Hätte ihr Ehemann gesagt: „Ey Alte, einmal Rippen massieren!“, hätte sie ihn sofort verstanden. Aber so wusste sie nicht, was er wollte. So fing er wieder von vorne an: „Bitte meine Haut walken, die sich oberhalb des Bauches befindet – und zwar zweihundert Zentimeter oberhalb.“

 

Da Klothilde nur zwanzig Zentimeter groß war, half ihr diese Maßangabe durchaus nicht, konnte sie doch noch nicht einmal einen Zollstock richtig halten. Die Angabe ‚zweihundert Zentimeter oberhalb’ bezog sich auf den veritablen Bierbauch des guten alten Haudegens. Er nannte ihn lapidarisch ‚Meine Kraftreserve’, aber außer schwabelligem Fett war dort nichts zu finden.

 

Zudem hatten die Erhöhungen des guten alten Dragomir auch ihre Tücken: Nicht selten fiel die arme Klothilde einfach in die eine oder andere Bauchfalte – und ward erst nach äußersten Anstrengungen wieder gesehen. Weil Klothilde so gut massierte, schlief Dragomir regelmäßig ein. Und wenn Dragomir einschlief, konnte es einen geschlagenen Tag dauern – also vierundzwanzig Stunden –, bevor er wieder erwachte.

 

Wenn Klothilde in einer seiner Bauchfalten verschwand – eine war sage und schreibe fünfzig Zentimeter tief –, kam sie nur heraus, wenn sie Dragomir über Drachenfunk anrief und das Fräulein vom Amt vermittelte. Denn ihr zartes Stimmchen drang einfach nicht bis zu seinem Ohr durch. Schlief er ein, dann hörte er allerdings auch seine eigene Telefonanlage nicht. Selbst wenn sie auf ‚Alarm’ gestellt war, also in vollen Tönen röhrte und den Klangteppich eines fahrenden Panzers entwickelte.

 

Meistens fiel Klothilde dann einfach aus der Falte heraus, wenn er sich im Schlaf umdrehte oder aufstand. Das war der beste denkbare Fall. Nur besonders schlimm war es, wenn sie während seines Schlafes heraus fiel und er sich auch noch auf sie legte. Um Haaresbreite wäre sie schon mehrmals zu einer Flunder gequetscht worden. Ihr Schutzengel musste immer ganze Arbeit leisten und bat schon mehrmals um seine Versetzung, was ihm aber nichts half, war er doch einfach zu gut für sein aufopferungsvolles Stemmen und Heben von Dragomirs ‚Kraftreserve’.

 

Ja, der Umgang mit ihrem Ehemann war nicht einfach, deswegen heißt es ja auch: ‚Darum prüfe, wer sich ewig bindet’. Sie hatte geprüft. Ja, es waren seine blauen Augen, die es ihr angetan hatten. Dabei trog der Schein, eigentlich waren sie grasgrün, aber er hatte damals neue Kontaktlinsen bekommen – mit einem azurblauen Schimmer.

 

Und es war sein Etablissement, das es ihr angetan hatte. Wer bewohnt schon heutzutage ein stillgelegtes Bergwerk mit Geysirleitung frei Haus? Und außerdem: Sie war so romantisch veranlagt. Als kleiner Klodrache brauchte sie zwanzig Minuten, um von einem Ende der Küche zum anderen zu gelangen. Wer von ihresgleichen konnte schon eine so riesige Küche sein eigen nennen? Alle ihre Freundinnen erblassten vor Neid und bewunderten sie.

 

Dabei verschwieg ihnen Klothilde, dass allein das Säubern des Herdes zehn Stunden lang dauerte, vom Wischen der tausendneunhundertneunundneunzig Fliesen ganz zu schweigen. Ja, Klothilde wurde langsam, aber sicher zu einem wandelnden Kraftpaket. Überall bekam sie Muskeln, was ihr als weiblichem Wesen durchaus nicht recht war. Dragomir war amüsiert über ihre zunehmenden Muckies, war er selbst ja ein wandelndes Energiebündel.

 

Über die Kraft zerrende Küchenarbeit allerdings machte er sich Sorgen. Es konnte nicht sein, dass Klothilde so hart arbeiten musste, während er mit einem Hams all ihre Arbeit sogleich zunichte machte. Er sann auf Abhilfe.

 

Weil er ein echter Haus-und-Hof-Drache war – ihr wisst schon: ‚Trautes Heim, Glück allein’ –, käme eine Küchenhilfe in tierischer Gestalt nicht in Frage. Nein, sein Eheglück wollte er mit niemandem teilen, auch nicht mit einer Putzhilfe. Weil er der erste Drache mit Modelleisenbahn war, die eine eingebaute Drach-o-matik hatte, begann er mit seinen Experimenten. Warum sollte seine Eisenbahn nicht auch seiner Frau Freude bereiten?

 

Die schüttelte zuerst nicht wenig den Kopf. Das war sehr lustig anzusehen. Ihre Haare reichten bis auf den Boden. Wenn sie also den Kopf schüttelte, flogen automatisch alle Haare mit empor und so manches Mal in den Ventilator, der in der Küche die Fliegen in Schach hielt, dann wurde sie sogleich angesaugt und verfing sich in dessen Düsen.

 

Oder die Haare fielen wieder herab und auf die belegten Stullen mit Rhabarberkompott – der Lieblingssüßigkeit von Dragomir –; das machte natürlich nichts, denn Dragomir hatte seine Frau zum Fressen gerne, also störten ihn ihre Haare durchaus nicht, selbst nicht auf seiner Stulle.

 

Es geschah durchaus auch, dass ihre Haare sogleich in der Luft stehen blieben, weil der Ventilator sie nicht so stark ansaugte; dann kämmte Dragomir sie immer auf das Allerlieblichste, das ging bei In-der-Luft-stehenden-Haaren einfach sehr gut…

 

Ja, das Leben mit einem Drachen wie Dragomir ist nicht einfach. Sie musste sich in ihr Schicksal eben hinein fügen, was half es? Dragomir dagegen war Feuer und Flamme für sein neuestes Spielzeug. Schon transportierten Containerwaggons den Morgenkaffee in das Speisezimmer, schließlich Güterwaggons die Croissants und dann den Quark samt der Marmelade.

 

So brauchte Klothilde fast gar nichts mehr zu tun. Weil sie so klein war, fuhr sie immer mit dem ersten Güterzug am Morgen einfach mit. Eigens für sie hatte Dragomir einen offenen Pritschenwagen umgebaut. Das war ziemlich lustig: Die Ehefrau eines Drachens, selbst eine Drächin, auf einer Modelleisenbahn, ein Bild zum Staunen und sich scheckig lachen.

 

Allerdings war das Ganze weniger lustig, als ich es bisher beschrieben habe. Die Croissants ragten immer zu weit hervor, so dass sie aneckten. Das brachte die nicht geringe Gefahr mit sich, dass der Zug entgleiste, wegen ein paar Erzeugnissen von französischem Splitterteig. Klothilde sah die Gefahr voraus, aber konnte nichts machen. Sie fuhr den Zug ja nicht, sondern Dragomir saß schon am morgendlichen Frühstückstisch und drehte an dem Trafo. Weil sie so ein zartes Persönchen war, drang ihre zarte Stimme nicht durch zu ihm. So erlitt sie peinsam Seelenqualen, während er nichts ahnend die Zugfahrt fortzusetzen meinte. Erst wenn das Ersehnte nicht in der vorgesehenen Zeit fahrplanmäßig ankam, sprang er auf. Da aber war das Kind schon in den Brunnen gefallen beziehungsweise die Croissants auf den Boden.

 

Noch übler waren die häufigen Unfälle mit dem Kaffee. Weil Dragomir diesen gleich hektoliterweise zu sich nahm, füllte ihn Klothilde immer äußerst knapp in die Container ein – immerhin waren es dreitausend, nur alleine für den Kaffee, von der Milch und dem Zucker habe ich noch gar nichts geschrieben. Na und die schwappten so vor sich hin – schwabbel-die-schwapp-schwapp. Das verklebte nicht nur die Gleise, sondern auch die Weichen und führte auch zu Verbrennungen – je nachdem Klothilde in der Nähe der Container saß und wie schnell Dragomir den Zug fuhr.

 

Kurz und gut: Diese geniale Erfindung des guten alten Haudegens war dazu geeignet, Klothilde an den Rand des Wahnsinns zu bringen und Dragomir in den Zustand panischer Angst ob ihres Befindens. Sie brauchten dringend Urlaub.

 

Da traf es sich gut, dass Pankratz aus Berlin anrief. Er war gerade aus den Flitterwochen mit seiner Pauline wiedergekommen. Nachwuchs war unterwegs. Und da wollte seine Angetraute, dass er sich mal eine Auszeit nehmen solle. Denn sie wolle die Kleinen ganz alleine zur Welt bringen, wie das bei Schmetterlingen so üblich ist. Und da bekam er frei, einen ganzen Monat lang, solange ungefähr dauert das Werden des Nachwuchses. Wie es kam, dass ein Panzernashorn mit einer Pfauenaugin Nachwuchs bekommen konnte, ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

„Hey, Drago, du alter Haudegen, wie geht’s, wie steht’s?“, ging Pankratz in die Vollen. Er wusste: Dragomir liebte eine lange Vorrede nicht, sondern mochte es, wenn man gleich zur Sache kam. Sein Vater war ein echter Urberliner, seine Mutter wohl auch, Genaueres wusste er aber nicht, sein Vater auch nicht. Wie das sein konnte, ist allerdings wiederum eine Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

„Na gut geht’s und steht’s, lieber Pankratz. Aber als altes Ehepaar brauchen wir unbedingt eine Abwechselung. Bei uns knirscht es ein bisschen im Gebälk. Und was machst du so?“, gab Dragomir zurück. „Na bei uns gibt es Nachwuchs, hähä“, gab Pankratz zurück. „Wow, das klingt ja spannend. So schnell hätte ich das nicht gedacht. Ihr kennt euch ja erst seit vier Monaten. Und was soll es werden – Mädchen oder Junge?“

 

Da biss sich Dragomir schon auf die Zunge. Das war eine wahrhaft dumme Frage, die deshalb so dumm war, weil sie niemand beantworten konnte. Denn wer sollte schon wissen, ob aus der Verbindung eines Panzernashorns mit einer Pfauenaugin ein Mädchen oder Junge entstehen würde, ich meine: Was für ein Wesen entsteht aus der Kreuzung von Nashorn und Schmetterling? Ein Nasling? Oder eine Hornschmetter? Oder doch eher eine Nas-Schmetter mit einem Anteil ‚Hornling’?

 

Aber Pankratz nahm ihm das nicht weiter übel. Er schwebte auf Wolke Sieben. Und da waren solche Fragen vollkommen zweitrangig. Hauptsache, es klappte, was auch immer… Er meinte, dass der Nachwuchs gewiss gesund wäre, denn er war mit wahrer Gottesfurcht gezeugt. Und so war es egal, was dabei herauskommen würde. Also sprach er: „Ach, Dragomir, ich weiß soviel wie du. Wahrscheinlich wird es ein ganzer Haufen Mädels und Jungens werden. Schmetterlinge sind ja bekannt dafür, dass sie sehr fruchtbar sind, hoho, nicht wahr?“

 

„Ja, natürlich, lieber Pankratz, ja, natürlich“, versuchte Dragomir eilfertig das Gesprächsthema zu wenden: „Wir benötigen Urlaub. Hast du nicht Lust, dich uns anzuschließen?“ „Oh ja, liebend gerne“, erwiderte Pankratz, nicht wenig erstaunt über die Wendung des Gespräches: „Wo soll es denn hingehen?“ „Wissen wir auch noch nicht? Hast du nicht einen Vorschlag?“

 

Und Pankratz hatte. Er wusste nicht, woher er kam. Also, wo er geboren wurde. Irgendwoher aus Afrika. Nur: Dass sein Weg über den Berliner Zoo verlief. Dort hatte er einen Freigang bekommen, von dem er nicht zurückkehrte. Der geneigte Leser kennt seine Geschichte von ‚Pankratz und Pauline’. Er geriet auf Abwege und lernte erst im Gefängnis Gott so zu lieben, dass er sanftmütig und geduldig wurde. Gott ist sein geistlicher Vater. Nun wollte er wissen, wie seine leiblichen Eltern aussahen. Als junger Spund von gerade einmal sechs Jahren – das ist als Panzernashorn schon ziemlich alt – vermutete er, dass seine Eltern noch lebten. Also wollte er nach Afrika.

 

‚Afrika’, lag ihm also auf den Lippen und brachte er auch lautmalerisch zum Ausdruck: „Aaaafffffrrrrriiiiikkkkkaaaaaa“, rief er freudig erregt dem nicht wenig erstaunten Dragomir in die Ohrmuschel. „Afrika?“, fragte Drago erstaunt zurück. Dahin flog er eigentlich alle zwei Monate. Mindestens immer dann, wenn er die Harry-Hirsch-Familie zu Tante Elsbeth bringen sollte. Jedenfalls den Kilimandscharo kannte er wie seine eigene Westentasche. Nun besitzen Drachen meist keine Westentasche, aber ihr wisst schon, was ich meine.

 

„Also“, versuchte Dragomir Zeit zu schinden, „du willst nach Afrika?“ „Ja, natürlich, Drago, um meine Vorfahren zu finden“, hauchte Pankratz sehnsuchtsvoll und zuversichtlich in den Hörer. Dragomir rang mit seinen Worten: Sollte Pankratz wirklich nicht begreifen, dass Afrika ein riesiger Kontinent voller wilder Tiere war, mit sicher hunderttausend Panzernashörnern? Ein ganzes Leben reichte nicht aus, um alle auch nur von Weitem zu sehen…

 

Mit seinem Herzen erkannte Dragomir, die gute Seele von Drachen: Pankratz musste geholfen werden, aber wie? Erstmal werde ich ihm zustimmen, dachte er sich, dann werden wir weitersehen, wie wir nach Afrika kommen: „Panki, na klar, ich bringe dich nach Afrika. Wollen wir gleich morgen los?“ Pankratz war nicht wenig über so viel Entgegenkommen erstaunt und antwortete: „Klasse, gleich morgen? Sagen wir um sechs Uhr bei mir zu Hause?“ „Geht in Ordnung, Panki, bis morgen um Sechs.“ Obwohl Dragomir gar nicht wusste, wo Pankratz genau wohnte, sagte er fröhlich: „Ja“. Es würde schon klappen, eben so, wie es immer klappte.

 

Natürlich war es für einen gewiften Drachen, wie Dragomir einer war, nicht schwer, jeden Menschen der Welt, äh, jedes Tier der Welt zu orten: mit dem Drachen-Ortungs-System, kurz DOS. Gib den Namen in dein Ortungshandgerät ein – und schon wird dir der Weg beschrieben, wie du zu ihm kommen kannst, dank der allerneuesten Sattelitentechnik. Fragt mich nicht, wie das DOS das alles kann: wissen, um wen es sich handelt und wissen, wo der Betreffende sich aufhält. Das ist ein verwickelter Prozess, der sich auf die Persönlichkeit in Zeit und Raum bezieht.

 

Um euch ein Geheimnis zu verraten: nicht die blöde Sattelitentechnik macht es möglich, sondern der Zugriff auf die Engeldatenbank. Nur die können wissen, wo wer was und wie macht. Dafür zuständig ist ihr Verwalter, der Großmeister der Schutzengel, seine Exzellenz, Fürst Engelbert-Hamilton von und zu Engelhausen rechts der Milchstraße. Engelbert-Hamilton stammte aus einem alten Geschlecht von deutschen und angelsächsischen Engeln. Wie das gehen kann, dass Engel von einander abstammen, obwohl sie eigentlich geschlechtslose Wesen und Zeit und Raum gar nicht unterworfen sind, ist wiederum eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll.

 

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei der Ortung von Pankratz. Ja, die war gar kein Problem. Sorgen machte sich Dragomir viel mehr um den morgendlichen Anflug. Pankratz wohnte in Steglitz, dem schönsten Berliner Bezirk im Südwesten, mit vielen Parks und einer außerordentlich attraktiven Geschäftsstraße. Dieser Bezirk war, wie alle anderen auch, dicht besiedelt: Wo also sollte er landen? Und: Würde es Pankratz mitbekommen, wo er landete, damit sie gemeinsam starten konnten? So ein ausgewachsener Drache macht sich schlecht, wenn er alleine durch seine Erscheinung für Schrecken und Panik sorgt, ganz zu schweigen von seinem Bewegungsdrang, der schon manches Haus lädierte – er ist einfach zu groß für eine große Stadt wie Berlin.

 

Pankratz bewohnte mit seiner Pauline eine ganze Etage, nämlich Parterre, also ebenerdig. Aufgrund seines Körpergewichtes würde das Auf- und Hinuntersteigen von Treppen ebendiese zum Zerbröseln bringen und eventuell sogar das ganze Haus zum Einsturz. Deswegen waren seine Dielen, so nennt man in Berlin den hölzernen Boden der Wohnungen, mit Eisen beschlagen, ansonsten würde er einfach durchbrechen, durch die Dielen.

 

Das Eisen im Boden sorgte für eine nicht geringe Lärmbelastung, nämlich für ein ohrenbetäubendes Scheppern. Pankratz war es gewohnt, sich schlurfend zu bewegen. Das verlangsamte alles beträchtlich, immerhin war er ja auch mit einem Schmetterling verheiratet, so dass plötzliche und eventuell zuckende Bewegungen seinerseits zu Schluckauf und Schlimmerem ihrerseits führen konnte, sie bekam es sonst nämlich mit der Angst zu tun.

 

Und das war auch der Grund, warum es praktisch unmöglich war, Pankratz telefonisch zu erreichen. Der Lärm in der Wohnung war etwas zu intensiv, um ein freundliches Bimmeln des Telefons wahrnehmbar werden zu lassen. Durch den Metallboden vibrierte ohnehin alles und fiel unweigerlich zu Boden und ging damit zu Bruch. So war der Telefonapparat schon mehrmals mit Sekundenkleber geflickt worden, später mit Tesafilm und dann mit Pflaster.

 

Mit einem Wort: Dragomir hatte keine Möglichkeit, den guten Pankratz zu erreichen. Er musste also drauflos fliegen, landen und sich irgendwie durchschlagen. Im wahrsten Sinne des Wortes: schlagen!

 

Dabei dürft ihr euch den Flug eines Drachens nicht allzu einfach vorstellen. Staatlich lizenziert und mit Flugschein versehen war er bei der Flugwacht registriert. Die kannten ihn schon ziemlich genau. „Ach, der Drago mal wieder“, hieß es, wenn dieser den Flugraum in und um Berlin empfindlich störte. Man konnte mit Dragomir nur über zehn Ecken in Kontakt treten, so dass vorsichtshalber der gesamte Flugraum über Berlin gesperrt war, wenn Dragomir sich angemeldet hatte. Selbst beim Bundeskanzler wurde nicht alles abgesperrt, und das will schon was heißen.

 

Was soll ein Normalsterblicher auch tun, wenn er eines Drachen gewärtig wird? Eben. Entweder werden ihm vor Bewunderung die Augen platzen oder ein Geschäft nach hinten losgehen. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht. Alleine schon die Verwunderung ob so eines gepanzerten Riesens verursachte regelmäßig einen Verkehrskollaps in der Stadt. Statt nach vorne auf die Autos schauten die Leute nach oben – das konnte nicht gut gehen. Deswegen einigte sich die Flugwacht mit Dragomir auch darauf, dass er Berlin nur noch am frühen Morgen oder in der tiefen Nacht anfliegen durfte, aus Sicherheitsgründen.

 

An besagtem Morgen wollte Dragomir seine Liebste wecken, fand sie aber nicht und suchte sie in einer seiner Bauchfalten. Dort schnarchte sie selig vor sich hin. „Liebste“, flüsterte er ihr zu, „Liebste, wach auf.“ Behaglich räkelte sie sich in ihrem ‚Lieblingstal’, wie sie seine Bauchfalte nannte. Sie war ein echter Morgenmuffel, echt nicht zu gebrauchen um 5 Uhr morgens. Ganz anders als er. Weil er nun so früh aufstand, musste sie es auch. Sonst wäre sie aus seiner Bauchfalte, ihrem Lieblingstal, auf den Boden gefallen. Obwohl auch Klodrachen gut fliegen können, hätte es doch böse enden können.

 

Klothilde öffnete eines ihrer Augen. Das war ein gutes Zeichen. Zumindest brauchte er sie nicht weiter aus dem Schlaf zu reißen. Wenn das Wecken allzu schnell gehen sollte, könnte es zu einer Migräne werden. Deshalb weckte er sie immer ganz sanft und zart. Nun war sie wach. Ein gutes Zeichen, nicht immer stand sie gleich auf. Nun machten sie beide das morgendliche Frühstück gemeinsam: Eine Tonne Müsli für Drago, ein Eckchen Croissant für Klothilde.

 

Schon waren sie startklar. Am Abend vorher hatten sie alles gepackt, jetzt konnte es gleich losgehen. Da musste sie nochmals auf die Toilette. Auch das war eingeplant. Klothilde musste immer vorher auf die Toilette, der Aufregung halber. Aber das ist ja auch nicht schlimm – und, wie gesagt, eingeplant.

 

Pünktlich um 5 Uhr 55 hoben sie ab. In fünf Minuten mussten sie bei Pankratz in Steglitz sein. Da sahen sie plötzlich vor sich ein helles Leuchten, das näher und näher kam. Dragomir verlangsamte seinen Flug. Schon erreichten sie die Außenbezirke von Berlin, in einer Minute sollten sie bei Pankratz sein, es war also 5 Uhr 59.

 

Da hörten sie eine Stimme: „Hey, Drago, ich bin es, Panki!“ Das Drachenehepaar bekam einen Schreck: Sollte ein Panzernashorn namens Pankratz Flügel bekommen haben? Zögernd antwortete Dragomir: „Hi, Pankratz: Seit wann kannst du fliegen?“ Prompt kam dessen Antwort: „Na, seitdem ich von Engeln getragen werde.“ „Engel?“, entfuhr es Klothilde. Daher kam wohl auch der helle Schimmer.

 

Richtig, sie hatten ja beide gestern Abend um den Schutz der himmlischen Wesen gebetet. Offensichtlich waren sie erhört worden. Nun stand einem erholsamen Urlaub nichts mehr im Wege.

 

  1. Pankratz und Dragomir in Afrika

 

Und schon starteten sie gen Afrika schnell durch. Da es noch früh am Morgen war, flogen sie einfach die vielen Kanäle, Flüsse und Seen entlang, die Berlin zu bieten hat, einfach Richtung Süden. Nicht umsonst wird diese schönste Stadt Deutschlands auch ‚Spreeathen’ genannt, weil es alles so flüssig und lauschig ist.

 

Dragomir musste den Wasserweg nehmen, nicht nur wegen dessen Schönheit. Das sollte nicht bedeuten, dass er zu einem Tauchboot würde oder zu einem Schnellboot. Nein, er flog nur einfach entlang der vielen Kanäle, Flüsse und Seen.

 

Und das musste er tun, denn das Überfliegen mit Drachenüberschall führte bei den zentralen Verkehrsadern zu regelmäßigem Kollaps: Ein Drache in Berlin, noch dazu fliegend, wer hat denn so etwas schon gesehen? Eben. Und da schauen die lieben Berliner auch – mittenmang, wie man hier so sagt – in die Luft und lassen alles stehen und liegen und eben auch fahren. Und so machte es ‚Peng’ und ‚Autsch’ und Schlimmeres. Dies war der Grund, warum Dragomir sein fliegendes Angesicht den Berlinern ersparte.

 

Schon hatten sie die Außenbezirke erreicht. Über dem Spreewald musste sich Dragomir kurz erleichtern, was zu einem veritablen Wasseranstieg eben desselben führte und das Wasser leicht gelblich verfärbte. Aber das machte nichts, jedenfalls nicht allzu viel. Wasser zu Wasser, quasi.

 

Nur die Spreewaldfrösche verfärbten sich kurzzeitig blassgelb und sahen elend aus. Die flüssigen Ausscheidungen eines Drachen haben es eben in sich. Besonders wenn ein Exemplar dieser Gattung am Abend vorher ‚Rachendrachen’ verspachtelte, immerhin handelte es sich dann um 10 Hektoliter dieses edlen Gesöffs.

 

Aber was sollte so ein Drache auch sonst tun? Im Spreewald konnte sein Lolo schnell verdünnt werden. Hätte er sich in die Büsche geschlagen, wie man so sagt, hätten eben diese sich nicht nur schnell verfärbt, sondern wären gleich verschieden. Zudem gliche die Wasseransammlung, die entständen wäre, eher einer giftigen Jauchegrube als einem Teich.

 

War ein stehendes oder fließendes Gewässer größeren Ausmaßes nicht zu finden, grub so ein ausgewachsener Drache wie Dragomir eine Grube. Nur: Das Graben konnte dauern. Und was sollte bis dahin mit der vollen Blase geschehen? Für ganz eilige Fälle blieb nur übrig, die Wasseransammlung fönartig wegzupusten bzw. in der Luft zu zerstäuben. Aber auch das konnte bei eventuell vorbei fliegenden Insektenschwärmen zu Irritationen oder aber zu ihrem vorzeitigen Absterben führen.

 

Dieser kleine Exkurs sollte nur um Verständnis für die Gattung ‚Flugdrache’ der Unterart ‚Drachus drachus dragomirus’ werben. Solltet ihr, liebe Kinder, einmal in der freien Natur vor sich hin darbende Frösche oder einen neonfarbenen Teich entdecken: Aufgepasst, es könnte Dragomir gewesen sein, der für sein Malheur nichts konnte.

 

Kehren wir zu unserer Geschichte zurück. Auch Pankratz musste, hatte aber eine große Blase und hielt bis Afrika durch. Über Malta fiel ihnen auf, dass Klothilde seit dreißig Minuten keinen Pieps von sich gegeben hatte. „Klothi, sag’ mal was!“, flötete Drago. Da kein Laut zu vernehmen war, sagte er sich, dass sie wohl wieder einmal schlafen würde. Das war bei ihr der Normalfall und hatte nichts Schlimmes zu bedeuten.

 

Schon sahen sie von weitem den Nordrand von Afrika. Groß und weit erstreckte sich vor ihnen die Sahara. Majestätisch sah sie aus und ziemlich gelb, wie das Lolo von Dragomir. Erst jetzt fiel ihnen auf, dass sie gar nicht wussten, wohin sie eigentlich wollten. Sie suchten die Eltern von Pankratz, irgendwo in Afrika. Wo genau, wussten sie nicht. Konnten sie auch nicht wissen, denn Pankratz kannte sie auch nicht.

 

Da flogen sie also zu diesem gewaltigen Kontinent und wussten eigentlich nicht, was genau sie suchten. Irgendwelche Tiere mit Hörnern auf der Nase und Panzer statt Fell, Panzernashörner eben. Die waren durchaus irgendwo in Afrika zu finden, denn Panzernashörner gab es dort en masse. Aber ob es gleich die Eltern von Pankratz waren? Das konnte weder Pankratz wissen, denn Klein-Pankratz verlor die seinen gleich noch als Baby, jedenfalls hatte er keine Erinnerung mehr an sie. Noch konnten es seine Eltern wissen, denn wie sich Pankratz vom Baby an zum jungen Erwachsenen entwickelte, das konnten sie naturgemäß auch nicht erleben.

 

Mit einem Wort: Selbst wenn sie sich gegenüber stehen würden, wäre vollkommen ungewiss, wie sie sich erkennen sollten. Sollte Pankratz sagen: „Bist du es, Mami?“, wenn er irgendeine Nashorn-Mama sah? Und wie konnte seine Mama ihren Sohn erkennen? Fragen über Fragen.

 

Afrika ist ja nicht ganz so übersichtlich wie Kleinkleckersdorf oder Hirschhausen. Das ahnten sie jetzt auch. Was also sollten sie tun? Erstmal landen, dachte sich Dragomir, alles andere wird sich finden. Nur wo?

 

Ein Sandhügel folgte dem anderen. Zwar war das Landen im Sand kinderleicht, runter kam er buchstäblich immer, aber hoch nicht mehr. War er erstmal im Sand gelandet, sackte er sofort ein. Kein Wunder, war doch so ein ausgewachsener Drachen fünfzig Tonnen schwer, so schwer also, wie ein Panzer. Und hat man schon einmal einen Panzer im Sand fahren sehen? Nein? Eben!

 

Hatte er sich einmal vom Sand befreit, so gingen die wahren Schwierigkeiten erst einmal los. Seine Schwingen wirbelten beim Starten so viel Sand auf, dass er dabei immer einen gewaltigen Hustenanfall bekam. Und ihm dadurch buchstäblich die Puste ausging. Wobei das Auswringen der Lungenflügel mittels Hustenattacke zu einem weiteren Sandsturm führen konnte, zumal Drachenlungen Ansaugvolumina von zehn Flugzeugturbinen zugleich erreichen konnten – und das will schon etwas heißen.

 

Auch konnte er in dem Sandsturm, den er selbst durch das Ausblasen erzeugte, natürlich nichts sehen. Nicht nur seine Lungen verklebten von den kleinen Körnern aus Gestein, auch seine vielen Bauchfalten staubten schnell voll. Dadurch war er bald doppelt so schwer als er ohne unfreiwillige Ladung aus Mini-Felsen war. Mit einem Wort: Rein in den Sand kam er immer, raus schwerlich.

 

Das war übrigens schon als Kind so. In den Sandkasten ging er in Windeseile, raus kam er nur unter massivem Protest – und einer großen Sandwolke. Alle anderen Tierkinder mussten ohnehin den Spielplatz verlassen, es war kein Platz mehr neben Dragomir. Dabei spielte er liebend gerne mit anderen Kindern, am allerliebsten verstecken. Das konnte er am besten von allen.

 

Denn zum einen konnte er schon als Knirps fliegen und hatte somit alle Möglichkeiten, sich zu verstecken, offen. Und zum anderen konnte er gleichfalls Feuer speien, womit sich fast alle Möglichkeiten seiner Spielkameraden in Luft, äh, Rauch auflösten, jedenfalls dann, wenn ein Feuerstrahl den Baum, Strauch oder sonst was trafen. Leider brannte dabei nicht nur der unbeseelte Gegenstand, hinter dem sich der eine oder die andere verbarg, sondern auch das sich dahinter versteckende Kind, jedenfalls ein Teil von ihm wie ein Haar oder zwei oder auch das Fell oder gar die neugierige Nase.

 

Dragomir überlegte, wo er landen sollte. Im Sand durfte es nicht sein. Blieb also nur eine Oase oder aber das Innere Afrikas, beispielsweise im Dschungel. Da fiel ihm auf, dass Klothilde sich seit dreißig Minuten nicht mehr zu Wort gemeldet hatte. Auch Pankratz zeigte eine blassgrüne Farbe, was wohl auf eine bis zum Rand gefüllte Blase hindeutete. Nun war Not am Mann bzw. Drachen. Da sah er es plötzlich blau und grün leuchten.

 

War dies eine der viel besuchten Oasen oder eher eine Fata Morgana, also eine Luftspiegelung? Fragen über Fragen. Den Kilimandscharo und damit Tante Elsbeths Rundhaus konnten sie nicht mehr erreichen. So viel war klar. Der schon in der Ferne grün schimmernde Dschungel war sicher für eine Landung gleichfalls ungeeignet.

 

Kommt Zeit, kommt Rat, sagte er sich. Aber da er ersteres nicht mehr hatte, musste er nehmen, was kam. „Achtung“, schrie er in Richtung Pankratz, „fffeeeeesssstttthalten, wir llllaaaaaandeeeeeen!“ Sprach’s und schon waren sie unten. Es war keine Luftspiegelung, aber auch keine Oase. Was war es dann?

 

Sand war es nicht. Denn es wirbelte nichts auf, als Dragomir zur Landung ansetzte. Felsen waren es auch nicht, denn das Etwas gab leicht nach und stöhnte deutlich vernehmbar auf, als er aufsetzte. Auch leuchten Felsen ja nicht blau und grün, oder? Aber was war es dann?

 

„Ey, Alter, ey“, hörte Drago eine Stimme unter ihm, „mach’ dich vom Acker.“ Wie sollte er das verstehen? Ein ‚Acker’ war weit und breit nicht zu sehen. Er merkte nur, wie er sich bewegte, ohne sich selbst zu bewegen. Das Etwas, auf dem er gelandet war, war offensichtlich beweglich.

 

Nochmals hörte er eine keuchende Stimme unter sich: „Haste nich’ gehört: Runter von mia, aber dalli!“ Das Etwas konnte also sprechen. Es war beweglich und sprachbefähigt. Nach Aussage des Etwas musste sich Dragomir oberhalb des beweglichen Sprechers befinden. Also war er doch nicht in einer Oase gelandet, immerhin auch nicht im Sand. Wo aber dann?

 

Er überlegte. Vielleicht sollte er die Augen öffnen, um sehen zu können, wo er sich befand? Prima Idee, dachte er sich. Dragomir war nämlich der einzige Flugdrache auf der Welt, der Angst vor der Landung hatte. Vor eben derselben schloss er regelmäßig die Augen. Ihr könnt euch sicher denken, wozu das führte. Sicher: Zu sehr üblen Bruchlandungen. Das war für Drago nicht so beschwerlich, jedenfalls allermeist, war er doch gut gebaut, also mit verschiedenen Polstern und Wölbungen auf Grund seines beachtlichen Bauches versehen.

 

Nur seine Fluggäste hatten das Nachsehen. Immerhin bot er ihnen an, einen Fallschirm zu benutzen. Die Unerfahrenen unter ihnen lehnten das allerdings ab, weil sie sich sagten: ‚So schlimm kann das doch gar nicht werden, oder?’ Sie hätten mehr über das ‚Oder’ nachdenken sollen. Kaum vorstellbar, dass ein Feuer speiender Flugdrache die Augen beim Anflug schließen könnte. Die vielen Narben an seinem faltenreichen Körper hätten sie aber warnen müssen.

 

Sie dachten eben, die Verunstaltungen kämen von Kämpfen mit verschiedenen Bösewichten, was ja auch stimmte, zum Teil jedenfalls. Hinzu kam sein ehrenamtlicher Einsatz als Rettungsdrache bei der freiwilligen Drachenwehr: Dort löschte er mit seiner Leibesfülle das eine oder andere Feuer; allerdings nicht selten das Feuer, das er unvorsichtigerweise das eine oder andere Mal selbst entzündete. Die anderen Falten kamen von seinem Alter her, denn er war schon betagt und ein echter Oldie, wie man so zu sagen pflegte.

 

Zudem verspachtelte er den einen oder anderen Rachendrachen, das elendig grausam schmeckende Gesöff für echte Kerle: Eine Tonne Teer, fünf Zentner Kiesel und 300 Liter Bölkstoff samt Knoblauch und Krötenaugen, also ein Gebräu, das jeden Lebendigen zu einem Scheintoten verwandeln würde, könnte er die Kiesel mitsamt dem Teer überhaupt herunterwürgen.

 

Dummerweise trank er sich vor jedem Flug Mut an, so dass der Kieselanteil an seinem Bauchumfang unvorteilhafterweise stark zu nahm, ja der Bauch noch weiter ausbeulte, so dass er inzwischen Hosenträger tragen musste. Ein Drachen mit Hosenträgern, wer hatte so etwas schon einmal gesehen? Auch gaben die Kiesel beim Gehen sehr eigentümliche Laute von sich. Es knirschte und knarzte bei jedem Schritt.

 

Und beim Fliegen erst. Aufgrund der Größe des Dragomirschen Bauches rollte die inzwischen deutlich angewachsene Gesteinsmasse beständig hin und her – mit jeder Flugbewegung. Dragomir selbst fand das Ganze lustig, fast alle anderen höchst selten. Nur kleine Kinder machten sich einen Jux daraus, wenn ‚Onkel Drago’, wie sie ihn nannten, hin und her schlingerte, so eben, als wäre er besoffen, was ja nicht ganz falsch war, hatte er sich ja ordentlich einen hinter die Binsen gekippt, wie man so zusagen pflegt.

 

Um seiner Mitwelt willen hatte der arme Dragomir schon das eine oder andere versucht, um seiner steinernen Leibesfülle Herr zu werden. Abführmittel wirkten gut und befreiend, drückten aber auch entschieden auf den Darm. Klar, kann man sich einfach vorstellen: Kiesel im Darm gefallen nur eingefleischten Masochisten, ansonsten tun sie ziemlich weh.

 

Außerdem entfalten fallende Kieselsteine unangenehme Nebenwirkungen. Nicht nur dass sämtliche Kloschüsseln durch sie zerschlagen werden, Porzellan und Steinschlag verträgt sich eben nicht. Nein, auch die Menge der anfallenden Steine machte Schwierigkeiten. Wohin mit ihnen? Die städtische Kanalisation war restlos damit überfordert. Auch waren sie nur bedingt wiederzugewinnen. Kiesel, verklebt mit Teer und Biergestank, machen sich auch auf den Straßen schlecht.

 

Und entlud Dragomir seinen Magen in der freien Natur, kam ein Hügel zu dem anderen. Von oben auf seinen Flügen wie auch natürlich von den Flugzeugen her waren die Erhebungen gut zu sehen. Vor allen Dingen in der Nähe von Schönefeld, dem großen Luftkreuz bei Berlin, waren es viele Dragomirsche Geröllhaufen. Was Wunder, denn eine Entladung in  Berlin verbot sich von selbst – ob der zerschlagenen Fensterscheiben, zerbeulten Autos und zertrümmerten Gliedmaßen, die einen Steinschlag von oben womöglich zur Folge hätte.

 

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja: Dragomir schloss bei der Landung immer die Augen und purzelte dann drauf los, was das Zeug hielt, was die Kratzer, Abschürfungen und sonstigen Verletzungen seines nicht gerade zarten Leibes beträchtlich vermehrten. Und so sah er nicht, wie und wo er landete. War ihm die Gegend bekannt, so benutzte er sein ‚Peters Dra-Lei-Sys’, benannt nach seinem Schutzengel Peter, sein persönliches Drachen-Leit-System.

 

Auch bei dieser genialen Erfindung der himmlischen Freunde schloss er bei der Annäherung an den Boden die Augen. Aber sein Dra-Lei-Sys sprach ihm genauestens zu, wie er zu fliegen hatte, etwa so: „Noch vier Meter bis zum Boden, der aus Sand und einem Kaktus besteht. Bitte rechts halten… Gratuliere zur Landung: Sehr gut! Leider auf dem stacheligen Etwas, da sie meinen Anweisungen nur zum Teil folgten. Pieps. Ende der Durchsage.“

 

Bei diesem Ausflug hatte er sein persönliches Dra-Lei-Sys nicht mitgenommen, denn er konnte ja nicht ahnen, wo auch immer sie landen würden. Nun kam der Moment, wo der Elefant sein Wasser lässt, wie man so in Afrika zusagen pflegt. Er öffnete die Augen und blinzelte. Vor ihm sah er ein Horn aufblitzen. Unter sich fühlte er, wenn man durch einen Drachenpanzer hindurch überhaupt fühlen kann, ebenfalls einen Panzer, wahrscheinlich waren es mehrere bewehrte hartleibige Gebilde.

 

Und diese waren die grünlich und bläulich blinkenden Teile, die er vom Himmel ausgesehen hatte, bevor er zur Landung die Augen schloss. „Ey, du“, sprach das Horn zu ihm, „kannste dir mal von mir fortbewegen? Du nervst!“ Irgendwoher kannte er diese gewisse Schnoddrigkeit: Richtig, die kannte er von Berlin her. Sollte er auf Berliner Panzern mit Hörnern gelandet sein? Aber die gibt es doch gar nicht in der Wirklichkeit, nur in gewissen Büchern von gewissen Personen mit übersteigertem Vorstellungsvermögen.

 

Er schaute genauer hin. Vor ihm lag Pankratz. Etwas elend röchelte er vor sich hin. Offensichtlich war ihm die Landung auf den Magen geschlagen. Er hatte ein Horn vorne und einen Panzer um sich herum. Genauso wie alle anderen, die er nun langsam um sich herum wahr nehmen konnte. Blitzartig kam ihm ein Gedanke. Er war in einer Herde von Panzernashörnern gelandet, genauer: auf ihnen.

 

‚Wow’, dachte er sich, ‚jetzt fehlt nur noch, dass sich unter mir der Vater von Pankratz befindet.’ Da vernahm er wieder diese zunehmend ungehaltene Stimme: „Ey, Alter, mach’ dich vom Acker. Du bist noch schwerer als du aussiehst.“

 

Dragomir setzte nun alles auf eine Karte: „Hey, du unter mir. Bist du vielleicht der Vater von Pankratz, dem ehemaligen Panzernashorn aus dem Berliner Zoo?“ Verblüfftes Schweigen war die Antwort. „Du kennst mein Söhnlein Panke?“, hauchte leise die vormals schnoddrige Stimme. Und Drago, der alte Haudegen, gab zur Antwort: „Ich kenne ihn nicht nur, sondern sehe ihn unmittelbar vor mir. Mach’ nur die Augen auf und schau!“

 

„Willste mir vaäppeln? Wo soll denn mein Junge sein?“ Ungläubig schaute Peter-Adolf an sich selbst hoch und gewahrte nur den dicken Bauch von Drago, der an ihm seitlich herunterquoll. „Dann mach’ doch die Glubscher auf und schau’ auf die Dame vor dir“, rief Dragomir sichtlich erregt ob der Begriffsstutzigkeit seines Landetieres aus. Da fiel ihm ein: Sollte das weibliche Wesen vor ihm, das Pankratz trug, etwa dessen Mutter sein?

 

Nun geschah das schier Unfassbare: Peter-Adolf sah seinen heiß geliebten Sohn seit zwanzig Jahren wieder. Unmittelbar vor sich. Und auch noch auf seiner Frau Petra-Clementine. Fassungslos rang er um Worte: „Clemy, auf dir…“, dichtete er etwas unfreiwillig. Seine Angetraute war etwas dickfellig, bei Panzernashörnern nicht ganz unüblich. Sie antwortete also nicht. „Alte, sieh doch, unser Sohn Pankratz Poldi Peter Potemkin von Hindenburg, über dir, Holdeste!“

 

Beide stammten aus russischem Geldadel und waren verarmt nach Preußen, also nach Berlin, gekommen. Jedenfalls auf den Mund gefallen, wie man so sagt, waren beide nicht. „Peterchen“, gab seine Frau nun von sich, „gehört habe ich dich wohl, aber ich weiß nicht, wie ich durch meinen Panzer hindurch mein Söhnlein sehen soll. Warum sollte Panki gerade auf mich gefallen sein?“

 

Locker vom Hocker sprach der Gatte: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, Holdeste, hähähä, nicht wahr?“ Immer noch dachte sie, dass er sich mit ihr wieder einmal einen Scherz erlauben würde, woran sie sich auch nach vierzig Ehejahren nicht gewöhnen konnte. Sehen konnte sie ihn zwar tatsächlich nicht, aber hören: Seit Kinderzeiten schnarchte er vernehmlich – dreimal lang, zweimal kurz. Konnte das ihr verlorener Sohn sein?

 

Er konnte. „Panki“, rief sie urplötzlich, „biste du es oder täusch’ ick mir?“ Nur ein halblautes Schnarchen war zu vernehmen. Obwohl er noch kräftiger gebaut war als gewöhnliche Panzernashorn-Jungtiere – man könnte auch dick dazu sagen –, verfiel er in eine eigenwillige Kampftechnik, wenn ihn etwas überforderte: Er stellte sich nicht nur schlafend, sondern verfiel in eine Art Winterschlaf-Genickstarre.

 

Mit einem Wort: Er schlief wirklich. Was daran eine Technik sein sollte, einzuschlafen, und noch dazu eine des Kampfes, blieb sein Geheimnis. Es war wohl eher eine Art und Weise, einen Kampf zu vermeiden. Durch Vermeiden eines Kampfes ihn zu gewinnen, so oder ähnlich lautete wohl hier die Devise.

 

Und von Alters her musste er unsanft geweckt werden, denn, einmal in den Schlaf gefallen, bedurfte es außergewöhnlicher Umstände, um ihn wieder in den Wachzustand zurückzuholen. Eine Möglichkeit war die ‚Go-and-stop’-Methode, und die ging so: Pankratz wurde mit dem Horn auf ein Elternteil herauf geworfen, dieses ging los – und stoppte abrupt, so dass er unsanft zu Boden fiel und aufwachte.

 

Und sofort tat Petra-Clementine, was sie mit ihrem Jungen als Kind auch so gerne getan hatte, denn ‚Go-and-stop’ war ein beliebtes Spiel, nicht nur, wenn er in seinen Kampfschlaf fiel. Sofort erblickte er das Licht der Welt, zunächst die gleißende Mittagssonne in Afrika, und musste blinzeln. Dann sah er überall Hörner um sich. Schon wollte er allen Mut zusammenfassen und gleich lauthals fragen, ob da nicht auch Mama und Papa wären. Da gewahrte er sie auch schon.

 

„Mama? Papa? Seid ihr es?“, mehr konnte er nicht sagen, ob der Tränen, die nun in rasender Schnelle seine Kulleraugen benetzten und schließlich zu einem großen Rinnsal wurden. Alle drei lagen sich in den Armen. Die Familie ‚Von Hindenburg’ war wieder vollzählig beisammen. Welch ein Glück! Und wem haben wir es zu verdanken? Dem ewigreichen Gott und dessen Vorherbestimmung.

 

Ein Geheimnis muss nun noch gelüftet werden. Nein, nicht dasjenige, wie Pankratz nach Berlin und Peter-Adolf und Petra-Clementine nach Afrika gekommen waren. Das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll. Auch soll nicht geklärt werden, warum alter russischer Geldadel zu dem Nachnamen ‚von Hindenburg’ kam, was allerdings sehr einfach zu verstehen ist.

 

Nein, euch reizt doch gewiss die Frage, warum es neonblau und grasgrün in der Wüste leuchtete, stimmt’s? Ja, und das kam so. Peter-Adolf und Petra-Clementine bliesen an jenem Sonntag wieder einmal Trübsal, an jenem also, an dem sich ihr Schicksal wenden sollte. Sie beschlossen jedenfalls etwas zu tun. Egal, was. Dabei kam ihnen eine Frauenzeitschrift zu Pass.

 

„Du, Schatz“, begann leicht gelangweilt die Holdeste der Holden ihren Gatten zu nerven: „’Werbung ist alles’, steht hier. Was hältst du denn davon?“ Besonders ihr ‚denn’ brachte ihn regelmäßig zur Weißglut, nun aber zum Denken. „Recht haste“, war sein Berliner Dialekt unverkennbar zu hören.

 

„Wie meinst du das, Schatz, sonst gibst du mir ja nie recht“, moserte leicht irritiert seine Angetraute in Richtung Ehebundpartner. „Stimmt“, gab er lächelnd zurück, „aber diesmal schon.“ Sprach’s und war in seinem Hobbykeller verschwunden.

 

Nicht nur Pankratz lag das Sprayen im Blut, auch seinem Vater. Das lag wohl daran, dass sie damals aus Russland nach Deutschland kamen und das Dekorieren, nicht nur von Dörfern wie dem Potekimschen, zu ihren Leib- und Magen-Hobbys zählten. Na jedenfalls dauerte es nicht lange, nur vier Stunden, da stand Peter-Adolf vor seiner Gattin und strahlte um die Wette.

 

Als kluge Ehefrau wusste sie: Ein strahlender Ehemann will gefragt werden. Also fragte sie ihn; zu Hilfe kam ihre weibliche Neugier. Mit Farben musste es zu tun haben, das verriet ihr der Spritzer auf dem Horn, der blassgelb schimmerte: „Schatz, hast du wieder mit der Dose hantiert?“ Heftiges Nicken war die Antwort. „Und?“, runzelte sie die Stirn. Woher sollte sie auch wissen, was er mit den Farben gemacht hatte?

 

Das berüchtigte Frage-und-Antwort-Spiel beherrschte er aus dem Effeff, wie man so sagt. Also spannte er sie nicht lange auf die Folter, nur ungefähr mit zwei Schweigeminuten: „Wir sprayen einfach den Satz ‚Pankratz – wo biste?’ auf eine Fläche, die sich bewegt.“ Die gewollte Verblüffung ihrerseits kostete er vollends aus. ‚Eine Fläche, die sich bewegt’ – klang geheimnisvoll, dachte sie sich und sah in das lächelnde Gesicht ihres Gatten.

 

„Liebe Maus“, so nannte er sie liebevoll, wenn auch in Verkennung ihrer körperlichen Gegebenheiten, „allet janz einfach. Wenn wir losziehen, dann tun wir es doch in Reih und Glied. Und da brauchen wir unseren Rücken doch bloß mit Buchstaben voll sprayen lassen. Und die Zugvögel sehen es und erzählen es weiter. Was Besseres fällt mir auch nicht ein.“

 

Das war immerhin etwas, dachte sie sich, jedenfalls besser als in der Nase zu bohren, was bei Panzernashörnern auch sehr schmerzhaft sein kann: „Schatz, super.“ Und so kam es dann auch. Super war alles, denn Gott hatte es, wenn auch auf verschlungenen Pfaden und mittels Neonspray, wieder einmal alles, aber auch alles gut gemacht.

 

  1. Namenslexikon aller Tiere, Menschen, Fabelwesen und Sonstigem (Zauberer etc.)

 

Die Namen werden alphabetisch genannt und erklärt, wer sie sind

 

A

–       Adalbertus Magnus Holzfuß (ließ sich bei der Naturbetrachtung einen Fuß von Ameisen abnagen in ‚Pankratz’)

–       Adolf, der große Adler (ein alter Freund des Zauberers Zero in ‚Zero’)

–       Alf, das Eichhörnchen (springt in die Schwarzwälder Kirschtorte, die eigentlich F-F-F-III darstellt)

–       Alfredine, Cousine von Alfred, dem Affen (Spielgefährtin von Katharina in ‚Kuno’)

–       Alena, das Rehkitz, trägt zwei süße Zöpfe und ist die älteste Tochter von Harry und Gabi

–       Aljoscha, der polnische Aal (fiel öfters aus dem Rucksack von Zacharias in ‚Pankratz’)

–       Amelie, die Ameise (bewundert das Licht der ‚Seltsamen Kerze’)

–       Amelie, die Amsel, soll Zero und Inge finden und riskiert dabei ihr Leben (‚Hirschhausen’)

–       Amir, der Zyklop, Chef einer Abteilung von Wanderameisen in ‚Picknick’

–       Annette, die Hübsche, Jung-Adlerin (Adolf, der Adler, hatte sich in sie verguckt, sie ihn aber verschmäht)

–       Anton, die Ober-Ameise, Befehlshaber von 1303 Ameisen des Typus ‚Rot-alpha-Strich-13’

–       Antonia, die Nichte von Anton, der Ameise (Spielgefährtin von Katharina in ‚Kuno’)

–       Armin, der Ägypter (ein stark gehbehindertes Krokodil vom Nil in ‚Fritz’)

–       Arnold, der Colaminator (er überflog mit einer Coladose den Teich von Franz-Xaver)

–       Arnold, die Ameise (König des ganzen Ameisenvolkes; verheiratet mit Amalia)

–       Arthur der Acht-vor-Zwölfte (nach der Stunde seiner Geburt), der Affe (wird von der Riesen-Python Pia verspeist, um dann geheiratet zu werden in ‚Urwald’)

 

B

–       Balduin Eins, die Wüstenrennmaus, bekam einen Ferrari von Zero geschenkt

–       Balthasar Zwei, die Wüstenrennmaus, bekam einen Ferrari von Zero geschenkt

–       Bazooka, der Braunbärenjunge (färbte sich das Fell Weiß, um den Eisbären Knut nachzuahmen)

–       Bernhard, die Bisamratte (verheirat mit Bernadette; Ehekrach geschieht, weil Zero zu ungeschickt gewesen ist in ‚Hirschhausen’)

–       Berta, die Milchkuh, verheiratet mit den Bullen Kai und Konrad in Hirschhausen

–       Berta, die Kuh, wurde in Afrika in einen Sumpf von Zero gelockt (‚Zero’)

–       Bob, der Biber in Hirschhausen (er brachte Harry in ‚Weihnachten’ auf die Idee, mit dem Fällen von Bäumen, einen Brand zu löschen)

–       Bob, der Biber in Afrika, bekam Hunger auf die ‚Fabelhaften Fünf’, ein Fischquintett in ‚Zero’

–       Bogomil, der Braunbär (des Hannibal Schnabel steckt in seinem Popo in ‚Kuckuck’)

–       Brunhilde (Brieffreundin von Alena aus Bayern)

–       Brunhilde, die Brillenschlange, bleibt mit Stöckelschuhen stecken (‚Hirschhausen’)

–       Bruno, der Bär (bewundert das Licht in ‚Seltsame Kerze)

 

C

–       Chlodwig, Chauffeur des Savannentaxis

 

D

–       Dagobert, der Dracheneinsiedler, ein Onkel mütterlicherseits (einer von den 10 damals lebenden Drachen)

–       Dangalf, der Bruchpilot der Kategorie Drei-Sterne (einer von den 10 damals lebenden Drachen; er fliegt die Hirsch-Familie in ‚Urwald’ nach Afrika)

–       Dietlinde (Mutter Dragomirs)

–       Dieter der Erste (einer von den 10 damals lebenden Drachen)

–       Dieter der Zweite (einer von den 10 damals lebenden Drachen)

–       Dietmar (Vater von Dragomir (einer von den 10 damals lebenden Drachen)

–       Dingalf (Tollpatsch und bringt auf dem Kilimandscharo eine Lawine in die falsche Richtung zum Abgang; einer von den 10 damals lebenden Drachen)

–       Dongalf (einer von den 10 damals lebenden Drachen)

–       Dragomir: Haus-und-Hof-Drache der Harry-Hirsch-Familie; er liebt Rachendrachen und ist verheiratet mit Klothilde, einer Klobürstendrächin; er ist ein Flugdrache der Unterart ‚Drachus drachus dragomirus’

–       Dungalf (einer von den 10 damals lebenden Drachen)

–       Dussel (einer von den 10 damals lebenden Drachen)

 

–       Detlef, der Delphin (wird von Dangalf beim Start von dem Flugzeugträger unsanft berührt)

–       Dörte, die Dorfschakalin (ihre Tomaten wollte Viktor klauen in ‚Kuno’)

 

 

E

–       Edna, die Elster, wurde durch Zero vom Sturmtief überrascht (‚Zero’)

–       Ede Elster (‚Zahnspange’)

 

–       Egbert (Elefant des Oktetts in ‚Regen’; Lehrling)

–       Egmont (Elefant des Oktetts in ‚Regen’; Lehrling)

–       Ehrenfried, das Träumerle (der kleinste Elefant des Oktetts in ‚Regen’)

–       Elmar (Dirigent des Oktetts ‚Die fabelhaften Acht’; verheiratet mit Erna)

–       Engelbert der Dreizehnte (Elefant des Oktetts in ‚Regen’)

–       Engelbert der Vierzehnte (Elefant des Oktetts in ‚Regen’)

–       Erich der Erste (Elefant des Oktetts in ‚Regen’)

–       Erich der Zweite (Elefant des Oktetts in ‚Regen’)

 

–       Engelbert aus Bayern, Schutzengel von Fritjoff

–       Engelbert Hamilton von und zu Engelhausen rechts der Milchstraße, Fürst und Großmeister der Schutzengel (verfügte über die Engeldatenbank in ‚Dragomir)

–       Engelhard, Schutzengel Pandys

–       Emily, Schutzengel von Alena (hat Pampers)

–       Eduard, der Hundertzwote (Schutzengel von Zacharias Emanuel in ‚Kuno’)

 

–       Dr. Edelgard Eule, die Kiefernorthopädin Pandys (einzige chinesische Keinohr-Nacht-Eule mit eingebautem Tiefblick)

–       Edwine Krähenfuß, die Elster (vermittelt beim Drachenfunk die Gespräche)

–       Egon, das Eichhörnchen (bewundert das Licht der ‚Seltsamen Kerze’)

–       Elfriede, Schwester von Tante Elsbeth (‚Regen’)

–       Elsbeth, Tante von Gabi (heimliche Herrscherin über den Viktoria-See)

–       Erich, das Eichörnchen (wurde im ‚Schneesturm’ in den Eisturm eingefroren)

–       Eulalia, die Nachbar-Eule (ihr Schnabel hatte eine automatische Fönfunktion)

 

–       Erich und Erna, die Eltern von 444 Erdmännchen (ihr Stamm heißt ‚der auf den Coladosen fliegt’)

 

F

–       Ferdinand, die Flunder (ist vom heißen Wasser des Vulkans Kilimandscharo fast gekocht worden in ‚Regen’)

–       Franz, Revierförster (Oberhirsch Hubertus flößte diesem einen Schrecken ein in ‚Urwald’)

–       Franz-Xaver, der Frosch (böse und frisst am liebsten alle Mücken; pupst gerne und trägt dafür ein Pups-Absauggerät)

–       Fred und Friedericke, Alligatoren-Ehepaar, bekommen durch Zero den Tatterich (‚Hirschhausen’)

–       Freddie, der Frosch (bewundert das Licht der ‚Seltsamen Kerze’)

–       Fritjoff, der Junghirsch (ältester Sohn Harrys; Freundin von Dörte Dachs)

–       Frank, der Wüstenfuchs, wurde vom Schneesturm durch Zero überrascht (‚Zero’)

–       Frank-Fridolin-Friedrich III., der Frosch, den Gundula, die Kranichdame in eine Zahnspange verzaubern ließ, wobei er eigentlich Gisela heiraten wollte

–       Franziska, Friedemann und Franka, die Forellen (gehören zu den ‚Fabelhaften Fünf’, einem Fischquintett in ‚Zero’)

–       Fridolin, der dicke Floh, wurde von Dragomirs Luftsog hoch gewirbelt (‚Hirschhausen’)

–       Fridolin-Ferdinand, der Kampffrosch aus den weltberühmten Fremdenlegionären ‚Frogfighters’

–       Friedrich, der Wanderfalke (wollte Amelie, die Amsel, auffressen in ‚Hirschhausen’)

–       Fritz, der Berliner Dackel als Promenadenmischung (Freund von Harry und Currybudenbesitzer)

–       Fulbert, der Wasserfloh (wurde in die Höhe geworfen, um von Franziska gefangen zu werden; sie gehört zu den ‚Fabelhaften Fünf’, einem Fischquintett in ‚Zero’)

 

G

–       Gabi, die Gazelle (Ehefrau von Harry, dem Hirsch; 8 Kinder)

–       Gerda, die Gazelle (eine entfernte Verwandte von Gabi)

–       Gerda, die Grille, wurde durch Dragomirs Luftsog in den Viktoria-See gewirbelt (‚Hirschhausen’)

–       Gerda-Florentine (Schutzengel der 2.Garnitur)

–       Gontolf, der wandernde Gottesanbeter

–       Gottschlich, die Gans (‚Zahnspange’)

–       Gundula, die Kranichdame (ließ Frank-Fridolin-Friedrich III. in eine Zahnspange verwandeln)

–       Günter ohne H, Geier (‚Urwald’)

–       Günther mit H, Geier (‚Urwald’)

–       Gottfried mit D (‚Urwald’)

–       Gustav, der Aasgeier (Vetter von Adolf)

–       Gustav-Leopold (Schutzengel der 2.Garnitur)

–       Gustav, das Gewissen von Fritz (‚Fritz’)

 

H

–       Habakuk, der Polizeiaffe, bekommt einen Lachanfall (‚Hirschhausen’)

–       Hannibal, der Hahn (wäre beinahe zu Tode gekommen in ‚Kuckucksuhr’)

–       Hägar, der Habicht (wollte Kasimir in Heinz-Josefs Segelohr retten und landete in dem Hintern eines Bären)

–       Harry Hirsch (Familienvater von 8 Kindern; verheiratet mit der Gazelle Gabi)

–       Seine Kinder sind nach ihrem Alter: Fritjoff, Pandy, Alena, Tyll, Katharina, Zacharias Emanuel, Samuel-Elias und Judith-Ester

–       Heinz-Josef, der Dammhirsch (hirschlich geprüfter Bahnhofsvorsteher der Schwarzwaldbahn und lebte zusammen mit Kasimir, dem Kuckuck)

 

–       Hägar, der schrecklichste Haifisch von allen (wollte das Volk der Ho, Kleinstfische, verspeisen in ‚Kuno’)

–       Harald der Erste (hatte nur einen Zahn; Kumpan von Hägar)

–       Harald der Zweite (hatte vier Zähne; Kumpan von Hägar)

–       Harry-Edgar, Kumpan von Hägar

–       Haschmich (noch mit Milchzähnen; Kumpan von Hägar)

–       Heinrich-Otto (Kumpan von Hägar)

–       Henriette, Prinzessin des Volkes der Hen (in Liebe zu Prinz Klaus-Heinrich vom Volk der Ho entbrannt; sie bekam die Zwillinge Han-Hugo-Holger und Hannelore-Hedwig)

–       Honfried, der Hai (Kumpel von Hägar)

–       Honrad, der Honorige (König des Volks der Ho in ‚Kuno’)

–       Hunold, der Hai (Kumpel von Hägar)

 

–       Heinz, der Hummer, wurde aus Hass ganz schwarz, weil es ihm zu peinlich war, gefangen zu werden (‚Hummer’)

–       Henry, der Hahn (krähte aufgrund eines Weckers um 4 Uhr morgens in ‚Urwald’)

–       Henning, das Moorhuhn (räkelt sich neben der Schlange Snakeria in ‚Regen’)

–       Hubertus, der bayrische Oberhirsch (flößte dem Revierförster Franz einen gewaltigen Schrecken ein in ‚Urwald’)

–       Hubert der Große (größter aller je gewesenen Bahnhofsvorsteher)

 

–       Hans-Rudolf, die Hyäne, bekam Hunger auf die ‚Fabelhaften Fünf’, ein Fischquintett in ‚Zero’

 

I

–       Ingeborg, das Igel-Mädchen, aus der Iglu-Familie; ihre Eltern Ingolf und Irmtraud verhinderten erst die Hochzeit mit Zero, was diesen zum bösen Zauberer machte (‚Zero’)

 

J

–       Jan-Ullrich, der Killerjaguar (der heimliche König des Dschungels; verheiratet mit Jolante in ‚Picknick’)

–       Jasper, das Nilschaf

 

K

–       Kai (1.Bulle von Berta, der Kuh)

–       Karl, der Kater (bewundert das Licht der ‚Seltsamen Kerze’)

–       Kasimir, der Kater (wird von Dangalf bei der Landung aufgeschreckt in ‚Urwald’)

–       Kasimir, der Kuckuck (genetisch festgelegte Zeitangaben mit 5 Sekunden Verspätung)

–       Käte, die Krähe (eine Verwandte von Gabi)

–       Katjuscha, Haus- und Hofkatze der Hirsch-Familie (hatte öfter Migräne in ‚Pankratz’)

–       Knut, der Eisbärjunge wurde umso wilder, während Rudolf, die Riesenkrabbe, immer zutraulicher wurde (‚Riesenkrabbe’)

–       Kolja, afrikanisches Krokodil (‚Urwald’)

–       Konrad (2.Bulle von Berta, der Kuh)

–       Konradin, das Krokodil mit dem Sprechfehler (‚Urwald’)

–       Kunibert, der Kommandant des Flugzeugträgers, auf dem sich Dangalf erleichtert

–       Kuno, die Riesenkrake (Held der gleichnamigen Geschichte)

 

–       Konrad und Kunibert, die Karpfen (gehören zu den ‚Fabelhaften Fünf’, einem Fischquintett in ‚Zero’)

–       Kunigunde, die Chamäliondame, wurde vom Stinkesocken Dingalfs eingeschläfert (‚Hirschhausen’)

 

L

–       Leonore Lustig, Fräulein, Deutschlehrerin von Pandy

–       Leopoldine, Mutter von Lutz (‚Regen’)

–       Lieselotte, die Laus (war verreist als Feuer im Dschungel brannte in ‚Weihnachten’)

–       Lieselotte, die Lerche (süße Assistentin von Dr. Edelgard Eule und Pandys Flamme)

–       Lisa, die Ober-Leuchtkäferin (Chefin von Tausenden von Leuchtkäfern, die den Drachen Dangalf während des Fluges erhellten)

–       Lothar, Leichtmatrose (mit ihm sprach Theodora in ‚Urwald’)

–       Lothar, der Löwe, hielt seinen Schwanz auf den Trampelpfad im Wald in ‚Urwald’

–       Lubomir, der Luchs (musste von Pandy in ‚Weihnachten’ über die Schutzengel aufgeklärt werden)

–       Luigi Zucchini, der größte je lebende Zauberer (dessen Grabmahl bewohnt nun Zacharias Graf von Zottkewitz)

–       Lutz, der Leopardenjunge (ist auf dem Viktoria-See neben dem Wüstenhasen Winfried in ‚Regen’)

 

M

–       Manfred, der Mammutwärter (Fachmann in Sachen ‚Krabben’ vom Berliner Zoo)

–       Manfred, der Maulwurf (dessen Gänge wurden als erste nach Regenfall gereinigt in ‚Zero’)

–       Manfredo El ‚Presshammero’, die mexikanische Maus (war taub; Siegfrieds Atem hielt ihn warm in ‚Hirschhausen’)

–       Maximilian und Mireille (verloren 20 der 21 Kinder durch Franz-Xaver; Mike überlebte als Einziger)

–       Meinhard, der Maulwurf (half im ‚Regen’ Dragomir beim Bau von Kanälen)

–       Mike, die Mücke (einziger Überlebender seiner Eltern Max und Miri bei Franz-Xavers, des Froschs, Abendbrot)

–       Mordechai, Kampfmücke

–       Mozart, eine musische Maus (Dirigent von 200 jaulenden Katzen und Chefdolmetscher bei Kater Karlo in ‚Mike’)

 

N

–       Nepumuk, der Tausendunderstenkommadrei (derzeitiger König der Drachenstadt in ‚Kuno’; verheiratet mit Kunigunde)

 

O

–       Ottilie, die Savannen-Otter (ihr Kitzeln soll den ohnmächtigen Harry aufwecken in ‚Regen’)

–       Ottmar, der Otter (wird von Dingalf überrannt, als dieser hinter der Zauberkugel her war in ‚Zero’)

P

–       Pandy (Zweitgeborener nach Fritjoff; ein cleveres Bürschen)

–       Pankratz, der Polizist, ein Schakal, ein Vetter mütterlicherseits von Viktor

–       Peter, der preußische Drache (Vater von Dangalf)

–       Peter, der Schwarze Panther, wollte Franziska, die Jungforelle, verspeisen, was Thoralf verhinderte (‚Hirschhausen’)

–       Peter, der Schutzengel von Dragomir (er half ihm mit seinem persönlichen ‚Drachen-Leit-System’)

–       Pia, die Riesen-Python (verspeiste erst den Affen Adolf, um diesen dann zu heiraten in ‚Urwald’)

–       Pierre, der Wald-und-Wiesen-Frosch (sein schiefes Quaken soll den ohnmächtigen Harry aufwecken in ‚Regen’)

 

–       Pankratz, das Panzernashorn, mit vollem Namen: Pankratz Poldi Peter Potemkin von Hindenburg (lies sich tätowieren und kam ins Gefängnis; verliebt in Pauline, die Pfauenaugin)

–       Peter-Adolf, Vater von Pankratz, dem Panzernashorn

–       Petra-Clementine, Mutter von Pankratz, dem Panzernashorn

–       Pauline, eine Pfauenaugin (Geliebte von Pankratz und Mutter von Zickezacke)

 

 

R

–       Ragnar, der Regenwurm (war verreist als das Feuer im Dschungel brannte in ‚Weihnachten’)

–       Raimar, der Rabe (Zweiter der Kienapfel-Herauszieh-Meisterschaften)

–       Raoul, der Hahn, in Afrika (‚Zero’)

–       Rasputin, der Rabe

–       Raul, der Hahn in Hirschhausen mit der neongelben Feder

–       Reginald, der Rätterich, hat eine sechzehnköpfige Familie (‚Hirschhausen’) und ein Hörgerät und machte den Urin Dingalfs urbar

–       Robert, der Rabauke (in Alenas Klasse und ärgerte sie)

–       Rudi, das Renntier (wird in ‚Urwald’ wegen seiner roten Nase erwähnt)

–       Rudi, die Ratte (lebendes Kuscheltier von Pandy)

–       Rudolf, die Riesenkrabbe wird von der Harry-Hirsch-Familie dingfest gemacht und im Berliner Zoo verwahrt

–       Rudolf und Regina, das alte Regenwurm-Paar, lockerte den Schwanz von Siegfried

 

 

S

–       Sansibar, der Haus- und Hofstorch der Zero-Familie hatte F-F-F-III zum Fressen gerne (‚Zahnspange’)

–       Sascha und Benjamin, die beiden Brieftauben von Zero (‚Hirschhausen’)

–       Sascha, der Sanitäter des Volkes der Ho (‚Kuno’)

–       Sebastian, der Specht (bewundert das Licht der ‚Seltsamen Kerze’)

–       Schlemihl, der Schmied (baute Gitter im Unterwassergeysir von Dragomir in ‚Kuno’)

–       S.G.B., Reporter (er schrieb die Geschichten von der ‚Riesenkrabbe’ und dem ‚Hummer’ auf)

–       Siegbert, der Seeadler,  bekam Hunger auf die ‚Fabelhaften Fünf’, ein Fischquintett in ‚Zero’

–       Dr. Siegfried-Sebastian Sägefisch (Hausarzt der Hirsch-Familie)

–       Siegfried, der deutsche Schäferhund; Lieblingsköter der Harry-Hirsch-Familie; mit beheizter Hundehütte (Fußboden!)

–       Sieglinde (Brieffreundin Siegfrieds aus Bayern)

–       Snakeria (Schlange räkelt sich neben dem Moorhuhn Henning in ‚Regen’ auf dem Wasser)

–       Spartakus, der Arzt (half Antonia wieder aus dem Magen von Katharina heraus in ‚Kuno’)

–       Speidelinde von und zu Spechthausen (Dritte der Kienapfel-Herauszieh-Meisterschaften)

–       Stephan, der Storch (freute sich auf die Ankunft der Hirsch-Familie in ‚Hirschhausen’)

–       Sybille, die Sumpf-Grille (sie zirpt Händels Violinsonate Nr.5 so schön, dass Gabi weint und Harry davon wach wird)

–       Sybille, die Schlange, wurde zu dem Krokodil Kolja von Zero gelockt (‚Zero’)

–       Sylvana Katja von und zu Radetzky, genannt ‚Sylvie’, eine Storchin  (russische Mutter und polnischer Vater; Freundin von Fritz, dem Dackel)

 

T

–       Theodora, die Taube (Geliebte von Dangalf; sie spricht die Menschensprache in ‚Urwald’)

–       Thomas, der Tiger, dessen Kopf bequem in das Nasenloch von Dragomir passte (‚Hirschhausen’)

–       Thoralf, der Tiger, Fisch-Therapeut von den ‚Fabelhaften Fünf’

–       Tobias und Thekla, Tauben (Zero richtet Ehekrach an, weil er es zu gut meint in ‚Hirschhausen’)

–       Tootsie, der fliegende Teppich (auf ihm flog Armin, der Ägypter, dahin in ‚Fritz’)

–       Traugott, der fliegende Teppich (trug Zero und Inge durch den Wald in ‚Hirschhausen’)

–       Tyll, der Junghirsch, trägt Pampers und hat schon mit 2 Jahren die Weltmeisterschaften im 100-, 200- und 400-Meter-Lauf gewonnen

 

V

–       Viktor, ein verkannter Vagabundschakal (er warnte die anderen vor seinen Verbrechen in ‚Kuno’)

 

W

–       Waldemar, der Waldschrat (spricht fließend Altbayrisch und hilft Amelie beim Suchen von Zero und Inge in ‚Hirschhausen’)

–       Walter, der Waschbär (bewundert das Licht der ‚Seltsamen Kerze’)

–       Willibald, der Wal (wird von Dangalf von dem Flugzeugträger herab vollgepinkelt)

–       Willy, schnellster Leopard der Savanne (Laufpartner von Tyll)

–       Winfried der Wüstenhase (ist auf dem Viktoria-See neben dem Leopardenjunge Lutz in ‚Regen’)

 

Z

–       Zacharias Emanuel, Junghirsch, sechstes Kind der Harry-Hirsch-Familie

–       Zacharias Graf von Zottkewitz von Simsalabim und zu Zauberhausen in dem Grabmahl (Zauberlehrer von Zero und mit Mathilde verheiratet)

–       Zero, der Zauberer, war erst gut, dann böse, dann wieder gut, weil er lernte, wie schön das Vergeben ist; verheiratet mit Ingeborg, dem Igel-Mädchen der Iglu-Familie

–       Zickezacke, Kinde von Zero und Inge